A. Hoffmann: Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie

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Titel
Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte


Autor(en)
Hoffmann, Arnd
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: Vittorio Klostermann
Umfang
X, 382 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Barrelmeyer, Enger

Der Verzicht auf den Zufall, so bilanzierte Reinhart Koselleck [1] seine begriffsgeschichtlichen Überlegungen zur historischen Bedeutung des Zufalls, könne dazu führen, „daß gerade das Ausräumen jeder Zufälligkeit zu hohe Konsistenzansprüche“ an die historische Erkenntnis stelle. Diese im Detail von Koselleck nicht näher ausgeführte geschichtstheoretische Beobachtung bildet den thematischen Ausgangspunkt der von Arnd Hoffmann vorgelegten Dissertation. Den Begriff Zufall konzeptualisiert Hoffmann als beobachtungsabhängigen „relativen Zufall“, der als „Koinzidenz kausaler Wirkungszusammenhänge“ bzw. „voneinander unabhängiger Handlungsketten“ (S. 50f.) zu begreifen sei, während sich der Begriff der Kontingenz auf die „Möglichkeiten eines Wirklichkeitsbereiches“ (S. 61) beziehe, anders als bisher sein zu können.

Hoffmann geht in Übereinstimmung mit Koselleck von der zentralen These aus, dass Zufall und Kontingenz keine unbedeutenden und methodisch auflösbaren Scheinkategorien seien, sondern „vielmehr produktive und mitbegründende Faktoren/Begriffe bei der Konstitution von Geschichten und historischer Erfahrung, durch deren Vernachlässigung oder Auflösung die Geschichtswissenschaft auf ihre methodischen Kosten zurückgeworfen“ (S. 14) werde.

Insofern ist es nicht überraschend, dass Hoffmann seine Wertschätzung des Phänomens der historischen Unbestimmtheit rhetorisch als „Offenbarungseid“ der Theorie bzw. des Historikers (S. 14, 356) qualifiziert. Seine Ausgangsthese sucht Hoffmann zunächst in einem geschichtstheoretischen Teil (Kap. II) begriffsgeschichtlich zu präzisieren sowie anschließend mittels einer systematisch auf das Thema „Zufall“ konzentrierten Interpretation ausgewählter sozialgeschichtlicher Arbeiten inhaltlich zu entfalten (Kap. III).

Der geschichtstheoretische Teil lässt sich in zwei übergreifende Argumentationsschritte gliedern: In einem ersten Abschnitt (II.1 u. 2) skizziert Hoffmann zunächst „Kontinuität und Wandel der Begriffe Zufall und Kontingenz“ (S. 14), wobei er zugleich den semantischen und sachlichen Differenzen von Zufall und Kontingenz nachgeht. In einem zweiten theoriesystematischen Abschnitt diskutiert der Autor die Bedeutung von Zufall/Kontingenz im Hinblick auf die zentralen geschichtstheoretischen Dimensionen historischer Kausalität (II.3), Kontrafaktizität (II.4) und historischer Zeitlichkeit (II.5).

Hoffmann stellt als begriffsgeschichtliches Ergebnis heraus, dass die Begriffe Zufall und Kontingenz „im Verlauf ihrer philosophischen Begriffsgeschichte den negativen Charakter des Defizitären […] abstreifen und zu positiv gefassten Kategorien“ (S. 45) werden. In theoriesystematischer Hinsicht stellt Hoffmann die Forderung auf, die „abstrakte und fragwürdige Polarität von Ereignis und Struktur unter Rückgriff auf Zufall und Kontingenz“ (S. 59, Anm. 202) zu dynamisieren. Daher seien die Begriffe Zufall und Kontingenz jeweils systematisch den Kategorien „Ereignis“ bzw. „Struktur“ zuzuordnen (S. 70) und auf die „Ex-ante-Erfahrungen der vergangenen Akteure“ (S. 99) zu beziehen. Der in diesem Zusammenhang von Hoffmann im Anschluss an Luhmanns systemtheoretische Überlegungen zur „Kontingenzkausalität“ (S. 129) vorgeschlagene Begriff der „strukturellen Kontingenz“ (S. 158) des vergangenen Handlungsraums sucht die Wandelbarkeit von Strukturen bzw. strukturierten Lebensbereichen in den Vordergrund zu rücken: „Kontingente Strukturen sind Bedingungen des Zufalls, aber ohne zufällige Ereignisse sind Erfahrungen von Kontingenz nicht möglich“ (S. 67).

Auf der Grundlage seiner geschichtstheoretischen Überlegungen geht Hoffmann im zweiten Hauptteil (Kap. III) der Frage nach, wie die methodisch avancierten Sozialhistoriker Fernand Braudel (III.3) und Hans-Ulrich Wehler (III.4) mit den „widerständigen Unbestimmtheitsphänomenen Zufall und Kontingenz umgehen und diese theoretisch und historiographisch verarbeiten“ (S. 14). Zufall und Kontingenz finden in den geschichtstheoretischen Schriften Braudels („Integrationsmodell der langen Dauer“), so bilanziert Hoffmann seine Untersuchungen, keine systematische Berücksichtigung. Dieser Befund sei auf Braudels konzeptionelle „Verengung eines Vorstellungsmodells von Zeit“ zurückzuführen, „das sich ausdrücklich an der Dauer von Bewegungen“ und nicht an der Vorstellung von „Zeithorizonten“ im vergangenen Handlungsraum orientiere (S. 268). Demgegenüber zeige die historiografische Praxis Braudels („Mittelmeer-Studie“) einen „produktiven Umgang mit Zufall und Kontingenz“ (S. 269). Dies sei dadurch zu erklären, dass Braudel seine geschichtstheoretischen Intentionen historiografisch unterlaufe (S. 249). Braudel beschäftige sich in seinen theoretischen Schriften lediglich mit „methodische[n] Fragen zu den objekttheoretischen Dimensionen von Geschichte“ und unterlasse eine geschichtstheoretische Reflexion der „Konstitutionsbedingungen des Geschichteschreibens“ (S. 269). Insofern sei es nicht überraschend, dass der praktizierende Historist Braudel in traditioneller Erzählweise eine „Kombination von Details“ vorlege, „die als eine Kombination unter anderen“ (S. 270) auch anders möglich sein könnte.

In den geschichtstheoretischen Arbeiten Hans-Ulrich Wehlers, so Hoffmann, werden Zufall und Kontingenz nicht als konzeptionelles Problem geschichtlicher Erkenntnis reflektiert. Wehlers Konzept Historischer Sozialwissenschaft bearbeite die Vergangenheit vielmehr als „geschichtstheoretisches `Kontingenzreduktionsunternehmen´“ (S. 298). Insofern sei es sinnvoll, die Arbeiten Wehlers auf ihre „Negations- oder Auflösungsleistung von Zufall und Kontingenz“ (S. 276) hin zu untersuchen. Im Hinblick auf Wehlers geschichtstheoretische Arbeiten seien die theorieimmanenten Gründe offensichtlich: „Verengung des Handlungsbegriffs, Funktionalisierung des Ereignisses, Geschichte ohne vergangene Gegenwart, Abwertung der Erzählung, Strukturen als dominant handlungsrestringierende Sachverhalte“ (S. 297). Ein Problem stelle auch Wehlers eingeschränkter Theoriebegriff dar. Unter Theorien verstehe Wehler „zuvorderst Methoden bzw. Objekttheorien mit inhärenter Falsifikations- bzw. Verifikationsorientierung“ (Modernisierung als teleologisches Bewegungsmodell) (S. 352), was einer geschichtlich reflexiven Konzeptualisierung von Zufall und Kontingenz entgegenstehe.

Die von Wehler konsequent durchgehaltene Opposition von Struktur und Handlung sowie dessen einseitige Betonung der „Ex-post-Perspektive des Historikers“ (S. 316) tragen für Hoffmann auch im Hinblick auf dessen praktische Historiografie („Deutsche Gesellschaftsgeschichte“) entscheidend dazu bei, dass es für die „Frage nach Kontingenzen in strukturierten Handlungsräumen der Vergangenheit“ (S. 315) keinen Platz gebe. Der Zufall tauche allenfalls am äußersten Rand marginaler politikgeschichtlicher Zusammenhänge auf (Spielmetaphorik). So rutsche er beispielsweise unversehens in die „konventionelle politikgeschichtliche Erzählung der deutschen Reichsgründungsprozesse“ und werde „antikausal als ‚Glück’ schließlich doch an ausschlaggebender Stelle zitiert“ (S. 356). Insofern lasse sich an der Historiografie Wehlers beispielhaft dokumentieren, „was es theoretisch wie historiographisch kostet, Zufall und Kontingenz durch zu hohe formale oder inhaltliche Kohärenzforderungen auszuschließen“ (S. 186).

Hoffmanns ausnehmend differenzierte geschichtstheoretische Untersuchungen der sozialgeschichtlichen Arbeiten Braudels und Wehlers haben „keine theoretische Aufrechnung zum Ziel“ (S. 359). Nicht der „Realitätsgehalt“ der untersuchten Arbeiten, sondern die zugrunde liegenden „Konstruktions- und Textstrategien“ (S. 303) werden einer genauen geschichtstheoretischen Analyse unterzogen. Konsequent seinem geschichtstheoretischen Interesse am Phänomen historischer Unbestimmtheit folgend konzentriert Hoffmann sich bewusst „einseitig“ darauf, in die behandelten Texte „sinnvolle thematische Schneisen“ zu schlagen, die zugleich dem „immanenten Vorgehen und Anspruch dieser Geschichtsschreibung gegenüber gerecht bleiben wollen“ (S. 302). Diese systematische Zielsetzung scheint von ihm gleichwohl rhetorisch noch nicht deutlich genug herausgestellt worden zu sein. Dieser Eindruck ergibt sich, wenn man die von zwei Rezensenten geäußerte Kritik berücksichtigt, Hoffmanns „postmoderne Theorie-Arabesken“ [2] zu den Arbeiten Braudels und Wehlers destillierten „mit beträchtlichem Aufwand einen Ertrag“, der unter den „gegebenen Umständen voraussehbarer nicht hätte sein können“.[3] Ist die Kritik als berechtigt anzusehen? Sicherlich nicht, wenn man der Auffassung Max Webers folgen will, gemäß der geschichtstheoretische Reflexionen historiografischer Praxis als unverzichtbarer Bestandteil historischer Forschung anzusehen seien. Eine wesentliche Leistung Hoffmanns liegt insbesondere darin, den in der neueren geschichtstheoretischen Forschung herausgestellten Tatbestand der empirischen und kausalen Unterbestimmtheit historischer Darstellungen [4] facettenreich herauszustellen und damit insgesamt für die begrifflich-konzeptionelle „Kontingenz“ historiografischer „Repräsentation“ als kultureller Tätigkeit bzw. Praxis [5] zu sensibilisieren. Insofern ist der an Fachhistoriker adressierten Empfehlung Uwe Walters [6] beizupflichten, sich trotz eines anspruchvollen „philosophischen Fachjargons“ nicht von der „unbedingt wünschenswerten Auseinandersetzung“ mit dieser überaus lesenswerten Studie abhalten zu lassen.

Anmerkungen:
[1] Koselleck, Reinhart, Vergangene Zukunft, Frankfurt am Main 1989, S. 175.
[2] Walter, Gerrit; Die Wolke über dem Mittelmeer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.4.2005, S. 37.
[3] Konersmann, Ralf, Dazwischenkunft, in: Neue Zürcher Zeitung, 22.10.2005; <http://www.nzz.ch/2005/10/22/li/articleD7B0K.html> (14.12.2005).
[4] Vgl. etwa Lorenz, Chris, Konstruktion der Vergangenheit, Köln 1997, S. 393ff.
[5] Rheinberger, Hans-Jörg u.a. (Hgg.), Räume des Wissens. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin 1997, S. 9.
[6] Walter, Uwe, Rezension Arnd Hoffmann, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11; <http://www.sehepunkte.historicum.net/2005/11/8402.html> (15.11.2005).

Zitation
Uwe Barrelmeyer: Rezension zu: : Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte. Frankfurt am Main  2005 , in: H-Soz-Kult, 16.01.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6436>.
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16.01.2006
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