Cover
Titel
Nation und Nationalismus.


Autor(en)
Kunze, Rolf-Ulrich
Erschienen
Umfang
126 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roland Loeffler, Fachbereich Evangelische Theologie, Philipps-Universität Marburg

Wer sich mit dem Thema “Nationalismus” beschäftigt, steht schnell vor einem Dickicht höchst komplizierter Fragen: Wie bilden sich Nationen, wie gehen sie mit Minderheiten um, was für eine Staatsform geben sie sich, welches Selbstverständnis entwickeln sie? Und warum sind Kultur und soziale Organisation scheinbar universell und unvergänglich, Staaten und Nationen dagegen nicht, wie der Altmeister der Nationalismus-Forschung Ernest Gellner einst meinte? Fragen über Fragen. Es wäre zuviel verlangt, wenn ein Autor darauf alle Antworten geben könnte. Dem Karlsruher Historiker Rolf-Ulrich Kunze gelingt es in seinem neuen Band “Nation und Nationalismus” allerdings, einige Schneisen in diesen Wald von Fragen zu schlagen. Mit analytischer Klarheit und dem Mut zu kompakten Systematisierungen gibt der Geschäftsführer der “Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten” an der Universität Karlsruhe auf 126 Seiten eine komprimierte Einführung in die Materie.

Das Buch ist in der neuen Reihe “Kontroversen in der Geschichte” erschienen, mit der die Wissenschaftliche Buchgesellschaft die Dominanz der 76-bändigen “Enzyklopädie Deutscher Geschichte” des Oldenbourg-Verlags herausfordern will. Ob dies gelingt, wird sich zeigen. Die Konzeption der Reihe lehnt sich offenkundig an die amerikanischen College-Reader an, die (allerdings auf 300−400 Seiten) einen profunden, aber didaktisierten Überblick über die jeweilige Materie geben, Studierende auf Vorlesung und Examen vorbereiten. Kunzes Nationalismus-Einführung braucht keinen Vergleich zu scheuen, ist allerdings in zweierlei Hinsicht deutsch geraten: ersten fehlen im Vergleich zum US-Vorbild − abgesehen von einem längeren Abschnitt zur niederländischen Geschichte − Fallbeispiele. Mit ihrer Hilfe, wäre dem Leser die Bedeutung der unterschiedlichen Theorien anschaulicher geworden und die Darstellungen etwas lebendiger geraten. Zweitens gibt es praktisch keine längeren Originaltexte. Dies dürfte vermutlich weniger Kunze als der Reihenkonzeption anzulasten sein.

Inhaltlich stützt sich Kunze auf die mittlerweile klassische konstruktivistische These des US-Historikers Bendict Anderson, wenn er bereits auf Seite 3 schreibt: “Nation, Nationalstaat, Nationalismus sind keineswegs Begriffe, die sich von selbst verstehen. Sie sind weder Schöpfungsordnungen noch uralt, sondern vielmehr konstruiert: Konzepte einer bestimmten sozialen Trägerschicht einer spezifischen Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit, teils Ergebnisse, teils Voraussetzungen sozioökonomischen und soziokulturellen Wandels.” Schon der Pariser Religionswissenschaftler Ernest Renan sprach in seinem wegweisenden Vortrag von 1882 „Was ist eine Nation?“ davon, dass Nationen durch Willensentscheidungen entstünden, ein “Plebiszit, das sich jeden Tag wiederhole” seien. Die Nation sei eine Solidargemeinschaft, die sich durch geleistete und zukünftige Opfer zusammenschließe, was stets eine selektive Wahrnehmung der Geschichte bzw. der nationalen Erinnerungskultur mit sich bringe. Rasse, Sprache, Geografie waren deshalb für Renan kein einheitsstiftendes Nationalprinzip.

Renans Thesen aufnehmend, arbeitet Kunze heraus, dass es sich beim Nationalismus zunächst um ein Phänomen der atlantisch-europäischen Moderne handelt, das stets kontextorientiert sei und − so der tschechische Historiker Miroslav Hroch und sein britischer Kollege Ernest Gellner − anfangs stets von kleinen Bildungseliten geformt würde. Über “Multiplikationsagenturen” wie Kanzel und Katheder würden die Ideen unters Volk gebracht, entstünden nationalistische Massenbewegungen. Im Zuge der weiteren Entwicklung kann der Nationalismus allerdings seine Funktion verändern: Oft tritt er zunächst als Befreiungsbewegung auf, die politisch den Nationalstaat, ökonomisch den eigenen Markt und kulturell die Durchsetzung der eigenen Sprache fordere. Kommen jedoch verschiedene, beängstigende Modernisierungsphänomene zusammen, verliere der Nationalismus seine anfangs progressive Integrationskraft und werde zu einer Abwehr- und Ausgrenzungsideologie. Gewalt kommt ins Spiel, der Streit um Territorien gewinnt an Bedeutung – und der Nationalismus wird zum politischen Instrument der Rechten. Dieser Funktionswechsel des Nationalismus hat gerade im Blick auf die deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert Bedeutung, aber auch für die Analyse der Kriege auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren.

Aufschlussreich ist auch Kunzes Beobachtung, dass die Nationalismus-Forschung stets Teil übergeordneter wissenschaftlicher Diskurse – allen voran zur Modernisierungstheorie – war. In diesem Zusammenhang zeigt Kunze ausführlich, wie stark etwa Hans-Ulrich Wehlers Ansatz von einem Säkularisierungsparadigma geprägt ist. Wehler meint, dass sich die Erfolge des Nationalismus in Europa und Nordamerika der Aufnahme des „Ideenfundus“ der „christlich-jüdischen Tradition“ verdanke. Er reduziert diese Adaption aufgrund seines funktionalen Religionsbegriffs allerdings auf die Übernahme von „archetypischer Zentralideen und Stilelemente“ (S. 56) wie „heiliges Land“, „Prädestination“, „communio sanctorum“, „auserwähltes Volk“, „Eingriff Gottes in die Geschichte“, „goldene Ära in der Vergangenheit“ und „Erlösung in der Zukunft“. Auch wenn diese Begriff ohne Zweifel in das rhetorische Arsenal der Nationalismus-Produzenten gehört, kritisiert Kunze, dass Wehler zu leicht Religion und Nationalismus für funktional – als „belief systems“, als kulturelles System zur Kontingenzbewältigung, zur Sinnstiftung mit Unfehlbarkeitsanspruch oder gar als umfassendes Weltbild – austauschbar hält. Kunze wirft – in Anlehnung an die Arbeiten seines Würzburger Lehrers Wolfgang Altgeld zur Bedeutung nationalreligiös-konstruktivistischer Denkmustern in der deutschen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte – Wehler vor, mit einem ahistorischen Religionsbegriff zu arbeiten und die drei Wesensmerkmale jeder Religion, nämlich Verkündigung, Seelsorge und Diakonie, zu übergehen bzw. nur als Herrschaftssicherungsinstrumente zu betrachten. Dass sich Glaubensinhalte von nationalistischen Prinzipien durchaus unterscheiden, konfessionell höchst different sind, aber zuweilen in nationalreligiösen Traditionen etwa im Sinne von politischen Theologien sogar zu verschränken wissen, scheint der Kopf der Bielefelder Schule zu übersehen.

Für die weitere Erforschung der Nationalismus-Problematik erwartet Kunze − besonders mit Blick auf Osteuropa nach 1989 − eine stärkere Verschränkung von sozial- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen – trotz der erkennbaren methodischen Pluralisierung der Nationalismus-Forschung. Er warnt allerdings davor, mitteleuropäische Definitionen leichthin auf die ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes zu übertragen. Die Nationalismus-Forschung bleibt also ein politisch wie wissenschaftlich brisantes Feld. Sie braucht allerdings Forscher, die sich den analytischen Blick auch und gerade auf die eigene Nationalgeschichte bewahren und sich nicht als politische Legitimierungsagenten von Nationalismus missbrauchen lassen. Denn dies war, wie Rolf-Ulrich Kunze zeigt, eine Gefahr, in die sich Nationalismus-Forscher nicht selten bereitwillig begaben.

Zitation
Roland Loeffler: Rezension zu: : Nation und Nationalismus. Darmstadt  2005 , in: H-Soz-Kult, 02.08.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6646>.
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02.08.2005
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