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Titel
Frankophonie. Sprache - Diskurs - Politik


Autor(en)
Erfurt, Jürgen
Erschienen
Tübingen 2005: UTB
Umfang
219 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Georg Glasze, Geographisches Institut, Universität Mainz

„Was verbindet so weit entfernt liegende Länder wie Senegal, Rumänien, Vietnam und Mauritius?“ Diese Frage leitet den Klappentext des Lehrbuchs von Jürgen Erfurt ein. Die vermeintlich simple Antwort – alle Länder gehören der weltumspannenden „Frankophonie“ an – nutzt der Frankfurter Linguist, um das äußerst umfangreiche Themenspektrum der Monografie zu umreißen: Der Band soll eine Einführung bieten „in die Zusammenhänge von Sprache, Nation und Herrschaft, von Kolonialismus und Postkolonialismus, von multikultureller Identität, gesellschaftlicher Modernisierung und der Rolle von Sprache und Kultur im Prozess der Globalisierung“ und soll damit weit über eine sprach- und literaturwissenschaftliche Einführung hinausgehen.

Im ersten Kapitel führt Jürgen Erfurt die Leser/innen in Leitfragen und Gegenstand seiner Publikation ein. Er skizziert die Frankophonie als „ein hoch komplexes soziales Phänomen, das mit dem Sachverhalt, Französisch zu sprechen oder diese Sprache in einzelnen Bereichen der gesellschaftlichen Organisation zu verwenden, nicht vollständig erfasst wird“ (S. 1). Als übergreifendes Ziel definiert er, die „Rolle eines kulturellen Phänomens wie die Sprache in der sozialen Organisation von Gemeinschaften, Staaten und Staatenbündnissen“ zu begreifen (ebd.). Bereits zu Beginn weist Erfurt darauf hin, dass die Frankophonie-Studien bislang überwiegend in den Sprach- und Literaturwissenschaften angesiedelt sind. Die Frankophonie habe sich jedoch in den letzten Jahren zunehmend zu „einer Realität der internationalen Beziehungen, der Ökonomie und Politik transformiert“ (S. 3) – sein Buch soll daher den „Blick über den Gartenzaun“ bieten und den Lesern/innen Einblicke in Konzepte und Erkenntnisse der Sozialwissenschaften erschließen.

„Francophonie“ ist ein junges Wort – erstmals nachgewiesen in Publikationen des Kolonialgeografen Onésime Reclus ab 1880. Konjunktur hat der Begriff allerdings erst seit der Entkolonialisierung ab den 1960er-Jahren. In Anlehnung an französischsprachige Publikationen differenziert Erfurt die Frankophonie als „sprachlich-kulturellen Raum französischsprachiger Gemeinschaften mit ihren Ideologien und Interaktionsformen“ (S. 2, in frz. vielfach durch Kleinschreibung „francophonie“ gekennzeichnet) und andererseits als „staatenübergreifendes politisch-institutionelles Gefüge von weltweiter Dimension“ (ebd., „Francophonie“ mit Majuskel). Kritisch setzt sich Erfurt mit dem „Spiel mit Zahlen“ durch Aktivisten der internationalen Organisationen der Frankophonie auseinander. So weist er Schätzungen der Académie Française und anderer Promotoren der Frankophonie von weltweit 500 Millionen Französischsprachigen auf der Basis von Studien des französischen Linguisten Chaudenson zurück. Dieser geht von ca. 75 Millionen Menschen aus, die Französisch als Muttersprache haben – dazu kommen 30 bis 50 Millionen Mehrsprachige, die auch Französisch sprechen. Kurz vergleicht Erfurt die Frankophonie mit anderen „Phonien“ – dem Commonwealth, der Lusophonie, der Hispanofonia etc. und gibt den Lesern/innen eine kurze aber äußerst hilfreiche bibliografische Orientierung zu den Frankophoniestudien.

Im zweiten Kapitel stellt Erfurt die Verbreitung des Französischen in der Welt dar. Mit großer Sorgfalt hinterfragt er den homogenisierenden Begriff der „französischsprachigen Ländern“. Er differenziert zum einen, welchen offiziellen Status das Französische in unterschiedlichen Ländern und gesellschaftlichen Gruppen hat, welche Funktion es als Bildungs-, Eliten- oder Gerichtssprache besitzt und welche Rolle es in der Alltagskommunikation spielt. Während beispielsweise in vielen Staaten Westafrikas das Französische den Status einer Staatssprache besitzt, aber vielfach nur von einer fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung umfassenden Elite gesprochen wird, ist das Französische in Algerien sehr weit verbreitet, besitzt dort allerdings keinen offiziellen Status. Zum anderen differenziert Erfurt zwischen individueller (Bi- bzw. Plurilinguismus) und gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit (Diglossie). Darüber hinaus weist er darauf hin, dass das „Repertoire“ der Sprecher je nach Spracherwerb und Gebrauch sehr unterschiedlich ausgebaut ist. Insgesamt gelingt es Erfurt, ein äußerst differenziertes Bild der aktuellen Verbreitung und Bedeutung des Französischen zu zeichnen.

Die historische Dimension beleuchtet Erfurt im dritten Kapitel „Nation, Sprache und Kolonialismus“. Er arbeitet heraus, dass die Verbreitung des Französischen erstens Ergebnis einer binnengerichteten Durchsetzung als Nationalsprache seit dem Absolutismus ist, zweitens das Französische im 18. und 19. Jahrhundert zur lingua franca von Bildungseliten und Diplomatie in Europa wurde und sich die internationalen Organisationen der Frankophonie heutzutage vielfach unter Bezug auf diese historische Stellung legitimieren und dass drittens seine weltweite Verbreitung Folge der außengerichteten Bindung der Kolonien an das Mutterland vermittels Sprache ist.

Im vierten Kapitel wird die Frankophonie als Organisation und Akteur der internationalen Beziehungen dargestellt. Die Institutionalisierung der Frankophonie interpretiert Erfurt als das Ergebnis zweier paralleler Entwicklungen in den 1960er-Jahren: Zum einen suchten französischsprachige Eliten in den unabhängig gewordenen ehemaligen französischen und belgischen Kolonien nach einem Zusammenschluss, zum anderen gerieten französischsprachige Gemeinschaften in Belgien und Kanada zunehmend in Konflikt mit dem Nationalstaat und suchten ebenfalls nach supranationaler Vernetzung. Wie Erfurt zu Recht feststellt, gibt es bislang kaum Arbeiten zur Geschichte der Frankophonie. Vorliegende Publikationen stammen meist von Promotoren der Frankophonie selbst und sind daher eher apologetisch als kritisch. Trotz dieser schwierigen Literaturlage gelingt es Erfurt, einen kompakten und durchaus kritischen Überblick über die Geschichte der institutionalisierten Frankophonie von der Entstehung erster Organisationen in den 1960er-Jahren, die sich selbst als „frankophon“ bezeichnen, bis zur Gipfelkonferenz der frankophonen Staatschefs in Ougadougou 2004 zu ziehen. Er entwickelt diese Geschichte entlang zweier roter Fäden: Zum einen entwirft er die Entwicklung der Frankophonie als einen Prozess der zunehmenden Politisierung – die zunächst vor allem auf Zusammenarbeit im Bereich Kultur und Entwicklung ausgerichteten Organisationen wurden durch stärker politisch definierte Organisationen ergänzt und teilweise verdrängt. Zum anderen erkennt er eine zunehmende Professionalisierung und Bürokratisierung der Frankophonie. Insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die Frankophonie neu organisiert: neue Mitglieder aus dem ehemals sozialistischen Ostmittel- und Südosteuropa sowie aus den ehemaligen Kolonien in Südostasien haben den Kreis der Mitglieder innerhalb der Organisationen der Frankophonie auf mehr als 50 erhöht, die Frankophonie wurde mit der Etablierung der „Organisation Internationale de la Francophonie“ dezidiert als Akteur der internationalen Politik positioniert und bekam mit dem Posten eines Generalsekretärs Gesicht und Stimme. Erfurt bemüht sich dabei, auch „hinter die Kulissen“ der Frankophonie zu schauen: So zeigt er beispielsweise, dass Frankreich mit erheblichem Abstand der größte Einzahler in die multilateralen Fonds der Frankophonie ist, dass aber die multilaterale Zusammenarbeit weiter hinter der bilateralen Zusammenarbeit Frankreichs zurückbleibt. Die Aktivitäten der Frankophonie im Bereich „Sprache, Kultur und Medien“, „Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit“, „Entwicklung und Solidarität“, „Bildung und Erziehung“ sowie „Informations- und Kommunikationstechnologien“ sind daher letztlich unterfinanziert und werden den propagierten Zielen kaum gerecht.

Die Beziehung zwischen unterschiedlichen Formen der Französischsprachigkeit und Identifikationsprozessen von Individuen und Kollektiven diskutiert Erfurt im fünften Kapitel: „Was bedeutet es für Individuen, in einem spezifischen Umfeld französischsprachig zu sein […]?“ (S. 159) Erfurt versteht die Frankophonie nicht (nur) als „eine ethnisch, geopolitisch, territorial oder sozial verfestigte Entität“, sondern als einen „diskursiven Raum“. Unter Diskurs versteht er dabei die „sprachliche Inszenierung einer gesellschaftlichen Praxis“. Diesen Diskursbegriff kombiniert Erfurt mit einer „Heterogenitätsthese“ und einer „Homogenitätsthese“. Die Heterogenität frankophoner Gemeinschaften sei als „spannungsgeladene diskursive Konstruktion“ zu begreifen (S. 163). Und diese Heterogenität stelle „den Ausgangspunkt für den Kampf um bzw. die Infragestellung von Hegemonie dar“. Erfurt kombiniert also eine Foucaultsche Perspektive mit einem an Gramsci angelehnten Hegemoniebegriff – macht allerdings diese Bezüge nicht explizit. Nun ist sicherlich ein Lehrbuch zur Frankophonie nicht der Ort für vertiefte theoretisch-konzeptionelle Diskussionen. Allerdings räumt Erfurt dem Diskursbegriff – sinnvollerweise – eine so zentrale Stellung in seinen Überlegungen ein, dass eine vertiefte konzeptionell-theoretische Positionierung hilfreich wäre. Die von Erfurt gut informiert und äußerst spannend geschilderten Prozesse der Konstitution von Gruppenidentitäten (am Beispiel französischsprachiger Migranten in Ontario, französischsprachiger Eliten in Québec, dem „Nouchi“ als hybrider Varietät des Französischen und verschiedenen ivorischen Sprachen, die zum Identitätsmarker von Jugendlichen an der Elfenbeinküste geworden sind, sowie dem Rap und dem roman beur als „kulturellen Diskursen“ der zweiten und dritten Einwanderergeneration in Frankreich) hätten durch eine klarere theoretisch-konzeptionelle Positionierung an analytischer Schärfe gewinnen können. So treten konzeptionelle Unverträglichkeiten auf zwischen hegemonietheoretischen und handlungstheoretischen Bezügen auf der einen Seite, bei denen von einer prädiskursiven Realität ausgegangen wird (also „Diskurs“ und „Realität“ unterschieden werden), und diskurstheoretischen Bezügen auf der anderen Seite, die ja gerade von der Unmöglichkeit ausgehen, Aussagen über eine prädiskursive Realität machen zu können und die daher ganz auf Prozesse der diskursiven Konstitution fokussieren. Gewinnbringend könnte hier eine Auseinandersetzung mit der Diskurstheorie der beiden Politikwissenschaftler Ernesto Laclau und Chantalle Mouffe sein, die ja eine Verknüpfung von poststrukturalistischen Ansätzen mit hegemonietheoretischen Ansätzen seit Mitte der 1980er-Jahre ausformulieren und dabei insbesondere auf die Analyse der diskursiven Konstitution von Gruppenidentitäten zielen.

Erfurt bemängelt zu Recht, dass bislang kaum Studien vorliegen, welche die Wechselbeziehungen zwischen den Aktivitäten der institutionalisierten Frankophonie auf der einen Seite und den vielfältigen kulturellen Praktiken frankophoner Gemeinschaften auf der anderen Seite in den Blick nehmen. Die Überlegungen Erfurts zur Frankophonie als „diskursivem Raum“ zeigen daher sinnvolle und wichtige Perspektiven für die Frankophonieforschung auf, die fortgeführt und konzeptionell weiter ausgearbeitet werden sollten.

Erfurt schließt die Monografie im sechsten Kapitel mit einem „Quo vadis, Francophonie?“, indem er kurz drei mögliche Zukunftsszenarien der Frankophonie skizziert. Sinnvoll ergänzt wird das Lehrbuch durch Hinweise zur Datenrecherche zu Themen der Frankophonie im Internet und einer umfangreichen Bibliografie.

Der Sprachwissenschaftler Jürgen Erfurt legt ein didaktisch überzeugend aufgebautes Lehrbuch vor. Kompetent führt er Erkenntnisse aus der Frankophonieforschung zusammen, die zwar (bislang überwiegend) aus den Sprach- und Literaturwissenschaften stammen, aber im Gefolge des cultural turn vielfach dezidiert kulturwissenschaftlich ausgerichtet sind. Zudem bietet Erfurt den Lesern/innen auch Hinweise, wie Konzepte und Erkenntnisse der Sozialwissenschaften für die Frankophoniestudien erschlossen werden können. In wohltuender Weise hebt sich das Buch von den weitgehend unkritischen französischsprachigen Monografien zur Frankophonie beispielsweise von Xavier Deniau [1], Jaques Barrat [2] oder Michel Tedu [3] ab und lädt die Leser/innen ein, die Frankophonie als gesellschaftliches bzw. diskursives Konstrukt zu analysieren. Das Lehrbuch ist daher nicht nur für Lehrende und Studierende der Romanistik zu empfehlen, sondern beispielsweise auch für Wissenschaftler/innen aus Ethnologie, Geografie, Politikwissenschaft, Geschichte und Ökonomie, die sich für die Zusammenhänge zwischen Sprache und Kultur, Identität(en), Geschichtsschreibung, Regionalisierung und Politik interessieren.

Anmerkungen:
[1] Deniau, Xavier, La francophonie (= Que sais-je? 2111), Paris 1992.
[2] Barrat, Jacques, Géopolitique de la Francophonie (= Politique d'aujourd'hui), Paris 1997.
[3] Tetu, Michel, Qu'est-ce que la francophonie?, Paris 1997.

Zitation
Georg Glasze: Rezension zu: : Frankophonie. Sprache - Diskurs - Politik. Tübingen  2005 , in: H-Soz-Kult, 17.05.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6514>.
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17.05.2006
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