F. Uekötter: Naturschutz im Aufbruch

Titel
Naturschutz im Aufbruch. Eine Geschichte des Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen 1945-1980


Autor(en)
Uekötter, Frank
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Campus Verlag
Umfang
198 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hildegard Eissing, Mainz

Frank Uekötters „Geschichte des Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen 1945-1980“, herausgegeben im Auftrag der Stiftung Naturschutzgeschichte, umfasst acht Fallstudien zu diesem Bundesland. Einleitend konstatiert Uekötter, dass der Naturschutz heute ganz andere Fragestellungen zu verfolgen habe als im Untersuchungszeitraum – exemplarisch nennt er den „Naturschutz auf der ganzen Fläche“, die Eutrophierung, den Treibhauseffekt, die Zersiedelung der Landschaft, den Kampf gegen eine industrialisierte Landwirtschaft und die Schaffung eines europaweiten Biotopverbundes durch die Umsetzung der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Dies seien Themen, die im deutschen Naturschutz zwischen 1945 und 1980 höchstens eine geringe Rolle gespielt hätten (S. 9). Hier ist einzuwenden, dass die Zersiedelung der Landschaft und die Industrialisierung der Agrarwirtschaft bereits in der frühen Bundesrepublik Hauptthemen des Naturschutzes gewesen sind.

Die Abläufe der acht Fallbeispiele versucht Uekötter anhand von Akten zu rekonstruieren und zu analysieren. Die Beispiele sind geografisch und thematisch über das Land Nordrhein-Westfalen verteilt und wurden für jeweils ein Jahrzehnt des Untersuchungszeitraumes ausgewählt. Ein Anspruch auf Repräsentativität ist mit der Auswahl der Beispiele nicht verknüpft. Sie soll es aber ermöglichen, in ersten Ansätzen Veränderungsprozessen im Naturschutz nachgehen zu können (S. 13). Die Arbeit konzentriert sich dabei auf die Aktivitäten des institutionellen, organisierten Naturschutzes, betrachtet also nicht den gesamten Naturschutz des untersuchten Zeitraums (S. 15). Fallbeschreibung und -analyse werden durch „Postskripta“ ergänzt, die der Autor als zentrale Teile des Buchs versteht (S. 17). Ziel dieser Postskripta ist es, aus zeitlichem Abstand sowie aus dem Vergleich des Zustandes der Landschaft zum Zeitpunkt der Fallgeschichte und des heutigen Zustandes eine Bewertung zu ermöglichen, „die nicht nur den Zeitgenossen, sondern auch der Natur gerecht wird“ (S. 17).

Uekötters zentrale These lautet, dass der Naturschutz seine eigenen Handlungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft habe (S. 10f.). Der Aufbruch des Naturschutzes in den 1950er und 1960er-Jahren habe sich ohne oder sogar gegen seine institutionellen Vertreter vollzogen (S. 11f.). Der Autor geht davon aus, dass der institutionelle Naturschutz im Untersuchungszeitraum ein Nischendasein pflegte, das sich aus einem exklusiven Selbstverständnis im Sinne des „Schönen, Wahren und Echten“ speiste. Das Beauftragtenwesen habe sich aus einem Bewusstsein der eigenen Exklusivität heraus in selbstgewählter Isolation gerechtfertigt und damit durchaus wohlgefühlt (S. 171). Aus Uekötters Sicht hat sich der Naturschutz als organisierte Bewegung auf diese Weise von der Gesellschaft entfernt, in deren Namen er seine Stellungnahmen formulierte.

Die Publikation ist in wesentlichen Teilen einerseits durch ein Zuwenig, andererseits durch ein Zuviel geprägt. Zunächst zum Zuwenig: Im Mittelpunkt steht der institutionalisierte Naturschutz. An keiner Stelle wird erläutert, wie Struktur- und Handlungsrahmen dieses kollektiven Akteurs im Untersuchungszeitraum aussahen, wie also die Institution konkret ausgestaltet war. In welchem Verhältnis standen Haupt- und Ehrenamt zueinander? Wie sahen die rechtlichen, wie die institutionellen Rahmenbedingungen aus? Wie waren Kompetenzen verteilt? Nach welchen rechtlichen Grundlagen liefen die Verwaltungsverfahren ab, in denen die Akteure mitwirkten? Ohne die rechtlich fixierte Struktur der Verfahren zu nennen und die Organisationsstruktur zu beschreiben, bewegen sich die Darstellungen in einem „luftleeren“ Raum. Stattdessen rückt eine humoresk-ironische Schilderung atmosphärischer Erscheinungen des Naturschutzhandelns in den Mittelpunkt.

Damit ist das Zuviel bereits angedeutet: An zahlreichen Stellen schildert Uekötter Persönlichkeitsstruktur und Charakter der Protagonisten. Die Darstellungen, dass Beauftragte des Naturschutzes ihre einsame Stellung als „Lustgewinn“ betrachtet (S. 56), Mitarbeiter von Ministerien sich als „ministerielle Bedenkenträger“ entpuppt ( S. 138), „Agrarbürokraten“ eine skrupellose Politik vollendeter Tatsachen verfolgt hätten (S. 149) oder sie ebenso wie Abbauunternehmen so „charmant“ gewesen seien, dass man sich im Umgang mit ihnen den Charakter habe verderben können (S. 170), bedienen sicherlich bei einigen Lesenden den Sinn für Ironie, bleiben aber leider ohne Beleg.

An manchen Stellen werden Personen nicht mit Vor- und Zunamen benannt – Schmidt gibt es bekanntlich viele (S. 135). Im Fall von W. Münker, immerhin Hauptperson eines ganzen Fallbeispiels, unterbleibt die Angabe des Geburts- und des Todesjahres (S. 37-56). An anderer Stelle wird dasselbe wörtliche Zitat im Abstand von neun Seiten unnötig wiederholt.[1] All dies erschwert die Lektüre und die zeitliche Einordnung der Fallgeschichten und Akteure erheblich. Die Methode der Oral History ordnet Uekötter in die Kategorie „Mutmaßungen“ ein (S. 18). Wie aber will ein Historiker im komplexen Feld der Naturschutzgeschichte – vor allem auch für die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg – ohne die Befragung noch lebender Akteure zu brauchbaren Ergebnissen gelangen?[2]

Der Publikation hätte ein Blick über den Tellerrand des Historikers, also der Mut zu Interdisziplinarität, gut getan: Zu nennen sind etwa Untersuchungen über den Wechsel von Leitbildern im Naturschutz, zu Fragen der Verwissenschaftlichung des Naturschutzes und ihrer Konsequenzen sowie zur Akzeptanz des Naturschutzes.[3]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Anm. 26 auf S. 62, die Anm. 60 auf S. 69 entspricht.
[2] Vgl. Häcker, Bärbel, 50 Jahre Naturschutzgeschichte in Baden-Württemberg. Zeitzeugen berichten, hg. von Eberhart Heiderich, Stuttgart 2004.
[3] Vgl. u.a. Fischer, Ludwig (Hg.), Projektionsfläche Natur. Zum Zusammenhang von Naturbildern und gesellschaftlichen Verhältnissen, Hamburg 2004; Heiland, Stefan, Voraussetzungen erfolgreichen Naturschutzes. Individuelle und gesellschaftliche Bedingungen umweltgerechten Verhaltens, ihre Bedeutung für den Naturschutz und die Durchsetzbarkeit seiner Ziele, Landsberg 1999; Körner, Stefan; Nagel, Annemarie; Eisel, Ulrich (Hg.), Naturschutzbegründungen, Bonn-Bad Godesberg 2003; Konold; Werner, Raum-zeitliche Dynamik von Kulturlandschaft und Kulturlandschaftselementen, in: Naturschutz und Landschaftsplanung 30 (1998), S. 279-284.

Zitation
Hildegard Eissing: Rezension zu: : Naturschutz im Aufbruch. Eine Geschichte des Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen 1945-1980. Frankfurt am Main  2004 , in: H-Soz-Kult, 01.04.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6249>.
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Veröffentlicht am
01.04.2005
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