R. Chickering/S. Förster/B. Greiner, A World at Total War

Cover
Titel
A World at Total War. Global Conflict and the Politics of Destruction, 1937-1945


Hrsg. v.
Chickering, Roger; Forster, Stig; Greiner, Bernd
Erschienen
Umfang
392 Seiten
Preis
$70.00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Jörg Echternkamp Militärgeschichtliches Forschungsamt Potsdam

Trifft zu, was in der Fachliteratur ebenso landläufig wie axiomatisch formuliert wird: dass der Zweite Weltkrieg ein “totaler” war? Oder, methodologisch gewendet, dass wir es mit einem paradigmatischen Fall des „totalen Krieges“ zu tun haben? Um diese Fragen dreht sich der fünfte, auf eine Tagung in Hamburg 2001 zurückgehende Sammelband. Frühere Beiträge der Konferenzreihe, die verschiedene gewaltsame Konflikte seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg auf ihre Totalität hin befragt und das Modell des totalen Krieges selbst auf den Prüfstand der historischen Forschung gestellt haben [1], konnten zeigen, dass der Weg in den „totalen Krieg“ alles andere als geradlinig verlief – wer wollte der historischen Kontingenz auch historiographische Gewalt antun? Der nun vorliegende Band belegt auf beeindruckende Weise, wie sich selbst der Zweite Weltkrieg dagegen sperrt, mit dem Attribut der Totalität allein angemessen charakterisiert zu werden.

Sicher, seine Dimension war beispiellos, wie nicht nur Gerhard L. Weinberg, der vor über zehn Jahre eine erste Synthese gewagt hat [2], im ersten Kapitel vor Augen führt. Die Kriegsschauplätze erstreckten sich über fast alle Kontinente, nie waren soviele Menschen, über 70 Millionen, für den Militärdienst mobilisiert worden in Streitkräfte, deren Ausmaß ohne gleichen war und die auf eine immer radikalere Weise Krieg führten (Hew Strachan), unterstützt von Wirtschaftssystemen, in der Männer und Frauen, darunter Millionen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, ein Bruttosozialprodukt erzeugten, das zu mehr als die Hälfte in die Kriegführung gepumpt wurde. Auch die Brutalität der Kriegführung vor allem auf deutscher, sowjetischer und japanischer Seite (Louise Young) ebenso wie die Radikalität der Kriegsziele und ihrer Unterfütterung durch unmenschliche Feindbilder waren so noch nicht vorgekommen. Dass die Vorstellung eines "totalen Krieges" ihrerseits 1945 weithin akzeptiert war, bereitete den mentalen Boden für seine letzte Steigerung: den Abwurf der Atombombe (Robert L. Messer).

Doch die einzelnen Beiträge verdeutlichen vor allem gegenläufige Entwicklungen. Kriegführung, Wirtschaft, Gesellschaft, Krieg gegen Nichtkombattanten und Kriegsverbrechen – unter diesen fünf Kapitelstichworten zeichnen die Autoren auch die unterschiedliche Stärke der Stränge nach, deren Bündelung erst die Totalität des Krieges ausmacht. So gab es deutliche geographische Schwerpunkte in Asien, Mittel- und Osteuropa. Der Grad der ökonomischen Mobilisierung und der sozialen Kontrolle schwankte. Das gilt für die USA, deren Krieg zwar global, nicht aber total war (Dennis Showalter), aber auch für das totalitäre NS-Regime (Jürgen Förster), wenngleich die Ausbeutung von Zwangsarbeitern zweifellos eine Höhepunkt der "totalen" Kriegführung darstellte (Hans Mommsen). Dass auch individuelle Handlungsmotivationen eine wichtige Rolle spielten, zeigt Mark Harrison für die Sowjetunion 1941/42. Für Großbritannien betonen Stephen Broadberry und Peter Howlett das Zusammenwirken von staatlicher Kontrolle und Markmechanismen. Der Band liefert zahlreiche Beispiele dafür, dass der Krieg in mancher Hinsicht sogar weniger total ausfiel als seine Vorläufer. Das Leben an der deutschen „Heimatfront“ zum Beispiel wurde lange Zeit weit geringer beeinträchtigt, als das im Ersten Weltkrieg der Fall war. Die überlieferten Geschlechterrollen zogen der militärischen Verwendung von Frauen in Deutschland wie in Großbritannien Grenzen (Jill Stephenson). Wer in Westeuropa oder Nordafrika in Kriegsgefangenschaft geriet, hatte gute Aussichten, unter vergleichsweise humanen Bedingungen zu überleben. Und die totalen Kriegsziele? Hier hat man das nationalsozialistische Ziel einer Neuordnung Europas nach rassistischen Kriterien vor Augen. Doch die Alliierten, mit Ausnahme der Sowjetunion, hatten keineswegs vor, die Gesellschaften ihrer Gegner grundlegend zu zerstören – der immer wieder irreführend genanten Formel der „bedinungslosen Kapitulation“ zum Trotz. So ersetzt der Band durch die sorgfältige Beschreibung von Mischungsverhältnissen die pauschale Rede vom totalen Krieg – anhand seines Idealtyps.

Die transnationale Zusammenschau legt zudem in der nötigen Breite offen, was nationalgeschichtlich orientierte Darstellungen andeuten: das Ausmaß der zivilen Dimension industrialisierter Kriegführung. Militärische Gewalt schlug in vollem Umfang auf die Zivilbevölkerung zurück – die sie erst möglich gemacht hatte. Schon deshalb ist es mit einer im engen Sinne militärgeschichtlichen Darstellung nicht getan. Der Bombenkrieg (dessen Legitimation auf alliierter Seite Richard Overy nachgeht) und der Genozid (dessen Rolle hier besonders Myriam Gessler und Stig Förster herausstellen) waren technische bzw. politische und kulturelle Triebkräfte der Apotheose dieses Krieges gegen Zivilisten, die beide kräftige Wurzeln im Ersten Weltkrieg hatten. Wie brutal der Partisanenkrieg in Weißrussland auf beiden Seiten war, zeigen die Fallstudien Hans-Heinrich Noltes, während Birgit Beck auf eine geschlechterspezifische Dimension der Übergriffe auf Zivilisten, die Vergewaltigung von Frauen durch Wehrmachtsoldaten, hinweist.

Zwar birgt das Modell des "totalen Krieges" in der Anwendung auf zwei Jahrhunderte die Gefahr der teleologischen Verkürzung, zu der nicht zuletzt die Bände der Konferenzreihe selbst beitragen. Doch zu den Stärken auch dieses Bandes zählt, dass die Herausgeber die Vorzüge und Nachteile ihrer Betrachtungsweise diskutieren und so das Bewusstsein des Lesers für die Konsequenzen schärfen, welche die Definition des Zweiten Weltkrieges als eines totalen für die narrative Logik seiner Historiographie haben. Wo frühere Kriege an der Messlatte ihrer Nähe zum Zweiten Weltkrieg gemessen werden, liegt der modernen Militärgeschichte allzu rasch eine „master narrative“ zugrunde, die 1939/45 zum Fluchtpunkt, um nicht zu sagen: zum Höhepunkt einer Entwicklung macht, die im ausgehenden 18. Jahrhundert mit den Volkskriegen der Revolutionszeit einsetzte.

Dieses Problem nennen Chickering, Förster und Greiner nicht nur beim Namen, sie bieten dem Leser auch sogleich eine Lösung an: die „nominalistische“ Lesart (S. 13). In diesem zeitlich enger, auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gefassten Interpretationsrahmen wird als totaler Krieg verstanden, was die Zeitgenossen so nannten. So untersucht Martin Kutz Ludendorffs und Goebbels' recht gleichlautende Vorstellungen von "totalem Krieg". Sinnvoll mag es indes sein, mit den erwähnten Kautelen den hermeneutischen Gewinn des idealtypischen Ansatzes einzustreichen – von dem alle Bände der Reihe ja eindrucksvoll zeugen – und zugleich die semantische Komponente bei der Betrachtung des „Zeitalters der Weltkriege“ hinreichend zu berücksichtigen.

Keine Frage: In der Kombination von methodologischer Reflexion und empirischer Analyse sowie in der Weite des gewählten Blickwinkels liegt das große Verdienst dieses Sammelbandes, der durch eine systematische Bibliographie mit Berücksichtigung der seit 2001 erschienen Studien noch gewonnen hätte. Hier gelingt ein Schritt auf dem Weg der modernen Weltkriegsforschung zu ihrer überfälligen Europäisierung, wenn nicht Globalisierung. Auf dem führt – so wäre zu ergänzen – auch die Wirkungsgeschichte weiter. Der Band bietet dafür ebenfalls Anknüpfungspunkte, etwa Bernd Greiners Beitrag über den mentalitäts- und sozialgeschichtlich tiefgreifenden Wandel der amerikanischen Gesellschaft. Vor dem Hintergund der Erfahrungen des totalen Krieges ist nach deren Folgen für die Konsolidierung des Friedens in den Nachkriegsgesellschaften zu fragen.

[1] Förster, Stig; Nagler, Jörg (Hg.), On the Road to Total War. The American Civil War and the German Wars of Unification, 1861-1871, Cambridge 1997; Boemeke, Manfred F. (Hg.), Anticipating Total War. The German and American Experiences, 1871-1914, Cambridge 1999; Chickering, Roger; Förster, Stig (Hg.), Great War, Total War. Combat and Mobilization on the Western Front, 1914-1918, Cambridge 2000; Chickering, Roger; Förster, Stig (Hg.), The Shadows of Total War. Europe, East Asia, and the United States, 1919-1939, Cambridge 2003.
[2] Weinberg, Gerhard L., A World At Arms. A Global History of World War II, Cambridge 1994.

Zitation
Jörg Echternkamp: Rezension zu: Chickering, Roger; Forster, Stig; Greiner, Bernd (Hrsg.): A World at Total War. Global Conflict and the Politics of Destruction, 1937-1945. Cambridge  2005 , in: H-Soz-Kult, 17.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6304>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.02.2006
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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