A. Schildt (Hg.): Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert

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Titel
Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ein Lexikon


Hrsg. v.
Schildt, Axel
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Umfang
439 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rolf Steininger, Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck

Man kennt das: Ein Verlagslektor tritt an einen heran, um ein Buch zustande zu bringen, das möglichst viele Käufer findet. Da ist ein Lexikon mit dem Anspruch, Überblicke zu vermitteln, immer gut. Und wenn man zusagt, muss man sich um KollegInnen als Autoren bemühen – meist der schwierigste Teil des ganzen Unternehmens. Von daher gilt zunächst mein Glückwunsch dem Herausgeber Axel Schildt, der sich dieser Mühe unterzogen hat. Ihm ist es gelungen, über 50 HistorikerInnen für dieses Lexikon zu gewinnen. Es enthält etwa 400 Artikel, die, so Schildt, über „Grundzüge des 20. Jahrhunderts“ informieren. Die Verlagswerbung erzählt uns, dass es ein „unentbehrliches Nachschlagewerk für alle historisch und politisch Interessierten“ sei.

Ist es das wirklich? Die Antwort ist ein bedingtes Ja. Der Ehrgeiz des Herausgebers war es, nicht nur im engen Sinne politische, sondern auch gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen darzustellen sowie gleichzeitig wesentliche politische Phasen und Regime und zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Es geht also um Sozial-, Gesellschafts-, Wirtschafts-, Militär- und politische Geschichte. Wenn man dies in Perioden einteilt, heißt das: Erster Weltkrieg (mit Vorgeschichte), Weimarer Republik, NS-Zeit bis 1939, Zweiter Weltkrieg, Deutschland 1945-49, die Bundesrepublik und die DDR bis 1989/90 sowie das vereinigte Deutschland. Für jede dieser Perioden könnte oder müsste es eigentlich ein eigenes Lexikon geben (was es zum Teil auch gibt), es sei denn, man begnügt sich mit einem raschen Überblick, ohne in die Tiefe zu gehen – und nimmt dabei auch in Kauf, dass einige Stichworte woanders zu suchen sind.

Nehmen wir die Stichworte „Erster Weltkrieg“ und „Zweiter Weltkrieg“ im vorliegenden Band, die jeweils in etwa gleicher Länge – fünfeinhalb Seiten – abgehandelt werden. Beim Ersten Weltkrieg wird auf fünf weiterführende Begriffe verwiesen; zwar ist der U-Boot-Krieg dabei, aber es fehlen etwa das Zimmermann-Telegramm, das September-Programm von Bethmann Hollweg, Kriegsziele insgesamt, Brest-Litowsk oder auch die Fischer-Kontroverse. Dies gehörte meines Erachtens selbst in einen knappen Überblicksartikel. Da hilft dann nur der Hinweis auf die in der Literaturliste angegebene „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“.

Ähnlich auch beim Zweiten Weltkrieg: Es gibt weiterführende Hinweise auf den Hitler-Stalin-Pakt, den Polenfeldzug, „Unternehmen Barbarossa“, Wehrmacht, Westfeldzug, Stalingrad, Afrikafeldzug, den „totalen Krieg“ und die Sportpalast-Rede. Hier hätte ich mir aber auch Artikel etwa zu Themen wie bedingungslose Kapitulation, Kriegsgefangene, Deutschlandplanung der Alliierten und Europäische Beratende Kommission gewünscht. Ein weiterer Punkt, der bei diesem Stichwort auffällt: Es fehlt der Hinweis auf vorhandene Unterkapitel, in diesem Fall Ardennenoffensive und Bombenkrieg.

Bei mehr als 50 Beiträgern muss der Herausgeber in der Regel nehmen, was geliefert wird, und in Kauf nehmen, dass einige wichtige Stichwörter nicht behandelt werden. Das fällt insbesondere für die Zeit nach 1945 auf. So wäre die Ministerpräsidentenkonferenz von 1947 sicherlich ein Stichwort wert, ähnlich auch der Deutschlandvertrag oder das Luxemburger Abkommen. Auch Sozialisierung und Bodenreform hätten ein eigenes Stichwort verdient, und die Rentenreform sollte bei der Altersversicherung vorkommen. Für die Bundesrepublik hätte es noch weitere Stichwörter geben sollen, etwa Fernsehstreit und Föderalismus. Elf Zeilen erhalten der Moskauer und der Warschauer Vertrag. Auch der Grundlagenvertrag wird erwähnt, aber weder Berlin-Abkommen noch Ostpolitik. Und wenn bei der DDR etwas über Arbeiter- und Bauerninspektion steht, dann sollte das Neue Ökonomische System nicht fehlen, auch die Geraer Forderungen von Honecker wohl nicht.

Weitere Stichwörter wie zum Beispiel Antifas, Betriebsräte, Brüsseler Vertrag sucht man ebenfalls vergebens. Zum Bundestag gibt es einen Eintrag, zu Bundestagswahlen aber nicht; zu Bundeswehr ja, zu Wiederbewaffnung und Koreakrieg nicht. Das Stichwort Wiedervereinigung kann man eigentlich nicht unter Hinweis auf die deutsche Frage abhandeln. Auf Anhieb würde ich auch solche Stichworte suchen wie Kohls Zehn-Punkte-Programm vom November 1989, Einigungsvertrag, Volkskammerwahl, Wirtschafts- und Währungsunion, Stasi-Akten, Zwei-plus-Vier-Verhandlungen etc. Wenn das Besatzungsstatut erwähnt wird, hätte ich mir auch ein Stichwort Besatzungspolitik gewünscht, sowohl zur NS-Besatzungspolitik wie zu jener der Alliierten nach 1945.

Die Literaturangaben sind meist aktuell und sehr gut. Manchmal fehlen dennoch wichtige Arbeiten, und in einzelnen Fällen merkt man, dass der Autor das Thema nicht so ganz beherrscht. Beim „Anschluss“ Österreichs etwa fehlt die maßgebliche Literatur zum Thema.

Fazit: Für jene, die sich schnell über wichtige Begriffe informieren wollen und nicht zu viele Einzelheiten erwarten, ist dies in der Tat ein sehr nützliches Nachschlagewerk. Wer mehr und ausführlichere Stichwörter sucht, muss zu den entsprechenden Nachschlagewerken der jeweiligen Periode greifen; das ist etwa für die Zeit nach 1945 das „Lexikon der deutschen Geschichte“, herausgegeben von Michael Behnen (Stuttgart 2002) oder das „Handbuch zur deutschen Einheit 1949–1989–1999“, herausgegeben von Werner Weidenfeld und Karl-Rudolf Korte (Frankfurt am Main 1999). Was ich meine, wird beim Seitenvergleich deutlich: Im „Lexikon“ stehen für 45 Jahre 690 Seiten zur Verfügung, im „Handbuch“ 895 Seiten, im hier besprochenen für 100 Jahre 439 Seiten.

Zitation
Rolf Steininger: Rezension zu: Schildt, Axel (Hrsg.): Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ein Lexikon. München  2005 , in: H-Soz-Kult, 26.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6010>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.05.2005
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