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Titel
Umsiedler in Sachsen. Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen 1945-1952. Eine Quellensammlung


Autor(en)
Thüsing, Andreas; Tischner, Wolfgang; Schrammek, Notker
Erschienen
Umfang
520 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Esther Neblich, Bayerische Landesgeschichte, Universität Bayreuth

Die Flüchtlingsproblematik in der SBZ/DDR rückte erst seit der politischen Wende 1989/90 in das Blickfeld der Forschung. Während der SED-Herrschaft war dieses Thema aus parteiideologischen Gründen tabu, denn ab 1947 galt die Umsiedlerfrage als gelöst. Die Diskussion um die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, die seit Mitte der 1990er-Jahre wieder verstärkt in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt ist, fand ihren Niederschlag in der zunehmenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Schicksal der Vertriebenen, die in der SBZ/DDR untergebracht wurden.

Manfred Wille gab eine erste Dokumentensammlung heraus, welche die Aufnahme der Flüchtlinge in der gesamten Ostzone reflektierte. Jan Foitzik lieferte mit seiner Zusammenstellung der SMAD-Befehle eine Konkordanz, in welcher der Einfluss der sowjetischen Besatzer auf die Politik, und damit das große Problem der Nachkriegszeit in Mitteleuropa, verdeutlicht wird. Michael Schwartz setzte sich in seiner Habilitationsschrift intensiv mit der Thematik auseinander.[1]

Die vorliegende Quellensammlung ist das Ergebnis mehrerer Forschungsprojekte am Leipziger Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte.[2] Sie gliedert sich in verschiedene Abschnitte, wobei im ersten Kapitel in das Thema eingeführt wird. Die Einleitung setzt sich aus Teilen der veröffentlichten Dissertationen zusammen und zeigt die intensive Behandlung des Themenkomplexes aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die aktuelle Forschungslage einschließlich einer Perspektive und das Projekt zur Erforschung der Flüchtlinge und Vertriebenen in Sachsen werden näher erläutert.

Die Vertriebenenforschung, die sich dem Gebiet der SBZ/DDR widmete, entwickelte sich rasch und trug dazu bei, die vorhandenen Lücken zu schließen. Dies traf besonders auf Sachsen zu. Allerdings bestehen noch immer Desiderate, die lokale Besonderheiten betreffen. Der Verlauf der Integration in ländlichen Gegenden ist nach wie vor nicht erschöpfend untersucht. Komparative Studien zur Flüchtlingsproblematik in Thüringen und Sachsen, die unterschiedliche politische Traditionen in der Vorkriegszeit aufwiesen, fehlen. Anhand solcher Vergleiche könnten Unterschiede und Gemeinsamkeiten signifikant herausgearbeitet werden.

Die Quellenlage wird kurz dargestellt, an der die untergeordnete Rolle des Vertriebenenproblems in der politischen Entscheidungsebene deutlich wird. In den Akten der staatlichen Archive finden sich kaum Schreiben der Betroffenen, ein Bestand des Sächsischen Hauptstaatsarchivs Dresden ausgenommen. Hier wurden Beschwerdeschreiben von Vertriebenen in einem Aktenfaszikel gesammelt. Danach werden die Leser/innen kurz in die Abläufe in Sachsen im Zeitraum 1945 bis 1952 eingewiesen. Eine Archiv- und Literaturaufstellung vervollständigt die Forschungslage. Dabei fällt auf, dass einige Archive, wie das Staatsarchiv Chemnitz, nicht berücksichtigt wurden; die Literaturauswahl verschafft einen ersten Einblick in die Forschungslandschaft. Der erste Teil schließt mit einem kurzen Dokumentenverzeichnis, das sich als sehr hilfreich bei der Suche nach speziellen Quellen erweist. Es lehnt sich an die Systematik des zweiten Abschnitts, der eigentlichen Sammlung, an. Abgerundet wird die Dokumentation mit einigen Kurzbiografien der wichtigsten Persönlichkeiten, wobei sowohl Politiker und Amtsträger als auch Vertriebene mit einbezogen wurden.

Die Quellensammlung gliedert sich in acht Themenbereiche, welche die unterschiedlichen Stadien verdeutlichen, in der sich die Lösung des Vertriebenenproblems in Sachsen vor dem politischen Hintergrund, der Trennung Europas in einen West- und Ostblock, vollzogen. In der Zusammenstellung wird auch der Versuch unternommen, das Problem von mehreren Seiten zu beleuchten. Die politische, gesellschaftliche und kirchliche Wahrnehmung der Schwierigkeiten, plötzlich eine völlig neue Bevölkerungsschicht integrieren zu müssen, wird in mehreren Dokumenten aufgezeigt. Dabei wird klar, dass sich die Behördenleiter und -mitarbeiter durchaus der schwierigen Situation, besonders im Sommer 1945, bewusst waren. Der Bericht Jenny Materns über die katastrophale finanzielle und versorgungstechnische Lage in Sachsen verdeutlicht das Chaos (Nr. 012). Im Herbst 1945 wurde dazu übergegangen, die Vertriebenen nicht mehr aus Sachsen auszuweisen, sondern sie anzusiedeln. Dabei wird herausgestellt, dass sich die „Umsiedler“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht dem offiziellen Kurs unterordneten, wonach sie keine besonderen Vergünstigungen trotz ihrer misslichen Situation erhielten und sie der Sowjetisierung Sachsens positiv entgegensehen sollten, weil nun ein einheitliches Staatsvolk geschaffen werden müsse, in dem jeder die gleichen Rechte und Pflichten genösse (Nr. 141). Die Arbeit in der „Umsiedlerverwaltung“ verdeutlicht die Kluft zwischen ideologischen Ansprüchen und der Wirklichkeit, speziell in den Auffanglagern. Die diversen Rundschreiben und Verfügungen der politischen Kräfte zeigen schon ab 1947 die Bestrebungen, die Vertriebenen sofort in die Altbevölkerung zu integrieren, wobei weder Rücksicht auf das Konfliktpotenzial zwischen Einheimischen und Neubürgern noch auf völlig verschiedene Kulturkreise genommen wurde. Die Forderung nach einem Lastenausgleich wurde abgelehnt, stattdessen wurde die Bodenreform 1946 als die gerechte Form der Entschädigung präsentiert (Nr. 088 u. 089), was die Betroffenen keineswegs zufrieden stellte (Nr. 090).

Auch die kirchliche Integration verlief ambivalent. Doch erhielten die Vertriebenen durchaus Hilfe beider Konfessionen, allerdings vollzog sich die Eingliederung in die katholischen Gemeinden zügiger als in die evangelischen. Außerdem waren kirchliche Kreise die einzigen Orte, an denen Heimatkultur gepflegt werden konnte.

Die soziale Lage gestaltete sich problematisch, denn die wenigsten Vertriebenen konnten ihre Wertgegenstände retten. Die meisten waren völlig mittellos und erhielten lediglich geringe staatliche Zahlungen. Die forcierte Zwangseinweisung in Privatquartiere schuf neue Konflikte. Die nötigsten Einrichtungsgegenstände sowie Konsumartikel fehlten. Das wirkte sich integrationshemmend aus. Die staatlichen Unterstützungsversuche, so die Bettenaktion und die „Umsiedlerwoche“ („Neue Heimat – Neues Leben“) 1948 verliefen erfolglos. Die Hauptursache lag darin, dass in der vorangegangenen Propaganda Hoffnungen geweckt wurden, die aufgrund der Produktionsleistungen gar nicht erfüllt werden konnten. Wie im Westen so auch im Osten waren die Einheimischen nur zögerlich bereit, Sach- und Geldwerte für die Vertriebenen zu spenden (Nr. 148). Die Versorgung mit Arbeitsplätzen funktionierte nicht reibungslos. Oftmals wurden die Heimatvertriebenen an Stellen vermittelt, für die sie nicht geeignet waren (Nr. 127).

In den letzten Abschnitten wird auf die Selbstwahrnehmung der Vertriebenen eingegangen und die Frage aufgeworfen, wie erfolgreich die Integration vonstatten ging. Egodokumente von Neubürgern sind kaum erhalten. Notker Schrammek bestätigt in seinem Oral Histoy Projekt die Vermutung, dass sich die „Umsiedler“ ähnlich benachteiligt und diskriminiert wie im Westen fühlten.[3] Eine Auswahl der Interviews wurde in die Quellensammlung mit aufgenommen, und diese vermitteln ein düsteres Bild über die damalige Situation (Nr. 157). Die Tabuisierung des Vertriebenenproblems wirkte dahingehend, dass sich die erste Generation dem Schicksal fügte, während die nachfolgende schon als assimiliert bezeichnet werden kann. Die offiziellen Reaktionen auf die Beschwerden der Neubürger verdeutlichen die Auffassung, dass die Vertriebenen an ihrem Schicksal selbst Schuld seien, weil sie aufgrund ihres Nationalismus den Ausbruch des Krieges mit zu verantworten hätten (Nr. 153).

Die Quellensammlung bietet einen gelungenen Überblick über die differenzierten Aspekte der „Umsiedlerproblematik“ und komplettiert die Forschungslandschaft. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Thematik wählten die Autoren unterschiedliche staatliche und gesellschaftliche Bereiche aus, die das Dilemma der Vertriebenen signifikant belegen. Die vorangestellten Bemerkungen zur Forschung und die Einführung in das Sujet erläutern die Schwierigkeiten und Besonderheiten der Kollektion.

Anmerkungen:
[1] Wille, Manfred (Hg.), Die Vertriebenen in der SBZ/DDR. Dokumente. Bd I: Ankunft und Aufnahme 1945, Bd II: Massentransfer, Wohnen, Arbeit 1946-1949, Bd. III: Parteien, Organisationen, Institutionen und die „Umsiedler“ 1945-1953, Wiesbaden 1996-2003; Foitzik, Jan, Inventar der Befehle des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte 8), München 1995; Ders.: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. Struktur und Funktion (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 44), Berlin 1999; Schwartz, Michael, Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“. Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945-1961 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 61), München 2004.
[2] Donth, Stefan, Vertriebene und Flüchtlinge in Sachsen 1945 bis 1952. Die Politik der sowjetischen Militäradministration und der SED (Geschichte und Politik in Sachsen 15), Köln 2000; Parak, Michael, Hochschule und Wissenschaft in zwei deutschen Diktaturen. Elitenaustausch an sächsischen Hochschulen 1933-1952 (Geschichte und Politik in Sachsen 23), Köln 2004; Schrammek, Notker, Alltag und Selbstbild von Flüchtlingen und Vertriebenen in Sachsen 1945-1952 (Europäische Hochschulschriften. Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 990), Frankfurt am Main 2004; Schwab, Irina, Flüchtlinge und Vertriebene in Sachsen 1945-1952. Die Rolle der Kreis- und Stadtverwaltungen bei Aufnahme und Integration (Europäische Hochschulschriften. Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 927), Frankfurt am Main 2001; Thüsing, Andreas, Landesverwaltung und Landesregierung in Sachsen 1945-1952 (Europäische Hochschulschriften. Reihe III: Geschichte und Historische Hilfswissenschaften 865), Frankfurt am Main 2000; Tischner, Wolfgang, Katholische Kirche in der SBZ/DDR 1945-1951. Die Formierung einer Subgesellschaft im entstehenden sozialistischen Staat (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe B, Forschungen 90), Paderborn 2001.
[3] Vgl. Schrammek, Alltag und Selbstbild (wie Anm. 2).

Zitation
Esther Neblich: Rezension zu: : Umsiedler in Sachsen. Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen 1945-1952. Eine Quellensammlung. Leipzig  2005 , in: H-Soz-Kult, 28.04.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6592>.
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28.04.2006
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