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Titel
Hitler's Police Battalions: Enforcing Racial War in the East.


Autor(en)
Westermann, Edward B.
Erschienen
Lawrence, Kansas 2005: University of Kansas Press
Umfang
329 Seiten
Preis
$ 34,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Christoph Dieckmann Keele University, Department of History

Die meisten NS-Gewaltverbrechen in Osteuropa mit Millionen von Opfern fanden in den rückwärtigen Gebieten statt. Hinter den Fronten agierten Einheiten der Wehrmacht, der SS und der Polizei mit dem Auftrag, die riesigen Gebiete zu “sichern” und so die Voraussetzung für die “Neuordnung” Europas im Sinne NS-Deutschlands zu schaffen. Den Einsatzgruppen – und allgemeiner “der SS” - wurde seit den Nürnberger Prozessen die Hauptverantwortung für die Verbrechen zugeschoben. Während die wissenschaftlichen Ergebnisse und Kontroversen zur Rolle der Wehrmacht in den rückwärtigen Gebieten in den letzten Jahren infolge der Hamburger Wehrmachtausstellung auch öffentlich diskutiert und eine Reihe von Forschungsprojekten angestossen wurden, blieb die Involvierung von Einheiten der deutschen Ordnungspolizei bis in die 1990er Jahre hinein ein Stiefkind der Forschung und der öffentlichen Debatte. Neben Heiner Lichtensteins kleiner Studie von 1990 [1] dominierten apologetische Erinnerungsschriften ehemaliger Polizeibeamter das Feld. Heute sieht die Lage wesentlich differenzierter und reichhaltiger aus. Die Studien von Christopher Browning (1992) und Daniel Goldhagen (1996) zum Polizeibataillon 101 rückten die Tätigkeit vor allem der Polizeibataillone stärker ins Blickfeld der englisch- und deutschsprachigen Forschung. Mittlerweile stehen nicht nur zahlreiche kleinere Untersuchungen zu einzelnen Polizeieinheiten und der 1997 erschienene Überblick von Friedrich Wilhelm [2] zur Verfügung, sondern Stefan Klemp und Wolfgang Curilla [3] haben 2005/2006 ausführliche Monographien mit Handbuchcharakter vorgelegt. Eine umfassende Studie von Klaus-Michael Mallmann ist in Vorbereitung. Jürgen Matthäus untersucht die weltanschauliche Schulung der Polizei vor allem in der Vorkriegszeit [4].

In diese Forschungsrichtung gehört die nun als Buch publizierte Dissertation von Edward Westermann über die deutsche Ordnungspolizei. Westermanns Buch bietet für den englischsprachigen Raum die erste übergreifende Monographie zum Thema. Er konzentriert sich auf die Polizeibataillone, behandelt kursorisch aber auch die Gendarmerie in den ländlichen Gebieten und die Schutzpolizei in den Städten. Die Masse paramilitärischer und polizeilicher Einheiten in den besetzten Gebieten, die von Nichtdeutschen gestellt wurden, sind nicht Gegenstand der Untersuchung.

Westermann verfolgt zwei Fragerichtungen. Zum einen will er die enge Verflechtung der Ordnungspolizei mit Teilen der SS und der Wehrmacht aufzeigen. Dieser Nachweis gelingt mit Leichtigkeit. SS und Polizei waren seit Juni 1936 unter Himmlers Führung zusammengefasst. Zwischen Ordnungspolizei und Wehrmacht fanden bereits in den 1930er Jahren zahlreiche Personalverschiebungen statt. Seit 1938 und vor allem mit Beginn des Krieges 1939 kooperierten Wehrmacht und Polizei in enger Arbeitsteilung bei der Verwaltung besetzter Gebiete. Zahlreiche Verbrechen an Zivilisten wurden von SS, Polizei und Wehrmacht gemeinsam begangen. Die beständige Wiederholung dieser Kooperation wirkt dabei etwas ermüdend und redundant.

Analytisch sehr viel anspruchsvoller ist die zweite Fragerichtung Westermanns, mit der er sich in der Forschung zu den sogenannten Direkttätern verortet. Er will erklären, wie und warum aus Polizisten, die eigentlich der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verpflichtet sind, “politische Soldaten der Vernichtung” geworden sind. Die Analyse dieser Transformation verspreche wesentliche Erkenntnisse zu der Frage, wie aus Männern Mörder in einer Vernichtungskampagne wurden (S. 4/5, 19). Westermanns These lautet, dass es der SS- und Polizeiführung gelungen sei, die “Organisationskultur” der Ordnungspolizei durch ideologische Indoktrination so zu verändern, dass die Männer geradezu routinemässig zu Verbrechen bereit waren. Mit der erfolgreichen Formierung eines soldatischen Leitbildes und der Durchdringung der Polizei mit dem “Geist” der SS, mit Antisemitismus, Rassismus und Antibolschewismus, seien entscheidende Voraussetzungen geschaffen worden, um radikal gegen vermeintliche “Feinde der deutschen Volksgemeinschaft” vorzugehen. Um diese Thesen zu untermauern, fragt Westermann nach Vorprägungen der Polizei im Kaiserreich und der Weimarer Republik (Kapitel 1), nach dem Bemühen der SS-Führung, die Polizei zu übernehmen, sie zu militarisieren, eine soldatische Identität zu fördern und die Polizei mit NS-Anhängern zu durchsetzen (Kapitel 2 und 3). Die Verbrechen insbesondere der Polizeibataillone in Polen und der Sowjetunion stehen im Mittelpunkt der zweiten Hälfte des Buches (Kapitel 4 bis 6).

In allen Kapiteln der Studie beschreibt Westermann aufschlussreiche Entwicklungen und Details, die teilweise bisher unbekannt waren. So betont er etwa zum einen die Übernahme von Freikorpsmitgliedern in die Polizei in den frühen 1920ern, zum anderen den Ausschluss von linksgerichteten Polizeibeamten bereits seit 1932 in Preussen nach dem “Papen-Putsch”. Auch die Auswertung von Vernehmungsakten aus Wien 1947, die die Rolle der Schutzpolizei bei den Verbrechen im galizischen Stryj beleuchten, bietet neue Details. Hingegen werden polizeiinterne Entwicklungen, die gewissermassen die Anschlussfähigkeit an den Nationalsozialismus ermöglichten, wie es beispielhaft Patrick Wagner für die Kriminalpolizei analysiert hat [5], nicht berücksichtigt. Desgleichen ist es irritierend, über die Verbrechen unter deutscher Besatzungsherrschaft in Osteuropa zu schreiben und keine Kontextualisierung der deutschen Politik und ihrer Verbrechen – mit den Polizisten als Exekutoren - vorzunehmen. Damit würde man zwar der Frage nachgehen, worin die immer wieder auch von Westermann hervorgehobene angebliche “Notwendigkeit” der Massaker an Juden und anderen Zivilisten bestand. Aber vielleicht ist das nicht unbedingt nötig für die Frage nach dem Transformationsprozess von Polizisten, der vor allem innerhalb der Institutionen stattgefunden haben soll.

Gravierender erscheint, dass Westermann die Verbindung zwischen seinen Fragestellungen, den herangezogenenen analytischen Konzepten und dem reichhaltigen empirischen Material nicht recht gelingt. Er bezieht sich vor allem auf die These von Claudia Koonz zur “new moral conscience”, die im Nationalsozialismus entstanden sei, und Edgar Scheins Konzept der “organizational culture”. Mit Organisationskultur ist ein grundlegendes Ensemble von Annahmen und Werten gemeint, die von Mitgliedern einer Organisation geteilt werden. Diese unausgesprochenen Grundannahmen bestimmen Ziel, Zweck und Selbstbild einer Organisation und legen die Möglichkeiten und Grenzen akzeptablen Verhaltens ihrer Mitglieder fest. Westermann will zeigen, dass die Organisationskultur insbesondere der Polizeibataillone durch die SS- und Polizeiführung dahingehend verändert wurde, dass sie zu bedenkenlosen Trägern der unmenschlichen, partikularen und rassistischen NS-Moral geworden seien.

Im Mittelpunkt der Analyse steht somit der Transformationsprozess der Polizisten – und genau in dieser Hinsicht scheitert Westermann. Die Polizisten kommen in seinem Text gar nicht als handelnde Individuen mit sich verändernden Handlungsspielräumen in den Blick. Ihre Wahrnehmungen der Situationen, ihre Reaktionen – für sich und in den spezifischen Gruppen - und ihre Selbstbilder werden nicht analysiert. Aufgrund der Quellenlage zeigt Westermann zwar einerseits auf, was die SS- und Polizeiführung jeweils wollte und wie das Schulungsmaterial aussah. Er beschreibt auch die extreme Brutalität vieler Polizisten in zahllosen Verbrechen andererseits. Aber die Verbindung zwischen beiden bleibt ganz unklar. Die Begrifflichkeiten der “neuen Moral” und “Organisationskultur” dienen dabei dazu, die fehlende Analyse des Transformationsprozesses zu überdecken. Wie war das Verhältnis von weltanschaulicher Prägung und polizeilicher Praxis? Welche generationellen Erfahrungen spielten eine Rolle? Wie lässt sich das dynamische Verhältnis von Institutionen und ihren Mitgliedern analysieren? Welche Rolle spielten der Krieg und das konkrete Besatzungsgeschehen? All diese wesentlichen Fragen werden von Westermann zwar angesprochen, sie verschwinden aber gleich wieder und werden in der vermeintlich totalen Dominanz von “Rassismus” und “Ideologie” aufgelöst. Im Ergebnis erhält das von Westermann gezeichnete Bild eine massive teleologische Note. So führte scheinbar ein gerader Weg von Görings antibolschewistischen Äusserungen 1933 zum Vernichtungskrieg 1941. Die fehlende Analyse des Prozesses führt dazu, dass viele graduellen Unterschiede verschwimmen, Entwicklungsstufen und Seitenpfade nicht mehr erkennbar sind.

Westermanns Studie demonstriert, wie schwierig die Frage nach der Motivation der sogenannten Direkttäter zu untersuchen, geschweige denn zu beantworten ist. Dass man vor der Fragestellung, wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, nicht unbedingt kapitulieren muss, hat indessen gerade Harald Welzer in einer Studie [6] vorgeführt, in deren Mittelpunkt Mitglieder des Polizeibataillons 45 stehen. Welzer stellt die Polizisten in den Vordergrund und nimmt sie als Individuen ernst, die ihrem Handeln Sinn verleihen müssen. Ihm gelingt es in substanziell weiterführender Weise, den in Frage stehenden Transformationsprozess in den Blick zu nehmen. Westermanns Untersuchung hat analytische Mängel, bietet aber dennoch vor allem in den ersten drei Kapiteln innovatives Material für die sich gerade erst entfaltenden Forschungsfelder der Täterforschung im allgemeinen und zur deutschen Ordnungspolizei im Nationalsozialismus im besonderen.

[1] Heiner Lichtenstein, Himmlers grüne Helfer. Die Schutz- und Ordnungspolizei im “Dritten Reich”, Köln 1990, Neuauflage 2003.

[2] Friedrich Wilhelm, Die Polizei im NS-Staat. Die Geschichte ihrer Organisation im Überblick, Paderborn 1997.

[3] Stefan Klemp, “Nicht ermittelt”. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch, Essen 2005; Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weissrussland 1941-1944, Paderborn u.a. 2006.

[4] Jürgen Matthäus / Konrad Kwiet / Jürgen Förster / Richard Breitman, Ausbildungsziel Judenmord? “Weltanschauliche Erziehung” von SS, Polizei und Waffen-SS im Rahmen der “Endlösung”, Frankfurt 2003.

[5] Patrick Wagner, Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Hamburg 1996.

[6] Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt 2005.

Zitation
Christoph Dieckmann: Rezension zu: : Hitler's Police Battalions: Enforcing Racial War in the East. Lawrence, Kansas  2005 , in: H-Soz-Kult, 28.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6703>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.02.2006
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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