A. Barkai: Oscar Wassermann und die Deutsche Bank

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Titel
Oscar Wassermann und die Deutsche Bank. Bankier in schwierigen Zeiten


Autor(en)
Barkai, Avraham
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Umfang
180 S., 45 Abb.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Kreutzmüller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Eigentlich sind Schutzumschläge kein wissenschaftliches Analysekriterium. Doch ein Vergleich der Abbildungen auf den Umschlägen der beiden kürzlich im Rahmen der Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte der Deutschen Bank in der NS-Zeit erschienen Biografien lohnt sich: Während sich die von Lothar Gall verfasste Biografie von Hermann Josef Abs [1] mit einem gestochen scharfen Foto schmückt, das durchaus Züge von Selbststilisierung trägt, zeigt die hier zu besprechende Wassermann-Biografie von Avraham Barkai ein eher introspektives Portrait impressionistischer Façon. Dem entsprechend ist Barkais Studie im Gegensatz zu Galls Vollständigkeitsanspruch erhebender Darstellung eher eine Miniatur. Eine feine Miniatur allerdings, das sei hier vorangestellt.

Oscar Wassermann (1869-1934) entstammte einer jüdischen Familie in Bamberg, deren Entwicklung Barkai, Kurt Grunwald folgend, als Teil des „Epilogs der Hofjuden“ (S. 19) analysiert. Das familieneigene Bankhaus A.E. Wassermann stieg Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten Privatbanken Süddeutschlands auf. Oscar Wassermann, dessen persönlichen Hintergrund Barkai einfühlsam nachzeichnet, übernahm um 1900 zunächst die Leitung der gewichtigen Berliner Niederlassung des Familienunternehmens. Im Jahre 1912 wechselte er jedoch überraschend in den Vorstand der Deutschen Bank - ein seinerzeit für einen Privatbankier seines Hintergrundes einzigartiger Schritt. Im Vorstand der Deutschen Bank war Wassermann anfangs für das Börsengeschäft zuständig. Er konnte seinen Aufgabenbereich jedoch rasch erweitern und fungierte ab 1923 als - auch international geachteter - Vorstandssprecher. Von seinen Überzeugungen her ein "konservativer Vernunftsrepublikaner" (S. 60), der im Zweifel am Geburtstag des Reichspräsidenten die preußische Flagge aufziehen ließ, beriet er die Reichsregierung in Reparationsfragen. Als Primus inter Pares war Wassermann ferner für die Fusionsverhandlungen mit der Disconto-Gesellschaft verantwortlich, deren erfolgreicher Abschluss im September 1929 als Sensation galt.

Umstritten ist Wassermanns Rolle während der Bankkrise im Juli 1931. Schon in der zeitgenössischen Berichterstattung war der Vorwurf erhoben worden, Wassermann habe die Schieflage der Konkurrenz einseitig für sich ausnutzen wollen. So behauptet etwa auch Brüning in seinen Memoiren, Wassermann habe ein Hilfsgesuch der Darmstädter- und Nationalbank abgewiesen und damit ein hohes Maß an Verantwortung für den Zusammenbruch dieser Bank auf sich geladen. Dies versucht Barkai zu entkräften, u.a. mit dem Hinweis darauf, dass Wassermann freundschaftlich mit dem die Geschicke der Darmstädter- und Nationalbank leitenden Jakob Goldschmidt verbunden gewesen sei. Abgesehen davon, dass es fraglich ist, inwieweit eine solche persönliche Verbindung die wirtschaftliche Entscheidungen eines leitenden Managers einer Kapitalgesellschaft beeinflussen kann, unterschlägt Barkai allerdings, dass Brüning die entsprechenden Passagen seiner Memoiren mit Goldschmidts Hilfe verfasst hat. Gleichwohl ist Barkai beizupflichten, wenn er im Einklang mit den Ergebnissen der Forschung klarstellt, dass die Ursachen der Bankenkrise primär in makropolitischen Entwicklungen zu suchen sind. Sicher ist jedoch auch, dass Wassermanns Krisenmanagement zu wünschen übrig ließ, und er dadurch zum gleichsam idealen Sündenbock werden konnte. Freilich kam die Deutsche Bank relativ ungeschoren aus der Krise, obwohl auch sie - entgegen der Behauptung Barkais dabei staatliche Unterstützung erhielt.

Nach der Bankenkrise nahm Wassermanns Einfluss auf die Geschäftsführung der Bank aufgrund gesundheitlicher Probleme ab. Im April 1933 jedoch wurde Wassermann von seinen Kollegen zum Rücktritt genötigt. Gestützt auf einen Bericht des Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank vom Juli 1933, der auch im Dokumentenanhang wiedergegeben ist, sieht Barkai - wie zuvor schon Christopher Kopper [2] und Harold James [3] - hierin hauptsächlich "einen Akt vorauseilendem Gehorsams" (S. 89). Gleichzeitig arbeitet Barkai aber auch heraus, dass der Vorstand der Bank vier Jahre nach der Fusion keine geschlossene Einheit bildete und es Spannungen zwischen den Vorstandsmitgliedern aus der Disconto-Gesellschaft und jenen aus der Deutschen Bank gab. Darüber hinaus hatte sich Wassermann durch sein starkes Engagement für jüdische Belange besonders exponiert.

Diesem Engagement Wassermanns schenkt Barkai besondere Aufmerksamkeit, und hier kann der Autor aus dem reichen Fundus seiner langjährigen Forschungen schöpfen. Wassermann widmete sich - oft in führender Funktion - einer Vielzahl von jüdischen Organisationen: Er war an der Gründung der Akademie für die Wissenschaften des Judentums und des Jüdischen Friedensbundes beteiligt und zusammen mit Franz von Mendelssohn lange Jahre Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde, jenes Vereins, der Ende des 18. Jahrhunderts von jüdischen Aufklärern zunächst zur gegenseitigen Unterstützung gegründet worden war, aber am Ende des 19. Jahrhundert zum Treffpunkt der Berliner Wirtschaftselite wurde und dabei auch Nicht-Juden offen stand. Besonders aufschlussreich ist Wassermanns Engagement für die Zionistische Bewegung. Wassermann nahm im Auftrag von Chaim Weizmann als "nicht-zionistischer Zionist" (S. 65) eine bedeutsame Mittlerfunktion ein: Kraft seines Renommées und seiner persönlichen Verbindungen sollte er auch jene Teile der jüdischen Bevölkerung zur Unterstützung des Palästina Aufbaufonds Keren Hajessod bewegen, die dem Zionismus traditionell skeptisch gegenüber standen. Diesen Spagat bewältigte Wassermann mit großem Erfolg, so lange seine Kräfte dies zuließen, und er nahm dabei auch erhebliche persönliche finanzielle Risiken in Kauf.

Am 8. September 1934 starb Oscar Wassermann als "gebrochener Mann" (S. 101). Auf seiner Beerdigung in Berlin, die von Leo Baeck geleitet wurde, war offenbar keiner der ehemaligen Kollegen aus der Deutschen Bank anwesend. In der Nachkriegszeit wurde seitens der Deutschen Bank dann auch in Bezug auf Wassermann die seinerzeit bei deutschen Unternehmen weit verbreitete - aber deshalb nicht weniger peinliche - Geschichtsklitterung betrieben, die, wie Barkai andeutet, wohl mit der Kassation einschlägiger Akten einher gegangen sein könnte. Zugleich wurden auch die Entschädigungsansprüche der Erben Wassermanns mit einer erschreckend unnachgiebigen Haltung abgewiegelt.

Mit der vorliegenden Biografie hat Avraham Barkai eine wichtige Lücke in unserem Wissen über entscheidende Bankiers der Weimarer Republik geschlossen und Wassermann ein würdiges Denkmal gesetzt. Zumal wenn Aspekte der jüdischen Identität Wassermanns dargestellt werden, gelingen Barkai ungemein feinfühlige Analysen. Der Wert der Studie wird freilich durch verschiedene Flüchtigkeiten in jenen Passagen, die eher bankhistorischen Charakter haben, geschmälert. Etwas ärgerlich ist auch, dass Barkai für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stets von der Türkei statt dem Osmanischen Reich spricht oder - den Aufzeichnungen einer Tochter Wassermanns folgend - schreibt, die Familie habe sich 1920 wegen kommunistischer Unruhen außerhalb Berlins aufgehalten.

Zu bedauern ist ferner, dass Barkai auf einer teils sehr dünnen Aktenbasis gearbeitet hat. Dies findet seine Erklärung zwar u. a. darin, dass die Akten Wassermann im Archiv der Deutschen Bank verschwunden sind; doch selbst wenn im Archiv der Deutschen Bank kein Hinweis auf die Motive Wassermanns hinsichtlich seines Vorstandseintritts gefunden werden konnten, ist anzunehmen, dass dieser Schritt von der deutschen haute banque mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden ist und mithin einen Niederschlag in anderen Bankarchiven gefunden haben wird. Hier ist vor allem an die Archive der Privatbanken zu denken. Ähnliche Ersatzüberlieferungen hätten auch für andere Fragekomplexe herangezogen werden können. So befinden sich im Bundesarchiv Berlin im Bestand Reichskanzlei wichtige Akten zum Ablauf der Bankenkrise, die eine genauere Beantwortung von Wassermanns Rolle erlaubt hätten.

Anmerkungen:
[1] Gall, Lothar, Hermann Josef Abs, Eine Biographie, München 2004.
[2] Kopper, Christopher, Zwischen Marktwirtschaft und Dirigismus, Bankenpolitik im „Dritten Reich“, Bonn 1995.
[3] James, Harold, Die Deutsche Bank im Dritten Reich, München 2003.

Zitation
Christoph Kreutzmüller: Rezension zu: : Oscar Wassermann und die Deutsche Bank. Bankier in schwierigen Zeiten. München  2005 , in: H-Soz-Kult, 20.07.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6091>.
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Veröffentlicht am
20.07.2005
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