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Titel
Die Barbaren aus dem Süden. Europäer im alten Japan 1543 bis 1854


Autor(en)
Kirsch, Peter
Erschienen
Umfang
400 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Hans Martin Krämer, Geschichte Japans, Ruhr-Universität Bochum

Am 23. September 1543 betraten zum ersten Mal Europäer japanischen Boden: Portugiesische Händler, die in Indien und China bereits Fuß gefasst hatten, erreichten die im Süden Japans gelegene Insel Tanegashima. Insbesondere mit ihren Feuerwaffen erregten sie das Interesse der japanischen Elite und ebneten den Weg für rege Handelskontakte in den folgenden Jahrzehnten. Das japanische Interesse am Handel mit den Europäern wiederum führte dazu, dass auch christliche Missionare im Lande toleriert wurden, die in den folgenden Jahrzehnten zunächst große Erfolge mit ihrer Missionsarbeit verzeichnen konnten.

Es sind diese beiden Pole, Handel und Mission, die die Geschichte der europäischen Kontakte mit Japan zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, also v.a. während der Tokugawa-Zeit (1603–1868), bestimmten. Auch viele Jahre nach dem ersten Christenverbot 1587 versuchten jesuitische Missionare noch ihr Glück im Lande – die lange Reihe von in Japan gestorbenen Märtyrern, die die katholische Kirche anerkennt, zeugt von ihrem Misserfolg. Der Handel hingegen hielt auch in der Zeit der so genannten Landesabschließung zwischen 1639 und 1854 ein kleines Tor nach Europa offen, wenn auch nur über die niederländische Handelsniederlassung in Nagasaki.

Der Heidelberger Zahnarzt und Historiker Peter Kirsch hat diese Geschichte der frühen Beziehungen Japans zu Europa zum Thema seiner Veröffentlichung »Die Barbaren aus dem Süden. Europäer im alten Japan 1543 bis 1854« erwählt. Kirsch erzählt im Wesentlichen die Lebensgeschichten der Europäer nach, die zwischen 1543 und 1866 Japan für den Westen »entdeckten«. Im Zentrum steht dabei der Lemgoer Engelbert Kaempfer, der sich zwischen 1690 und 1692 als Arzt der niederländischen Handelsniederlassung in Japan aufhielt und als erster europäischer Verfasser einer wissenschaftlichen Abhandlung über Japan (»Geschichte und Beschreibung von Japan«, 1777–79) gilt. Kirsch behandelt aber in chronologischer Folge auch die Lebensgeschichten vieler weiterer Japanfahrer, zunächst der Portugiesen bzw. südeuropäischen Jesuiten (Luis Frois, Alessandro Valignano, Giovanni Battista Sidotti), dann der Engländer (John Saris, Richard Cocks, William Adams) und schließlich v.a. der Niederländer bzw. über die niederländische Niederlassung nach Japan Gelangten (Pieter Nuyts, François Caron, Andreas Cleyer, Carl Peter Thunberg, Isaac Titsingh, Hendrik Doeff, Jan Cock Blomhoff, Philipp Franz von Siebold). In den Schlussabschnitten des Buches wird dann noch kurz der Prozess der zwangsweisen Öffnung Japans durch die Russen (Adam Laxman, Adam Johann von Krusenstern, Wassijlij Michailowitsch Golownin) und die US-Amerikaner (Matthew C. Perry) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachgezeichnet.

Kirschs Erkenntnisinteresse gilt fast ausschließlich der Ereignisgeschichte. Seine Quellen, die Reiseberichte und Erinnerungen der Japanfahrer, liest er vorrangig, um die historischen Fakten zusammenzutragen. Die Ereignisgeschichte der europäisch-japanischen Beziehungen der frühen Neuzeit ist allerdings so gut erforscht wie wohl kein anderes Thema der japanischen Geschichte, handelte es sich doch seit dem 19. Jahrhundert um eines der Lieblingsthemen an Japan interessierter westlicher HistorikerInnen [1]. So verwundert es nicht, dass man Kirschs Buch wenig Neues entnehmen kann. Auch die Behauptung in der Autorennotiz (400), dem Band lägen »jahrelange Forschungen und Archivstudien in niederländischen und englischen Archiven zugrunde« kann getrost als Verlagswerbung abgetan werden. Kirsch zitiert exakt zwei unveröffentlichte Schriftstücke aus dem Algemeen Rijksarchief in Den Haag; die vielen herangezogenen Japanberichte aus dem 16. bis 19. Jahrhundert finden sich gut greifbar in zahlreichen deutschen Bibliotheken bzw. häufig sogar in späteren Editionen.

Der Band bietet also eher eine Zusammenfassung des Bekannten, die Kirsch freilich insgesamt überzeugend gelungen ist. Die Darstellung ist nicht nur sehr gut lesbar, sondern benennt auch die wesentlichen Stationen der europäisch-japanischen Kontakte in der frühen Neuzeit. Kirsch legt überzeugend dar, warum die Portugiesen aufgrund ihrer Weigerung, sich von der christlichen Mission zu distanzieren, scheiterten, welche Motive das Shogunat für die Verfolgung der japanischen Christen zu Beginn der Tokugawa-Zeit hatte, warum die Engländer im Vergleich zu den Niederländern im Japanhandel erfolglos blieben und welche Gründe der Aufstieg und Niedergang der niederländischen Handelsniederlassung hatte.

Nicht mit dem Thema Vertraute sollten dennoch nur mit Vorsicht zu dem Buch greifen. Zum einen gibt Kirsch, der keine japanischen Quellen nutzt, nur unzuverlässig japanische Begriffe und Namen wieder und nutzt gleichzeitig verschiedene Transkriptionssysteme. So nennt er den buddhistischen Priester Ninshitsu »Ninshit« (46), glaubt, dass der Reichseiniger Toyotomi Hideyoshi (den er gelegentlich auch falsch »Hidejoshi« schreibt) den Titel Shogun innehatte (58; tatsächlich konnte Hideyoshi aufgrund seiner niederen Abstammung nicht Shogun werden), hält die beiden Städte Ômura und Ômuta für identisch (176) und behauptet im Glossar, das japanische Wort »hotoke«, das einfach Buddha heißt, sei die »Bezeichnung für Darstellungen von Buddha oder Bodhisattwas« (392). Zum anderen werden auch inhaltliche Zusammenhänge bisweilen sehr verkürzt wiedergegeben, etwa wenn Kirsch die Korea-Invasionen Hideyoshis auf dessen »instabile geistige Verfassung« zurückführt (90), die Landesabschließung als total darstellt (170, 289) [2] oder ›den Konfuzianismus‹ pauschal als wissenschaftsfeindliche Soziallehre vorstellt (286).

Noch schwerer wiegt, dass Kirsch bisweilen auf wenig erklärungskräftige Japan-Klischees zurückgreift. Der »Wunsch des Einzelnen, mit seiner Gruppe zu harmonieren«, den »wir bei jedem Trupp japanischer Touristen beobachten« könnten, sei eine »Nachwirkung der Tokugawa-Zeit«, so erfahren wir schon in der Einleitung (18). Gerade in einer Analyse der in den Quellen vermittelten Japanbilder, die teilweise bis in die Gegenwart hinein weiterwirken, hätte das Potenzial der Arbeit Kirschs liegen können. Insgesamt kann das Buch allenfalls zur einführenden oder kurzweiligen Lektüre empfohlen werden; für wissenschaftliche Analysen oder präzise und korrekte Informationen zum Gegenstand wird man jedoch auf anderes zurückgreifen müssen.

Anmerkungen:
[1] Hier sind in erster Linie die von Charles R. Boxer seit den 1920er Jahren zusammengetragenen akribischen Forschungen zum »christlichen Jahrhundert« in Japan zu nennen. Zu den frühen niederländisch-japanischen Beziehungen ist das Standardwerk Nachod, Oskar, Die Beziehungen der niederländischen Ostindischen Compagnie zu Japan im siebzehnten Jahrhundert, Leipzig 1897. Zu Engelbert Kaempfer liegen seit dem 1990er Jahren die Arbeiten von Detlef Haberland vor, insbesondere der von ihm herausgebene Tagungsband Engelbert Kaempfer: Werk und Wirkung, Vorträge der Symposien in Lemgo und Tokyo, Stuttgart 1993.
[2] Neben anderen hat der Kunsthistoriker Timon Screech (dessen Buch in Kirschs Literaturverzeichnis fehlt) darauf hingewiesen, wie intensiv auch einfache JapanerInnen im 18. Jahrhundert Ausländisches alltagskulturell konsumierten. Vgl. Screech, Timon, The Western Scientific Gaze and Popular Imagery in Later Edo Japan. The Lens Within the Heart, Cambridge 1996.

Zitation
Hans Martin Krämer: Rezension zu: : Die Barbaren aus dem Süden. Europäer im alten Japan 1543 bis 1854. Wien  2004 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 25.11.2005, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-5790>.
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Veröffentlicht am
25.11.2005
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/