D. Rabinovici u.a. (Hgg.): Neuer Antisemitismus?

Cover
Titel
Neuer Antisemitismus?. Eine globale Debatte


Hrsg. v.
Rabinovici, Doron; Speck, Ulrich; Sznaider, Natan
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
331 S.
Preis
€ 12,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helga Embacher, Fachbereich für Geschichte und Politikwissenschaft, Universität Salzburg

Seit Beginn der zweiten Intifada im Herbst 2000 häufen sich die Warnungen vor einem neuen globalen Antisemitismus. Während weitgehend Konsens besteht, dass antijüdische Ausschreitungen in Europa und ein zunehmend negatives Israelbild mit Eskalationen im Nahen Osten, internationalem Terrorismus und dem Irakkrieg korrelieren, sind sich keineswegs alle Experten über den Charakter und das Ausmaß eines neuen Antisemitismus einig. Mittlerweile sind auch bereits zahlreiche Publikationen zu dieser Thematik erschienen [1], doch erweist sich aufgrund der damit verbundenen hohen Emotionalität eine wissenschaftliche Diskussion oft als schwierig.

Der vorliegende Sammelband fasst wesentliche Positionen der Debatte zusammen. Bei der Auswahl der Beiträge orientierten sich die Herausgeber an drei Hauptfeldern: an der Frage, wo oder wie sich Grenzen zwischen legitimer Kritik an Israel und einer antisemitisch motivierten Ablehnung des Staates festmachen lassen, am Problem des linken Antisemitismus sowie an der Frage eines Antisemitismus in der islamischen bzw. arabischen Welt (S. 11).

Die einzelnen Autoren nehmen in ihren Beiträgen zum Teil sehr kontroverse Positionen ein, was auch das Spannende der Publikation ausmacht. Während einige von einer neuen Welle des Antisemitismus sprechen und davor warnen, dass dessen Konsequenzen sich ähnlich katastrophal erweisen könnten wie die des Nationalsozialismus, sehen Antony Lerman und Tony Judt im europäischen Antisemitismus ein konstantes Phänomen, das, wie Lerman argumentiert, laut empirischer Studien bei 15 bis 20 Prozent liege. Den Antisemitismus der islamischen Welt sieht Lerman als „Schlüsselelement des neuen Antisemitismus“ (S. 109), der sich jedoch vom europäischen Antisemitismus und Antizionismus unterscheide, da ihm ein realer Konflikt zugrundeliege.

An einigen Beiträgen wird auch deutlich, dass noch kein Konsens darüber besteht, inwieweit Antizionismus mit Antisemitismus gleichzusetzen und wann Kritik an Israel als antisemitisch zu werten sei. Moshe Zimmermann verweist auf die Grauzone zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus, wobei die Trennlinie allerdings mit einer sicheren Methode und Fingerspitzengefühl festgemacht werden könne: Es komme darauf an, nicht nur antisemitische Stereotypen, sondern zugleich den Kontext und Subtext zu erkennen. Zimmermann problematisiert in diesem Zusammenhang auch den Alleinvertreteranspruch Israels, der den heutigen Antisemitismus keineswegs rechtfertigen könne, jedoch erkläre, weshalb die Differenzierung zwischen Juden und Israelis vor allem in der muslimischen Welt nicht verstanden werde: „Wenn Israel glaubt, die Interessen aller Juden vertreten zu müssen, dann werden alle Juden schnell zu Partnern, Schützlingen oder Geiseln der israelischen Politik gemacht.“ (S. 306)

Thomas Haury behandelt den neuen Antisemitismusstreit innerhalb der deutschen Linken, der bereits eine lange Tradition aufweist. Schon seit 1967 dominierte in der Neuen Linken der Antizionismus, und spätestens mit dem Libanonkrieg von 1982 finden sich Gleichsetzungen zwischen Israel und dem NS-Staat. Es wurde von der „Endlösung der Palästinenserfrage“ oder von „Israel als Speerspitze des Imperialismus“ gesprochen. Mit dem Golfkrieg von 1991, der zweiten Intifada und den Anschlägen des 11. September 2001 wurde die Debatte neuerlich aufgeheizt, wobei vor allem die nach 1989 entstandene „antideutsche Linke“ Kritik an den amerika- und israelfeindlichen Tönen der orthodoxen Linken übte. Dank dieser Debatte, die mittlerweile auch in der Antiglobalisierungsbewegung geführt wird, gilt laut Haury Antisemitismus oder Antizionismus innerhalb der bundesdeutschen Linken nicht mehr als konsensfähig. Nicht zuletzt im internationalen Vergleich liege „die Schwelle für die Skandalisierung von antiimperialistischen und antiisraelischen Positionen deutlich niedriger als in vielen anderen Staaten“ (S.166). Damit stellt sich die Frage, ob Forderungen nach einem Boykott von israelischen Universitäten, wie sie in Frankreich und Großbritannien [2] von Teilen eines linken akademischen Milieus erhoben wurden, in Deutschland derzeit möglich wären. Doch auch die pro-israelische Haltung der „antideutschen“ Linken bedarf einer näheren Untersuchung, denn gerade gut gemeinte Solidarität mit Israel birgt häufig die Gefahr von Philosemitismus und Islamophobie.[3]

Mehrere Aufsätze des Sammelbandes (Robert Wistrich, Jeffrey Herf, Matthias Küntzel) befassen sich mit dem islamischen Antisemitismus, dem wohl brisantesten Phänomen des neuen Antisemitismus. Das Hauptaugenmerk der einzelnen Beiträge richtet sich weniger auf den Antisemitismus in europäischen muslimischen Zuwanderungsgesellschaften, sondern auf einen globalen islamischen Fundamentalismus und dessen Parallelen zum Nationalsozialismus. Küntzel sieht die Entstehung des Antisemitismus in der arabischen Welt als eine Art ideologischen Transfer, wobei er vor allem die enge Beziehung zwischen dem Mufti von Jerusalem und dem Nationalsozialismus thematisiert. Von den 1930er-Jahren ausgehend, zeichnet er eine lineare Entwicklung des islamischen Antisemitismus bis in die Gegenwart, lässt den historischen Kontext indes weitgehend außer Acht und nimmt auch eine zu einseitige pro-israelische Haltung ein. So weist Küntzel im Zusammenhang mit dem Krieg von 1948 zwar darauf hin, dass der Krieg 6.000 Israeli das Leben gekostet habe, schweigt aber über die Vertreibung der Palästinenser. Undifferenziert ist auch seine Einschätzung des Friedensprozesses in den 1990er-Jahren, wenn er schreibt: „Wann immer die Möglichkeit einer friedlichen Lösung am Horizont erschien, wurde sie im Blut suizidaler Massenmorde ertränkt.“ (S. 289)

Herf geht in seinem Vergleich zwischen islamischem Fundamentalismus und Nationalsozialismus so weit, dass er deutschen Politikern und vor allem auch der deutschen Linken vorwirft, die Gefahren des neuen Faschismus, die „finsteren irrationalen Kräfte in der islamischen Welt“ (S. 267), erneut zu verkennen. Deutschland muss seiner Meinung nach durch den aktiven Kampf gegen die neuen totalitären Diktaturen die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu Ende bringen. Konkret meint Herf damit eine aktive Unterstützung des Irak-Krieges auf Seiten der USA: „Die harte Option eines kleineren Krieges […] wurde 1938 oder 1939 bedauerlicherweise nicht gewählt, dafür aber zum Glück im Frühjahr 2003. Besonders in Deutschland hätte man, wo doch die Vorteile eines Präventivkrieges gegen das Nazi-Regime so klar auf der Hand liegen, auf mehr Verständnis für die Gründe hoffen können, die jetzt für einen Präventivkrieg sprachen.“ (S. 205) Gerd Koenen wiederum zeigt sich skeptisch gegenüber der These einer Wiederkehr des alten Antisemitismus oder Totalitarismus. Für ihn ist es wichtig, die jeweils situativen Elemente und die je spezifische Aneignung zu betonen. Er warnt auch vor der Annahme, „Islamo-Faschismus“ und damit transnationale Terrornetze in einem regulären Krieg „wie Hitler“ besiegen und eliminieren zu können – „eine Vorstellung, die die in vorderster Linie Angegriffenen, die USA und Israel, jeden Tag tiefer in den nahöstlichen Sumpf hineinzieht und die dem strategischen Kalkül, das mit den Angriffen des 11. September 2001 offensichtlich verbunden war, auf verhängnisvolle Weise entgegenkommt“ (S. 190).

Das Verdienst der Publikation liegt in den kontroversen Beiträgen – denen man nicht immer zustimmen muss, die jedoch einen Einblick in die derzeitige Debatte zum neuen Antisemitismus vermitteln.

Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch Kosmin, Barry; Iganski, Paul (Hgg.), A New Antisemitism? Debating Judeophobia in 21st Century in Britain, London 2003; Kaufmann, Tobias; Orlowski, Manja (Hgg.), „Ich würde mich auch wehren...“. Antisemitismus und Israel-Kritik – Bestandsaufnahme nach Möllemann, Potsdam 2002; Schirnhofer, Petra, Zwischen Paris und Jerusalem. Zum Echo eines Nahostkonflikts in der französischen Innenpolitik, Diplomarbeit, Universität Wien 2003; Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 33 (2005): Antisemitismus – Antizionismus – Israelkritik. Aus journalistischer Sicht: Rausche, Hans, Israel, Europa und der Neue Antisemitismus. Ein aktuelles Handbuch, Wien 2004; Foxman, Abraham H., Never Again? The Threat of the New Anti-Semitism, San Francisco 2003; Chesler, Phyllis, The New Anti-Semitism. The Current Crisis and What We Must Do About It, San Francisco 2003.
[2] Im April 2005 löste der Beschluss der 49.000 Mitglieder umfassenden British Association of University Teachers, die Universitäten Haifa und Bar-Ilan zu boykottieren, heftige Kontroversen aus; vgl. Reich, Walter, Briten, stoppt den Israel-Boykott, in: Die Zeit, 19.5.2005, S. 14.
[3] Vgl. Embacher, Helga, Belated Reparations? Philosemitism in the Second Generation, in: Contemporary Austrian Studies 13 (2005), S. 231-239.

Zitation
Helga Embacher: Rezension zu: Rabinovici, Doron; Speck, Ulrich; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus?. Eine globale Debatte. Frankfurt am Main  2004 , in: H-Soz-Kult, 26.08.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6252>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.08.2005
Beiträger
Redaktionell betreut durch