R. Nattermann: Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach der Shoah

Titel
Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach der Shoah. Die Gründungs- und Frühgeschichte des Leo Baeck Institute


Autor(en)
Nattermann, Ruth
Erschienen
Essen 2004: Klartext Verlag
Umfang
320 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicolas Berg, Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur, Leipzig

In seiner „Philosophie des Judentums“ aus dem Epochenjahr 1933 brachte der Philosoph Julius Guttmann die seinerzeit verbreitete Überzeugung zum Ausdruck, dass Deutschland als „Geburtsland des modernen Judentums“ gelten müsse. Das einzigartige Wissenschaftsprojekt des Leo Baeck Instituts sollte sich nach 1945 im Kern seines Selbstverständnisses genau dieser Überzeugung verschreiben – zu einer Zeit also, als offensichtlich geworden war, dass der Nationalsozialismus eine mehr als 150-jährige Epoche beendet hatte. Nun schaute man nicht mehr stolz auf Beginn und Höhepunkte einer Erfolgsgeschichte zurück, sondern betrachtete Anfang und Ende einer Epoche aus der zeitlichen Distanz einer „Nachzeit“ und der geografischen Entfernung des Exils. Dass die Formulierung Guttmanns im ersten Absatz des eröffnenden Editorials von Hans Tramer, dem ersten Herausgeber und Redakteur des „Bulletins des Leo Baeck Institute“, zitiert wurde, hatte somit mehr als nur symbolischen Charakter; es war ein Fanal.[1]

Mit der Gründungsgeschichte der „Forschungsinseln“[2] des Leo Baeck Instituts (LBI) in Jerusalem, London und New York in den frühen 1950er-Jahren verbinden sich einige der bedeutendsten Namen der deutsch-jüdischen Geschichte – neben Leo Baeck, dessen Biografie als „Paradigma des deutschen Judentums im 20. Jahrhunderts“ (A.H. Friedländer) steht, vor allem Martin Buber. Zugleich ist anhand dieser Institutionsgeschichte auch an weniger bekannte Persönlichkeiten wie Eugen Täubler, Selma Täubler-Stern oder Robert Weltsch zu erinnern. Ersterer hatte bis 1933 einen Lehrstuhl für Alte Geschichte in Heidelberg innegehabt, und seine Frau war Autorin einer mehrbändigen Arbeit „Der preußische Staat und die Juden“, die später in der Schriftenreihe des Instituts publiziert werden sollte. Ruth Nattermann kann mit ihrer Dissertation die bedeutende Rolle von Eugen Täubler in den Übergangsjahren zwischen dem Ende der „Wissenschaft des Judentums“ in Deutschland und der Gründung des LBI im Jahre 1954 neu akzentuieren und dabei die vor einigen Jahren erschienene Biografie von Heike Scharbaum[3] in einigen Punkten ergänzen. Mit dem Namen Robert Weltsch verbindet sich zudem das publizistische Ereignis des „Leo Baeck Institute Yearbook“, das bis heute eines der maßgeblichen Foren der Forschung zur jüdischen Geschichte ist.

Nattermanns Arbeit konzentriert sich weder allein auf die großen Namen noch auf die bloße biografische Darstellung des deutsch-jüdischen Establishments, obwohl Nattermann zu allen Akteuren die nötigen Erläuterungen liefert. Die wissenschaftshistorische Besonderheit des Themas liegt nicht allein darin, dass sich gelehrte Männer und Frauen der vielbeschworenen „deutsch-jüdischen Symbiose“[4] zusammentaten, um das Ansehen ihres Wirkens und der Traditionen, die sie repräsentierten, zu sichern und zu verbreiten. Stattdessen fordert das Thema dazu auf, nachzuzeichnen, wie sich durch die Geschichtsforschung der 1950er-Jahre eine paradoxe Gegenläufigkeit etablierte, die konstitutiver Teil der deutsch-jüdischen Geschichtserzählung wurde. Einerseits wurde hier von einer Intellektuellengeneration, die aus einer deutschen Wissenschaftstradition kam, historische Erfahrung in die überindividuelle Sprache wissenschaftlicher Geschichte überführt. Auf der anderen Seite war diese Sprache nun nicht mehr das Deutsche, sondern vornehmlich das Englische: Deutschland war als zuvor besonderer, ja sprichwörtlicher Ort des hohen Ansehens der „Wissenschaft des Judentums“ nun von England, den Vereinigten Staaten und Israel abgelöst worden.

Nattermann führt den Leser an die zusammengehörenden Pole dieser Konstellation, und die Erzählung der mitunter disparat anmutenden Vorgeschichten der Gründung offenbart das Transitorische dieser Verwandlungen. Der Leser wird (manchmal zu detailverliebt) mit Planungspapieren und Memoranden, wissenschaftspolitischen Bündnisangeboten und ideellen Rettungsideen bekanntgemacht, aus deren Atmosphäre die Institutsgründungen in Jerusalem, London und New York entstanden. Das ganze erste Kapitel handelt von den zumeist fehlgeschlagenen Versuchen, ab 1933 – und verstärkt ab 1938 – verschiedene deutsch-jüdische Forschungsinstitutionen der Weimarer Republik ins Ausland zu überführen. Was mit der Hamburger Warburg-Bibliothek und mit dem Transfer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung an die Columbia University gelang, war aber die Ausnahme und glückte im Falle der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ nicht.[5]

Die Darstellung hat sechs teils systematisch argumentierende, teils chronologische Kapitel. Die beiden ersten loten aus, welche Traditionen und Motive in die Institutsgründung eingegangen sind – hier wird vor allem auf die „Wissenschaft des Judentums“ verwiesen und auf die Versuche, deren Institutionalisierungen ins Ausland zu retten. Man erfährt viel über die Bemühungen Täublers, in New York eine „Leo Baeck Library“ zu gründen. Täubler war es auch, der gemeinsam mit dem heute nur noch Spezialisten bekannten Adolf Kober die direktesten wissenschaftsstrategischen Gegenmaßnahmen zu ergreifen versuchte, als er gewahr wurde, wie nationalsozialistische Wissenschaftler mit ihrem Projekt der „Judenforschung“ gewaltsam die Diskurshoheit über jüdische Vergangenheit anstrebten.[6] Nattermann bezeichnet einen Teil der Gründungsimpulse vor diesem Hintergrund zu Recht (mit einem Begriff Täublers) als „wissenschaftlichen Gegenangriff“. Das dritte Kapitel widmet sich der Gründungsgeschichte selbst. Hier verweilt die Autorin etwas zu ausführlich bei Überlegungen zur „Vorgründung“ vor der Gründung des Jerusalemer Instituts – zumal sie abschließend die Relevanz dieser Frage selbst zurückzieht: Man führte Gespräche miteinander, und ab 1954 tat man dies im Rahmen einer selbst geschaffenen Institution. Das vierte Kapitel interpretiert Differenzen und Zusammengehörigkeit der drei Institute; die beiden letzten Kapitel behandeln Themenschwerpunkte von Schriftenreihe und „Yearbook“ bzw. „Bulletin“ bis zum Generationswechsel in den frühen 1960er-Jahren.

In ihrer materialreichen und vielfach überraschenden Arbeit schildert Nattermann die Gründungszeit dieser bedeutenden historischen Forschungs- und Vermittlungsinstitutionen als die Geschichte eines exemplarischen Ortes der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung nach der Shoah. Der Deutungsbogen des Bandes zeigt, dass die Entstehung des LBI parallel zwei Vorgänge abbildete – einerseits den Prozess des Bergens der eigenen Vergangenheit in den Netzen der Wissenschaft und andererseits das Verwandeln eben jener deutschen Wissenschaftstradition, mit der man zwar noch das Institut gründete, es dabei aber bereits zu übersetzen und zu verwandeln begann. Das LBI trat 1954 also an, einen realen Verlust mit einer Geschichtserzählung zu kompensieren, die das Vergessen dieser Tradition abzuwenden versuchte. Neben diesem zentralen Motiv – Nattermann nennt es an Nietzsche angelehnt die „Denkmals“-Funktion des Instituts (z.B. S. 11, 294) – fällt aus heutiger Sicht auch der Paradigmenwechsel im Wissenschaftsstil selbst auf. Nach Krieg und Holocaust war das Modell bald nicht mehr die deutsche Akademie der Wissenschaften, sondern es wurde – sowohl freiwillig als auch gezwungenermaßen – eine konstitutiv transnationale, mehrsprachige und interdisziplinäre Netzwerkbildung gepflegt. Zum Erhalt des Wissens musste man ganz unterschiedliche akademische Wissens- und Wissenschaftskulturen einschmelzen und neu formulieren. Die Gegenläufigkeit beider Tendenzen ist dem Thema dieser Institutionsgeschichte eingeschrieben. Stets ist man hier mit dem Ende einer Epoche konfrontiert, doch allein die Tatsache, dass diese Tradition im Vergangenheitsmodus und durch das historische Imperfekt verfremdet als Gedächtnisappell an eine vergessliche Gegenwart formuliert wurde, verweist auf die historische, kulturelle und nicht zuletzt wissenschaftsgeschichtliche Besonderheit des Leo Baeck Instituts.

Anmerkungen:
[1] T.[ramer], H.[ans], Die geschichtliche Aufgabe, in: Bulletin für die Mitglieder der „Gesellschaft der Freunde des Leo Baeck Institute“, Nr. 1 (August 1957), S. 1-6, hier S. 1. Zum Gesamtproblem einführend: Herzig, Arno, Zur Problematik deutsch-jüdischer Geschichtsschreibung, in: Menora 1 (1990), S. 209-234.
[2] Barkai, Avraham, Deutsch-jüdische Forschungsinseln – Die Leo Baeck Institute in Jerusalem, London und New York, in: Jüdischer Almanach des Leo Baeck Instituts (Themenschwerpunkt: „Die Jeckes“, hg.v. Dachs, Gisela), Frankfurt am Main 2005, S. 13-27.
[3] Scharbaum, Heike, Zwischen zwei Welten. Wissenschaft und Lebenswelt am Beispiel des deutsch-jüdischen Historikers Eugen Täubler (1879-1953), Münster 2000.
[4] Für die Kritik ist Gershom Scholem kanonisch geworden; vgl. seinen berühmt gewordenen Brief an Manfred Schlösser: Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch, in: Bulletin des Leo Baeck Institute 7 (1964), S. 278-281; zu dieser Debatte v.a. Braese, Stephan, Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur, Berlin 2001, S. 429-445. Erstmals hatte bereits Martin Buber 1939 vom „Ende der deutsch-jüdischen Symbiose“ gesprochen. Die „Symbiose“-Metaphorik und die überdeterminierte Semantik des Begriffs „Gespräch“ wurden im LBI von Beginn an reflektiert, so auch von Tramer in seinem Eröffnungseditorial zum neuen „Bulletin“ des Instituts (siehe Anm. 1). Eine Kritik des Begriffs „Symbiose“ wurde später sogar zu einem Forschungsprojekt; vgl. Yehiel, Ilsar, Zum Problem der Symbiose. Prolegomena zur deutsch-jüdischen Symbiose, in: Bulletin des Leo Baeck Institute N.F. 14 (1975), Nr. 51, S. 122-165.
[5] Vgl. auch Kirchhoff, Markus, Bibliotheksgeschichte als Migrationsgeschichte, in: Ders., Häuser des Buches. Bilder jüdischer Bibliotheken, hg.v. Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur, Leipzig 2002, S. 143-155.
[6] Zur nationalsozialistischen „Judenforschung“ vgl. jetzt Rupnow, Dirk, Vernichten und Erinnern. Spuren nationalsozialistischer Gedächtnispolitik, Göttingen 2005, S. 137-231; Ders., „Arisierung“ jüdischer Geschichte – Zur nationalsozialistischen „Judenforschung“, in: Leipziger Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur 2 (2004), S. 349-367.

Zitation
Nicolas Berg: Rezension zu: : Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach der Shoah. Die Gründungs- und Frühgeschichte des Leo Baeck Institute. Essen  2004 , in: H-Soz-Kult, 20.12.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5749>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.12.2005
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation