A. W. Poweska u.a. (Hgg.): Nachbarn auf Distanz

Cover
Titel
Nachbarn auf Distanz. Polen und Deutsche 1998-2004


Hrsg. v.
Wolff-Poweska, Anna; Bingen, Dieter
Erschienen
Wiesbaden 2005: Harrassowitz Verlag
Umfang
496 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffi Franke, Leipzig Email:

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind eine Arena, in der Historiker, Politologen und Soziologen mit verschiedenen Rollenanforderungen konfrontiert werden: Wissenschaftler, Zeitzeuge, Aufklärer und Citoyen. Diese Gemengelage verdichtet sich, wenn es um die Analyse und Bewertung der aktuellsten politischen Ereignisse und deren zukünftiger Dimensionen geht. Der intensiven wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, die dieses Problemfeld erfährt [1], stehen dabei eine konjunkturelle mediale und politische Popularität sowie zugleich eine weitgehend stabile öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber. Deutsch-polnischen Beziehungen sind vorrangig ein Thema wissenschaftlicher und politischer Eliten unterschiedlicher Couleur, für die sie aber umso mehr einen neuralgischen Punkt europäischer Geschichte repräsentieren.

Diese Konstellation reflektieren auch die Herausgeber des hier anzuzeigenden Bandes. Die große zeitliche Nähe des Untersuchungsgegenstandes, die hohe Emotionalisierung des Themas und die komplizierte Verknüpfung dieses Problemfeldes mit den jeweiligen nationalen und europäischen Diskursen seien „Faktoren, die rationale Überlegungen nicht begünstigen“ (S. XI). So lautet Anna Wolff-Poweskas deutliches und für eine wissenschaftliche Untersuchung ungewöhnliches Eingeständnis in ihrem Vorwort zur Publikation, die eben deshalb auch ein „Dokument der Zeit“ (ebd.) sei.

Damit besitzt dieser Band einen doppelten Charakter: einerseits kann er tatsächlich als Quelle gelesen werden, in der verschiedene Diskurse auf dem Gebiet der deutsch-polnischen Beziehungen der Gegenwart durch einzelne Protagonisten zur Sprache kommen (u.a. Adam Krzeminski, Basil Kerski, Robert Traba), andererseits präsentiert er gleichzeitig detailreiche Einzelstudien, die differenziert erste Einblicke in eine Reihe von Problemfeldern der polnisch-deutschen Beziehungen liefern.

Die Beiträge der zum Großteil polnischen Autoren sind in drei übergreifenden Abschnitten organisiert und decken eine beachtliche Spannweite von Themen ab: Sicherheitspolitik und Wirtschaft, die kirchenpolitischen Beziehungen, die europapolitische Dimension im Allgemeinen und die ost- und mitteleuropäischen Zusammenhänge im Besonderen, die Minderheitenbeziehungen in Polen und Deutschland, die regionale und grenzüberschreitende Zusammenarbeit sowie erinnerungs- und geschichtspolitische Problembereiche und die mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Dimensionen der Beziehungen.

Eine solch breite Streuung vermittelt naturgemäß jeweils erste Einblicke und keine Tiefenanalysen; dabei variieren die Beiträge eine zwar in Nuancen abweichende, aber grundsätzlich übereinstimmende zurückhaltende Einschätzung der aktuellen deutsch-polnischen Beziehungen nach 1998. Dies spiegeln sowohl der Titel des Bandes als auch die Überschriften für die Teilbereiche, die neben die „Erfolgsbilanz“ das „Protokoll der Unstimmigkeiten“ stellen und vor den „Fallen der Normalität“ warnen. Hierin unterscheidet sich dieser Band von seinem Vorgänger, der 1999 in deutscher Kurzfassung [2] und 2000 in polnischer Langfassung erschien [3], und der trotz grundsätzlich ähnlicher Analyseergebnisse die Erfolgsbilanz in den Vordergrund stellt - offensichtlich noch als euphorische Nachwirkung der einschneidenden Veränderungen nach 1990. Hier wurden beispielsweise die deutsch-polnischen Asymmetrien in Bezug auf die gegenseitige Aufmerksamkeit und Kenntnis, die wirtschaftliche Lage, die höhere Mobilitätsbereitschaft der Polen, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Regionen, die Ausformung der wechselseitigen Stereotypen und die außenpolitischen Präferenzen, die im vorliegenden Band grundsätzlich problematisiert werden, noch als Chance begriffen.[4]

Die aktuelle Sammelschrift beklagt nun eher die Stagnation der Entwicklung und neu auftretende oder sich als hartnäckig erweisende Hindernisse auf dem Weg zu einer tatsächlichen Verständigung. Immer wieder wird für beide Seiten mangelndes gegenseitiges Verständnis, das Gefangensein in historischen Stereotypen und die innenpolitische Verengung des europaweit relevanten Prozesses beklagt. Dabei erhält der deutsche Leser durch die differenzierten Darstellungen beispielsweise in den Beiträgen von Wolff-Poweska, Koszel, Stadtmüller und Malinowski erhellende Einblick in innerpolnische Konfliktlagen und Zusammenhänge und auch in die polnische Perspektive auf die deutsche Entwicklung. Die Autoren, von denen einige bereits im Vorgängerband vertreten waren, stellen in unterschiedlicher Weise den Zusammenhang zwischen den beiden Untersuchungszeiträumen her. Gut gelingt das u.a. Formuszewski und Dmitrów. Diese Bezüge hätten noch stärker ausgebaut werden können.

Die Eckdaten für die Untersuchungen dieses Bandes und die immer wieder variierten Themen sind der deutsche Regierungswechsel 1998, der damals von polnischer Seite mit großer Skepsis betrachtet wurde, der 11. September 2001 und die darauf folgenden Afghanistan- und Irakkriege, der EU-Beitritt Polens und die Vorbereitungen darauf, das Verhältnis zu den USA sowie die Zukunft einer polnischen und europäischen Ostpolitik gegenüber Weißrussland, Russland und der Ukraine. Auf der innenpolitischen Agenda steht selbstverständlich die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen mit seiner allgegenwärtigen Frontkämpferin Erika Steinbach, aber auch die Veränderung deutscher erinnerungspolitischer Diskurse repräsentiert durch Grass’ „Im Krebsgang“, Jörg Friedrichs Darstellung des Luftkriegs, Walsers Friedenspreisrede.

In diesem Themenspektrum fehlt jedoch durchgehend ein Aspekt: die Reflexion der deutsch-deutschen Dimension in den Beziehungen zu Polen, einerseits in Bezug auf die historische Ausformung von Stereotypen, Wahrnehmungen und außenpolitischen Präferenzen, andererseits im Zusammenhang mit aktuellen Problemlagen.[5] Dies ist leider nicht nur ein Desiderat dieses Bandes, sondern vielfach auch anderer wissenschaftlicher Literatur zu den deutsch-polnischen Beziehungen.

Vor dem Hintergrund der außenpolitischen Diskussionen um den Einsatz im Kosovo, die Folgen des 11. September 2001, den Krieg gegen den Irak und die Ausformung einer europäischen Außenpolitik liefern die Beiträge von Malinowski, Bingen und Krzeminski prägnante Ansatzpunkte für die Interpretation der unterschiedlichen Positionen und Missverständnisse mit Hilfe einer Analyse der zugrunde liegenden politisch-kulturellen Muster. So rekonstruiert Malinowski für Deutschland und Polen je unterschiedliche sicherheitspolitische Kulturen, wobei die deutsche durch eine antimilitaristische, multilaterale und humanitäre Tradition seit 1945 geprägt sei, die polnische hingegen von den Traumata des 2. Weltkriegs, der außenpolitischen Priorität der Westanbindung nach 1990 und der daraus folgenden Bündnistreue und die geopolitisch und historisch bedingte Sensibilität für ein Kräftegleichgewicht in Europa. Innerhalb dieser Kulturen würden jeweils ähnliche Argumentationen verwendet werden, die allerdings in ihrer Begründung voneinander abwichen und so zu Missverständnissen führen könnten. Ähnliche Dimensionen zeigt Bingen bei seiner Analyse der Bedingungen für eine gemeinsame deutsch-polnische Ostpolitik auf. Krzeminski kontrastiert durchaus provokativ und für beide Seiten kritisch den Topos des „deutschen Sonderwegs“ Winklerscher Prägung und jenen des „polnischen Sonderproblems“ - präzisiert in der Erfahrung zerstörbarer Staatlichkeit, dem Misstrauen gegenüber den Nachbarn und der intensiven Suche nach starken, aber entfernten Bündnispartnern. Nun sei es allerdings „Zeit, sich von den Gespenstern der Vergangenheit zu befreien“ (S. 357) und die realen, aktuellen Probleme ohne deren Verhüllung durch mythologische Diskurse anzugehen.

Für innenpolitische, erinnerungs- und geschichtspolitische Konstellationen liefern u.a. die Beiträge von Pieciak, Bachmann, Traba und Dmitrów prägnante Analysen, die Ausgangspunkt für weitere Diskussion sein können.

Im Band ist sowohl durch die Autoren als auch durch die zitierte Literatur vor allem polnische Expertise präsent; dies macht ihn für deutsche Leser einerseits besonders lesenswert, scheint aber andererseits vor dem Hintergrund des kritisierten Ungleichgewichts zwischen einer stärkeren Orientierung, Kenntnis und Mobilitätsbereitschaft von Polen gegenüber Deutschland und einer deutschen vielfach uninformierten oder gar gleichgültigen Haltung nicht unproblematisch. Dies fällt auch bei der 2004 erschienenen polnischen Fassung der Publikation [6] auf.

Dem oben angesprochenen Doppelcharakter des Bandes entsprechend, dominiert in vielen Beiträgen ein appellierender, aufklärerischer Duktus, der für die verstärkte Übernahme pragmatischer Positionen eintritt und den Fokus auf aktuelle Problemlagen zu lenken versucht, während gleichzeitig um ein tieferes, auch historisch begründetes Verständnis geworben wird. Wenn allerdings für die Beseitigung von „bösen Stereotypen“ (S. 449) gleich ein Maßnahmenkatalog entworfen wird, der vom Ausbau der Autobahn nach Polen bis hin zu einer Dauerausstellung über die deutsch-polnischen Beziehungen in Berlin reicht, dann ist der Grat zwischen Wissenschaft und politischer Bildung bzw. Politikberatung denkbar dünn.

Einige Beiträge, vor allem im Themenfeld der Vergangenheitspolitik nehmen provokante Zuspitzungen und Personalisierungen der Diskussionsstränge vor (der Dreischritt Grass-Friedrich-Steinbach findet sich in Variationen mehrfach wieder) oder sie besitzen einen starken zeitzeugenhaften Selbstbezug (z.B. bei Traba). Dies mag darin begründet liegen, dass vielfach als Grundlage der Analysen mediale Diskurse herangezogen werden - damit gewinnen politisch-kulturelle Konjunkturen und Emotionalisierungen ein gewisses Übergewicht, während Argumentationsverläufe innerhalb beispielsweise kommunalpolitischer oder sicherheitspolitischer Eliten unterrepäsentiert erscheinen.

Die zweifache Ausrichtung des Bandes ist eine fruchtbare, sowohl als differenzierte Einführung in das Thema als auch als Grundlage weiterer Diskussion und Forschung.

Anmerkungen:
[1] Einen weit reichenden Überblick über die Forschung zu den deutsch-polnischen Beziehungen liefert die am Deutschen Polen-Institut von Andreas Lawaty herausgegebene Bibliografie: Deutsch-polnische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart. Bibliographie 1900-1998, Wiesbaden 2000. Ein Ergänzungsband ist geplant. Als ständige Foren der Diskussion seien die Zeitschriften Transodra und Dialog erwähnt.
[2] Bingen, Dieter; Malinowski, Krzystof (Hg.), Deutsche und Polen auf dem Weg zu einer partnerschaftlichen Nachbarschaft 1989-1998. Versuch einer Bilanz. Konferenzmaterialien, Köln 1999.
[3] Bingen, Dieter; Malinowski, Krzystof (Hg.), Polacy i Niemcy na drodze do partnerskiego sasiedzstwa. Próba bilansu dziesieciolecia 1989-1998, Poznan 2000.
[4] wie Anm. 2 , S. 50.
[5] Wenn dies überhaupt Erwähnung findet, wird es - mit dem Verweis auf mangelnde Forschungsergebnisse - bewusst bei Seite gelassen (S. 445).
[6] Wolff-Poweska, Anna; Bingen, Dieter, Polacy - Niemcy. Sasiedztwo z dystansu, Poznan 2004. Die polnische und die deutsche Fassung sind - wie der Vorgängerband Ergebnisse - einer Kooperation zwischen dem Deutschen Polen-Institut in Darmstadt und dem West-Institut in Posen, die wiederholt an zentraler Stelle die vielfältigen Dimensionen der deutsch-polnischen Beziehungen auf hohem Niveau bearbeiten.

Zitation
Steffi Marung: Rezension zu: Wolff-Poweska, Anna; Bingen, Dieter (Hrsg.): Nachbarn auf Distanz. Polen und Deutsche 1998-2004. Wiesbaden  2005 , in: H-Soz-Kult, 04.11.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6357>.
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04.11.2005
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