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Titel
Das Ehrenbuch der Fugger. Bd. 1: Darstellung - Transkription - Kommentar, Bd. 2: Die Babenhausener Handschrift


Autor(en)
Rohmann, Gregor
Erschienen
Augsburg 2004: Wißner-Verlag
Umfang
312 S., zzgl. Reproduktion
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Birgit Studt, Historisches Seminar, Universität Freiburg

Das „gehaim Erenbuch Mans stammens und Namens des Eerlichen und altloblichen Fuggerischen Geschlechts“, das um 1542/43 von Hans Jakob Fugger bei dem Augsburger Geschichtsschreiber Clemens Jäger in Auftrag gegeben wurde und 1548 in der Werkstatt Jörg Breus des Jüngeren vorläufig abgeschlossen wurde, ist der seltene Fall der Überlieferung einer repräsentativen Familienchronik in Konzept und Endfassung. Eine Textuntersuchung und der eingehende Vergleich der Entwurf- und der Endfassung der Chronik verspricht vielfältige Aufschlüsse über die Bedingungen familiärer Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert.

Gregor Rohmann hat sich bereits in seiner 2001 erschienenen Dissertation über den Augsburger Ratsdiener und Geschichtsschreiber Clemens Jäger den für die Fugger geschriebenen familienchronistischen und historischen Arbeiten gewidmet, diese allerdings im Kontext von Jägers historiografischem Œuvre insgesamt, insbesondere aber der Formen, Bedingungen und Funktionen städtischer und familiärer Geschichtsschreibung im 15. und 16. Jahrhundert behandelt.[1] Das dort erarbeitete reiche Panorama historiografischer Produktion und Überlieferung vor allem im städtisch-patrizischen Milieu bietet die Grundlage für die nun vorgelegte vorbildlich dokumentierende und kommentierende Edition des Fuggerschen Ehrenbuches. Im einführenden Untersuchungsteil beschränkt sich Rohmann daher darauf, Clemens Jäger als professionellen Geschichtsschreiber der Stadt und ihrer Eliten kurz vorzustellen, in knappen Strichen eine Gattungstypologie der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Familiengeschichtsschreibung im städtischen und adligen Ambiente zu zeichnen und auf die Praxis der Familienbuchführung im Umfeld der Fugger hinzuweisen. Vor dieser Folie kann er das Interesse der Fugger an einer spezifischen Darstellung und Wahrnehmung ihrer Familiengeschichte sowie die dafür gewählten Darstellungsformen und Legitimationsstrategien in mehrfacher Hinsicht als Sonderfall darstellen. Dies bezieht sich weniger auf die Prominenz der Familie oder die prachtvolle künstlerische Gestaltung ihres Familienbuchs, als vielmehr auf die Sonderrolle der Fugger in der städtischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im Augsburg des 16. Jahrhunderts, die Legitimation ihres kometenhaften Aufstiegs und die Konzeption der Familiengeschichte als eine Ahnengalerie in Buchform.

Trotz der reichen Informationen, die über den Auftraggeber und seine Familie gegeben werden, wird die causa scribendi für das Ehrenbuch nur indirekt deutlich: Es scheint, als habe Hans Jakob Fugger das Projekt eines Familienbuches zur jener Zeit initiiert, als er zum alleinigen politischen Repräsentanten des Hauses der Fugger von der Lilie in der Reichsstadt geworden war und städtische Führungspositionen zu übernehmen begann. Dadurch dass Hans Jakob Fugger Clemens Jäger mit Recherchen für ein Familienbuch beauftragte, für das er aber selbst die Autorenrolle übernahm, hinter der Jäger als Zulieferer, Ausführender und Koordinator der Arbeiten zurückzutreten hatte, beanspruchte er für sich aufgrund der Logik der Gattung nicht nur die Deutungshoheit über die Familiengeschichte, sondern demonstrierte gleichzeitig seinen Anspruch auf die zentrale Funktion eines Hausvaters und Familienoberhaupts.

Aus der engen Zusammenarbeit zwischen Hans Jakob Fugger und Clemens Jäger, die Rohmann aus der paläografischen Analyse der Entwurfpapiere erschließen kann, wird deutlich, wie der „Fundator“ des Buches seine Familiengeschichte gesehen haben wollte: Da seine Familie erst in das politische Leben Augsburgs eingebunden wurde, als sie es aufgrund ihrer außerstädtischen Positionen (weitreichende, über die wittelsbachischen und habsburgischen Höfe sich erstreckende Klientelbeziehungen und durch außergewöhnlichen Reichtum erkaufte Heiratsverbindungen mit dem schwäbischen, bayerischen und österreichischen Adel) längst maßgeblich bestimmte, wurde ihre ständische Position innerhalb der Stadt erklärungsbedürftig. Bereits an der Wende zum 16. Jahrhundert wurden die Fugger wegen ihres explosionsartigen ökonomischen Erfolgs äußerst kritisch wahrgenommen: Die Familie galt als Synonym für wucherische Geldwirtschaft, monopolistische Preistreiberei und korrumpierende Einflussnahme bei Hofe. Da sie längst ins adlig-höfische Milieu hineingewachsen war, aber weiterhin in der Stadt kaufmännisch aktiv und an den städtischen Lebensraum gebunden blieb, musste das Ehrenbuch den ungewöhnlichen Reichtum und raschen gesellschaftlichen Aufstieg der Fugger auf spezifische Weise erklären. So reklamierte das Ehrenbuch keine, wie sonst üblich, prestigeträchtigen, möglichst alten Vorfahren, sondern thematisierte die niedere Herkunft der Familie, von der sie nur ganz allmählich durch die erfolgreiche Geschäftsführung der Fuggerschen Hausväter aufgestiegen sei. Ihr durch Reichtum erworbener adliger Status, der 1511 von Maximilian I. erstmals bestätigt wurde, wird als Ergebnis einer besonderen Tugendhaftigkeit der Fugger religiös legitimiert. In den biografischen Würdigungen der wirtschaftlich bedeutendsten Hausväter wird kaufmännisches Handeln als materielle Basis ihres Erfolgs und zugleich als legitime adlige Lebensgrundlage gewertet; ihre adlige Qualität hätten sie durch den Dienst für den Herrscher, allerdings nicht in militärisch-administrativen Bereichen, sondern als dessen Bankiers erreicht.

In der Anlage des Familienbuches ist diese in einem als kontinuierlich gedeuteten Prozess erworbene Ehre der Fugger durch die Entfaltung einer Genealogie aller Mitglieder der Fugger von der Lilie und ihrer Heiratspartner in Form von halbfigurigen Porträts mit Wappen ins Bild gesetzt werden. Da sich die begleitenden biografischen und familiengeschichtlichen Nachrichten gegenüber dem Entwurf allmählich zu bis auf wenige Ausnahmen stereotypen Erläuterungen reduzieren, wandelte sich das ursprüngliche Konzept einer repräsentativ bebilderten Familienchronik zu einer Ahnengalerie in Buchform. Aber auch hier, in der Auswahl der Kleidung, der spezifischen Statuszeichen und des Schmucks, kann Rohmann durch kostümgeschichtliche Analysen nachzeichnen, wie sich die spezifische, gewissermaßen auf ‚understatement’ beruhende Legitimationsstrategie der Fugger auf bildlicher Ebene wiederholt. Der Anspruch auf adlige Lebensformen kommt am ehesten in den dekorativen Bordüren der Randleisten zum Ausdruck, deren vielfältige Motive und Themenkreise unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten von Normen des ehelichen und häuslichen Zusammenlebens zulassen.

Rohmanns interessante Beobachtungen und subtile Interpretationen lassen sich mit Hilfe des reich dokumentierten Editionsteils nachvollziehen. Der Bearbeiter hat sich mit gutem Grund entschlossen, die Entwurf- und die Endfassung des Ehrenbuchs getrennt zu edieren, um das gegenseitige Wechselverhältnis von Text und Bild und überhaupt den Entstehungsprozess des Werkes besser dokumentieren zu können. Dazu werden zunächst seitenweise die Bilder und Texte der Entwurffassung wiedergegeben und durch Bildbeschreibungen und Transkriptionen ergänzt. Aus den vom Auftraggeber angebrachten Korrekturen, Kommentaren und Zusätzen, die im textkritischen Apparat erscheinen, kann Rohmann die Kommunikationsstrukturen zwischen den am Werk Beteiligten beschreiben: Während Hans Jakob Fugger an etlichen Stellen seine Wünsche und Korrekturen vermerkt und auch konzeptionelle Eingriffe vornimmt, berichtet Jäger in seinen Einträgen über den Fortgang des Werkes und übermittelt die Wünsche des Auftraggebers an die Breu-Werkstatt. In einem gesonderten Teil folgen dann Bildbeschreibungen und Texttranskription der Prachthandschrift, die auch eine (in den Entwurfpapieren verlorene) Genealogie des Familienzweiges der Fugger vom Reh enthält und die noch im 18. Jahrhundert auf 59 Seiten fortgesetzt worden ist. Der textkritische Apparat liefert darüber hinaus Blasonierungen der Wappen, Beschreibungen der Kostüme und genealogisch-personengeschichtliche Kommentare. Im zweiten Band folgt die Reproduktion der Babenhausener Prachthandschrift, so dass die beschriebenen Befunde dem Benutzer auch unmittelbar vor Augen stehen. Im Vergleich zu den wenigen neueren Editionen/Dokumentationen vergleichbarer Familienbücher des 15./16. Jahrhunderts, die sich entweder auf die Wiedergabe der Bilder mit summarischen Textauszügen beschränken oder sich ausschließlich auf den Text konzentrieren [2], bietet die vorliegende Edition aufgrund ihrer Vollständigkeit, Benutzbarkeit und vorbildlichen Dokumentation eine hervorragende Grundlage für künftige Arbeiten an dem interessanten Genre der Familiengeschichtsschreibung.

Anmerkungen:
[1] Rohmann, Gregor, „Eines Ehrbaren Raths gehorsamer amptman“. Clemens Jäger und die Geschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts, Augsburg 2001.
[2] Vgl. etwa Christ, Dorothea A., Das Familienbuch der Herren von Eptingen. Transkription und Kommentar, Liestal 1992, oder Decker-Hauff, Hansmartin; Seigel, Rudolf (Hgg.), Die Chronik der Grafen von Zimmern. Handschriften 580 und 581 der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek Donaueschingen, 3 Bde., Sigmaringen 1964-1967.

Kommentare

27.09.2005
Rez. Rohmann, Ehrenbuch der Fugger
Von Hartmut Bock
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Zitation
Birgit Studt: Rezension zu: : Das Ehrenbuch der Fugger. Bd. 1: Darstellung - Transkription - Kommentar, Bd. 2: Die Babenhausener Handschrift. Augsburg  2004 , in: H-Soz-Kult, 20.09.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6236>.
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Veröffentlicht am
20.09.2005
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