Titel
Polen und Juden. Jedwabne und die Folgen


Autor(en)
Sauerland, Karol
Erschienen
Berlin 2004: Philo Verlag
Umfang
332 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Toralf Kleinsorge, Lehrstuhl für Vergleichende Mitteleuropastudien, Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder

In den vergangenen Jahren wurden bereits mehrere Monografien und Quellenpublikationen in deutscher Sprache zum Pogrom von Jedwabne und seiner sehr umstrittenen Deutung im heutigen Polen [1] veröffentlicht, die z.T. auch in diesem Forum besprochen worden sind.[2] Angesichts des Anspruchs und des Umfangs der zweibändigen Quellen- und Studiendokumentation, die vom polnischen Institut des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamieci Narodowej/IPN) im Jahre 2002 herausgegeben wurde[3], könnte der vorliegende Band leicht unterschätzt werden und ausschließlich als gut lesbare Einführung für den Semesterapparat eines Bachelor-Seminars zur Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen im 20. Jahrhundert wahrgenommen werden.

Die eigentlichen Qualitäten der Monografie von Karol Sauerland, der deutsche Literatur und Ästhetik an den Universitäten von Warschau und Torun lehrt, ergeben sich jedoch erst im Vergleich zum oben genannten Weißbuch des IPN und weiterer Veröffentlichungen polnischer Historiker. Sauerland orientiert sich weitgehend an den Forschungs- und Untersuchungsergebnissen des IPN und verzichtet bewusst auf die Rekonstruktion einer eigenständigen Version der Mordaktion am 10. Juli 1941 in der Kleinstadt Jedwabne (Kreis Lomza), in deren Verlauf – mit Duldung bzw. durch Anstiftung seitens deutscher Besatzungseinheiten - eine größere Gruppe von polnischen Männern eine erhebliche Zahl ihrer jüdischen Nachbarn auf brutale Weise misshandelte und ermordete.[4]

Sauerland richtet sein primäres Interesse auf die Frage nach den Faktoren, die eine Atmosphäre entstehen ließen, die derartige Verbrechen von Polen an Juden unter dem deutschen Terror- und Vernichtungsregime (und dies nicht nur in Jedwabne und nicht nur im Sommer 1941) möglich werden ließen. Im Unterschied zur Forschergruppe des IPN, die das Pogrom von Jedwabne im Kontext der Region behandelt, die von September 1939 bis Juni 1941 von der Sowjetunion besetzt worden war („Westweißrussland“ in der sowjetischen Propaganda), entwirft der Autor einen deutlich breiteren Kontextrahmen, der die parallele Entwicklung der polnisch-jüdischen Beziehungen seit September 1939 im deutschen und sowjetischen Herrschaftsgebiet berücksichtigt. Mit seiner Darstellung von antijüdischen Ausschreitungen und Übergriffen von Polen in Warschau seit den ersten Tagen des Krieges (S. 90ff.) und dem Hinweis auf eine neuere Untersuchung eines polnischen Historikers[5], die die ethnische Zusammensetzung des sowjetischen Herrschaftsapparates in der Region von Bialystok und Lomza (S. 81f.) detailliert beleuchtet, gelingt es Sauerland, nachdrücklich die Bedeutung zu relativieren, die der zeitgenössischen Erfahrung der angeblichen Kollaboration der jüdischen Minderheit mit den neuen sowjetischen Machthabern in den Ostgebieten Polens zugeschrieben wurde. Diese war in der Jedwabne-Debatte häufig von konservativen und antisemitischen Historikern als ein zentrales Erklärungsmuster für die Pogromaktivisten in Jedwabne und an anderen Orten im Sommer 1941 angeführt worden.[6]

Sehr deutlich verweist Sauerland immer wieder auf den demoralisierenden Charakter des deutschen Okkupationsregimes im Allgemeinen und seiner antijüdischen Repressalien und Vernichtungsmaßnahmen im Besonderen, der die Haltung der polnischen Bevölkerung zur jüdischen Minderheit dramatisch negativ beeinflusst habe (S. 101f.). Zugleich hebt er jedoch die Bedeutung des Antisemitismus der Vorkriegszeit hervor, der einen entscheidenden Anteil an der Motivbasis der polnischen Täter von Jedwabne und zuvor an der antijüdischen Karwoche im März 1940 in Warschau gehabt habe. Stärker noch als die Motive der Täter bewegt Sauerland freilich die Frage nach den Ursachen für die weit verbreitete Gleichgültigkeit bei der Mehrheit der Polen gegenüber dem Schicksal der Juden, die alltägliche Angriffe von polnischen Jugendbanden und Einzeltätern auf Juden zumindest indirekt Vorschub geleistet hätten (S. 100f.). Auch hier sieht er in antisemitischen Einstellungen die wesentliche Ursache.

Dieser Befund mag Sauerland mit dazu angeregt haben, seine Untersuchung des Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft über das Kriegsende hinaus bis zu den antijüdischen Exzessen und Maßnahmen im Volkspolen des Jahres 1968 zu führen. Auch wenn ihm hier bei der Herausarbeitung bestimmter Kontinuitätslinien des Antisemitismus zuzustimmen ist, bleibt die Darstellung hier zu knapp und oberflächlich. Das Kapitel über die Reaktionen führender polnischer Schriftsteller auf den Holocaust vermittelt auf der Ebene literarischer Texte ein eindringliches Bild über die abgrundtief feindliche Distanz, die zwischen Polen und Juden in der Kriegszeit herrschte. Gleichwohl wird hier durch den radikalen Wechsel der Quellenbasis von autobiografischem Material und Zeugenaussagen hin zu fiktionalen Texten ein Bruch in der Darstellung sichtbar, der methodisch nicht genügend eingefasst wird. Das letzte Kapitel gibt einen sehr gelungenen Abriss der sehr materialreichen und unübersichtlichen Jedwabne-Debatte, die in den Jahren 2000 und 2001 die polnische Öffentlichkeit, Publizistik und Geschichtswissenschaft zu heftigen Kontroversen mobilisierte.

Sauerland gelingt es überzeugend und anschaulich, die großen Kontinuitätslinien im Verhältnis von Polen und Juden zwischen 1939 und 1968 nachzuzeichnen und an ihnen entlang Fragestellungen zu entwickeln, die sich als Impulse für die weitere historische Forschung zur Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen verstehen. Obgleich er kein neu erschlossenes Quellenmaterial in die Diskussion einführt, versteht es Sauerland als ein in der Textanalyse erfahrener Literaturwissenschaftler, die Widersprüche in den Argumentationen von Zeitgenossen und Historikern auf der Grundlage publizierter Quellentexte aufzudecken. Seine Übersetzungen polnischsprachiger Zitate und Quellenauszüge ins Deutsche sind sprachlich sehr gelungen und verstärken die Aussagekraft der angeführten Quellentexte.

Ein grundsätzliches Problem in der Historiografie der polnisch-jüdischen Beziehungen während des Zweiten Weltkrieges stellt die Quellenkritik dar. Singulären Dokumenten wird nicht selten eine umfassende Bedeutung zugeschrieben, die mangels vergleichbarer Quellen (zumindest heute noch) nicht verifiziert werden kann. Auch in der vorliegenden Arbeit wird einigen Quellenausschnitten zuviel „abverlangt“. Sauerland lässt im Fall von Erinnerungen und politischen Manifesten gern die Quellen in Form von längeren Zitaten selbst sprechen, um ihre sprachliche und bildliche Ausdruckskraft voll zu entfalten. Da er aber häufiger auf eine kritische Kommentierung verzichtet, werden die angeführten Textauszüge als historische Quellen entwertet und die auf ihnen basierende Argumentation wird leicht angreifbar.[7]

Weiterhin müssen die zu wenig differenzierte Anwendung des Begriffes Antisemitismus und der völlige Verzicht auf die Betrachtung des polnisch-jüdischen Verhältnisses vor 1939 kritisiert werden. Die bei weiten Teilen der polnischen Bevölkerung vorhandene antijüdische Haltung, die bezüglich Intensität, Ideengut und Form schichten- und milieuspezifisch stark differierte, war zweifelsohne eine wesentliche Ursache für deren Gleichgültigkeit gegenüber dem unermesslichen Leid der Juden in der Gewalt der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Als ein weiterer wichtiger Faktor sollte jedoch auch die seit dem späten 19. Jahrhundert erfolgende Umwandlung der traditionellen religiös und kulturell bedingten Fremdheit zwischen Polen und Juden beachtet werden. Hier entstand ein durch modernen Nationalismus und Antisemitismus forcierter Konflikt zwischen der aufgrund der Teilungsepoche verspäteten polnischen Nation und der noch jüngeren jüdischen Nation, deren Herausbildung einerseits durch die hohe soziale und kulturelle Mobilität ihrer Angehörigen beschleunigt wurde und deren strukturelle Unterlegenheit andrerseits durch starke innere Auseinandersetzungen verstärkt wurde.[8] Die Zweite Polnische Republik (1918-1939) war aufgrund ihrer politischen Instabilität, ökonomischen Schwäche und der einseitig polnisch-nationalistischen Orientierung ihrer Elite nicht in der Lage, dem Prozess der Desintegration und Konfliktpotenzierung konstruktiv entgegen zu wirken. Selbst eine bloße ideell-emotionale Solidarisierung von Polen und Juden gegen die NS-Terrorherrschaft, die kein zusätzliches Risiko für das (ohnehin gefährdete) eigene Leben bedeutet hätte, konnte bei dieser Ausgangssituation nicht erwartet werden.

Anmerkungen:
[1] Die ausschließlich innerpolnisch geführte Debatte wurde durch das Erscheinen eines Essays des amerikanischen Soziologen Jan Tomasz Gross ausgelöst, der im Mai 2000 in Polen erschien; vgl. Gross, Jan Tomasz, Sasiedzi. Historia zaglady zydowskiego miasteczka [Nachbarn. Die Geschichte der Vernichtung einer jüdischen Kleinstadt], Sejny 2000. (dt. Übersetzung: Gross, Jan Tomasz, Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne, München 2001).
[2] Vgl. Andreas R. Hofmann: Rezension zu: Henning, Ruth (Hg.): Die "Jedwabne-Debatte" in polnischen Zeitungen und Zeitschriften. Dokumentation, Potsdam 2002. In: H-Soz-u-Kult, 14.05.2002, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-072; Ders.: Rezension zu: Kowitz, Stefanie: Jedwabne. Kollektives Gedächtnis und tabuisierte Vergangenheit, Berlin 2004. In: H-Soz-u-Kult, 22.06.2004, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-194.
[3] Machcewicz, Pawel; Persak, Krzysztof (Hgg.), Wokól Jedwabnego [Um Jedwabne herum], 2 Bde., Warschau 2002. Eine Auswahl in dt. Übersetzung ist mittlerweile erschienen, die aber auf wichtige Beiträge des Originals verzichtet hat: Dmitrów, Edmund; Machcewicz, Pawel; Szarota, Tomasz (Hgg.), Der Beginn der Vernichtung. Zum Mord an den Juden in Jedwabne und Umgebung im Sommer 1941. Neue Forschungsergebnisse polnischer Historiker, Osnabrück 2004.
[4] Der konkrete Impuls seitens deutscher Besatzungseinheiten für das Pogrom in Jedwabne konnte nicht nachgewiesen werden, aber zweifellos kann mindestens von einer Duldung ausgegangen werden. Die genaue Opferzahl ist trotz Exhumierungsarbeiten nicht mehr zu ermitteln, aber die von mehreren Seiten suggerierte Zahl von 1600 wird als zu hoch eingeschätzt; vgl. Ignatiew, Radoslaw J., Postanowienie o umorzenia sledztwa [Entscheid über die Einstellung des Untersuchungsverfahrens], Bialystok 30. Juni 2003, http://www.ipn.gov.pl/jedwabne_postanowienie.pdf, S.199ff.
[5] Vgl. Jasiewicz, Krzysztof, Pierwsi po diable. Elity sowieckie w okupowanej Polsce 1939-1941 (Bialostocczyzna, Nowogródczyzna, Polesie, Wilenszczyzna), [Die Ersten nach dem Teufel. Die sowjetischen Eliten im besetzten Polen 1939-1941 (Die Gebiete um Bialystok, Nowogród und Wilna sowie Polesien), Warschau 2001.
[6] Nationalkonservative und katholisch-nationalistische Historiker formulierten während der Jedwabne-Debatte eine hohe Erwartungshaltung an die Loyalität der jüdischen Minderheit gegenüber dem polnischen Staat in der Phase seines Untergangs und der Besetzung seines Territoriums. Warum sich in Krisenzeiten eine Bevölkerungsgruppe einem Staat verpflichtet fühlen sollte, der über lange Jahre ihre staatsbürgerliche Teilhabe am Gemeinwesen begrenzte sowie ihre ökonomischen und kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten massiv einschränkte? – Diese Frage stellte keiner der beteiligten Historiker. Auch Sauerland verzichtete auf derartige Überlegungen.
[7] Überaus deutlich wird diese Problematik am Beispiel des Zitats aus einem kirchlichen Dokument vom Sommer 1941, das nach der Wiedergeburt eines freien Polens eine radikale antijüdische Politik empfiehlt, die sich vom deutschen Vorbild der Judenverfolgung inspirieren lässt (allerdings „weniger grausam und brutal“) (S. 50ff.). Die meisten seiner Forderungen gehören zum Allgemeingut des „populären“ Antisemitismus im Vorkriegspolen. Einige seiner Imperative waren bereits in den späten 1930er-Jahren zur praktischen Politik des polnischen Staates geworden.
[8] Die Herausbildung ethnisch geprägter Teilgesellschaften vor 1939, deren prekäre Identität durch starke Ressentiments gegen die benachbarten Bevölkerungsgruppen stabilisiert wurde, deutet sich auch in zahlreichen Zitaten an (antipolnisch: S. 91; antijüdisch: S. 50ff., S. 133). Den antipolnischen Stereotypen und Haltungsmustern der jüdischen Minderheit im Vorkriegspolen wurde in der historischen Forschung bislang noch zu wenig Raum gegeben.

Zitation
Toralf Kleinsorge: Rezension zu: : Polen und Juden. Jedwabne und die Folgen. Berlin  2004 , in: H-Soz-Kult, 10.10.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6344>.
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Veröffentlicht am
10.10.2005
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