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Titel
Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus


Autor(en)
Aly, Götz
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: S. Fischer
Umfang
445 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfram Meyer zu Uptrup, Arbeitsstelle für Gedenkstättenpädagogik, Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Der Name des Autors bürgt für originelle und mitunter provokante Thesen. Spätestens seit “Vordenker der Vernichtung” [1] ist Götz Aly zu den wenigen Spezialisten hinzu gestoßen, die mit hervorragender Quellenkenntnis wirklich neue Einsichten in die NS-Vernichtungspolitik ermöglichen. Einige Jahre später stellte Aly in “Endlösung” einen Zusammenhang zwischen den Umvolkungs- und Raumplanungen und dem Völkermord an den Juden her, der bis dato nur wenigen bewusst war. Die Ursache und die Motivation für die Vernichtung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen wurde von Aly im ersten Fall eher der Arbeitsebene einer rassistischen Exekutive zugewiesen, die sich aus selbst geschaffenen Sachzwängen zu befreien suchte, und in letzterem Fall den Siedlungsplanungen im Rahmen der Vorhaben des Generalplans Ost, bei denen die nichtjüdischen Umsiedler in die Wohnungen der "auszusiedelnden" Juden eingewiesen werden sollten.[2] Neben der Einsicht in wirklich wichtige Details der NS-Politik, tendierte Aly jedoch dazu, das ideologische Moment insgesamt und insbesondere die antisemitische Motivation unter zu bewerten.

In “Hitlers Volksstaat” scheint Aly nun den politischen Gestaltungswillen der Führung des “Dritten Reiches” stärker in den Blick zu nehmen, indem er von der Konzeption der “Volksgemeinschaft”, wie sie von Hitler in dem Kapitel über den “Völkischen Staat” im zweiten Band von “Mein Kampf” entfaltet und in den NS-Medien vielfach weiter propagiert wurde, zum Ausgang seiner Darstellung nimmt. Zweifellos schuf die Gesetzgebung der Nationalsozialisten viele Vorteile für die Volksgenossen aus den unteren Einkommensschichten. Das betraf nicht nur die Sozialpolitik, die Familien über direkte und indirekte Maßnahmen förderte, sondern z.B. auch den Schutz von Schuldnern gegenüber ihren Gläubigern. Aly lässt zu Recht anklingen, dass manche Errungenschaft des Sozialstaates, die uns heute selbstverständlich ist, aus dem Volksgemeinschaftskonzept entstanden ist. Aber auch schon damals kosteten soziale Wohltaten Geld, das der NS-Staat erwirtschaften musste. Wenn aber gleichzeitig die Steuerlast für die “kleinen Leute” nicht erhöht und ein massives Aufrüstungsprogramm finanziert werden soll, sind besondere finanzpolitische Maßnahmen vonnöten. In den “Friedensjahren” erfand Hjalmar Schacht das System der “Mefo-Wechsel”, um mittelfristige Kredite für die Aufrüstung zu mobilisieren. Das stieß aber an seine Grenzen, auf die Schacht 1937 in deutlichen Worten hinwies, woraufhin er als Wirtschaftsminister und später als Reichsbankpräsident zurücktreten musste.

Aly führt nun anhand mehrerer Beispiele seine Hauptthese aus, dass die Arisierungen und Massenmorde seit 1938 eine wichtige Rolle für die deutschen Staatsfinanzen auf der Einnahmenseite und letztlich eine wichtige Rolle in der Finanzierung des Krieges spielten (S. 53). Dabei ist nicht allein an die Sondersteuern, wie die “Reichsfluchtsteuer” und die Ausfuhrbeschränkungen für Devisen und Wertgegenstände zu denken, sondern an eine planmäßige und systematische Enteignung der Juden Deutschlands und später aller besetzten Länder. Gleichzeitig hätte diese Raubpolitik es den Nationalsozialisten ermöglicht, die sozialpolitischen Wohltaten zu erhalten und die steuerlichen Belastungen für die „kleinen Volksgenossen“ bis zum Ende des Krieges bei gleichzeitiger Stabilisierung der Versorgungslage gering zu halten: “Kontinuierliche sozialpolitische Bestechung bildete die Grundlage des innenpolitischen Zusammenhaltes in Hitlers Volksstaat” (S. 89) und eben nicht eine kontinuierliche Repression und keine ideologisch begründete Loyalität.

Aly beschreibt die Vorgehensweise der Nationalsozialisten, zunächst die “Juden” zu definieren und sie zur Deklaration ihres Vermögens zu zwingen. In Deutschland durch eine Verordnung vom 26. April 1938, in den anderen Ländern jeweils kurz nach der Besetzung. Danach wurden als nächstes Sondersteuern erhoben und anschließend die Juden deportiert und in der Regel ermordet. Ihr restlicher Besitz wurde durch den Staat auf dem nationalen Markt zwangsverkauft und mit Hilfe von Banken in langfristige Staatsanleihen umgewandelt. Auf diese Weise wurde formal das Dritte Reich oder der besetzte Staat zum Schuldner einer ungenannten Zahl von Juden. Besonders perfide war jedoch die Enteignungsstrategie im Hinblick auf die Juden der besetzten (oder “verbündeten”) Länder: die Sondersteuern wurden von den Ländern selbst erhoben und die Vermögenswerte in Staatsanleihen des entsprechenden besetzten Landes umgewandelt. Anschließend flossen diese Gelder über die Haushalte der besetzten Länder im Rahmen der Übernahme von Besatzungskosten dem Deutschen Reich zu und entlasteten dessen Haushalt. Damit nicht genug, ermöglichten diese Gelder eine geringere Verschuldung und folglich eine höhere Kreditaufnahme zur Finanzierung des Krieges: Den Enteignungen der Juden in den besetzten Ländern folgte ein “gesamteuropäischer Geldwäschevorgang zum Vorteil Deutschlands” (S. 210).

Im Hinblick auf die Situation im Reich errechnete Aly, dass rund 9 Prozent der Einnahmen des Haushaltes 1938/39 aus den Arisierungen stammten. Insgesamt hätte die Enteignung und Ermordung der europäischen Juden einen Betrag zwischen 15 und 20 Milliarden Reichsmark in die deutsche Kasse gespült. Bis Sommer 1944 sei die Kriegsfinanzierung zu 50 Prozent aus laufenden Einnahmen erfolgt, aufgebracht durch die besetzten Länder, Zwangsarbeiter und die Enteignung der Juden. Folglich ist der “Holocaust [...] der konsequenteste Massenraubmord der Geschichte” (S. 318). Das ist sicher richtig, schließlich wurde beim Genozid an den Armeniern 1915/16 noch ein Großteil ihres Besitzes durch die massakrierenden Türken vernichtet.

Besonderen Augenmerk schenkt Aly nicht nur der Reichsfinanzverwaltung, sondern auch der Wehrmacht in den besetzten Ländern, die auch ein großes Interesse an der materiellen Ausbeutung dieser Länder hatte, um die Kosten der Stationierung einzutreiben und den Reichshaushalt zu entlasten. Aly zeigt anhand mehrerer Beispiele, wie die Wehrmacht selbst aktiv den Zeitpunkt von Enteignung und Deportation von Juden in den besetzten Ländern bestimmte (S. 240ff. u.ö.). Zu dieser Strategie der Ausbeutung gehörte auch, den deutschen Soldaten bei Urlaubsfahrten in die Heimat zu erlauben, so viel Lebensmittel und Waren aus den besetzten Ländern mitzunehmen, wie sie tragen konnten.

An dieser Stelle wirft sich bereits die Frage auf, ob die Judenverfolgung nun zuerst durch das Ziel wirtschaftlicher Ausbeutung motiviert war, oder ob die wirtschaftliche Ausbeutung eher eine gewünschte Folge der rationell organisierten Judenverfolgung der Nationalsozialisten war. Alys Darstellung legt ersteres nahe. Dem ist jedoch entgegen zu halten, dass die Vernichtung der Juden Europas erklärtes Ziel der NS-Politik war und die lokalen Akteure nicht die grundsätzlichen Entscheidungen fällten, sondern bestenfalls, ob die Juden früher oder später enteignet oder deportiert würden. Die Judenverfolgung entwickelte sich anhand langfristiger Zielsetzungen und mittelfristiger Entscheidungen, die von entsprechenden öffentlichen Kampagnen in den Medien begleitet wurden.

Obwohl Aly einen Beitrag zu der Frage “Wie konnte das geschehen?” liefern möchte, und er vollkommen zu Recht auf die Entwicklung ab 1914 verweist, allen Spekulationen eines Volkscharakters und langfristiger Entwicklungen eine Absage erteilt, bleibt er die Antwort auf die Frage schuldig: Warum verfolgten die Nationalsozialisten die Juden seit 1919 mit steigender Intensität bis 1945? Anzeichen und Belege für eine Antwort auf Basis einer ideologischen Motivation werden von Aly unterbewertet (S. 31f., 247, 256). Aly legt nahe, dass die Zustimmung zum Nationalsozialismus in weitem Umfang “erkauft” wurde, was jedoch nicht die Erfolge vor 1933 erklären kann. Zweifellos war diese materielle Seite wichtig, jedoch wurde in den Augen vieler Zeitgenossen das materielle Wohlergehen als Ausfluss einer neuen Politik erlebt und bestätigte eher die politischen Einstellungen. Ideologische Zielsetzung und materielle Veränderungen standen in einem Wechselverhältnis gegenseitiger Bestätigung unter dem Primat der Ideologie.

Nachdem nun in der Vergangenheit die Forschung zur “Endlösung der europäischen Judenfrage” vornehmlich als „Kriminalgeschichtsschreibung“ zu charakterisieren war, baut sich seit einiger Zeit ein Paradigmenwechsel auf, den Nationalsozialismus als ein gesamtgesellschaftliches Projekt zu verstehen. Unter Ausschluss von als nutzlos oder feindlich definierten Bevölkerungsgruppen sollte für die deutsche Mehrheitsbevölkerung eine vollkommen neue Gesellschaftsform durchgesetzt werden. In diesem neuen Trend lassen sich zwei Tendenzen unterscheiden, von denen die eine von einer ideologischen Konzipierung und Gestaltung der Politik ausgeht [3] und die andere stärker die materiellen Vorteile für die “Volksgemeinschaft” betont.[4] Aly, der zweiten Gruppe zuzurechnen, neigt dazu, die Verbrechen der Nationalsozialisten aus materialistischen Motiven abzuleiten und der Ideologie eine nachrangige Funktion zuzuweisen. In dem Ansatz der ersten Gruppe jedoch ist die ideologische Konzeption Ausgangspunkt aller Politik, es wird möglich, eine Kontinuität vom Anfang der Nationalsozialisten in München bis zu Krieg und Endlösung aufzuzeigen. Danach entwickelt sich die NS-Verbrechenspolitik anhand von Grundentscheidungen der politischen Führung, womit die Bedingungen geschaffen werden, dass sich die kriminelle Energie von Soldaten, SS, Wirtschaftsleuten, Finanzverwaltung etc. in unterschiedlichen Bereichen entfalten konnte. So war nicht nur die Vernichtung der Juden ein Prozess, der schon lange vor Hitlers Machtantritt begann, sondern auch der Krieg um den “Lebensraum” lange intendiert und konsequent vorbereitet. Der von Aly zu Recht aus der Versenkung hervorgeholte Wirtschaftsstaatssekretär Hermann Backe hat vor dem Krieg bereits wirtschaftspolitische Konzepte antisemitisch begründet und später eine Politik für die Ausbeutung des zu erobernden Europa entwickelt, die dann zumindest teilweise realisiert wurden.[5] Wenn man nicht allein die Akten der Exekutive studiert, zeigt sich auch hier der Primat der Ideologie.

Anmerkungen:
[1] Aly, Götz; Heim, Susanne, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Hamburg 1991.
[2] ‘Endlösung’. Die Entscheidung zum Mord an den europäischen Juden, Frankfurt am Main1995. Vgl. Rezension in Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 44 (1996), S. 472-475.
[3] Beispiele hierfür: Janka, Franz, Die Braune Gesellschaft. Ein Volk wird formatiert, Stuttgart 1997; Meyer zu Uptrup, Wolfram, Kampf gegen die ‘jüdische Weltverschwörung’. Propaganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten 1919-1945, Berlin 2003; Heinemann, Isabel, “Rasse, Siedlung, deutsches Blut”. Das Rasse- & Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003; Rass, Christoph, ‘Menschenmaterial’. Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945, Paderborn 2003; in Ansätzen auch Friedländer, Saul, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung, München 1998.
[4] Neben den Arbeiten von Götz Aly z.B. Gerlach, Christian, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Hamburg 1999.
[5] Backe, Herbert, Volk und Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland, Berlin ca. 1936, Ders., Das Ende des Liberalismus in der Wirtschaft, Berlin 1938, Ders., Um die Nahrungsfreiheit Europas. Weltwirtschaft oder Großraum, Leipzig 1942.

Zitation
Wolfram Meyer zu Uptrup: Rezension zu: : Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt am Main  2005 , in: H-Soz-Kult, 26.05.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6225>.
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26.05.2005
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