M. Wolfes: Schleiermachers politische Wirksamkeit

Titel
Öffentlichkeit und Bürgergesellschaft. Friedrich Schleiermachers politische Wirksamkeit


Autor(en)
Wolfes, Matthias
Erschienen
Berlin 2004: de Gruyter
Umfang
XXVIII, 1181 S.
Preis
€ 178,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hermann Patsch, München

Fast 1.100 Seiten über Schleiermacher? Wer soll/will das lesen? Aber man kann über die Väter unserer modernen demokratischen Welt gar nicht genug lernen, und der Verfasser zeigt, dass Schleiermacher [künftig: S.] zu diesen gehört. Er macht es dem Leser leicht, denn er verrät schon im Vorwort, dass der Berliner Pfarrer und Hochschullehrer, Philosoph und Theologe (1768-1834) als zentrale politische Forderungen die Anerkennung politischer Partizipationsrechte der Landesbewohner, die Etablierung einer kritischen öffentlichen Diskurskultur, die Bildung repräsentativer Einrichtungen und die Ablösung feudaler Entscheidungsstrukturen vertrat, also die Entwicklung des Staatswesens in Richtung auf einen demokratischen Rechtsstaat förderte. Und er schlägt vor, als Kurzprogramm wenigstens den zehnten Teil des Gesamtwerkes – „Die Öffentlichkeit des Lebens“. S. als Programmatiker einer liberalen Staatsbürgergesellschaft – zu lesen (II, S. 391-417). Wer das hinter sich hat (der Vorschlag ist gut! Der Rezensent hat sich daran gehalten), der kann sich dann in Ruhe den einzelnen Unterthemen widmen, die oft Monografie-Umfang haben, aber durchaus süffig zu lesen sind.

Der erste Teil, der die geschichtlichen Rahmenbedingungen von S.s politischem Engagement kundig skizziert, ist sichtlich der Tatsache einer historischen Dissertation [1] geschuldet; der Kenner wird hier nichts Neues erwarten. Im Folgenden geht Wolfes chronologisch vor, mit Schwergewicht auf der Zeit zwischen 1806 und 1815. Der neunte Teil, der S. und sein Verhältnis zum Judentum darstellt, fällt etwas heraus und hätte auch an anderem Ort veröffentlicht werden können. Aber da hier besonders viele Missverständnisse obwalten und Wolfes S.s theologisches Denken streng mit seinem politischen verknüpft, ist die umfängliche Darstellung doch am rechten Platz. Wolfes behandelt im zweiten Teil das politische Engagement S.s bis zum Ende seiner Professorenzeit in Halle (1807). Dafür nutzt er methodisch nicht nur die bekannten Schriften, also etwa die Reden „Über die Religion“, sondern besonders eingehend das enorme Briefcorpus und die Predigten. Dabei – und das gilt für das Werk als ganzes – geht er vielfach auf die Handschriften und die Archivbestände zurück, von der umfänglichen Sekundärliteratur nicht zu schweigen. Das wird vielfach nur den besonders an S. Interessierten angehen. Aber es wird klar, dass S. von seinen frühen Schriften an ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens war und dann, als er als Professor und Prediger in die Öffentlichkeit sprechen konnte, mutig und konfliktbereit war. Der Epochenwechsel durch die französische Revolution war ihm stets bewusst, auch wenn er – zumindest für Preußen – an einer idealisierten Monarchie festhielt. Dass es das Preußen, für das er innerlich stand, in der Realität noch nicht gab, das wusste er wohl. Napoleon hat er weder als Weltgeist idealisiert noch unterschätzt, ihm vielmehr unterstellt, er wolle aus Machtstreben mit der spezifisch deutschen Philosophie zugleich den Protestantismus vernichten. Darum sind seine Predigten in der Zeit der „Erniedrigung“ nicht nur „patriotische Predigten“, wie man vielfach gedeutet hat, sondern die Aufforderung zu einer neuen politischen Kultur, eingebunden in die Überzeugung, dass Gott durch das Unglück hindurch das Gute und Wahre fördern wolle. Als S. in Berlin dann (von 1808 bis 1812) in politische Verantwortung hineinwuchs, scheute er die Konspiration als Geheimkurier in Diensten der preußischen Patriotenpartei nicht, wirkte aber vor allem über das Kultusministerium (wie man heute sagt), die Akademie der Wissenschaften und die Universität auf Wissenschaft und allgemeine Bildungspolitik (dritter Teil). Das ist z.T. spannend zu lesen (der privatisierende Gelehrte als Geheimbriefschreiber in den Vorzimmern der Macht …), wird aber übertroffen von dem Mittelpart des Buches, der Darstellung des zentralen Jahres 1813, in dem S. als politischer Prediger (vierter Teil) und Redakteur des „Preußischen Correspondenten“ (fünfter Teil) versuchte, unmittelbar Einfluss auf die preußische Politik zu gewinnen. Seine Predigten wurden überwacht und denunziert; seine berühmte Predigt vom 28. März 1813 zum Auszug der Truppen, geprägt durch die Verlesung des königlichen Aufrufs „An Mein Volk“, aber zeigte das Ineinander von staatlicher und kirchlicher Sphäre. S. vermied die zeitgenössische Kampfrhetorik, deutete die vergangene Zeit als Gericht Gottes und erhoffte als Ergebnis des Krieges ein „Königreich, das sich auf den Herrn verlässt“. Seine Verehrung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. – den er sich in einem Brief an Friedrich Schlegel als Repräsentanten eines „wahren deutschen Kaisertums“ denken konnte – hat nachgerade etwas Peinliches. Theodor Fontane (Wolfes weiß wirklich alles) hat diese Predigt in seinem Roman „Vor dem Sturm“ literarisch verwendet.

Dass ein Pfarrer und Universitätsprofessor sozusagen im Nebenberuf Redakteur einer Tageszeitung wird, ist ebenso ungewöhnlich wie der Ärger, den er sich von staatlicher Seite dafür zuzog. Der „Preußische Correspondent“ erschien unter S.s Verantwortung vom 1. Juli bis 30. September 1813 viermal die Woche (jetzt als CD-ROM in dem von Wolfes betreuten Band der Kritischen Schleiermacher-Ausgabe faksimiliert [2]). Es war äußerst schwierig, diese Tageszeitung zu gründen – Wolfes schreibt dazu fast eine eigene Monografie über den Verleger Georg Andreas Reimer –, noch schwieriger, sie gegen die allmächtige Zensur durchzuhalten. S. war ein Bellizist, in der gottgetrosten Erwartung, dass der Befreiungskrieg gegen Napoleon alles zum Besseren führen werde, für Staat, Gesellschaft und Kirche. Also war das Ziel seiner publizistischen Tätigkeit eine Stärkung der Kriegsbereitschaft in der preußischen Öffentlichkeit. Als er am 14. Juli gegen die in Prag stattfindenden Friedensverhandlungen polemisierte, dass bei den bisherigen Resultaten des Krieges noch kein Frieden zu erwarten sei, der Sicherheit gegen einen baldigen neuen Krieg gebe, und ein solcher durch Diplomatie erhandelter Friede höchstens die Vorteile eines vorläufigen Waffenstillstandes bringen könne (I, S. 452f), schlug die Obrigkeit zurück. Der verantwortliche Zensor wurde entlassen und S. mit dem Vorwurf des Hochverrats konfrontiert. Der König hatte zunächst sogar geplant, S. des Landes zu verweisen! Nur mit großer Mühe konnte S. sich herauswinden und verlor verständlicherweise die Lust an seiner publizistischen Aufgabe. Noch nach der Aufgabe der Redaktion wurde er vom Polizeipräsidenten mit der Anklage wegen Majestätsbeleidigung bedroht und vom Staatsminister Hardenberg zurechtgewiesen. (Die entsprechenden Dokumente sind kritisch im Anhang zu Bd. II ediert, z.T. erstmalig.)

Die Teile sechs und acht beschäftigen sich mit dem Staatstheoretiker. Nachdem man bisher über die Akademie-Vorträge mit S.s Staatstheorie bekannt geworden war, ist seit der Veröffentlichung der Vorlesungen [3] eine neue Forschungssituation entstanden. S. hat, nach einer Privatvorlesung 1808/09, noch fünfmal an der Universität von Berlin, und zwar immer im Rahmen der Philosophischen Fakultät, über die Lehre vom Staat bzw. über Politik gelesen, übrigens z. T. vor erlesenem – nicht nur studentischem – Publikum. Dass er dabei überwacht und denunziert wurde, wird nach dem Vorherigen nicht überraschen. Der Herausgeber, der Philosoph Walter Jaeschke, hatte S. ein nahezu zeit- und ortloses Verständnis des Staates unterstellt hatte, was Wolfes als Historiker natürlich nicht gelten lassen konnte, und so interpretiert er die theoretischen Erörterungen konzis aus S.s Biographie und den Erfahrungen mit dem konkreten preußischen Staat, wobei er zwischen der Ausarbeitung der Staatstheorie seit 1813 und einem Spätstadium unterscheidet. Dass er dabei auch wieder auf S.s Predigten zurückgreift, versteht sich von selbst. Es stellt sich heraus, dass S. – wie insgesamt in seiner Philosophie – als selbständiger Denker neben Fichte und Hegel gelten muss und damit zur Vorgeschichte des modernen Demokratie-Modells gehört. Die genauere Positionierung bedarf noch weiterer Forschung.

S.s negative Erfahrungen mit dem preußischen autoritativen Staat, längst aus dem Amt im Ministerium herausgedrängt, kulminieren in der so genannten Demagogenverfolgung im Rahmen der restaurativen politischen Entwicklung der Siegerstaaten gegen Napoleon ab 1819 (siebter Teil). Das ist spannend und erschütternd zu lesen. Hier ging es um „Gesinnung“ und deren Wirkung auf die universitäre Jugend (Stichwort: Burschenschaft) und die Predigthörer! Wieder wird S. überwacht, seine Briefe werden konfisziert, er wird polizeilich vernommen. Die umfänglichen Ministerialakten – bei deren Publikation dem Autor Reetz zuvorgekommen war [4], die Wolfes aber mit genauerem Blick vielfach verbessern und präzisieren kann – verraten, wie sehr S. bis zum Jahre 1824 immer wieder von der Entlassung aus dem Universitäts- und Kirchenamt bedroht war. S. hat sich dabei tapfer und standhaft gezeigt und ist keinen Millimeter von seiner Überzeugung abgerückt. Die positive Entscheidung bewirkte ein kluger Brief S.s an den König selbst (Bd. II, S. 231ff), zugleich mit dem Abflauen der Demagogenverfolgung. An S.s Lebenskraft ist die jahrelange Bedrohung nicht folgenlos vorbeigegangen, wie er selbst empfand; Wolfes meint das auch in seiner wissenschaftlichen und universitätspolitischen Arbeit beobachten zu können. Die Verleihung des Roten Adlerordens Dritter Klasse im Jahr 1831 war strategisch gemeint und sollte S. für eine staatskirchliche Mission in Schlesien instrumentalisieren; er hat das dennoch als ein Zeichen der Versöhnung angesehen.

In dem er S. als Programmatiker einer liberalen Staatsbürgergesellschaft und damit als für die moderne Welt noch immer wichtigen Denker und Praktiker vorstellte, hat Wolfes den Theologen und Philosophen nicht überdeutet. S.s Grenzen – das kommt abschließend auch noch einmal bei der Behandlung seiner Stellung zum Judentum klar zur Sprache – hat der Autor nicht übersehen oder entschuldigt. Er hat ein Grundbuch der S.-Forschung und –Darstellung geschrieben.

Anmerkungen:
[1] Wolfes, Matthias, Öffentlichkeit und Nationalstaat. Friedrich Schleiermachers politische Wirksamkeit, insbesondere während des Jahrzehnts der preußisch-französischen Konfrontation von 1806 bis 1815, Diss. phil. Kiel 2002.
[2] Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Kritische Gesamtausgabe (= KGA). Erste Abteilung Schriften und Entwürfe Bd.14: Kleine Schriften 1786-1833, hg. v. Wolfes, Matthias; Pietsch, Michael, Berlin 2003. Hier sind die von S. stammenden bzw. redigierten Artikel von Juni bis September abgedruckt (S. 395-500).
[3] KGA Zweite Abteilung. Vorlesungen Bd.8: Vorlesungen über die Lehre vom Staat, hg.v. Jaeschke, Walter, Berlin 1998.
[4] Reetz, Dankfried, Schleiermacher im Horizont preussischer Politik. Studien und Dokumente zu Schleiermachers Berufung nach Halle, zu seiner Vorlesung über Politik 1817 und zu den Hintergründen der Demagogenverfolgung, Waltrop 2002.

Zitation
Hermann Patsch: Rezension zu: : Öffentlichkeit und Bürgergesellschaft. Friedrich Schleiermachers politische Wirksamkeit. Berlin  2004 , in: H-Soz-Kult, 16.09.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6483>.