Ch. Beil: Der ausgestellte Krieg

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Titel
Der ausgestellte Krieg. Präsentationen des Ersten Weltkriegs 1914-1939


Autor(en)
Beil, Christine
Erschienen
Umfang
435 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nadine Rossol, University of Limerick

Im Frühjahr 2004 eröffnete das Deutsche Historische Museum die Ausstellung „Der Erste Weltkrieg. Ereignis und Erinnerung“ zum 90-jährigen Jubiläum des Kriegsausbruchs. Die Verbindung zwischen Inhalt und musealer Darstellung wurde in der Presse als unterschiedlich gelungen bewertet. Zu kühl und sachlich, den Schrecken des Krieges aussparend, kritisierten einige, vernünftigerweise keine nachgebauten Schützengräben oder Trommelfeuer vom Tonband präsentierend, lobten andere.[1]

Christine Beil konzentriert sich in ihrer Studie „Der ausgestellte Krieg. Präsentationen des Ersten Weltkriegs 1914-1939“ auf Fragen der musealen Präsentation. Sie untersucht die Darstellungsweise des Ersten Weltkrieges in deutschen Ausstellungen von 1914 bis 1939 und zeigt auf „welche Strategien die Ausstellungsmacher nutzten und auf welche Rezeptionstraditionen sie zurückgriffen“ (S. 28). Damit bündelt die gut lesbare und angemessen bebilderte Studie zwei Bereiche, die visuelle Darstellbarkeit von Krieg und die dazugehörige Geschichtspolitik. Zeitlich teilt sich die Arbeit in Ausstellungen während des Krieges und in der Zwischenkriegszeit. Das Register bietet eine hilfreiche Aufstellung der verschiedenen Kriegsausstellungen.

Im ersten Teil ihrer Studie präsentiert Beil eine Vielzahl unterschiedlicher Museen, die den Krieg darzustellen versuchten. Divergierten die verschiedenen Ausstellungen sowohl in ihren Präsentationsweisen als auch in der Auswahl der Objekte, so lieferten sie jedoch keine Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten, oder gar kriegskritische Töne. Die Kriegsbeuteausstellungen des Berliner Zeughauses, in welchen traditionsgemäß gegnerische Fahnen und Gewehre gezeigt wurden, beschreibt Beil als Versuch, den modernen Massenkrieg in eine Kriegstradition einzuordnen. Denn diese, große Anziehung ausübenden Ausstellungen, hatten nicht mit namenlosen Massensterben zu tun, sondern präsentierten Einzelobjekte, die einen Kampf Mann gegen Mann suggerierten. Damit kreierte die Präsentation der Objekte ein Bild des Kriegs von „Identifizierbarkeit, Individualität und Ordnung, wo hingegen auf dem Schlachtfeld Anonymität und Chaos herrschten“ (S. 98).

Kriegsausstellungen in Heimat- und Schulmuseen mit ihren starken lokalen Verankerungen charakterisiert Beil als Schnittstellen, die offizielle Kriegsberichte mit örtlicher Alltagserfahrung verbanden. Damit brachte der Lokalpatriotismus der Heimat- und Schulmuseen den einfachen Soldat ins Museum. Die gesammelten Objekte sollten besonders die Gefühlsebene ansprechen und vermitteln, wie die Männer aus dem Ort an der Front lebten. Beil schränkt allerdings ein, dass dieses Kriegsbild nicht zwangsläufig näher an den Kriegserfahrungen der Soldaten war. Auch hier war die Propagierung eines nationalen Vaterlandpathos ausschlaggebend. Lokale Museen entwickelten während des Krieges eine Rolle als „Denkmal, Informationsstelle, Selbstdarstellung-, Beruhigungs- und Propagandamedium in einem“ (S. 111).

Auf die zunehmende Beunruhigung der Bevölkerung reagierte der Staat mit verschiedenen Ausstellungsangeboten. Ausstellungen über Verwundeten- und Krankenfürsorge sollten das Können der Ärzte und die Beherrschbarkeit von Kriegsverletzungen darstellen. Gliedprothesen und andere medizinische Geräte täuschten vor, dass jede Kriegsverletzung zu behandeln war. Nachgebaute Schützengräben, durch welche sich die Besucher bewegen konnten, suggerierten eine exakte Abbildung der Frontrealität. Sie bedienten sich eines Gestaltungskonzepts, das einen Gesamteindruck mit aktiver Partizipation förderte. Laut Beil, sollte so ein Gefühl von Sicherheit vermittelt werden. Durch seine Sachlichkeit in Präsentation und Inhalt bestach das Kriegswirtschaftsmuseum. Es befasste sich mit der Kriegswirtschaft an der Heimatfront und stellte popularisierte Wissensvermittlung an erste Stelle. Die staatlich organisierte Ausstellungsreihe „Deutsche Kriegsausstellungen“ wollten in großen Messehallen ein Gesamtbild des Krieges präsentieren. Uniformen, Kanonen, Kriegstechnik, ein unterhaltsames Rahmenprogramm sowie die Möglichkeit von Souvenirkäufen gaben diesen Ausstellungen ein enormes Spektrum. Beil sieht die Vielfältigkeit des Angebotes in der Kriegsmüdigkeit und in der zunehmenden Wichtigkeit der Unterhaltung begründet. Die Unterschiedlichkeit der Kriegsaustellungen während des Ersten Weltkrieges, in welchen traditionelle Darstellungsweise und neuartige Inszenierungen ihren Platz hatten, deutet Beil als „ein Charakteristikum dieser Umbruchszeit“ (S. 371).

Der zweite Teil der Studie untersucht die Zwischenkriegszeit. In der Weimarer Republik, diesem „Krieg im Frieden“, wurden Kriegsaustellungen Schauplätze politischer Kämpfe.[2] Beil zeigt dies am Beispiel des Anti-Kriegsmuseums Ernst Friedrichs und den Ausstellungen des kommunistischen Rot Frontkämpferbunds für die Linke, und an Nachbauten von Schlachtfeldern für die Rechte. In der Darstellungsweise linker Anti-Kriegsausstellungen dominierten Collage- und Montagetechnik, Verfremdung von Kriegsgegenständen und eine Konzentration auf die Schrecken des Krieges. Hier wurde, so die Studie, hauptsächlich die Klientel der extremen Linken angesprochen. Die Rechte reagierte mit Miniaturschlachtfeldern, auf welchen der Krieg nachgespielt werden konnte. Elektronisch beleuchtete Landkarten markierten den Frontverlauf. Einer Verbindung aus Schlachtenmythen, Reduktion auf einzelne Frontverläufe und Technikbegeisterung besonders der Jungen machten diese Ausstellungen beliebt. Die Ausstellungsformen unterschieden sich offensichtlich in Interpretations- und Darstellungsweise des Krieges, benutzen jedoch beide innovative Elemente in der Repräsentation.

Beil stellt ein staatliches Vakuum bezüglich Kriegsausstellungen in der Republik fest. Das Zeughaus präsentierte, nach der als nationaler Demütigung empfundenen Regelung dass Deutschland seine Kriegsbeute abgeben musste, leere Podeste versehen mit Erklärungen welche Beutestücke dort einmal ausgestellt wurden. Als Ersatz für Kriegsausstellungen diente dem Zeughaus die Darstellung preußischer Geschichte mit Betonung ihrer nationalen Größe. Impulse zur Modernisierung der Ausstellungskonzepte und Präsentation blieben vom Zeughaus ungenutzt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der pluralistischen Interpretation des Krieges ein Ende gemacht und an die Darstellungsweise der Rechten angeknüpft. Beil ordnet Kriegsausstellung in das Konzept der Stärkung des „Wehrwillen“ der Bevölkerung ein. Militärmuseen erwachten aus ihren Dornröschenschlaf, arbeiteten mit militärischen Stellen zusammen und beschäftigten sich mit Fragen der musealen Darstellbarkeit. Der Einsatz von Zitaten und Schriftzügen, die eine Interpretationsvorlage boten wurde dort erst während der NS Zeit durchgesetzt. Beil beschreibt ausführlich die Pläne für ein deutsches Weltkriegsmuseum. Die Umsetzung scheiterte am Beginn des Krieges 1939. Monumentale Architektur und heroisierende Inhalte des nie gebauten Museums zeugen für Beil von der wehrpolitischen Erziehung der Bevölkerung, welche mit Berufung auf den Weltkrieg betrieben wurde.

Am Beispiel des Zeughauses und seinen Kriegsausstellungen im Nationalsozialismus belegt Beil die Modernisierung der musealen Darstellungsweise: Das Museum entwickelte Begleitprogramme zu den Kriegsaustellungen in Form von Filmen, Katalogen, Exponattexten und Lichtbildern. Außerdem wurde elektrisches Licht in den Ausstellungsräumen angebracht. Die öffentlichen Sammlungen präsentierten nun wenige, dafür jedoch gezielt ausgewählte Objekte. Die neue sachliche Ästhetik des Zeughauses diente der Vermittlung eines Kriegsbildes welches sich auf militärische Kriegsstrategien und heroische Führungsriegen (Hindenburgmythos), auf Kameradschaftsmythos und Kriegsleistung der Soldaten bezog. Kriegsausstellungen im Nationalsozialismus „waren geprägt von einer Mischung aus Kontinuität in den Inhalten und Modernisierung der Form“ (S. 366).

Der Fokus auf Kriegsausstellungen lässt zwangsläufig andere Formen der Kriegserinnerung unterbelichtet, welche die Studie noch besser in den zeitlichen Verhältnissen verankern hätte können. Für die Weimarer Republik hätte eine Erwähnung der 1932 stattgefundenen staatlich organisierten Ausstellung verschiedener Vorschläge für ein Reichsehrenmal den Eindruck zerstreut, dass sich Kriegserinnerungen hauptsächlich auf die extreme Linke und Rechte beschränkten. Beil erklärt in ihrer Einleitung „die Rezeptionsforschung zu einem der schwierigsten Bereiche museologischer Studien“ (S. 27). Die Limitierung des Quellenmaterials macht deutlich, warum dieses Gebiet nicht das zentrale Anliegen der Studie sein konnte. Trotzdem hätte für den zweiten Teil der Arbeit eine kurze Einbindung in einen allgemeinen Zusammenhang zwischen Museum und Publikum die wechselwirksame Beeinflussung beider Pole klarer herausgearbeitet. Für den ersten Bereich der Studie wird dies deutlicher.

Die Darstellung der Vernetzung musealer Präsentation mit dem daran angebundenen Deutungsangebot ist für alle Bereiche der Studie hervorragend gelungen. Beil zeigt dabei auch die Wurzeln moderner Ausstellungsformen und Konzepte sowie, am Beispiel des Zeughauses, die Wandlung des bürgerlichen Museums, mit seinem Aufbewahrung- und Konservierungsethos, zu einer mehr propagandistisch genutzten Institution. Sie belegt, wie vieldeutig gestaltbar die Kriegsthematik in deutschen Kriegausstellungen war. Einerseits knüpften verschiedene politische Richtungen an eine bestimmte Darstellungsweise ihre jeweiligen Kriegs- und Zukunftsinterpretation, andererseits beeinflussten ebenso spezifische Objektsammlungen die Kriegsdarstellungen. Christine Beil hat für die Zeit von 1914 bis 1939 Licht in eine Thematik gebracht, welche in der historischen Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges und seinen Auswirkungen lange zu kurz gekommen ist.

Anmerkungen:
[1] Semler, Christian, Verzweifelt unangemessen. Die Ausstellung ´Der Weltkrieg 1914-1918` im DHM in Berlin drückt sich mit edlen Vitrinen um die Wirklichkeit der Vernichtung herum, in: Die Tageszeitung, 15.05.2004, S. 21; Raulff, Ulrich, Weltkrieg bei Tiffany’s. Fast eine sentimental journey: Das DHM gibt sich mit der Ausstellung ´Der 1. Weltkrieg. Ereignis uns Erinnerung` sehr empfindsam, in: Süddeutsche Zeitung 13.5.2004; Jessen, Jens, Kleines Fritzchens Lazarettbaukasten. Eine Berliner Ausstellung zeigt den Ersten Weltkrieg im Spiegel von Erinnerungsnippes, in: Die Zeit 19.05.2004 Nr. 22, S. 43; Jahr, Christoph, In Erinnerungsgewittern. Eine Berliner Ausstellung zeigt den Ersten Weltkrieg als europäische Katastrophe, in: Neue Züricher Zeitung 21.05.2004.
[2] Ulrich, Bernd; Ziemann, Benjamin (Hgg.), Krieg im Frieden. Die umkämpfte Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, Frankfurt am Main 1997.

Zitation
Nadine Rossol: Rezension zu: : Der ausgestellte Krieg. Präsentationen des Ersten Weltkriegs 1914-1939. Tübingen  2004 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6313>.
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Veröffentlicht am
13.06.2005
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