W. Blösel: Themistokles bei Herodot

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Titel
Themistokles bei Herodot. Spiegel Athens im fünften Jahrhundert. Studien zur Geschichte und historiographischen Konstruktion des griechischen Freiheitskampfes 480 v.Chr.


Autor(en)
Blösel, Wolfgang
Erschienen
Stuttgart 2004: Franz Steiner Verlag
Umfang
422 S.
Preis
€ 76,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhold Bichler, Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Mit der überarbeiteten Fassung seiner 1997 approbierten Heidelberger Dissertation legt Blösel ein ambitioniertes Werk von beeindruckendem Umfang vor. Schon der komplexe Titel lässt erahnen, dass es hierin um mehr - und vor allem um anderes - als um eine weitere Monografie über den Staatsmann Themistokles geht.[1] Lassen wir zunächst den Verfasser selbst zu Wort kommen: "Sowohl der literarische Befund als auch die Rehabilitierung der Familie [scil. des Themistokles] lassen darauf schließen, daß zur Zeit, als Herodot seine Historien schrieb und veröffentlichte, das stark auf die persönlichen Verfehlungen abhebende Bild des Themistokles in der Öffentlichkeit mindestens großenteils einer positiven Beurteilung seiner Meriten um den Aufbau der attischen Seeherrschaft gewichen war. Gerade Herodot liefert für diesen Wandlungsprozeß das reichste und beste Anschauungsmaterial: Obgleich Themistokles in den Herodoteischen Anekdoten oft von schnöder Habsucht geleitet erscheint, stellt Herodot ihn niemals als Verräter am Abwehrkampf der Griechen dar; vielmehr ist es Themistokles, der mit all seiner Hinterlist als einziger den griechischen Widerstand zusammenzuhalten vermag. Wie in der vorliegenden Arbeit zu zeigen versucht worden ist, hat Herodot für dieses Charakterbild vermutlich ihm vorliegende Gerüchte oder ganze Erzählungen über den angeblichen Verrat des Themistokles bei verschiedenen Gelegenheiten im Jahr 480 umgeformt, um gerade diesen Verdacht von ihm zu nehmen. Allerdings dienen ihm die unübersehbaren Schattenseiten des Themistokles dazu, die Geldgier, den Imperialismus und die Unterdrückungsmaßnahmen der Athener im Seebund zu schelten." (S. 357)

Anhand dieser resümierenden Sätze gegen Ende des letzten Kapitels (vor dem Schlussteil mit Gesamtresümee, Registern und Bibliografie) lässt sich ganz gut die Dimension der Arbeit erahnen. Im Zentrum steht Herodots schillerndes Themistokles-Bild, das im sichtlichen Ringen um eine grandiose Gesamtkonzeption gestaltet ist und doch seine inneren Unstimmigkeiten nicht ganz verdecken kann und so eine faszinierende Herausforderung darstellt, nach der Genese und nach der spezifischen Funktion dieses Charakterbildes zu fragen. Mit der Suche nach den Formen der Überlieferung, die Herodot vorgefunden und seinen Absichten entsprechend umgestaltet haben dürfte, wird die zunächst maßgebliche textimmanente Interpretationsebene der Historien überschritten, um Herodots Rückbezug auf das Themistokles-Bild sowohl in der zeitgenössischen wie auch in der älteren Überlieferung zu erfassen, sei diese nun mündlich tradiert oder schriftlich fixiert gewesen. Die Rekonstruktion dieser Überlieferungsinhalte und -wege bleibt zwar vielfach hypothetisch, soll aber durch ihre innere Stimmigkeit überzeugen und eine plausible Einschätzung der Art und Weise, wie Herodot diese Überlieferung benutzt und umgeformt hat, ermöglichen. Blösel geht aber noch einen entscheidenden Schritt weiter und strebt danach, so weit es geht auch die politisch-militärische Situation und die konkreten Ereignisse, auf die sich die diversen Themistokles-Szenen in den Historien beziehen, in einer einleuchtenden Art und Weise zu rekonstruieren. Dabei plädiert er in einigen Fällen recht entschieden für alternative Auffassungen bzw. auch für chronologische Korrekturen gegenüber dem Mainstream der Forschung zu den einschlägigen Ereignissen; eine knappe, auf neun Punkte konzentrierte Zusammenstellung der wichtigsten diesbezüglichen Korrektur- bzw. Präzisierungsvorschläge findet sich im Schlussteil (S. 358f.).

Nun fordert das Bemühen um eine stimmige Interpretation von Herodots Themistokles-Bild aber nicht nur dazu heraus, sich um die Rekonstruktion der Vorformen der bei Herodot greifbaren Überlieferung und ihres Verhältnisses zur mutmaßlichen historischen Realität zu bemühen, sondern auch dazu, die Absichten, die Herodot bei seiner Bearbeitung des Themistokles-Bildes leiteten, aus der Disposition des Gesamtwerks und der Analyse der Zeitumstände seiner Entstehung und seiner Publikation zu begreifen. Damit erschließt sich eine zweite historische Bezugsebene von Herodots Themistokles-Bild, womit dieses nochmals an der Realgeschichte festgemacht wird, nun aber der Geschichte der Pentekontaetie und des beginnenden Peloponnesischen Kriegs. Damit rückt die unmittelbar zeitgeschichtliche Dimension der Historien ins Licht, und die Gestalt des Themistokles wird nun als ein Reflektor betrachtet, in dem sich Herodots Sicht und Bewertung der athenischen Politik in toto spiegelt.

Blösels weit gespanntes Unterfangen setzt naturgemäß in mehrfacher Hinsicht eine klare Positionierung in notorischen Streitfragen der Herodot-Forschung voraus, und dem wird auch mit einem umfassenden Einleitungskapitel Rechnung getragen (S. 13-63), das sich auch so leidig umstrittenen Fragen wie der nach Herodots grundsätzlichem Verhältnis zu seinen Quellen stellt (für seine Darstellung des Themistokles bietet Herodot ja keine Quellenreferenzen). Dieses Einleitungskapitel lässt bereits erkennen, wie intensiv sich Blösel mit der Herodot-Forschung und ihren unterschiedlichen Positionen auseinandergesetzt hat, und zeigt ihn als einen jungen Forscher, der seinen Zugang zu den Historien auf eine ebenso ehrgeizige wie auch besonnene Weise sucht und verficht und dabei seine spezifischen Anregungen, die er in der überreichlich fließenden und fleißig konsultierten Forschung fand, auch ebenso redlich benennt wie er im Vorwort diejenigen Forscher und Kollegen hervorhebt, denen er wertvolle Anregungen und fördernde Kritik dankt.

Blösel legt in seinem Herangehen ans Thema das Hauptgewicht auf eine konsistente textimmanente Interpretation, die den kompositorisch wohl durchdachten Charakter der Historien würdigt, und er betont sowohl den paradigmatischen Charakter von Herodots Geschichtsschreibung, der ihr ihre bewundernswerte zeitlos wirkende Gültigkeit verleiht, als auch die starke Referenz des Texts auf die zeitgenössische politische Erfahrungswelt und auf Herodots Publikum, das Blösel vornehmlich in gebildeten und vermögenden Kreisen sieht, die Athens imperialistischer Seebundpolitik mit Distanz gegenüberstanden (bes. S. 31ff.). Damit reiht sich Blösel in jene Tradition der Forschung ein, die Herodots Verhältnis zu Athen kritisch-reflexiv und keineswegs naiv-patriotisch geprägt sehen. In weiterer Konsequenz wird Herodot als kritischer Betrachter der gesamten hellenischen Politik begriffen, die nicht im Sieg von 480/79 ihren krönenden Abschluss findet, sondern bis zum Unheil des Peloponnesischen Krieges führt; damit verbunden wird auch Plutarchs herber Herodot-Schelte - aus deren Perspektive betrachtet - eine gewisse Berechtigung zugestanden: "In der Tat verherrlichen die Historien nur an wenigen Stellen den Freiheitskampf der Griechen und ihre Tugenden, weit öfter entlarven sie ihren kurzsichtigen Egoismus als entscheidendes Movens." (S. 53)

An das Einleitungskapitel schließt sich nun als Hauptteil der Arbeit eine Serie von sieben Kapiteln an, in denen der chronologischen Abfolge nach die zwanzig einschlägigen Themistokles-Szenen gemäß den eingangs von mir skizzierten Prinzipien des Verfassers analysiert werden. Sie führen von Themistokles' eindrucksvollem Entree im Konnex mit dem Flottenbauprogramm (Kap. I zu Hdt. 7,139-144) über den misslungenen Versuch der Hellenen, eine Abwehrstellung in Thessalien aufzubauen (Kap. II zu 7,172-173), zum ersten Höhepunkt: der Seeschlacht beim Kap Artemision (Kap. III zu 8,4-5; 19-20; 22). Dann kommt mit Salamis der militärische Kulminationspunkt (Kap. IV zu 8,40-97) und mit ihm die Wende in der Beleuchtung des Themistokles. Der Kriegsrat auf Andros mit der dubiosen zweiten Geheimbotschaft des Feldherrn an Xerxes (Kap. V zu 8,108-110) und die Erpressung der Kykladenbewohner (Kap. VI zu 8,111-112) zeigen immer deutlicher ein negatives Charakterbild, das die persönlichen Interessen und die Habgier des Feldherrn herausstellt, bis mit den anschließenden Episoden, in denen Themistokles der Neid für seine Erfolge offen entgegenschlägt und seine Ehrungen konterkariert (Kap. VII zu 8,123-125), das künftige Schicksal des Siegers angedeutet wird: "Mit seinen abschließenden Episoden über Themistokles könnte Herodot einen Ausblick auf dessen weiteres Schicksal geliefert haben." (S. 334)

Dieses von Herodot nicht mehr erzählte Schicksal wird dann Thema eines Schlusskapitels (VIII), das den Versuch einer stimmigen Rekonstruktion der Phasen von Themistokles' politischem Niedergang mit der zentralen Frage nach der Entwicklung des vorherodoteischen Themistokles-Bildes verknüpft. Mit Charon von Lampsakos wird dabei - zwischen der Invektive des Timokreon von Rhodos und der verunglimpfenden Schrift des Stesimbrotos - ein Hauptverantwortlicher für Themistokles' Diffamierung als Verräter erschlossen, während für das Perikleische Athen eine Verschiebung der Gewichte gegenüber der vormaligen Entmachtung und Verurteilung des Siegers von Salamis konstatiert wird. Dort erschienen die Verdienste des Staatsmanns für Hellas' Freiheit und die eigene Flottenmacht nun in einem helleren Licht, so dass Herodot eine heterogene Überlieferung vorfand, die eine Herausforderung an seine Kunst der narrativen Synthese stellte.

Auf die Betrachtung von Themistokles' politischem Niedergang und seinem Reflex in der vorherodoteischen Überlieferung folgt ein letzter, höchst verdienstvoller Teil der Arbeit: ein übersichtlich gestaltetes Resümee, ein eindruckvolles Stellen-Register, das einmal mehr die Belesenheit des Verfassers auch in den Quellen dokumentiert, dazu nützliche Sach- und Namensregister sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Dank dieser Hilfsmittel und des detaillierten Inhaltverzeichnisses wird es möglich, auch gezielt bestimmten Einzelfragen nachzugehen, die im Verlauf des überaus breiten, grob gerechnet 270 Seiten umfassenden Hauptteils (Kap. I-VII) abgehandelt werden. An Anregungen dazu herrscht kein Mangel! Ob nun grundsätzliche Überlegungen über das realistisch mögliche Ausmaß des Flottenbaus dazu führen, Themistokles' entsprechende Initiative schon um 488/87 einsetzen zu lassen (S. 74ff.), ob die Frage nach dem genauen Zeitpunkt der Evakuierung Attikas (sie wäre nach Blösel spät, erst nach dem Durchbruch des persischen Heeres in Mittelgriechenland anzusetzen) dazu einlädt, das ominöse Themistokles-Dekret von Troizen einmal mehr auf seine Authentizität hin zu überprüfen, um diese dann zu verwerfen (Appendix II zu Kap. 4,241ff.), oder ob die Art und Weise, in der Themistokles nach Salamis auf den Kykladen agiert, mit der Tradition über Miltiades' verhängnisvolles Paros-Unternehmen verglichen wird (S. 305ff.) - immer ergeben sich durchaus reizvolle Thesen, die da Zustimmung, dort Ablehnung finden werden, aber allemal höchst anregend sind und mit großem Bemühen um eine sorgfältige Argumentation ausgebreitet werden.

Natürlich führt ein so breit angelegtes Unterfangen dazu, dass nicht immer alles, was an argumentativen Schritten nötig ist, um das Gesamtbild abzuklären, mit der gleichen Sorgfalt und in der gleichen Breite dargelegt wird und sich die Zuflucht zu einem apodiktischen Urteil nicht immer unterdrücken lässt.[2] Aber dies stellt nicht die eigentliche Problematik an Blösels klugem, anregendem und sorgfältig gestaltetem Werk dar: Was in meinen Augen leicht beunruhigend wirkt, ist das Ausmaß, in dem Zug um Zug so viele Fragen, die in der Forschung umstritten, da nicht eindeutig abzuklären sind, dann doch mit großer Entschiedenheit beantwortet werden, ob es nun darum geht, zu erschließen, was Herodot vorgelegen haben könnte, welche literarischen Traditionen, von Homer und Aischylos angefangen, ihn bei der Ausgestaltung der Szenen beeinflusst haben dürften, welche faktischen Ereignisse den einzelnen Szenen vermutlich zugrunde gelegen sind, wieweit sie andererseits höchst wahrscheinlich als fiktiv anzusehen sind, welche Anspielungen auf Ereignisse der Pentekontaetie und des Archidamischen Kriegs der Gestaltung einzelner Szenen offensichtlich innewohnen usw. Freilich ist zu Gunsten des Verfassers einzuräumen, dass er in aller Regel sorgfältig argumentiert und sich in die Karten schauen lässt, aber ein gewisses Unbehagen an der Freude zu weit reichenden, ineinander verschachtelten Schlussfolgerungen, die dann in toto recht genaue Rekonstruktionen des Faktischen - im Sinne der politischen Ereignisse wie der Traditionsentwicklung - liefern, lässt sich nicht ganz unterdrücken. Wird da nicht doch bisweilen dem nicht Bezeugten, aber Erschließbaren etwas zu viel an Beweislast aufbürdet? Dass Blösel ein akribisch durchgearbeitetes, aufwändiges und von fast erschreckender Belesenheit zeugendes Werk vorgelegt hat, steht andererseits außer Zweifel. Und Blösels Bereitschaft, sich mit expliziten Thesen dem Risiko der Kritik auszusetzen, stimuliert die künftige Forschung sicher weit mehr als eine zu sehr auf Sicherheit bedachte Bestandsaufnahme.

Anmerkungen:
[1] Eine Vorstellung von dem, was erwartet werden darf, vermittelt schon die schlank gehaltene, im selben Jahr 1997 bei einer internationalen Tagung in Turin vorgestellte Studie mit dem Titel "The Herodotean Picture of Themistocles: A Mirror of Fifth-century Athens", publiziert 2001 in: Luraghi, Nino (Hg.), The Historians Craft in the Age of Herodotus, Oxford, S. 179-197. An Hand bezeichnender Episoden anekdotenhaften Zuschnitts sucht Blösel darin zu zeigen, dass Herodot vornehmlich negative Überlieferungen über Themistokles aufgegriffen und dabei so verändert hat, dass ein ausbalanciertes Bild des athenischen Staatsmanns entsteht. Themistokles wirkt dadurch zunächst als heroischer Verteidiger der Freiheit, wozu er von Korruptionsvorwürfen entlastet werden musste. Mit dem Wendepunkt des Seesiegs bei Salamis wendet sich auch die Beleuchtung seiner Person. Diese erscheint immer deutlicher als eine Reflektor-Figur für zeitkritische Anspielungen auf Athens imperialistische Seebund-Politik.
[2] Nur zwei willkürlich herausgegriffene Beispiele für apodiktisches Urteil und für argumentativen Schnellschuss mögen genügen: (1) Im Kontext der Überlegungen zu einer Evakuierung Attikas nach dem Fall der Thermopylen heißt es etwa (zu Hdt. 8,33): "die angebliche Plünderung und Verwüstung der zwölf phokischen Städte (scil. durch Xerxes' Heer) halte ich für unhistorisch" und "Die angeblichen Massenvergewaltigungen durch die Perser sind sicherlich fiktiv" (S. 245 mit Anm. 338 - Herodot spricht von einigen Frauen, die durch Massenvergewaltigungen zu Tode kamen). (2) Dass der Xerxes-Zug sich aus persischer Sicht keineswegs als das Debakel ausgenommen haben dürfte, als das er uns im Zuge der von Aischylos weg tradierten klassischen Sicht erscheint, liegt auf der Hand. Doch die Daiva-Inschrift (XPh) als Zeugnis dafür zu nehmen, dass dieser Zug in Xerxes' Sicht als "eine letztlich erfolgreiche Strafexpedition" dargestellt werde, ist zu problematisch (S. 257 mit Anm. 11); das in denselben Kontext gestellte Zeugnis des Dion von Prusa über die Feldzüge des Dareios und Xerxes aus Sicht der Perser (11,148-149), welches Blösel selbst mit dem Attribut "angeblich" versieht, steht in einem innergriechischen literarischen Kontext, dessen ironische Seite nicht vernachlässigt werden sollte. Beide Zeugnisse können jedenfalls nicht das geben, was ihnen abgerungen werden soll.

Zitation
Reinhold Bichler: Rezension zu: : Themistokles bei Herodot. Spiegel Athens im fünften Jahrhundert. Studien zur Geschichte und historiographischen Konstruktion des griechischen Freiheitskampfes 480 v.Chr.. Stuttgart  2004 , in: H-Soz-Kult, 15.08.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5840>.
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15.08.2005
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