R. Tuchtenhagen: Geschichte der baltischen Länder

Titel
Geschichte der baltischen Länder.


Autor(en)
Tuchtenhagen, Ralph
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 7,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Heitmann, Hauptstaatsarchiv Dresden

In den Jahren seit der Erosion der sowjetischen Herrschaft und der friedlichen „singenden“ Revolution in Estland, Lettland und Litauen, die schließlich 1991 in der Wiedererlangung staatlicher Unabhängigkeiten mündete, hat das Interesse an der Region „Baltikum“ einen erfreulichen Zuwachs erfahren. Dieser drückte sich zuerst einmal in einem Wiederentdecken der Länder aus; Touristen, Geschäftsleute und Studenten reisen heute ganz selbstverständlich nach Tallinn, Riga und Vilnius, die Hauptstädte der neuen EU- und NATO-Mitglieder. Damit einher ging ein Bedarf an schnellen Informationen über Land und Leute und so hatten zuerst einmal Bildbände, Reiseführer und populäre Darstellungen Konjunktur.[1] Bewährte ältere Titel wurden leider übersehen [2] und aktuelle Arbeiten wie der umfängliche Band in der Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“ [3] blieben wegen einer unglücklichen Verlagspolitik nur einem kleinen Kreis von Lesern zugänglich. Unabhängig von ihrer Sachkunde waren alle diese Darstellungen aus deutscher, sei es „reichsdeutscher“ oder „deutschbaltischer“ Perspektive geschrieben. Die Titularnationen der Länder kamen dort überwiegend in ihrer Beziehung zu den Deutschen oder Deutschland vor.

Erst zehn Jahre später legte Michael Garleff, Direktor des Oldenburger Bundesinstitus für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, eine neue, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende und trotzdem allgemeinverständliche Arbeit über die „baltischen Länder“ vor. Diese ist losgelöst von der deutschen Perspektive und beschreibt kenntnisreich die geschichtliche, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Region und der dort lebenden Menschen.[4] Ralph Tuchtenhagen, Professor für Ost- und Nordeuropäische Geschichte an der Universität Hamburg, hat Garleffs Arbeit nun einen weiteren populären Titel zur Geschichte der baltischen Länder folgen lassen. Erschienen ist seine „Geschichte der baltischen Länder“ in der etablierten Beck’schen Reihe, in der bereits eine Vielzahl fundierter kurzer Landesgeschichten zu finden ist. Auf reichlich hundert Seiten unternimmt Tuchtenhagen den Versuch, die Geschichte der Region möglichst gerafft darzustellen und zugleich den komplizierten Gegenstand Baltikum so differenziert wie möglich zu betrachten.

Die Gliederung des Buches folgt im Wesentlichen der klassischen Chronologie der Geschichtswissenschaft mit Mittelalter, Früher Neuzeit, einem langen 19. Jahrhundert und schließlich der Zeitgeschichte. Als weiteres Ordnungsmuster dient die Geschichte der Herrschaft über die Region, was dann leider zu einer wenig übersichtlichen Aufspaltung der einzelnen Kapitel führt; so werden die 24 Seiten zur Frühen Neuzeit in fünf Abschnitte unterteilt, von denen allein die sieben Seiten über den „Niedergang der Länder Litauens in der Union mit Polen“ in weitere vier Abschnitte zerfallen (S. 50-56). Die ohnehin komprimierte Darstellung wird noch weiter verdichtet, indem der Autor nahezu jeder geografischen Bezeichnung eine Vielzahl nationalsprachlicher Varianten anfügt. So erfährt der Leser die deutschen, litauischen und russischen Namen der Städte Kleinlitauens; z.B. „Klaipeda (dt. Memel), Tilze (dt. Tilsit, heute russ. Soveck), Labiau (heute russ. Polessk), Ragaine (dt. Ragnit, heute russ. Neman), Isrutis (dt. Insterburg, heute russ. Cernjachovsk) und Gumbinnen (heute russ. Gusev)“ S. (55) – der Lesefluss wird dadurch aber nicht eben gefördert. Den 98 Seiten Darstellung folgt ein Anhang von 23 Seiten mit Karten, Zeittafel, Bibliografie, Hinweisen zur Sprachform und zu Zeitangaben sowie Indices, die allesamt wertvoll und leider immer noch kein Standard sind.

Im geografischen Index findet sich jedoch das zitierte „Isrutis“ ebenso wenig wie das kartierte „Dünaburg“; Flußnamen (Düna, Wisla, Nemunas) werden im Text zwar oft erwähnt, sind aber nicht kartiert oder indiziert. Überhaupt erscheint das Prinzip, welche sprachliche Bezeichnung verwandt wird, weder transparent noch konsequent. Mal sicherte Preußen sich „Danzig, Thorn, Gnesen (poln. Gniezno)“, dann erhielt Österreich „Westgalizien mit Krakow (dt. Krakau) [...] und Preußen Warszawa (dt. Warschau)“ zugesprochen (S. 54). Mit seinen grundsätzlichen Hinweisen zur Sprachform (S. 105) belegt Tuchtenhagen zwar seinen ambitionierten Anspruch, dem sprachlich schwer fassbaren Gegenstand „baltische Länder“ gerecht zu werden, doch wird der Text durch die Detailfreude noch enger und es fehlt schließlich der Raum für andere, zum Verständnis baltischer Geschichte mindestens gleich wichtiger Informationen. Hier kollidieren der Anspruch des Fachwissenschaftlers und das Verlagskonzept einer allgemeinverständlichen publikumsorientierten Reihe. Ärgerliche sinnentstellende Trennungen fremdsprachiger Bezeichnungen nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung wie z.B. „Vent-spils“ statt Vents-pils (S. 19) oder gar falsche Seitenüberschriften (S. 45-49) lassen vermuten, dass hier dem Verlag die Verantwortung für die inkonsequente Umsetzung zuzuschreiben ist.

Dies ist umso mehr zu bedauern, als Tuchtenhagen in seiner versierten Einleitung Lust macht auf die „baltischen Länder“, deren Bezeichnung allerdings – wie er sogleich hinzufügt – eigentlich irreführend ist. Ausdrücklich anerkennt er, als Historiker „nicht einfach an populären geohistorischen Auffassungen vorbeischreiben“ zu können, wirbt aber trotzdem für eine „Begriffspräzisierung“ und will daher für jede historische Periode einzeln beantworten, was baltische Geschichte sein soll (S. 9). Einführend erhält der Leser eine Vielzahl von Informationen zur Ethnogenese baltischer und ostseefinnischer Stämme um 1000 v.Chr., zur Sprachgeschichte sowie zu Orten und Personen (und deren Bezeichnungsvarianten). Je weiter die Betrachtung zeitlich fortschreitet, desto souveräner breitet Tuchtenhagen seinen Stoff aus. Immer steht am Anfang einer seiner vielen Textabschnitte die landesherrliche oder staatliche Zugehörigkeit einer Region, dann folgen nach Bedarf Angaben zu Wirtschaft, Gesellschaft oder Religion. Zugleich wird das Tempo seiner Erzählung schneller; während er dem „langen 19. Jahrhundert unter russischer Herrschaft“ noch 22 Seiten widmet (S. 57-78), handelt er die erstmalige Entstehung (auch des Begriffes) baltischer Staaten am Ende des Ersten Weltkrieges bis zu ihrer erstmaligen sowjetischen Okkupation im Jahr 1940 auf elf Seiten ab. Hier beginnt der Text unter der Komprimierung zu stark zu leiden.

Das zentrale Ereignis der Nationalstaatswerdung oder das Eingreifen paramilitärischer deutscher Verbände in diesen Prozess wird unverhältnismäßig flüchtig abgehandelt, Begriffe wie „Freikorps“ tauchen z.B. überhaupt nicht auf; die Namen „Eiserne Division“ und „Rüdiger von der Goltz“ werden einmalig erwähnt, ohne sie aber zu erläutern (S. 81f.). Der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besetzung füllen knappe drei, die anschließende zweite sowjetische Okkupation (1944-1991) ebenso wie die „neue Unabhängigkeit“ seit 1991 jeweils sechs Seiten. Damit erscheint die Zeitgeschichte von der Anzahl der Seiten zwar gebührend berücksichtigt, doch Tuchtenhagen folgt weiter seinem Axiom der Begriffspräzisierung und umreißt für jeden einzelnen der nun drei Staaten gesondert die weitere Entwicklung. Dies ist auf so engem Raum aber kaum möglich und so gewinnen diese Abschnitte den Charakter von Lexikoneinträgen ohne dem Leser wirklich etwas zu erklären.

Insgesamt ist Tuchtenhagen eine faktografisch dichtestmögliche Darstellung der Geschichte der Region zwischen Narva und Memel gelungen. Sie nimmt den aktuellen Forschungsstand auf, ist vollständig losgelöst von der in der überwiegenden Anzahl bisheriger Darstellungen vorherrschenden irreführenden Perspektive einer Titularnation oder eines Nationalstaates und versteht es, das komplexe Ineinandergreifen von sozialem Stand, Berufszugehörigkeit, Religion, Sprachgemeinschaft und Landesherrschaft zu verdeutlichen. Es wäre dem Autor zu wünschen gewesen, dafür mehr als hundert knappe Seiten zur Verfügung gehabt zu haben.

Anmerkungen:
[1] Exemplarisch sei hier genannt Welder, Michael, Reise in das Baltikum. Auf Spurensuche in Estland, Lettland und Litauen, Leer 1992.
[2] Z.B. Rauch, Georg von, Geschichte der baltischen Staaten, München 1990.
[3] Pistohlkors, Gert von, Baltische Länder (Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1994.
[4] Garleff, Michael, Die baltischen Länder, Regensburg 2001.

Zitation
Clemens Heitmann: Rezension zu: : Geschichte der baltischen Länder. München  2005 , in: H-Soz-Kult, 23.06.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6259>.
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23.06.2005
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