Cover
Titel
Sex After Fascism. Memory and Morality in Twentieth-Century Germany


Autor(en)
Herzog, Dagmar
Erschienen
Umfang
361 S.
Preis
$ 29.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Reichardt, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz

Im Nationalsozialismus wurde, meint die in New York lehrende Historikerin Dagmar Herzog, die Mehrheit der Deutschen dazu angespornt und ermuntert, sexuelles Vergnügen zu suchen und zu erfahren. Die überkommenden Moralvorstellungen der konservativen Kirchenväter hätten die Nazis als moralinsauere „pfäffische Heuchelei“ abgetan und erst mit der wirkmächtigen Geschichtspolitik der 68er-Studentenbewegung seien diese libertären Elemente nationalsozialistischer Sexualpolitik nicht nur in Vergessenheit geraten, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt worden. Sie inszenierten ihre sexuelle Revolution in demonstrativer Absetzung vom NS-Regime, welches man als pervertiertes Projekt sexueller Repression imaginierte. Vor allem die spießige, repressive und autoritäre Kleinfamilie galt als psychologische Agentur, die Sadomasochismus und Holocaust erst ermöglicht habe. Mit diesen beiden Paukenschlägen kündigt sich eine Geschichte deutscher Sexualität und Politik im 20. Jahrhundert an, in deren Zentrum die vielfach umgedeutete Erinnerung an die nationalsozialistische Sexualpolitik steht.

Herzogs Buch, welches zeitgleich in gekürzter deutscher Ausgabe beim Siedler-Verlag erschienen ist, beginnt mit einer Untersuchung der Veröffentlichungen von nationalsozialistischen Ärzten und Bevölkerungsexperten, des NS-Hetzblattes „Stürmer“ sowie der SS-Postille „Das Schwarze Korps“. Die Autorin findet darin keineswegs asexuelle, verklemmte oder prüde Selbstbeschreibungen. Vielmehr seien die Nazis Anhänger freier Liebe unter „Volksgenossen“ gewesen, denen an sexuellen Kontakten außerhalb der Ehe, an Freizügigkeit und am Körperkult durchaus gelegen war. Diese Freimütigkeit war es, die den entschiedenen Widerspruch der christlichen Kirchen heraufbeschwor, wobei deren Kritik an der NS-Sexualmoral viel stärker zu vernehmen war, als mögliche Bedenken gegen den nationalsozialistischen Antisemitismus, der vor allem von der protestantischen Kirche als „Zurückdrängung des ‚jüdischen Einflusses’ aus dem öffentlichen Leben“ begrüßt wurde.

Zwar sei die Sexualitätspolitik im Nationalsozialismus antisemitisch und rassistisch überformt gewesen, aber innerhalb der Grenzen einer so definierten „Volksgemeinschaft“ sei sie, so betont die Autorin, sexuell libertär gewesen. Das Regime thematisierte Sexualität öffentlich als etwas Natürliches und Reines und förderte dementsprechend den außer- und vorehelichen Geschlechtsverkehr – etwa in BDM, HJ oder Reichsarbeitsdienst. Diese Freizügigkeit erkläre auch die Bindung der Jugendlichen an das NS-Regime.

Die Nationalsozialisten lockerten 1938 die Scheidungsgesetzgebung jedoch vor allem deshalb, um der mangelhaften Erfüllung „ehelicher Pflichten“ einen Riegel vorzuschieben, den Einsatz von Verhütungsmitteln zu verringern oder medizinisch festgestellte Unfruchtbarkeit nicht weiter zu schützen. Fortpflanzung innerhalb oder außerhalb der Ehe war es mithin, die sich die Nationalsozialisten angesichts sinkender Geburtenraten seit Beginn des 20. Jahrhunderts erwünschten. Vor allem die Männer (insbesondere in den Kriegsjahren ab 1942) wurden zur Untreue ermutigt. Die nationalsozialistische Nacktkultur wirkte im Vergleich zur abgelehnten Laszivität und Lüsternheit, die die Nazis der Weimarer Vergnügungsindustrie und den Juden zuschoben, starr und steril. Zudem waren die Sterilisation „Erbkranker“, die Kriminalisierung der Abtreibung, Verfolgung und Bestrafung homosexueller Handlungen, das Verbot sexueller Kontakte zu Zwangsarbeitern/innen oder Kriegsgefangenen die Kehrseiten einer keineswegs frei wählbaren sexuellen Libertinage. Diese Ambivalenz, wie auch die keineswegs so liberale Praxis im Sexualverhalten der „Volksdeutschen“, kommt in der auf eine provokante These zugespitzten Darstellung Herzogs jedoch zu kurz.

Herzog repliziert somit gewissermaßen einen Blick auf die Sexualpolitik der Nationalsozialisten, der, wie sie selbst ausführlich im dritten Kapitel zeigt, für die 1950er-Jahre typisch war. Nachdem in den kurzen Nachkriegsjahren viele Ehen durch die Kriegswirren auseinander gebrochen waren und sich der vor- und außereheliche Geschlechtsverkehr Ende der 1940er-Jahre erstaunlich hoher Zustimmung erfreute (diese Entwicklungen werden eingehend und sehr überzeugend im zweiten Kapitel gezeigt), setzte sich spätestens Mitte der 1950er-Jahre die Auffassung durch, gegen die nationalsozialistische Liberalisierung und die Verwirrung der Nachkriegsjahre der sexuellen Freimütigkeit durch die Propagierung anständiger Manieren Einhalt bieten zu müssen. Der konservative Diskurs sprach sich für die Beschränkung der Sexualität auf die Ehe aus, wobei über den sündigen Sex, der insbesondere für Frauen ungehörig sei, möglichst nicht öffentlich gesprochen werden sollte. Die klassischen Vorstellungen vom züchtig ehelichen Sex, von Häuslichkeit und weiblicher Anpassung an den Mann als Familienoberhaupt galten insofern als Heilmittel gegen die antibourgeoise Lasterhaftigkeit der Nazis. Dass Begehren und Triebe irgendwie schmutzig seien und einzudämmen waren – darin zeigten sich der CDU-Familienminister Franz-Josef Wuermeling und konservativ-katholische Pädagogen wie Heinrich von Gagern einig. Gleich 1952 beschloss der Bundestag gegen „Schund und Schmutz“-Schriften einzuschreiten – Heimlichtuerei und Scham in sexuellen Dingen waren an der Tagesordnung.

Aber trotz Illegalität und gesundheitlicher Gefahren verzeichnete man hohe Abtreibungsraten von jährlich bis zu einer Million; jährlich starben 10.000 Frauen an den Folgen einer Abtreibung. Die Zahlen legen nahe, dass die Sexualpraxis der Deutschen keineswegs ungebrochen dem Diskurs folgte. Diesen Spuren folgt die rein auf eine Diskursgeschichte zugeschnittene Darstellung leider nicht.

Auch lässt sich die Muffigkeit der 1950er-Jahre nicht so umfassend als Versuch deuten, mit der NS-Vergangenheit fertig zu werden. Herzog legt diesen Schluss nahe, denn die Darstellung des traditionellen Frauenbildes in den 1950ern, der Homophobie und der christlichen Überzeugungen aus der NS-Zeit werden weit weniger eingängig beschrieben. Der eminent bedeutende Kuppeleiparagraf etwa, der Vermietern und Eltern mit schweren Strafen drohte, wenn sie duldeten, dass unverheiratete mündige Paare zusammen fanden, war ja keine Erfindung der 1950er-Jahre, sondern stammte aus der NS-Zeit. Dies wird leider nur in wenigen Zeilen erwähnt.

Die erstickende Verklemmtheit und der moralische Konformismus der 1950er-Jahre waren es letztlich, so die Autorin im vierten Kapitel, welche die Forderungen nach einer „sexuellen Revolution“ durch die 68er mit besonderer Vehemenz und Wut ausgestattet hatten. Zeitgleich hatte die „Sexwelle“ der 1960er-Jahre zur Vermarktung pornografischer Bilder und Texte geführt. Nacktheit und außerehelicher Sex wurden nicht nur zu Konsumgütern, sondern auch zu öffentlich verhandelten Themen in Presse und Werbung. „Sex sells“ lautete die Devise von Oswald Kolles Aufklärungsfilmen bis zu Beate Uhse, die ihren ersten größeren Laden 1965 in Hamburg eröffnete.

Die Studentenbewegung betrachtete diese Sexwelle mit gemischten Gefühlen, denn so sehr sie der Konsumkapitalismus störte, so sehr begrüßten sie doch den Abschied von Verklemmtheit und Sexualabstinenz der 1950er-Jahre. Aber auch wenn „zehnmal mehr gebumst würde als früher“ (Publikation der Berliner Kinderläden), ging es den rebellierenden Studierenden doch um etwas anderes: Um die Revolutionierung der Gesellschaft, um die Überwindung „autoritärer Charakterstrukturen“ und der angeblich repressiven Verhältnisse kleinbürgerlicher Familien. Befreite Sexualität und progressive Politik hingen für sie unmittelbar zusammen, denn erst der „autoritär-masochistische Charakter“ der bürgerlichen Kleinfamilie mit seiner strikten Sauberkeitserziehung und Unterdrückung kindlicher Sexualität habe Hitler möglich gemacht. Dagegen richteten sich nun also neue Formen antiautoritärer Erziehung und gemeinschaftlichen Zusammenlebens, die die psychologische Grundlage für eine sozialistische Gesellschaft schaffen sollten.

Herzogs spöttelnde Charakterisierung der Kinderladenbewegung – mit ihrer Fixierung auf ein Abziehbild vom verklemmten Nazischläger – macht deutlich, wie verunsichert die 68er waren. Manche 68er sprachen letztlich wohl eher über ihre eigenen Ängste, denn über die Nazis. Ihre Kapitulation vor kindlicher Sexualität und ihr Erstarren, wenn die Kinder Interesse an den Genitalien der Erwachsenen zeigten, offenbart, wie schwer der souveräne Umgang mit den nahezu verherrlichten Kinderladenkindern fiel, wie gewunden viele 68er Respekt und Grenzziehungen artikulieren. Konfliktlösungen in diesem Bereich waren, wenn man sie nicht mit Ideologieverdacht oder Dogmatismusvorwurf sanktionieren konnte, ungewohnt und ungelernt. Autoritarismus und Konservatismus, unter dem sie in den 1950er-Jahren erzogen worden waren, (miss-)verstanden viele als bloße Kontinuität des Nationalsozialismus. Herzog folgt hier der Interpretation Reimut Reiches, der das Trauma der Studentenbewegung darin erkannte, dass man Schuld und Trauer angesichts des von der Elterngeneration durchgeführten Holocaust durch unablässigen politischen Aktivismus gegen den Faschismus und Verschiebungen in den Bereich der Sexualität zu bewältigen suchte.

Nach einem Überblickskapitel zu den Verhältnissen in der DDR – die als zwar spießig, aber als zum Teil auch kreative, liebevolle und gleichberechtigte Sexualbeziehungen geschildert werden – endet das Buch im sechsten Kapitel mit den 1970er-Jahren, wobei hier die Lockerung des Sexualstrafrechts, die Schwulenbewegung, der Kampf der Frauenbewegung gegen den Paragrafen 218 und die zunehmende Sensibilisierung für männliche Militanz und „Mackertum“ in der linken Alternativbewegung knapp untersucht werden.

Herzogs Buch handelt somit von den ideologischen Auseinandersetzungen um Stellung und Bedeutung der deutschen Sexualität von 1933 bis in die späten 1970er-Jahre – mit einem kurzen Ausblick auf die Jahre nach 1989. Die politischen Vorschriften, Moralkodices und Meinungen von Ideologen/innen, Regierungsvertretern/innen, von professionellen Deutern/innen und Sexologen/innen, von Journalisten/innen, Kirchenvätern und zuweilen auch von interviewten Zeitzeugen/innen werden ineinander verschachtelt und zu einer lesenswerten Diskursgeschichte verwoben. Welchem theoretischen Prinzip sich die Collagetechnik dieser Diskursgeschichte jedoch verpflichtet weiß und welche Argumentationslinie die Autorin verfolgt, bleibt unklar.

Vorschriften und praktisches Verhalten werden in dieser Diskursgeschichte leider nicht immer sauber voneinander getrennt. Inwieweit und warum also das Sexualverhalten der Deutschen den unterschiedlichen Diskursgemeinschaften der Experten/innen, Regierungsvertreter/innen oder Kirchen folgte, wird in dem Buch nur selten beantwortet. Dass allein Erbe und Erinnerung an den Nationalsozialismus den wechselhaften Verlauf der deutschen Sexualpolitik bestimmte, mag man aufgrund ähnlicher Diskursverläufe und Entwicklungen in anderen westeuropäischen Gesellschaften, die dieses Erbe nicht zu vergegenwärtigen hatten, letztlich bezweifeln. Kurzum: Auch in dieser interessanten Diskursgeschichte der New Yorker Historikerin erfährt man zwar vieles, aber längst nicht alles, was man schon immer über Sex wissen wollte.

Zitation
Sven Reichardt: Rezension zu: : Sex After Fascism. Memory and Morality in Twentieth-Century Germany. Princeton  2005 , in: H-Soz-Kult, 14.04.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6566>.
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14.04.2006
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