U. Arnswald: Die Zukunft der Geisteswissenschaften

Titel
Die Zukunft der Geisteswissenschaften.


Hrsg. v.
Arnswald, Ulrich
Erschienen
Heidelberg 2005: Manutius Verlag
Umfang
165 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Keisinger, SFB 437 - "Kriegserfahrungen", Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Um kein einfaches Unterfangen handelt es sich erfahrungsgemäß, mit einem Sammelband nach der ‚Zukunft der Geisteswissenschaften’ zu fragen. Die vorgebliche Allgemeinheit des Themenfeldes birgt die Gefahr, dass die einzelnen Beiträger sich nur allzu gern in umschweifenden Reflexionen genereller Natur zum Thema verlieren, dabei jedoch den Kern des Unterfangens – nämlich die Frage nach der Zukunft der Geisteswissenschaften – lediglich umkreisen. Dieser Problematik war sich Ulrich Arnswald offenbar bewusst, betont er doch in seiner Einführung ausdrücklich die praktische Intention einer Publikation wie der vorliegenden, nämlich die Diskussion zwischen Wissenschaft und handelnder Politik zu fördern. Dementsprechend sollen nicht nur Fragen nach den Aufgaben und Herausforderungen gestellt werden, die den Geisteswissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts erwachsen, sondern auch ganz praktische Probleme thematisiert werden, herrührend aus der besonderen Struktur der deutschen Universität. Hierzu zählt Arnswald die Internationalisierung von Studiengängen und neuartige Wege der Forschungsfinanzierung, ebenso wie mögliche Kooperationen zwischen Natur-, Bio- und Geisteswissenschaften.

Den Auftakt macht Julian Nida-Rümelin, der im Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Lebenswelt ein die Geisteswissenschaften kennzeichnendes Element erkennt und kein Problem darin sieht, den Geisteswissenschaften eine Orientierungswissen erzeugende Funktion zuzuschreiben. Unter Orientierungswissen versteht Nida-Rümelin Wissen, welches ermöglicht, sich in der Lebenswelt zu orientieren und das eigene Leben so weit zu kontrollieren, dass das Gefühl besteht, selbstständig zu handeln und nicht den Plänen anderer zu gehorchen. Er wendet sich dabei gegen jeglichen Versuch, menschliche Intentionalität naturalistisch aufzufassen, sondern sieht vielmehr den Menschen als kommunizierendes, handelndes, sinnsuchendes Wesen im Zentrum aller geisteswissenschaftlichen Betätigung. Ein wenig unglücklich erscheint in diesem Zusammenhang lediglich die Verwendung des Szientismus-Begriffes, den Nida-Rümelin im Sinne möglichst präziser Argumentation verstanden haben möchte.

Nüchtern stellt Nida-Rümelin jedoch fest, dass zwischen den anskizzierten Erwartungen an die Geisteswissenschaften und deren praktizierter Wirklichkeit eine nicht zu übersehende Diskrepanz besteht. Er verdeutlicht diese Kritik mit Verweis auf die derzeit in den Feuilletons primär von NeurowissenschaftlerInnen geführte Debatte, wonach der freie Wille nicht existent, Willensfreiheit folglich als eine Illusion aufzufassen sei. Zu passiv, so Nida-Rümelin, sei die Haltung in den Geisteswissenschaften in öffentlichen Diskussionen im Allgemeinen, und auch bezogen auf das genannte Beispiel kann er nicht erkennen, „dass sich die Philosophie wirksam [...] gegenüber solchen Missverständnissen zur Wehr setzt“ (S. 22).

Optimistischer schätzt Nida-Rümelin die Lage der Geisteswissenschaften an den deutschen Universitäten ein. Der Umstand, dass die Arbeitslosigkeit unter AbsolventenInnen der Geisteswissenschaften lediglich halb so hoch sei wie der Bundesdurchschnitt, verdeutliche, dass es offenbar zahlreiche Berufsfelder gibt, in denen die im geisteswissenschaftlichen Studium erworbenen Qualifikationen wie „Bildung von Ausbildung, Persönlichkeitsbildung, Integration, Urteilskraft“ (S. 25) gefragt seien. Diese Entwicklung, so Nida-Rümelins positive Prognose, werde auch weiterhin anhalten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es tatsächlich – wie von Nida-Rümelin angeführt – die im Studium vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten sind, die GeisteswissenschaftlerInnen eine Nische auf dem Arbeitsmarkt eröffnen, oder nicht vielmehr die Bereitschaft von StudentInnen und AbsolventInnen, sich über oftmals unzählige (meist un- oder unterbezahlte) Praktika und Volontariate mehr oder weniger selbständig dafür zu qualifizieren.

Deutlich kritischer schätzt Reinhard Brandt in seinem Beitrag die gegenwärtige Lage der Geisteswissenschaften an den deutschen Universitäten ein, wenn auch die von ihm hierfür dargelegte Begründung zum Teil ein wenig wunderlich anmutet. So hätten die Geisteswissenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowohl im internationalen wie auch epochalen Vergleich eine wahre Blüte erlebt, befänden sich mittlerweile jedoch im Zustand des Niederganges. Dieser lasse sich nicht alleinig auf gekürzte Ressourcen und eine Drittmittelvergabe zurückführen, welche diejenigen „vernichtet“ (S. 53), die nicht smart und passend ihre Projekte zu formulieren in der Lage sind. Vielmehr glaubt Brandt einen entscheidenden Faktor der Erosion „im Niedergang der deutschen Schulen“ ausmachen zu können. Es seien die dort unterrichtenden „Funktionärspädagogen“, die – „durch Eliminierung von kanonisch fixierten Kulturgütern, wie beispielsweise Beethoven, Paul Celan etc.“ (S. 51) – es versäumen „die Grundierung geistiger Interessen“ zu vermitteln, „an die die Universität anknüpfen kann“ (S. 45).

Folgt man Brandts Argumentation drängt sich den LeserInnen allerdings die Frage auf, wie es möglich war, dass die deutschen Geisteswissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg so rasch in eine Phase der Blüte eintreten konnten. Schließlich war der Zeitraum zwischen 1933 und 1945 sicherlich weitaus mehr geprägt von „Funktionärspädagogen“, als irgendeine Zeit jemals zuvor oder danach. Des Weiteren steht die Forderung nach einer Vermittlung „kanonisch fixierte[r] Kulturgüter“ in diametralen Gegensatz zu einem offenen Begriff von Geisteswissenschaften, wie man ihn beispielsweise bei Wilhelm Dilthey findet, der die Aufgabe der Geisteswissenschaften darin sieht, die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit durch Nacherleben und Nachdenken in ihrem Bedeutungsgehalt zu erschließen und mit Werturteilen und Sinngebungen zu bereichern. Ein solcher Prozess jedoch, der sich durch permanente Reflexion und Neubesinnung zwangsläufig in ständiger Veränderung und Bewegung befinden muss, widerspricht einer statischen Auffassung von zu vermittelndem Kulturkanon vehement.

Solchen bei Brandt anklingenden kulturpessimistischen Nuancen erteilt der württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg eine Absage. Zwar fordert er für eine globalisierte Welt die „inhaltliche Aktualisierung“ (S. 82) der Humboldtschen Prämisse, wonach die Universität als absichtslose Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden begriffen wird, in der der Einzelne sich zweckfreier Wissenschaft widmet. Dies müsse den Geisteswissenschaften jedoch nicht zwangsläufig zum Nachteil gereichen. Gerade rasche gesellschaftlicher Veränderungen führten zu Fragen, die so gewichtig seien, dass auf den Beitrag der Geisteswissenschaften dabei unmöglich verzichtete werden könne. Frankenberg wirft zu Recht die Frage auf, ob die derzeit an den Universitäten in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen angebotene spezifisch wissenschaftliche Ausbildung (die durchschnittliche Studiendauer in den Kulturwissenschaften liegt bei 14 Semestern) tatsächlich noch zeitgemäß sei. In der konsequenten Einführung verkürzter Bachelore-Studiengänge sieht er die Möglichkeit, die Geisteswissenschaften zunehmend in Richtung eines vermehrt interdisziplinären Arbeitens zu öffnen, was sowohl für StudentInnen, als auch die Fakultäten Vorteile mit sich bringe. Erstere dürften dabei auf eine verkürzte, jedoch praxisnähere Ausbildung hoffen, letzteren wird die Möglichkeit eröffnet, durch fächerübergreifende Kooperationen die eigene Stellung im universitären Fächerkanon zu stärken und im Verbund gesellschaftlich relevante Themen besser aufgreifen zu können.

Einer solchen Argumentation verschließt sich auch Klaus Landfried in seinem Beitrag nicht, in welchem er, wie Frankenberg, auf die strukturelle Reformbedürftigkeit an den deutschen Hochschulen hindeutet. Mit Recht verweist er jedoch darauf, dass auch künftig die Geisteswissenschaften ihre AbsolventInnen nicht für ein spezifisches Berufsfeld werden ausbilden können – und dies auch gar nicht wollen und sollen! Aufgabe der Fakultäten vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich müsse es sein, die mit dem Bologna-Prozess verbundenen Chancen zu nutzen und an die Studierenden weiterzugeben, denn „was hindert die geisteswissenschaftlichen Fakultäten daran, die Berufsaussichten ihres Nachwuchses auf diese Weise zu verbessern?“ (S. 104)

Prinzipiell ist weder den Ausführungen Frankenbergs noch Landfrieds im Kern zu widersprechen. Auf einem anderen Tablett steht dabei allerdings die Frage nach der tatsächlichen Umsetzung der angesprochenen Reformvorhaben. In diesem Punkte verlieren beide sich in den allzu oft wiederholten, im Kern nichts sagenden Floskeln der Interdisziplinarität und Praxisorientierung. Diskussionswürdig, weil viel interessanter, wäre in diesem Zusammenhang endlich einmal die Frage, wie der viel zitierte Bologna-Prozess sich konkret auf die Fächerstruktur an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten auswirkt. Ein klassisches Magisterstudium um ein oder zwei Hauptseminar zu beschneiden und fortan als Bachelore-Studiengang zu titulieren mag den formellen Bologna-Anforderungen genüge tun, dem – zumindest von der Wissenschaftspolitik vorgegebenen – Sinn und Zweck des Reformvorhabens dient es nicht. Dennoch ist ein solches Vorgehen leider weit verbreitete Praxis an den Fakultäten.

Den Band abschließend, in Abgrenzung zu Frankenberg oder auch Landfried, wendet sich schließlich Ulrich Arnswald gegen eine rein an Mustern des Nützlichkeitsdenkens orientierte Ausformung der Geisteswissenschaften. Ein Kernproblem bei dieser Entwicklung liege für die Geisteswissenschaften darin, dass ihnen eine Schutzmacht, wie es einst Kirche und dann Nationalstaat waren, abhanden gekommen sei. Politik und Wirtschaft betrachtet er in der gegenwärtigen Lage als den Geisteswissenschaften „feindlich gesonnen“ (S. 118). Es könne, so Arnswald, nicht Aufgabe von Wissenschaft sein, dem Zeitgeist hinterherzulaufen. Zweckfreie Grundlagenforschung, frei von gesellschaftlichen, außerwissenschaftlichen Interessen sieht er im gegenwärtigen Entwicklungs- und Reformprozess, mit welchem die Geisteswissenschaften tagtäglich konfrontiert würden, zur Disposition gestellt.

Alles in allem versammelt sich somit in dem nur knapp 160 Seiten umfassenden Bändchen ein recht heterogenes Spektrum an Meinungen zum Thema Geisteswissenschaften. Dabei finden auch die eingangs vom Herausgeber formulierten Fragestellungen bei den meisten der Autoren, wenn auch zum Teil nur am Rande, Berücksichtigung. Ob der Band tatsächlich, wie vom Herausgeber intendiert, einen Dialog zwischen Wissenschaft und handelnder Politik zu fördern vermag, muss jedoch mit einem Fragezeichen versehen werden. Denn wesentlich Neues und Anregendes, vor allem beim vieldiskutierten Thema der anstehenden Strukturreformen an den deutschen Universitäten, vermögen die Beiträge nicht zu liefern. Für das Bändchen hingegen spricht, dass es dem Herausgeber gelungen ist, auf kleinem Raum ein recht buntes Mosaik an Meinungen und – wenn auch zum Teil nur anskizzierten – Themenfeldern zu versammeln, die aus unterschiedlichen Perspektiven einen Überblick über die gegenwärtige Diskussion zum Thema der Geisteswissenschaften in Deutschland vermitteln.

Zitation
Florian Keisinger: Rezension zu: Arnswald, Ulrich (Hrsg.): Die Zukunft der Geisteswissenschaften. Heidelberg 2005 , in: H-Soz-Kult, 18.01.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6519>.
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18.01.2006
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