A. Klein-Zirbes: Der Beitrag von Goetz Briefs

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Titel
Der Beitrag von Goetz Briefs zur Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft.


Autor(en)
Klein-Zirbes, Arnd
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
159 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Luks, Historisches Seminar, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Aus der Perspektive einer Wissenschaftsgeschichte, die sich in einem umfassenden Sinn als Kultur- und Gesellschaftsgeschichte versteht, verspricht die Beschäftigung mit Goetz Briefs (1889-1974), einem der Begründer der modernen Betriebssoziologie, einem „Anwalt“ der Sozialen Marktwirtschaft und sozialpolitisch engagierten Wissenschaftler Aufschlüsse über intellektuelle Transformationen und gesellschaftliche Konfigurationen eines wesentlichen Zeitraums der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Von besonderem Interesse ist dabei sicherlich das Spannungsverhältnis zwischen der biografisch-werkgeschichtlichen Ebene und den politischen Zäsuren des Untersuchungszeitraums. Arnd Klein-Zirbes´ 2004 an der Universität Bonn eingereichte Dissertation setzt hier an und versucht, den Beitrag von Goetz Briefs zur Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft auszuleuchten.

Nach dem Studium der Nationalökonomie folgten Dissertation, Habilitation und Privatdozentur in Freiburg, bevor Briefs nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs – er war für den Militäreinsatz untauglich – wissenschaftlicher Mitarbeiter im Auswärtigen Amt, später im Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt des Kriegsministeriums wurde. Intellektuell wurden in dieser ersten Berliner Zeit Begegnungen insbesondere mit Max Scheler bedeutsam, mit dem Briefs ein sozialethisches Interesse teilte, das „vor einer Abwertung der menschlichen Würde durch die kapitalistische Verzweckung des Individuums warnt“ (S. 19). Die betriebssoziologische Konkretisierung dieser philosophischen Überlegungen, der Briefs sich zunehmend widmete, setzte den Betrieb konsequent ins Verhältnis zu seiner sozialen Umwelt. Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Betriebslebens lag für Briefs in seiner Befriedungsfunktion, d.h. in der Möglichkeit soziale Konflikte im Kleinen zu lösen und mit diesen Lösungen auf die Gesellschaft positiv gestalterisch einzuwirken. „In der betrieblichen Partnerschaft zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer, so Briefs, wird der Kultursinn der Arbeit verwirklicht, der in Beziehung zur Persönlichkeitsentfaltung des arbeitenden Menschen steht.“ (S. 138)

Nach dem Krieg kehrte Briefs als außerplanmäßiger Professor nach Freiburg zurück und widmet sich dort u.a. Vorlesungen zur Gewerkschaftstheorie und -geschichte. 1926 nahm er einen Ruf an die Technische Hochschule Berlin an und gründete sein privat finanziertes Institut für Betriebssoziologie. Das Programm, das dort entwickelt und verfolgt wurde, setzte mit einer Analyse der gesellschaftlichen Konsequenzen der Industrialisierung ein, die insbesondere gesehen wurden im Anwachsen des Proletariats, der Veränderung seiner sozialen Stellung, sowie der Erosion des sozialverantwortlich, ethisch fundiert und paternalistisch agierenden Unternehmers alten Typs zugunsten eines allen ethisch-moralischen Bindungen entledigten Managertyps, dessen Handeln allein Kapitalinteressen verfolgt und damit nicht mehr der Garant, sondern vielmehr eine Gefahr für die soziale Integration darstellt.

Die kapitalismuskritische, aber nicht -feindliche, sozialreformerische, aber nicht -revolutionäre Perspektive, die den Betrieb als Brennpunkt sozialer Konflikte ebenso wie den Ort ihrer möglichen Lösung akzentuierte, zog ein umfassendes Programm betriebssoziologischer Forschung nach sich, die mit Gründung des Instituts für Betriebssoziologie unter dem Etikett „Soziale Betriebslehre“ als notwendige Ergänzung und Erweiterung zur Betriebswirtschaftslehre und Betriebstechnik in Stellung gebracht wurde. Der Betrieb wurde dabei zum sozialen Phänomen eigener Art erklärt, dessen besondere Gestalt und regulative Prinzipien der Verknüpfung von Menschen soziologisch zu fassen wären. Briefs zielte mit diesem Programm, wie Klein-Zirbes überzeugend darlegt, in kritischer Perspektive auf die „Eigentums- und Arbeitsverfremdung“ des Arbeiters, die er durch Mechanisierung und die daraus resultierende (räumliche) Ordnung des Betriebs hervorgerufen sah. Die Betriebssoziologie Goetz Briefs´ zielte auf eine sozialverträgliche Gestaltung des kapitalistischen Systems und unter Bezug auf verschiedene Varianten eines christlichen Sozialismus, der religiös das ethische „Versagen“ des Frühkapitalismus zu korrigieren trachtete. Unter diesem Gesichtspunkt sollte die Religion der betrieblichen Arbeit einen tieferen Sinn geben und somit die „Entfremdnung“ des Arbeiters überwinden helfen. Ein ethisch-religiöser Rahmen sollte jene Sozialintegration leisten, die durch die kapitalismusimmanenten Mechanismen bedroht schien.

Der Fokus sozialer Integration auf Basis ethisch-religiöser Bindung beinhaltete konsequent die Zurückweisung der marxschen Idee der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen. Vielmehr, so Briefs, könne die „proletarische Frage“ gelöst werden, indem den Arbeitern die Bildung von Privateigentum ermöglicht und der Betriebsablauf wieder in Einklang mit der „menschlichen Natur“ gebracht würde. Mit diesem Programm scheint sich zumindest eine partielle Kongruenz mit Vorstellungen einer nationalsozialistischen Arbeitslehre anzudeuten. Allerdings ging Briefs, der politisch weiterhin im Zentrum engagiert war, auf Annäherungs- und Vereinnahmungsversuche der Nationalsozialisten nicht wirklich ein, obwohl er „auf den ersten Blick nur bedingt ein ideologischer Gegner des totalitären Regimes zu sein [schien]: weder ist er Jude, noch Marxist, und ein Liberaler oder liberaler Professor ist er [...] auch nicht. Er ist ein konservativer Katholik, auf den der Antimarxismus des Nationalsozialismus in dessen Anfängen durchaus seinen Reiz ausübt“ (S. 28f.).

Bereits 1934 emigrierte Briefs und lehrte von 1934 bis 1937 zunächst an der Catholic University of America in Washington D.C., dann an der Georgetown University und nahm engagiert teil an der sozialpolitischen Diskussion der zeitgenössischen amerikanischen (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit. Die Vorstellung von Sozialpolitik, die Briefs nicht erst seit dieser Zeit entwickelte, will diese explizit nicht als Gesellschaftspolitik verstanden wissen. Sozialpolitische Maßnahmen hätten vielmehr auf eine Gestaltung des Wirtschaftslebens zu zielen und über diesen Weg bevorzugt als unternehmerische Sozialpolitik den sozialen Frieden zu sichern. Die Gewerkschaften hätten in diesem Zusammenhang kein Instrument des Klassenkampfes, sondern des Miteinanders von Unternehmern und Arbeitern zu sein. Die Rolle des Staates bestünde dabei in der Sicherung und Mitgestaltung eines entsprechenden Sozialethos bei Unternehmern und Arbeitern. Die so entwickelten Vorstellungen ließen Briefs nach 1945 die Nähe zu verschiedenen Vertretern der Sozialen Marktwirtschaft suchen. Im Bestreben die deutsche Nachkriegssozial- und Wirtschaftsordnung entlang der Idee eines ethisch-religiös gebundenen Kapitalismus mit dem Betrieb als zentralem Ort sozialer Befriedung mitzugestalten, reiste Briefs immer wieder in die Bundesrepublik, hielt an verschiedenen Universitäten Vorlesungen, verstand sich als „Anwalt der Sozialen Marktwirtschaft“ und fand insbesondere im Bund Katholischer Unternehmer ein Betätigungsfeld.

Dem von Klein-Zirbes formulierten Anspruch, das Werk Goetz Briefs’ im Kontext der Entwicklung der deutschen Gesellschaft zu diskutieren, kommt die Arbeit insgesamt nur bedingt und bestenfalls in eine Richtung nach. Zwar leistet sie eine systematische und informative Darstellung inhaltlicher Dimensionen und intellektueller Einflüsse und damit einen letztlich doch wichtigen und interessanten Beitrag zur Geschichte der (Betriebs-)Soziologie im 20. Jahrhundert, doch insgesamt misslingt die angestrebte Kontextualisierung. Dies mag wohl auch daran liegen, dass die umfangreiche und differenzierte zeitgeschichtliche Forschung gerade der letzten Jahre nicht zur Kenntnis genommen und die kursorisch zu nennende Kontextualisierung der Arbeiten von Briefs i.d.R. über manchmal doch etwas antiquiert wirkendes Handbuchwissen erschlossen wird.

Auch theoretisch und methodisch vermag die hier rezensierte Arbeit nicht zu überzeugen. Statt sich auf werkgeschichtliches Referieren zu beschränken, wäre es gerade beim Umgang mit einem doch so viel versprechenden Gegenstand ratsam gewesen, stärker auf die verschiedenen Wechselwirkungen soziologischer Forschung, sozialer Praxis, sowie gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen abzuheben. Eine derartig gelagerte Beschäftigung mit Goetz Briefs hätte zeigen können, wie dessen Arbeiten im Kontext politisch-sozialer Ordnungsentwürfe verortet sind und funktionieren; wie sie, z.B. mit ihrem Blick auf politische Integration und soziale Harmonisierung in und durch den Betrieb, Bestandteil sind jenes gesellschaftsgeschichtlich bedeutsamen Diskurses um Totalitarismus und Pluralismus als westlich-transatlantische, normativ fundierte und zugleich auf die analytische Erfassung politisch-sozialer Realitäten zielende Ordnungssysteme. Daneben hätte sich ein – zumindest anzudeutender – Vergleich mit zeitgenössischen Varianten des realsoziologischen Dispositivs angeboten. Schließlich war Briefs weder der einzige seiner Generation, der über empirisch-soziologische Arbeiten die Sozialordnung stabilisieren wollte, noch war der Betrieb der einzige Schauplatz, auf dem dies versucht wurde. Unter diesen Gesichtspunkten wäre es sicherlich lohnenswert gewesen, die (zu) engen Grenzen einer Werkgeschichte zu verlassen, um die kulturellen und intellektuellen Konfigurationen des untersuchten Zeitraums in die Analyse einbeziehen zu können.

Zitation
Timo Luks: Rezension zu: : Der Beitrag von Goetz Briefs zur Grundlegung der Sozialen Marktwirtschaft. Frankfurt am Main  2004 , in: H-Soz-Kult, 02.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6173>.
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02.05.2005
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