R.-D. Müller: Der letzte deutsche Krieg 1939-1945

Cover
Titel
Der letzte deutsche Krieg 1939-1945.


Autor(en)
Müller, Rolf-Dieter
Erschienen
Stuttgart 2005: Klett-Cotta
Umfang
415 S.
Preis
€ 24,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Volker Bendig, Berlin

Der Zweite Weltkrieg 1939-1945 gehört zu den am häufigsten dargestellten Epochen der Geschichte und es gehört ein gewisser Mut dazu, das komplexe Geschehen dieses weltumspannenden Konflikts, über den zahllose Fachpublikationen und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen vorliegen, in einer einbändigen Gesamtdarstellung zu präsentieren. Vor zehn Jahren legte der amerikanische Historiker Gerhard L. Weinberg seinen Versuch einer Gesamtsicht des Zweiten Weltkriegs vor.[1] Das Buch ist eines der gelungensten Überblickswerke aus jüngster Zeit, obwohl Weinberg der Tendenz zu ausufernden Darstellung nicht ganz widerstehen konnte.

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes hat nun Rolf-Dieter Müller, der seit 1979 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA) arbeitet und dort seit 1999 als Wissenschaftlicher Direktor fungiert, eine Synthese zum Zweiten Weltkrieg publiziert, die wissenschaftlichen Anspruch und gute Lesbarkeit miteinander verbindet. Auf 415 Seiten werden in übersichtlicher Form die militärischen und politischen Ereignisse des Krieges aus deutscher Sicht geschildert und analysiert. Müller kann sich dabei u.a. auf neuere Forschungsergebnisse stützen, die in den letzten Bänden des vom MGFA publizierten und nahezu abgeschlossenen Reihenwerkes „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ veröffentlicht worden sind.[2]

Im einleitenden Kapitel mit dem Titel „Die Deutschen und der Zweite Weltkrieg: Fragen an die Geschichte“ konstatiert Müller, dass die militärische Erforschung des Krieges durch das in 1980er und 1990er-Jahren dominierende Interesse der zeitgeschichtlichen Forschung für die Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes in den Hintergrund gedrängt worden sei. Müller geht es darum, die militärgeschichtliche Dimension wieder stärker in den Vordergrund zu rücken, ohne dabei aber „den Kontext der ökonomischen, sozialen und ideologischen und anderer Implikationen zu übersehen, wie sie in den anderen Bänden zur Geschichte des Dritten Reiches ausführlicher analysiert werden“ (S. 16).

Müller gliedert den umfangreichen Stoff in zehn große Kapitel. Das zweite und dritte Kapitel untersuchen den „zweiten Griff“ des Deutschen Reiches nach der Weltmacht und die Durchsetzung der deutschen Vorherrschaft in Europa. Das vierte Kapitel des Buches wendet sich dem Kampf gegen Großbritannien und der Sicherung des europäischen Vorfeldes zu. Für Müller ist die „Battle of Britain“ im Sommer 1940 Hitlers „erste und wichtigste Niederlage“ und die Entschlossenheit des britischen Premierministers Winston Churchill, „den Kampf gegen die faschistische Tyrannei um jeden Preis fortzusetzen“, sei „ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts“ gewesen (S. 56). Das fünfte Kapitel thematisiert Hitlers „Lebensraumkrieg“ gegen die Sowjetunion. Bei der Darstellung der deutschen Planungen für das „Unternehmen Barbarossa“ zeigt Müller, wie sehr sich die deutsche Generalität von antislawischen Klischees und aktueller Hybris beeinflussen ließ.

Im sechsten Kapitel analysiert der Autor die „Instrumente des Kriegs“; die Struktur der Wehrmacht und die Ursache ihres Scheiterns, die Organisation der deutschen Kriegswirtschaft, die Rolle von Technik und Naturwissenschaft für die Rüstung und die nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa. Im siebten und achten Kapitel beschreibt Müller die Ausweitung des europäischen Krieges zum globalen Krieg, den Verlust der Initiative und den Kampf um die „Festung Europa“. Das achte Kapitel widmet sich der deutschen Kriegsgesellschaft: Im Unterabschnitt: „›Herrenmenschen‹ und ›Sklaven‹: Klassengesellschaft und Rassenhierarchie“ wird verdeutlicht, welchen Veränderungen die deutsche Gesellschaft während des Kriegs unterworfen war, wobei der Krieg auch Tendenzen zur „Modernisierung“ der Gesellschaft förderte: „Die Klassenschranken wurden durchlässiger, nicht zuletzt durch die dramatische Veränderung bei der Rekrutierung und Ausbildung von Offizieren. Die soziale Hierarchie wurde nicht mehr durch Herkunft und Lebensstandard bestimmt, sondern immer stärker durch die Rangordnung der Partei und die „Kriegstüchtigkeit“, Kriterien, die nicht immer in Übereinstimmung zu bringen waren.“ (S. 224) Auf der anderen Seite wurden durch den rücksichtslosen Einsatz von Zwangsarbeitern die Bedürfnisse der deutschen Kriegswirtschaft befriedigt. Knapp 13,5 Millionen ausländische Zwangsarbeiter wurden während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich eingesetzt und dem System einer zunehmenden Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung unterworfen. Durch Terror wurde - vor allem in der letzten Kriegsphase - auch der innere Zusammenhalt der „Volksgemeinschaft“ erzwungen und der Zweite Weltkrieg schuf Raum für den Völkermord an den europäischen Juden, an dessen Singularität Müller keinen Zweifel lässt: „Die Zielstrebigkeit Hitlers, die Energie und Konsequenz seiner Vollstrecker sowie die Einsamkeit der Opfer machen den Genozid an den Juden im Zweiten Weltkrieg zu einem einzigartigen Vorgang. Weder die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg noch die brutalen Deportationen nationaler Minderheiten im stalinistischen Imperium reichen an diese Dimensionen heran.“ (S. 252)

Im zehnten Kapitel benutzt Müller das mittlerweile als wissenschaftliche Erkenntniskategorie fruchtbar verwendete Konzept des „totalen Krieges“, das die Totalisierung der Kriegsanstrengungen und die Mobilisierung der ganzen Gesellschaft in den Kriegen des 20. Jahrhundert untersucht, zur Analyse des Zweiten Weltkrieges. Der Autor verdeutlicht, dass der Krieg keineswegs als totaler Krieg begann, sondern dass die beteiligten Staaten erst im Verlauf der Auseinandersetzung die Kraft fanden, ihre Gesellschaften in einem hohen Maß zu militarisieren und die gesellschaftlichen Strukturen den Kriegsbedürfnissen anzupassen. Letztlich wurde aber nicht die Schwelle zum „absoluten Krieg“ im Clausewitzschen Sinne überschritten. „Der Zweite Weltkrieg war der Höhepunkt des konventionellen Kriegs mit Massenarmeen des Industriezeitalters und überschritt nicht die Schwelle zum unkonventionellen Krieg mit modernen Massenvernichtungswaffen, der dem Krieg ein völlig anderes Gesicht verliehen hätte“ (S. 260).

Das letzte Kapitel stellt die Agonie des „Endkampfes“ und den „Untergang“ des Deutschen Reiches sowie das Ende des Pazifikkrieges dar und zieht eine Bilanz der menschlichen Verluste und Folgen des Zweiten Weltkriegs. Letztlich habe erst die totale Niederlage des Deutschen Reiches den „freiheitlichen Traditionen der deutschen Geschichte zum Durchbruch verholfen“ (S. 335), die hoffentlich garantieren, dass der Zweite Weltkrieg tatsächlich der „letzte deutsche Krieg“ gewesen ist.

Im Anhang des Buches finden sich eine Zeittafel und ein Verzeichnis der wichtigsten Quellenwerke und veröffentlichten Literatur zum Thema. Neben zahlreichen Schwarz-Weißaufnahmen, Tabellen und Karten enthält der Band auch 48 Farbfotos, die den deutsch-sowjetischen Krieg in den Jahren 1941/42 aus dem Blickwinkel der (deutschen) Soldaten illustrieren. Leider wird bei den gezeigten Fotos auf Bildlegenden verzichtet, Namen der Fotografen und die Orte, an denen die Aufnahmen entstanden sind, werden nicht genannt.

Anmerkungen:
[1] Weinberg, Gerhard L., Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Stuttgart 1995.
[2] Zuletzt sind in dieser Reihe erschienen: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9: Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945. Erster Halbband: Politisierung, Vernichtung, Überleben, i.Auft. d. Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, hg.v. Echternkamp, Jörg, München 2004; Zweiter Halbband: Ausbeutung, Deutungen, Ausgrenzung. i.Auft. d. Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, hg.v. Echternkamp, Jörg, München 2005.

Zitation
Volker Bendig: Rezension zu: : Der letzte deutsche Krieg 1939-1945. Stuttgart  2005 , in: H-Soz-Kult, 05.08.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6501>.
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Veröffentlicht am
05.08.2005
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