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Titel
Aleksandr Nevskij. Heiliger - Fürst - Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis (1263-2000)


Autor(en)
Schenk, Frithjof Benjamin
Erschienen
Umfang
548 S.
Preis
€ 68,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Isabelle de Keghel, Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen

Der Nowgoroder Fürst Alexander Newski gehört zu den wenigen historischen Persönlichkeiten aus der mittelalterlichen Geschichte Russlands, die bis heute im russländischen und – deutlich weniger intensiv – auch im europäischen kulturellen Gedächtnis präsent sind. Newskis Erinnerungsgeschichte weckt nicht zuletzt deshalb wissenschaftliches Interesse, weil sie den außergewöhnlich langen Zeitraum von über 700 Jahren umfasst und besonders viele Facetten hat. Denn die spärlichen Zeugnisse über die Biografie des Fürsten ließen breiten Spielraum für verschiedenste Imaginationen. Außerdem bot die vielschichtige Politik Newskis, zu der sowohl der Abwehrkampf gegen westliche Angreifer als auch eine konziliante Linie gegenüber den mächtigen Mongolen im Osten gehörte, Anknüpfungspunkte für ausgesprochen unterschiedliche Entwürfe kollektiver Identitäten.

Vor diesem Hintergrund ist es das Anliegen von Benjamin Schenks Dissertation, die tief greifenden Wandlungen des Bilds von Alexander Newski vom 13. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zusammenhängend herauszuarbeiten, sie als „Ausdruck des Wandels von Konzepten kollektiver Identität in der russischen Geschichte zu lesen“ (S. 470) und in einen gesellschaftlich-kulturellen Kontext zu stellen. Den Schwerpunkt der Analyse legt der Autor dabei auf das bisher noch kaum erforschte Newski-Bild des 19. und 20. Jahrhunderts und damit auf die Zeit, als der Großfürst zu einem der wichtigsten Helden des Landes aufrückte.

Wie bereits dem Titel der Studie zu entnehmen ist, bezieht sich Schenk auf inzwischen schon klassisch gewordene Werke der Erinnerungstheorie, insbesondere auf die Arbeiten von Jan und Aleida Assmann zum kulturellen Gedächtnis.[1] Den Fürsten Alexander Newski fasst der Autor als einen Kristallisationspunkt kollektiver Identität auf, den er meist mit Assmann als „Erinnerungsfigur“ oder seltener mit Pierre Nora als „lieu de mémoire“ bezeichnet.[2] Dem aktuellen Stand der Forschung zur Erinnerungskultur und Identitätsforschung entsprechend, betrachtet Schenk Erinnerung als einen wichtigen, in Kommunikationsprozessen entstehenden Beitrag zur Identitätskonstruktion von „imagined communities“ (Anderson). Wie der Autor betont, erfolgen diese Selbstverständigungsprozesse auf der Grundlage von Inklusion und Exklusion. Sie beinhalten sowohl die unmittelbare Zuschreibung von Eigenschaften an die betreffende Gruppe als auch ihre indirekte Charakteristik mittels Abgrenzung vom (z.B. ethnisch oder religiös) „Anderen“.

Die Entscheidung für den äußerst flexiblen ethnologischen Begriff der „Wir-Gruppe“ und für eine gut operationalisierbare Diskursdefinition ermöglicht es Schenk, das Bild Alexander Newskis in allen untersuchten Epochen mit einem einheitlichen begrifflichen Instrumentarium zu analysieren. Dabei wird deutlich, dass im Lauf der Jahrhunderte jeweils unterschiedliche Diskurse und Konzepte von Gruppenidentitäten dominierten, z.T. aber auch konkurrierten und sich gegenseitig beeinflussten. Schenks Befund lautet, dass sich trotz wiederholter Versuche der jeweiligen Deutungseliten, das Newski-Bild in ihrem Sinn umzuprägen, keine dieser Neuerungen ganz durchsetzen konnte, so dass es im Lauf der Jahrhunderte zu einer Überlagerung verschiedener Newski-Bilder und -Diskurse kam. Auch die Feindbilder, die mit dem Freundbild Newski korrespondierten, wechselten immer wieder. Zeitweise waren sie eher konfessionell markiert, zeitweise eher ethnisch bzw. national. Manchmal stand der diskursiv konstruierte Feind eher im Osten, manchmal eher im Westen.

Neben der großen Tiefenschärfe der diachronen Untersuchung beeindruckt an Schenks Arbeit ihre breite Materialbasis, die nicht nur schriftliche Quellen wie Heiligenviten und Geschichtsbücher umfasst, sondern auch visuelle Repräsentationen wie Ikonen, Filme, Gemälde und Werbeplakate, von denen einige im Bildteil des Buches dokumentiert sind. Gerade in einem Land wie Russland, dessen Bevölkerung bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein mehrheitlich aus AnalphabetInnen bestand, hatten Bildquellen eine weit größere Wirkungsmacht als schriftliche Quellen und verdienen daher besondere Aufmerksamkeit. Zu Recht verortet sich die Dissertation also zugleich im Forschungsfeld der Erinnerungskultur als auch der visuellen Kultur.

In seiner chronologisch gegliederten Studie zeigt Schenk, wie aus dem Lokalheiligen Alexander Newski zunächst (Ende des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts) ein regional verehrter Heiliger wurde, den in der darauf folgenden „Moskauer Periode“ (vom späten 15. bis zum 17. Jahrhundert) sowohl Nowgorod als auch das aufstrebende Moskau für sich zu vereinnahmen versuchten. Neben den Sakraldiskurs, in dem die posthume Wundertätigkeit des auf dem Sterbebett zum Mönch Aleksi gewordenen Fürsten im Vordergrund stand, trat in dieser Zeit ein dynastischer Diskurs, in dem Newski vor allem als Herrscher und Urahn der Zarenfamilie dargestellt wurde. Anfang des 18. Jahrhunderts band Peter I. den Fürsten in seinen imperialen Diskurs ein und machte ihn zum Schutzpatron des Russländischen Reiches. Zugleich versuchte er durch gezielte Maßnahmen, die sakrale Komponente im Bild Newskis deutlich abzuschwächen. Im nationalen Diskurs des 19. Jahrhunderts, auf den das sowjetische Newski-Bild später rekurrieren sollte, wurden vor allem die militärischen Verdienste des Großfürsten betont. Zugleich wurde er mit folkloristischen Elementen ausgestattet, um ihn auch äußerlich als einen russischen Nationalhelden erkennbar zu machen.

1917 begann die einzige Periode der Erinnerungsgeschichte, in der Newski keine Identifikationsfigur war, sondern zum Feindbild stilisiert, entsakralisiert und aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend eliminiert wurde. Erst im Kontext der Wende zum Sowjetpatriotismus wurde Newski 1937 rehabilitiert und indirekt für den Stalin-Kult dienstbar gemacht. Besonders deutlich lässt sich dies an Eisensteins Film aus dem Jahr 1938 über Alexander Newski erkennen, der das Bild dieser historischen Gestalt im kulturellen Gedächtnis Russlands wohl am stärksten geprägt hat. Hier lassen sich zudem die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte eines bestimmten Newski-Bilds sowie die damit verbundenen Deutungskämpfe ausgesprochen detailliert verfolgen.

Nach seiner „Beurlaubung“ während des Molotow-Ribbentrop-Pakts, als das Feindbild Deutschland nicht mehr opportun war, erreichte Newski während des Zweiten Weltkriegs den Höhepunkt seiner Karriere – als Heldenfigur, die zum Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland mobilisieren sollte.[3] Nach 1945 änderte sich sein Bild – abgesehen von einer Stärkung des kritischen wissenschaftlichen Diskurses und der sukzessiven Abschwächung der antideutschen Note – nur noch minimal. Neue Imaginationen entstanden erst in der Transformationszeit, als es zur Resakralisierung und Kommerzialisierung Newskis kam.

Schenks abschließender, skizzenhafter Vergleich mit der Erinnerungsgeschichte des Heiligen Wenzel macht deutlich, welche europäischen Gemeinsamkeiten und russländischen Spezifika eingehendere komparative Forschungen zur Erinnerungskultur herausarbeiten könnten. Offenbar entstand im Kontext der Nationsbildung in vielen Ländern Bedarf an Heldengestalten, anders als in Russland konzentrierte sich die Verehrung jedoch häufig auf einen bestimmten Nationalheiligen. Als weitere Besonderheiten Russlands hält der Autor eine relativ späte Aufspaltung des kulturellen Gedächtnisses in einen kirchlich-sakralen und einen dynastisch-imperialen Diskurs sowie eine vergleichsweise schwache und späte Ausprägung des nationalen Diskurses fest.

In seiner sorgfältig recherchierten Untersuchung hütet sich Schenk vor gewagten Generalisierungen und macht stets deutlich, wo noch weitere Studien bzw. ausführlichere Vergleiche notwendig wären. Auch bei der im Mittelalter besonders problematischen Frage der Rezeption beschränkt sich Schenk auf das Machbare und arbeitet nur allgemein heraus, welches Publikum die jeweiligen Quellen erreichen konnten.

Hiermit sind die Ergebnisse und Leistungen dieser kenntnisreichen Arbeit nur schlaglichtartig angedeutet. Die wenigen Kritikpunkte, die sich an der Untersuchung anbringen lassen, fallen demgegenüber nicht ins Gewicht, seien aber dennoch exemplarisch genannt. So wäre zu überlegen, ob der Begriff Diskurs nicht thematisch breit gefassten Selbstverständigungsprozessen (wie dem Vergangenheitsdiskurs oder dem imperialen Diskurs) vorbehalten bleiben sollte, wie dies z.B. Andreas Langenohl vorschlägt.[4] Dementsprechend wären Formulierungen wie „Nevskij-Diskurs“ (S. 281) zu vermeiden. Ebenso fraglich ist, ob man bereits 1985, also unmittelbar nach Gorbatschows Machtantritt, von einer Umwertung der Geschichte in der Sowjetunion sprechen kann (S. 437f.) – eine zaghafte Wende in der Geschichtspolitik ist meines Erachtens frühestens im November 1987 erkennbar.

Bei den aufgezählten Kritikpunkten handelt es sich freilich um Details. Für die hohe Qualität dieser anregenden Arbeit spricht nicht zuletzt, dass sie 2002 mit dem DGO-Nachwuchspreis der „Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde“ und 2004 mit dem Fritz-Theodor-Epstein-Preis des Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker ausgezeichnet wurde. Zudem wird das Buch in russischer Übersetzung beim renommierten Verlag „Nowoje literaturnoje obosrenie“ erscheinen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Assmann, Aleida; Assmann, Jan, Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Merten, K.; Schmidt, S.J.; Weischenberg, S. (Hgg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen 1994, S. 114-140; Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.
[2] Nora, Pierre, Les lieux de mémoire I. La République, Paris 1984. II. La Nation, 3 Bde., Paris 1986. III . Les France, 3 Bde., Paris 1992. Inzwischen hat dieses Vorhaben zahlreiche Nachfolgeprojekte angeregt, u.a. in Deutschland: François, Etienne; Schulze, Hagen (Hgg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001.
[3] Vgl. zur Heldengeschichte des Sozialismus: Satjukow, Silke; Gries, Rainer (Hgg.), Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Berlin 2002.
[4] Langenohl, Andreas, Erinnerung und Modernisierung. Die öffentliche Rekonstruktion politischer Kollektivität am Beispiel des Neuen Russland, Göttingen 2000, S. 146.

Zitation
Isabelle de Keghel: Rezension zu: : Aleksandr Nevskij. Heiliger - Fürst - Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis (1263-2000). Köln  2004 , in: H-Soz-Kult, 06.12.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5773>.
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06.12.2005
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