D. S. Potter: The Roman Empire at Bay

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Titel
The Roman Empire at Bay. AD 180-395.


Autor(en)
Potter, David S.
Erschienen
London 2004: Routledge
Umfang
XXII, 762 S.
Preis
£25.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Sommer, Orientalisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Der Aufgabe, die römische Kaiserzeit, die er das "Greisenalter" der antiken Zivilisation nannte, in seiner "Römischen Geschichte" darzustellen, hat sich Theodor Mommsen bekanntlich entzogen. Mit Mommsens Jahrhundertopus kann und will sich die von Fergus Millar herausgegebene Routledge History of the Ancient World kaum vergleichen, aber die bislang vorliegenden Bände haben ohne Übertreibung Maßstäbe gesetzt: jeder für sich als kompetente, aktuelle, umfassende Einführung in ihren Gegenstand; alle zusammen als Plädoyer für narrative Geschichtsschreibung im besten Sinne, die den Leser - hierin ganz und gar Mommsen verpflichtet - von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln vermag. Alle genannten Vorzüge treffen ohne Einschränkung auch auf das jüngste, hier zu besprechende Buch der Reihe zu.

Vom Mut des Verfassers kündet schon der breite chronologische Bogen, den er - entsprechend dem Gesamtkonzept der Reihe - schlägt: Die Zeit vom Tode Mark Aurels (180 n.Chr.) bis zur endgültigen Reichsteilung beim Tode des "großen" Theodosius (395 n.Chr.) sprengt nicht unbedingt jede konventionelle Periodisierung, aber sie verknüpft mehrere Abschnitte, die gewöhnlich jeder für sich behandelt werden: die severische Epoche, die Zeit der Soldatenkaiser, das Zeitalter der Tetrarchie, die Ära Konstantins und seiner Dynastie, schließlich die Zeit zwischen Julian und Theodosius. Vor allem ignoriert sie die Zäsur zwischen "Prinzipat" und "Spätantike", die noch immer - wenigstens in Werken mit vergleichbarer Breitenorientierung - kanonischen Rang beanspruchen kann. Der Vorteil des von der Reihe und vom Verfasser gewählten Zeitrahmens liegt auf der Hand: Das allmähliche Übergleiten des Imperium Romanum von einem Aggregatzustand in einen anderen lässt sich so in seiner ganzen Langwierigkeit und Komplexität herausarbeiten. Und gerade im Beobachten von Prozessen der langen Dauer erweist sich der Autor als wahrer Meister.

So führt Potter seine Leser auf knappem Raum in das ein, was er "The shape of the Roman Empire" nennt: jene Strukturen, die den Prinzipat bis zu den Antoninen ausmachten. Seine Darstellung des Kaisertums selbst steht in pragmatischer angelsächsischer Tradition, mit Fragen seiner Legitimität und Legitimierung hält er sich nicht weiter auf. Wenigstens den deutschen Leser mag verwundern, dass Potter auch das "Akzeptanzsystem", als das Egon Flaig den Prinzipat charakterisiert hat, nicht einmal einer kurzen Notiz für wert hält. Dabei hätten sich gerade von hier aus interessante Ausblicke auf die weitere Entwicklung geboten und das Phänomen der sich im 3. Jahrhundert überstürzenden Usurpationen besser erklären lassen.[1] Am Beispiel der Karriere des P. Helvius Pertinax, der es als Sohn eines Freigelassenen zum Kaiser brachte, erklärt Potter nachvollziehbar die wenigstens potentiell ungeheuerliche soziale Mobilität im Imperium der Antonine und die Verzahnung zwischen lokalen und senatorischen Eliten.

Die Herrschaft des Commodus deutet Potter sodann als Auftakt zur "Krise" der alten Ordnung, nachdem es Mark Aurel versäumt hatte, die römische Gesellschaft von Grund auf zu erneuern. Tatsächlich brach mit den Severern in vieler Hinsicht ein neues Zeitalter an. Prägnant zeichnet Potter Caracalla als Repräsentanten des neuen Zeitalters, nicht als Vorkämpfer einer universalen, die regionalen Identitäten im Reich aufhebenden Ideologie (als deren Ausdruck sich die constitutio Antoniniana von 212, wie Potter zugesteht, auch deuten ließe), sondern als Verfechter rücksichtsloser Zentralisierung, welche die traditionellen Institutionen dort an den Rand drängte, wo sie nicht unmittelbar seinen Interessen dienten. Seinen Interessen diente die Armee, und mit ihr verband er das Schicksal seiner Herrschaft. Ob damit freilich ein Modell der Autokratie geschaffen war, vor dem Caracallas Nachfolger lange Zeit zurückschreckten, wie Potter meint (S. 145), sei dahingestellt. Die Versuche Elagabals, unmittelbar an Caracalla anzuknüpfen, deuten eher in eine andere Richtung.

Die Architektur des severischen Kaisertums überlebte die Dynastie, stürzte aber mit der Niederlage Valerians bei Karrhai (260 n.Chr.) krachend in sich zusammen. Potter schildert eindringlich, wie die politische und militärische Macht des Kaisertums zwischen den Schlachtfeldern in West (Rhein/Donau) und Ost (Syrien-Mesopotamien) zerrieben wurde und wie der Blutzoll der Legionen in den Abwehrkämpfen gegen Germanen und Perser die militärische sich zu einer demografischen Krise auswachsen ließ (S. 251). Das Reich, über das Gallienus herrschte, war deshalb in fast jeder Hinsicht das Gegenbild des severischen Zentralismus - ein Staat, in dem militärische Verantwortung und mit ihr politische Souveränität und letztlich Identität immer weniger auf das Reichsganze und immer mehr auf die Regionen bezogen waren (S. 257-262). Je unterschiedlichen Ausdruck gaben diesem Prozess die "Sonderreiche" in Ost (Palmyra) wie West (Gallien). In beiden Fällen hebt Potter - partiell gegen die herrschende communis opinio - die spezifisch lokale Verwurzelung autonomer Machtsphären in einem sich fragmentierenden Reich hervor.

Potters Konzeption der "Sonderreiche" führt unmittelbar zu der Frage zurück, wie er das Imperium Romanum in seiner Rolle als kulturelle Formation insgesamt bewertet. "Romanisierung" ist für ihn nicht die im imperialen Maßstab homogenisierende Kraft, die viele in ihr sehen möchten: eine Kraft, die Roms Peripherie in ihrer Tiefe umformte und lokale Traditionen allenthalben mit der Wurzel ausriss.[2] Sie ist aber auch nicht jener imperiale "Firnis", unter dem eine postkolonial gewendete Altertumswissenschaft überall "Widerstand" gegen den hypostasierten kulturimperialistischen Habitus der Römer ausmachen möchte.[3] Potters Bild vom Reich und seinen Kulturen ist eine Konzeption der mittleren Linie: "But [the] infusions of Greek and Latin, like a layer of volcanic ash, will leave their imprint upon the intellectual stratigraphy of each region where they were a feature of the dominant political discourse" (S. 37). Treffender ist das dialektische Verhältnis von imperialer "großer" Tradition und lokalen "kleinen" Traditionen (Sh. N. Eisenstadt) selten auf einen Nenner gebraucht worden.

Zweierlei kommt Potter bei seiner luziden Herausarbeitung dieser Dialektik zugute: Zunächst seine profunde Kenntnis der intellektuellen Strömungen des Zeitalters, die er in immer wieder dort entfaltet, wo er Zeitgeist und politische Geschichte virtuos synchronisiert.[4] Gerade in ihrer Würdigung geht er entschieden weiter als unlängst erschienene Darstellungen der Epoche.[5] Wichtiger noch als die konsequente Einbeziehung geistesgeschichtlicher Tendenzen ist Potters methodisch reflektierter Zugang, der, ohne aufdringlich "diskursgeschichtlich" daherzukommen, das Geschehen konsequent von den Quellen und den von ihnen gewobenen Überlieferungssträngen her denkt: Der imperialer Tradition verpflichteten "master narrative" werden immer wieder auch die "alternative narratives" der kulturellen wie geografischen Peripherien gegenübergestellt. Entsprechend lotet Potter geschickt die Extreme aus, die das Imperium in sich vereinte, und die Spannungen, die es mehr und mehr zu überbrücken hatte. Meisterlich gelingt dies am Beispiel der Zeitgenossen Alarich und Libanios, die, obwohl sie dasselbe Reich bewohnten, doch in konträren Sinnuniversen lebten. Gemeinsame Interessen verbanden solche Protagonisten nicht mehr. So bildete ein geistiges Klima, in dem jeder Einzelne die Deutungshoheit über die Bedingungen seines Römischseins ("Roman-ness") besaß, die Hintergrundstrahlung für den letzten Akt imperialer Geschichte, in dem Ost und West gemeinsam auftraten (S. 574f.).

Bei alledem verliert Potter nie den Blick für die pragmatischen Aspekte des Dramas und seiner Akteure: Armee, Bürokratie, Hof - sie alle spielen die Rolle, die ihnen gebührt. Ein wenig zu kurz kommen lediglich die Entwicklungen jenseits von Roms Grenzen im Westen, im germanischen Barbaricum. Die durch den säkularen Kulturkontakt mit Rom maßgeblich angestoßene Transformation tribaler Gruppen zu neuartigen Großverbänden (gentes) handelt Potter allzu kursorisch ab. Dabei macht sie erst - analog der Formierung des Sasanidenreichs im Osten, die Potter gründlicher behandelt - verständlich, weshalb Rom an zwei Fronten unter Druck geriet. Das kleine Defizit ist angesichts der satten Opulenz von Potters fulminanter Darstellung leicht zu verschmerzen. Das Buch gehört in jede altertumswissenschaftliche Bibliothek.

Anmerkungen:
[1] Flaig, E., Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt 1992.
[2] So im Grundsatz für den Osten Millar, F., The Roman Near East. 31 BC-AD 337, Cambridge 1993.
[3] Vgl. unter anderem Dalley, St.; Reyes, A. T., Mesopotamian Contact and Influence in the Greek World, in: Dalley, St. (Hg.), The Legacy of Mesopotamia, Oxford 1999, S. 107-124; Ball, W., Rome in the East. The Transformation of an Empire, London 2000.
[4] Bemerkenswert in diesem Zusammenhang besonders seine Ausführungen zur konstantinischen Historiografie und ihrer radikalen Umdeutung der Epoche der Tetrarchie (S. 342-348).
[5] Namentlich Christol, M., L'empire romain du IIIe siècle. Histoire politique (de 192, mort de Commode, à 325, concile de Nicée), Paris 1998; Sommer, M., Die Soldatenkaiser, Darmstadt 2004.

Zitation
Michael Sommer: Rezension zu: : The Roman Empire at Bay. AD 180-395. London  2004 , in: H-Soz-Kult, 12.07.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5906>.
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12.07.2005
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