L. Ravagli: Unter Hammer und Hakenkreuz

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Titel
Unter Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie


Autor(en)
Ravagli, Lorenzo
Erschienen
Umfang
392 S.
Preis
€ 25,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helmut Zander, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

In den vergangenen Jahren ist eine Debatte über rassistische Äußerungen im Werk Rudolf Steiners (1861-1925), des Begründers der Anthroposophie, aufgebrochen.[1] In diesen Kontext gehört eine Publikation des Anthroposophen Lorenzo Ravagli, die die Angriffe auf Steiner umdreht: Ravagli untersucht die Kritik völkischer Gruppen an der Anthroposophie. Das völkische Milieu um 1900 ist inzwischen recht gut kartiert [2], aber auch hier gibt es noch weiße Flecken, und zwei davon erkundet Ravagli: Zum einen trägt er viel Material zum esoterischen Segment der völkischen Rechten zusammen, das man zumeist nur mit der Ariosophie von Adolf Josef Lanz („Lanz von Liebenfels“) kennt. Ravagli zeichnet hier vor allem die Umrisse der noch kaum bekannten völkischen Theosophie und der „Ariogermanen“-Lehre Guido Lists nach. Zum anderen dokumentiert Ravagli die Konflikte innerhalb der völkischen Szene, über die die bislang vorliegenden Publikationen relativ wenig berichten. In diesem, dem spannendsten Teil seines Buchs, sind die Angriffe auf die Anthroposophie und auf Rudolf Steiner nachgezeichnet, wie sie etwa Hitler, sein publizistischer Mitstreiter Dietrich Eckart oder Hindenburg lancierten. Ravagli eröffnet damit einen instruktiven Einblick in die innere Differenzierung und die Spannungen der völkischen Bewegungen, die mangels detaillierter Forschungen oft homogener erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Ravagli kann zeigen, dass Anthroposophen von vielen völkischen Gruppen nicht als Gleichgesinnte, sondern als Gegner betrachtet wurden, weil ihnen die Anthroposophische Gesellschaft als jüdisch unterwandert, freimaurerisch und internationalistisch galt. Dabei wurde die Anthroposophie fraglos übel diffamiert.

In Ravaglis Ausführungen wird deutlich, dass die Anthroposophie nicht umstandslos zur „rechten“ Esoterik gehört, wohin sie von vielen Kritiker aufgrund von Steiners rassistischen Äußerungen gestellt wird; er mahnt hier zu Recht Differenzierungen an. Allerdings ist dies nur eine Dimension des Verhältnisses der Anthroposophie zu ihren Gegnern. Ravagli benennt zwar die Unterschiede der Anthroposophie zu diesen völkischen Esoterikern, er dokumentiert Steiners Kritik an ihnen, aber Berührungen und Überschneidungen im Denken Steiners marginalisiert er. Dessen Rassentheorien kommen kaum vor und werden schon gar nicht kritisch analysiert. Kritiker, die das tun, sind für ihn vielmehr „bedauerliche Irrläufer“ der Wissenschaft mit „schielendem Blick“ (S. 343). So entsteht ein Bild, in dem Steiner als Lichtgestalt auf der guten Seite steht, der als Kämpfer „gegen Autoritätsglauben“ (S. 280) und gegen den Nationalismus (S. 333) erscheint. Auf der anderen Seite sieht Ravagli die völkischen „Pseudotheosophen“ und die „Pseudoesoteriker“ (S. 269. 297): Helena Petrovna Blavatsky zeiht er des Antijudaismus und Hugo Vollrath wird zur „zwielichtigen Schlüsselfigur“ (S. 283, 288). Über Steiners Antijudaismus, seine autoritären Führung, seine Völkerstereotypen oder seine Demokratiekritik verliert Ravagli kein kritisches Wort. Aufgrund dieser fehlenden Ambivalenz in der Deutung Steiners fällt ein fahles Licht auf Ravaglis Materialsammlung: Sie hat auch die Funktion eines apologetischen Unternehmens, um Steiner in hellem Glanz erscheinen zu lassen.

Ein weiteres Problem liegt in Ravaglis Deutungsrahmen. Er hat zweifelsohne viel Material zusammengetragen, aber dessen Arrangement erfolgt weitgehend ohne Kontakt mit der wissenschaftlichen Diskussionskultur. Von den einschlägigen wissenschaftlichen Werken werden zwar einige genannt, aber eine Auseinandersetzung mit Interpretationsproblemen unterbleibt, theoretische Probleme kommen nicht in den Blick. Das muss man von einem Buch dieses Zuschnitts auch nicht verlangen, aber wer die wissenschaftliche Literatur kritisiert, muss sich auch mit ihr auseinandersetzen.

Doch auch die anthroposophische Literatur wird nicht intensiv verwertet. Seit 2003 liegt eine – von Ravagli punktuell benutzte – Zusammenstellung der Auseinandersetzung Steiners mit seinen Gegnern zwischen 1919 und 1922 vor, besorgt von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung.[3] Die völkische Szene macht zwar nur einen kleinen Teil der hier dokumentierten Auseinandersetzungen aus, aber der Band ermöglicht es, die Angriffe der völkischen Autoren in den Kontext einer viel weitergehenden Auseinandersetzung zu stellen, in die sich Steiner in der Weimarer Republik gestellt sah. Dieser Band ist für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Anthroposophie und ihrem Umfeld aus einem weiteren Grund wichtig. Die umfangreiche und gehaltvolle Kommentierung belegt, dass man sich im Steiner-Archiv aus der werkimmanenten Deutung von Steiners Œuvre löst. Dabei sind auch Steiners Gegner durchweg fair dargestellt, so dass man den Eindruck gewinnt, dass im Dornacher Archiv die Weichen für eine offenere Debatte gestellt werden. Schließlich besitzt dieses Buch nicht die handwerklichen Mängel, unter denen Ravaglis Buch leidet: Eine Abkürzungsliste (etwa mit den Archivkürzeln) fehlt und auch ein Register für Ravaglis reichhaltige Materialsammlung.

Anmerkungen:
[1] Bader, Hans-Jürgen; Ravagli, Lorenzo; Leist, Manfred, Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit. Anthroposophie und der Antisemitismusvorwurf (2001), Stuttgart 2002; Zander, Helmut, Anthroposophische Rassentheorie. Der Weltgeist auf dem Weg durch die Rassengeschichte, in: Schnurbein, Stefanie von; Ulbricht, Justus H. (Hgg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe „arteigener“ Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende, Würzburg 2001, S. 292-341.
[2] Puschner, Uwe; Schmitz, Walter; Justus H. Ulbricht (Hgg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, München 1996; Schnurbein, Stefanie von; Ulbricht, Justus H. (Hgg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne (s. Anm. 1); Puschner, Uwe, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion, Darmstadt 2001.
[3] Steiner, Rudolf, Die Anthroposophie und ihre Gegner. Vorträge – Schlußworte – Mitteilungen – Richtigstellungen. November 1919 bis September 1922. Dokumentarischer Anhang (Rudolf Steiner Gesamtausgabe 255b), hg.v. Lüscher, Alexander; Trapp, Ulla, Dornach 2003.

Zitation
Helmut Zander: Rezension zu: : Unter Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie. Stuttgart  2004 , in: H-Soz-Kult, 12.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5930>.
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Veröffentlicht am
12.05.2005
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