C.R. Browning: Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit ...

Titel
Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter


Autor(en)
Browning, Christopher R.
Erschienen
Frankfurt am Main 2001: Fischer Taschenbuch Verlag
Umfang
284 S.
Preis
DM 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Ingrid Schupetta, Villa Merlaender, NS-Dokumentationssstelle der Stadt Krefeld

Der neue Browning ist die Dokumentation einer Vorlesungsreihe, die der amerikanische Historiker 1999 als Gastdozent an der Universität in Cambridge durchgeführt hat. Das englische Original heißt "Nazi Politics, Jewish Workers, German Killers" und erschien im Jahr 2000. In sechs Kapiteln referiert Browning über den Mord an den Juden, von den seit 1939 durchgeführten Umsiedlungsaktionen und ihren unmittelbaren Auswirkungen, der zeitgenössischen Debatte um die Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft bis hin zur Frage nach der Motivation und dem Verhalten der deutschen Täter. Es handelt sich hierbei um eine Zusammenfassung und Interpretation des aktuellen Forschungsstandes, wobei Christopher Browning auch neuere eigene Forschungsergebnisse heranzieht. Der eher erzählende Stil des mündlichen Vortrages wurde im Druck weitgehend beibehalten.

Christopher Browning beginnt seine Ausführungen mit einem Blick auf die von den Nationalsozialisten geplante räumliche Neuordnung des östlichen Europas nach rassistischen Kriterien. Diese betraf nicht nur die polnischen und russischen Juden, sondern u. a. alle Polen, alle Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion und von Beginn an auch die Deutschstämmigen, deren Vorfahren einst außerhalb Deutschlands gesiedelt hatten. Browning teilt die Auffassung vieler Historiker, die den Radikalisierungsprozess der "Lösung der Judenfrage" in direktem Zusammenhang mit dem Chaos sehen, das schon bei den ersten Schritten der verordneten Völkerwanderung entstanden war.

In seinem zweiten Kapitel widmet sich der Wissenschaftler der Frage, wann Hitler die Entscheidung zum Genozid, insbesondere zur Einbeziehung der deutschen Juden in den Mordplan, getroffen hat. Bekanntlich existiert hier kein schriftlicher "Führerbefehl". So müssen sich Historikerinnen und Historiker mit indirekten Beweisführungen begnügen. Christopher Brownings historische Rekonstruktion - in Widerlegung der insbesondere von Christian Gerlach vertretenen These eines definitiven Beschlusses zum Völkermord in der ersten Dezemberhälfte 1941 (1) - ist eindrucksvoll. Nach den von Browning zitierten Quellen sollte man von einem längeren Verlauf der Entscheidungsfindung ausgehen. Laut Browning setzten konkrete Überlegungen zum Völkermord im Frühjahr 1941 ein. Das früheste Datum, das er ausdrücklich angibt, ist allerdings "Mitte Juli 1941". In der Mitte dieses Sommermonates habe Hitler Himmler und Heydrich den Auftrag erteilt, eine Art Machbarkeitsstudie zu entwickeln (S. 54, S. 83). Die damit einsetzende Phase wechselnder Absichten, Beschlüsse, Experimente und Entscheidungen zog sich bis in den Frühsommer 1942 hin. Erst im Juli 1942 wurde auch in der Praxis deutlich, dass von nun an unterschiedslos alle Juden ermordet werden sollten, derer man habhaft werden konnte - und zwar unabhängig von der Bedeutung ihrer Arbeitsleistung in der Kriegswirtschaft (S. 82/83).

Die Wichtigkeit der Beschäftigung mit der Regionalgeschichte unterstreicht Christopher Browning bei dem Kapitel über den Arbeitseinsatz der Juden. Ideologen und Pragmatiker - recht unglücklich als "Zermürber" und "Produktivisten" übersetzt (S. 103) - konnten an unterschiedlichen Orten zeitgleich eine gegensätzliche Politik betreiben. Zudem unterschieden sich auch die Bedingungen der Zwangsarbeit an den Orten, wo man sie überhaupt zuließ, beträchtlich. Ehemalige jüdische Zwangsarbeiter der Arbeitslager des Ortes Starachowice berichten, wie aus der Perspektive der Opfer die "Vernichtung durch Arbeit" zum Überleben durch Arbeit werden konnte - eine Chance trotz alledem. Browning lässt aber keinen Zweifel daran, dass das Überleben die Ausnahme war und die meisten polnischen Juden zudem nicht durch die erbarmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft ums Leben gebracht wurden, sondern durch brutale Massaker wie z. B. die "Aktion Erntefest" im Distrikt Lublin im November 1943.

In den beiden letzten Kapiteln beschäftigt sich Browning mit den deutschen Tätern. Am Beispiel der Stadt Brest-Litowsk belegt er seine These, dass die lokalen Machthaber durchaus einen eigenen Ermessensspielraum hatten. Entsprachen deren Initiativen den Absichten des Regimes, konnten sie sogar als generelles Instrument der Politik aufgenommen werden - liefen sie ihnen zuwider, hatten sie keinen Bestand. Im Fall des "Gebietskommissars im Nachbarkreis von Brest, Kowel" (S. 207), einem Mann namens Arwed Krempf, meint der Autor die Grenze dieses Spielraums zeigen zu können. Da, wo eindeutige Anweisungen ignoriert wurden, so Browning, gerieten auch NS-Funktionäre in die Schusslinie - Arwed Krempf wurde denunziert, wegen Korruption verurteilt und erschossen. Um eine so wesentliche These zu untermauern, hätte es allerdings einer umfangreicheren Materialsammlung und Analyse bedurft. Gerade weil die Korruption soweit verbreitet war, könnte es sich in diesem Einzelfall genauso gut um persönliche Differenzen oder einen Machtkampf zwischen den Sicherheitskräften und der Zivilverwaltung gehandelt haben.

Noch einmal beschäftigt sich Christopher Browning mit der Motivation und dem Verhalten der "einfachen" Deutschen, die als Angehörige der Ordnungspolizei in den besetzten oder annektierten Gebieten zu Vollstreckern des Judenmordes wurden. (2) Auch durch neu hinzugezogenes Material - Dienstakten des Schutzpolizeireviers von Czeladz, Briefe eines Angehörigen des Reservepolizeibataillons 105 an dessen Ehefrau und Ermittlungsakten zu einem Massaker in Marcinkance - sieht er seine früheren Forschungsergebnisse im wesentlichen bestätigt. Ein harter Kern von mordwilligen Offizieren und Mannschaften sah sich als Träger einer rassistischen Mission. Ihrem Selbstverständnis nach setzen sie Befehle um. In der Situation des Vernichtungsfeldzuges gegen die Sowjetunion tat auch - mit zunehmender Willfährigkeit - die Mehrzahl derjenigen Polizisten mit, die keine überzeugten Antisemiten waren. Nur eine Minderheit suchte sich der eigenen Beteiligung an den Morden zu entziehen, soweit dies ohne direkte Befehlsverweigerung möglich war. Christopher Browning unterstreicht, dass die Ordnungspolizei eine heterogene Gruppe war. Auf die Vielfalt von Meinungen und Einstellungen kam es jedoch nicht an (folgt man dem Autor), solange die Polizei als Ganzes das Prinzip von Befehl und Gehorsam akzeptierte und die Legitimität verbrecherischer Anweisungen nicht hinterfragte.

Anmerkungen und Literaturempfehlungen sind auf das Notwendige reduziert. Leider enthalten sie auffallend viele Fehler. Nur zwei Beispiele: Hermann Kaienburg wird zu Kaienberg; auch Johannes Tuchel wird unter dem Alias "Tüchel" in Bibliotheken schwer zu finden sein. Angaben polnischer Quellen erfolgen unter Abschaffung sämtlicher Sonderzeichen. Einige Quellen und Dokumente sind nach Fundstellen im US Holocaust Museum oder in Yad Vashem zitiert, obwohl sie aus deutschen Archiven stammen müssen - ein Verwirrspiel für das interessierte Publikum und ein Bärendienst für die Wissenschaft.

Vermutlich waren es finanzielle Gründe, die den S. Fischer Verlag dazu bewogen haben, dem Übersetzer offenbar keinen historisch versierten Lektor zur Seite zu stellen. So wird Görings Landsitz auf den Seiten 23 ff. mehrfach "Carinhall" genannt (richtig: Karinhall, obschon die 1931 gestorbene erste Frau Görings tatsächlich den schwedischen Vornamen Carin trug); die Verlegung der ostwestfälischen Wewelsburg nach Sachsen (S. 37) ist anscheinend auch niemandem aufgefallen - im knappen Ortsregister tauchen beide Orte ohnehin nicht auf.

Dem Thema angemessen ist der - vielleicht etwas zu ausgiebige - Gebrauch der Lingua Tertii Imperii (Viktor Klemperer), jenes zeitspezifischen Kauderwelsches, das zumeist wenig erklärt. In Brownings Buch wird es zum Zwecke der Distanzierung meist in Anführungszeichen gesetzt. Anführungszeichen finden sich überhaupt reichlich. Leider lässt sich ihre verschwenderische Verwendung nicht immer auf einen Sinn zurückführen (Zitat? Distanzierung? Ironisierung?). Leichte Verwirrung tritt z. B. auf, wenn nebulös von "schicksalhaften Monaten" die Rede ist (S. 39, S. 53), ohne dass dem Leser dies als Zitat eines Browning-Titels aus dem Jahre 1985 ("Fateful Months") erkennbar ist.

Nicht nachzusehen ist dem Verlag die Benutzung der schönfärberischen "ethnischen Säuberung" als Synonym für den zeitgenössischen Begriff "Umsiedlung". Die "ethnische Säuberung" ist als fester Begriff erst durch den Krieg in Bosnien in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen. Die Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus kann auf einen weiteren Euphemismus jedoch gut verzichten. Zugunsten des S. Fischer Verlages könnte man annehmen, dass er an dieser Stelle keine politische Stellungnahme abgeben wollte und den Fettnapf nur deshalb übersah, weil das Lektorat als Korrektiv abgeschafft wurde. Es sollte dem Verlag eine Warnung sein.

Trotz der Einwände: Judenmord von Christopher Browning ist ein sachliches, wissenschaftlich fundiertes Buch - empfehlenswert für zeitgeschichtlich interessierte Leserinnen und Leser, die einen Überblick über den Stand der Holocaust-Forschung gewinnen wollen. Es erspart den Laien die mühselige Lektüre zum Teil sehr spezieller und ins Detail gehender Dissertationen und Habilitationsschriften.

Anmerkungen:

(1) Christian Gerlach, Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden, in: Christian Gerlach, Krieg, Ernährung, Völkermord. Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, Berlin 1998.

(2) Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Polizeireservebataillon 101 und die "Endlösung" in Polen, Hamburg 1993.

Zitation
Ingrid Schupetta: Rezension zu: : Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter. Frankfurt am Main  2001 , in: H-Soz-Kult, 29.06.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-582>.
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29.06.2001
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