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Titel
Deutsche Marinen im Wandel. Vom Symbol nationaler Einheit zum Instrument internationaler Sicherheit


Hrsg. v.
Rahn, Werner
Erschienen
München 2005: Oldenbourg Verlag
Umfang
738 Seiten
Preis
€ 49,80
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Hubert Woltering Bibliothek, Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Geschichte der deutschen Marinen - die ungewohnte Pluralschreibweise zeigt Brüche wie auch Vielschichtigkeit der deutschen Marinegeschichte auf - wird im vorliegenden Sammelband von 29 Autoren in 31 Artikeln auf 734 Seiten beschrieben. Der Sammelband, der gleichzeitig Festschrift für den seit 2004 im Ruhestand befindlichen Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Kapitän zur See Dr. Jörg Duppler ist, beschreibt in fünf Kapiteln deutsche Marinegeschichte und -politik von den mittelalterlichen Ursprüngen bis in die Gegenwart.

19 der 29 Autoren sind bzw. waren Offiziere, zumeist Marineoffiziere; weitere sechs Autoren sind Hochschullehrer an deutschen und internationalen Hochschulen. Die enge Bindung der Autorenschaft an das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) ist offensichtlich, durch den Charakter des Buches als Festschrift des vorletzten Amtschefs aber auch folgerichtig. Allen Autoren ist es gelungen, mit ihren Bausteinen - ob nun übergreifende Analyse des Teilzeitraumes oder Detailuntersuchung - ein komplexes Bild deutscher Marinegeschichte und -politik zu zeichnen. Die Schwerpunktsetzung auf die politik- und ideengeschichtliche Dimension deutscher Marinegeschichte ist wohl gewollt und als Tribut an das Konzept des Bandes akzeptabel. Trotzdem wäre es eine sinnvolle Ergänzung gewesen, in stärkerem Maße auch der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Dimension der deutscher Marine Raum zu gewähren.

Auch der Umstand, dass 23 der 31 Beiträge Wiederveröffentlichungen bereits erschienener Beiträge bzw. Skripte gehaltener Vorträge (wenn auch zum Teil überarbeitet und aktualisiert) sind, ist für eine Festschrift nicht ungewöhnlich. Näherer Betrachtung werden im folgenden die originär für diesen Band entstandenen Beiträge unterzogen.

Im ersten Kapitel „Historische Wurzeln“ untersucht John B. Hattendorf in seinem Beitrag die historischen Wurzeln der deutschen Seestreitkräfte vom Mittelalter bis 1815. Die maritimen Ereignisse und Entwicklungen im Mittelalter, z.B. die Entwicklung der Schiffsbautechniken der Wikinger, wurden Voraussetzung für die Weiterentwicklung der maritimen Fähigkeiten und der späteren Expansion der Hanse (vor allem im nordeuropäischen und im Ostseeraum). Machtkämpfe im Ostseeraum zwischen Hanse, Schweden, Dänemark und Russland im 16., 17. und 18. Jahrhundert enthielten naturgemäß eine starke maritime Komponente. Der Entstehung europäischer Nationalstaaten folgte der Aufbau nationaler Seestreitkräfte als eines ihrer Instrumente, sehr oft aber - wie das Beispiel Preußen zeigt - unter dem Primat einer auf Landmacht zentrierten Militärpolitik. So führte das Fehlen eines maritim interessierten Flächenstaates an den deutschen Küsten dazu, dass die Entwicklung maritimer Macht im Deutschen Reich verhindert, zumindest extrem gebremst wurde, ihr bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine Rolle zukam.

Rüdiger Bergiens Artikel „Flotte und Medien im Kaiserreich“ behandelt im zweiten Kapitel "Von der ersten deutschen Flotte zur Kaiserlichen Marine" ein zentrales Thema deutscher Marinegeschichte, den Aufbau der deutschen Hochseeflotte im wilhelminischen Deutschland und die Popularisierung dieser Politik in der Bevölkerung. Bergien wertet in seiner Untersuchung einige Zeitungen (Göttinger Tageblatt, Kölnische Volkszeitung, Vorwärts) und Zeitschriften (Preußische Jahrbücher, Überall) aus; ob diese überschaubare Zahl von Medien ein repräsentatives Bild für die medialen Wechselwirkungen zu Einzelproblemen deutscher Marinepolitik bietet, bleibt zu fragen. Betrachtet wird die Positionierung und Einflussnahme dieser Blätter anhand verschiedener flottenpolitisch relevanter Ereignisse: Einbringung des ersten Flottengesetzes im Spätherbst 1897, Existenzkrise des Deutschen Flottenvereins 1907/08 und publizistische Kampagne gegen die Haldane-Mission und die Flottenrede Churchills im Februar/März 1912. Borgien kommt im Abschluss zu dem Urteil, dass „das Projekt Schlachtflottenbau wie von den Repräsentanten der politisierten Öffentlichkeit, den Redakteuren und freien Autoren, so auch von einer Mehrheit der Bevölkerung kritisch gesehen wurde.“ (S. 154)

Das dritte Kapitel "Die Zeit der Weltkriege" ist mit 13 Artikeln das ausführlichste; zwei Artikel sind Erstveröffentlichungen. Der Aufsatz von Wulf Diercks, der eigentlich eine Zusammenfassung der von Diercks 1985 angefertigten Jahresarbeit (als Manuskript in der Führungsakademie der Bundeswehr) durch Werner Rahn ist, befasst sich mit dem „Einfluß der Personalsteuerung auf die deutsche Seekriegsführung“. Hierzu untersuchte Diercks zunächst die Grundlagen und Einflussfaktoren auf die Personalführung, sowie die Bedeutung des Eignungsprofils des militärischen Führers auf die Beförderungsentscheidungen. Beispielhaft wurden Personaleinschätzungen und Beförderungsbesonderheiten an den Viten der Admirale Tirpitz, Pohl, Ingenohl, Scheer, Hipper, Bachmann und Holtzendorff analysiert; interessantes Beiwerk in diesem Zusammenhang sind Auszüge aus den Qualifikationsberichten zu den Admiralen Scheer und Hipper. Diercks bewertet als Hauptproblem deutscher Marinepersonalpolitik die andauernde Diskrepanz zwischen seemännisch-militärischer Befähigung dieser Spitzenmilitärs und ihrem fehlendem politischem Einschätzungsvermögen. Der Einfluss der Marinepersonalpolitik auf maritime Ereignisse - im Guten wie Schlechten - wird an dieser Stelle deutlich.

Werner Rahns Artikel "Winkelriede, Opferkämpfer oder Sturmwikinger?" zeichnet die Geschichte der Kleinkampfverbände der Kriegsmarine nach. Die Entstehung der Kleinkampfverbände Anfang 1944 geschah unter ausdrücklicher Förderung Hitlers. Trotz hoher Verluste bei ersten Einsätzen im Mittelmeer wurde an der weiteren Typentwicklung gearbeitet; der Einsatz von Kleinkampfmitteln bei der Abwehr der Invasion in der Normandie folgte ähnlich verlustreich. Statistiken illustrieren die Zulaufzahlen an Kleinkampfmitteln, wie auch die Verluste. Der Einsatz der Kleinkampfverbände in den letzten Kriegsmonaten - zu Wasser und zu Lande - stand unter dem Vorzeichen eines letzten Aufgebotes: Bezeichnungen wie „Winkelriede“ [1], „Opferkämpfer“ oder „Sturmwikinger“, „Kamikaze“ oder „Totaleinsatz“ kennzeichneten die Einsatzsituation und zeigen überdeutlich die Parallelen zu den Kamikaze-Konzepten der japanischen Verbündeten. Der Fanatismus dieser Soldaten aus einer Treueverpflichtung gegenüber Hitler und Großadmiral Dönitz wird von Rahn deutlich herausgearbeitet.

Dem vierten Kapitel „Die Zeit des Kalten Krieges, 1946 – 1990“, das ohne einen originär für den Sammelband erstellten Aufsatz bleibt, folgen im fünften Kapitel zwei Beiträge, die sich mit den neuen Herausforderungen der Bundesmarine nach 1990 befassen. Der Einsatz der Bundesmarine im Zuge der Operationen „Southern Cross“ (1994) und „Enduring Freedom“ (2001/2002) vor der ostafrikanischen Küste wird vom damaligen kommandierenden Offizier auf der Basis seiner Operationsberichte beschrieben. Hierbei werden ausführlich Auftragslagen, Führungsstrukturen, Durchführung und Einzelerfahrungen beschrieben, jedoch auch Defizite in der Marine bei der Umsetzung solcher Operationen aufgezeigt. Während in diesem ersten Aufsatz operationelle Fragestellungen im Vordergrund standen, hebt Hans Frank in seinem Beitrag „Von der Landesverteidigung zum Kampf gegen den Terror“ stärker auf den politischen und strukturellen Wandel der Bundeswehr unter den Vorzeichen des Zerfalls der Sowjetunion, lokaler Konflikte und Krisen ab. Der zügige Aufbau deutscher Krisenreaktionskräfte, die verfassungsrechtliche Klärung der Einsatzmöglichkeiten deutscher Streitkräfte und die Umstrukturierung der Bundeswehr als solche werden als Elemente dieses Wandlungsprozesses beschrieben; eine erneute Veränderung des Einsatzprofils erfolgte im Gefolge der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Der Sammelband ist dank der hohen Qualität der Beiträge, seien sie bereits zuvor erschienen oder neu erstellt, eine gewinnbringende Kompilation zu Einzelthemen der deutschen Marinegeschichte.

[1] Benannt nach dem Schweizer Arnold Winkelried, der sich in der Schlacht bei Sempach am 9. Juli 1386 in die Spieße der Österreicher geworfen haben soll, um eine Bresche in die gegnerische Linie zu reißen. Dies soll entscheidend zum Sieg der Schweizer beigetragen haben.

Zitation
Hubert Woltering: Rezension zu: Rahn, Werner (Hrsg.): Deutsche Marinen im Wandel. Vom Symbol nationaler Einheit zum Instrument internationaler Sicherheit. München  2005 , in: H-Soz-Kult, 11.11.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6471>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.11.2005
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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