Titel
Wodka. Trinken und Macht in Russland


Autor(en)
Margolina, Sonja
Erschienen
Berlin 2004: Wjs Verlag
Umfang
183 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Kindler, Berlin Email:

Die Fakten sind bekannt: Pro Kopf und Jahr werden in Russland 15 Liter reinen Alkohols getrunken. Bezogen auf die tatsächlichen Alkoholkonsumenten bedeutet dies, dass ca. 80 Prozent der russischen Männer jährlich 220 Halbliterflaschen Wodka konsumieren.

Ebenso bekannt sind die Folgen: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines russischen Mannes beträgt 59 Jahre – Tendenz fallend. Herz-Kreislauferkrankungen sind auf dem Vormarsch. In einigen Regionen der Russischen Föderation gelten 10 Prozent der Männer und 5 Prozent der Frauen als alkoholabhängig. Jedes Jahr sterben ca. eine halbe Million Russen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Alkohol trägt in hohem Maße zum negativen Bevölkerungswachstum Russlands bei.

In ihrem ebenso kurzen wie lesenswerten Buch „Wodka. Trinken und Macht in Russland“ geht Sonja Margolina den Ursachen dieser dramatischen Entwicklung nach. Zugleich schildert sie die gesellschaftlichen und politischen Folgen des konstant hohen Alkoholkonsums und wagt einen Ausblick auf die zu erwartenden Entwicklungen. Dabei wendet sich die Autorin nicht primär an Kenner der Materie, sondern versteht es, die komplexen Verbindungen zwischen klammer Staatskasse und Wodkamonopol, Abstinenzkampagnen und Schwarzbrennern oder auch verzweifelten Intellektuellen und betrunkenen Bauern einem breiteren Publikum nahe zu bringen.

Den größten Teil des Buches nimmt die Betrachtung jener historischen und kulturellen Größen ein, die zur Ausbildung dessen beitrugen, was als „typisch russischer“ Trinkstil zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Vor allem vier Themenfelder sind es, die über die Jahrhunderte verfolgt werden: Die Abhängigkeit des Staates von den Einnahmen aus dem Alkoholverkauf, die den Wodkakonsum fördernde Rolle von Institutionen wie Armee und Kirche, die vergeblichen Anläufe, Mäßigung oder gar gänzliche Abstinenz zu verordnen, und schließlich die Charakteristika und diskursiven Aufladungen der russischen Trinkkultur.

Wodka spielte (und spielt) in der russischen Geschichte in vielerlei Gestalt eine Rolle. Er ist Machtmittel, der Stoff, mit dessen Hilfe soziale und gesellschaftliche Konflikte besänftigt bzw. unterdrückt werden konnten. Er ist der Zündstoff, der dazu beitrug, Proteste in blutige Exzesse zu verwandeln. Und schließlich ist der nichtverfügbare Wodka im Ersten Weltkrieg und unter Gorbatschow der „Katalysator des Regimewechsels“ (S. 171). Margolina wagt gar die These, mit der Abhängigkeit des Haushalts von der „Monokultur“ Wodka habe sich „das Russische Reich zu einer Kolonie seiner selbst gemacht“ (S. 105).

Das russische Staatsbudget wurde seit der Errichtung der ersten Trinketablissements, den Kabaken, unter Ivan IV. zu einem hohen Prozentsatz aus den Einnahmen aus dem Alkoholverkauf bestritten. Erstaunlich ist dabei die Kontinuität: Seit dem 18. Jahrhundert bis zur Mitte der 1980er-Jahre betrug der aus Wodka resultierende Anteil mehr oder minder konstant ein Drittel des Haushalts (S. 104). Nicht nur Spötter sprachen angesichts solcher Größenordnungen vom Staatshaushalt nicht anders als vom „Säuferetat“. Waren die Konsumenten anfangs dazu verpflichtet, sich dem Trunk hinzugeben und wurden zuweilen gar in den Kabak geprügelt, um ihren Pflichten als getreue Untertanen des Zaren nachzukommen (S. 34), so kehrte sich das Verhältnis im Laufe der Zeit um: Wann immer der Staat versuchte, dem Alkoholismus Einhalt zu gebieten, setzten sich die Massen entschieden – mitunter auch gewaltsam – zur Wehr.

Auch die Armee konnte dem Laster keinen Einhalt gebieten. Ganz im Gegenteil: Militärische Rituale beförderten die Ausbreitung der Trunksucht noch. Bis 1908 bestand der Sold eines russischen Soldaten zu einem Teil aus Wodka. Man glaubte, Schnaps steigere die Tapferkeit und fördere den Kampfesmut. Allein die Resultate dieser Strategie bewiesen das Gegenteil: Die verheerenden Niederlagen im russisch-japanischen Krieg 1904/05 wurden nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass Kommandeure und Mannschaften in entscheidenden Momenten volltrunken ihren Rausch ausschliefen (S. 66). Nicht minder desaströs wirkte sich das Alkoholverbot im Ersten Weltkrieg aus: Die Soldaten liefen zu den Deutschen über, die ihnen Schnaps versprachen.

Die orthodoxe Kirche trug allenfalls auf rhetorischer Ebene zur Bekämpfung der Trunksucht bei. All ihre Appelle an Sitte und Moral verhallten wirkungslos, sahen die Gläubigen doch, dass die Popen dem Wodka besonders eifrig zusprachen.

Immer wieder unternahm der Staat neue Anläufe, den Alkoholkonsum seiner Untertanen zu mindern. Doch alle Reformen scheiterten schließlich immer wieder an denselben Hindernissen: der Staat brauchte Geld und konnte es sich schlicht nicht leisten, auf die Einnahmen aus der Wodkasteuer zu verzichten. Weniger Alkohol wurde auch nicht konsumiert; bestenfalls brannten die Bürger selbst oder experimentierten mit riskanten Surrogaten wie Eau de Cologne. Im schlechtesten Fall protestierten sie energisch. So geschah es Ende des 19. Jahrhunderts anlässlich der Einführung des staatlichen Alkoholmonopols, so lagen die Dinge während des Ersten Weltkrieges und in den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft und so kam es auch, als Michail Gorbatschow Ende der 1980er-Jahre wider die Trunksucht zu Felde zog.

Die russische Kultur ist eine Kultur des Alkohols. Heute wird Wodka nicht länger als nationales Übel, sondern als Kern nationaler Identität begriffen (S. 146). Margolina konstatiert, dass Wodka zu einer Ikone des russischen Lebensstils verklärt wird. Damit sei der Weg frei, ungestört von lästigen Hygiene- oder Gesundheitsdiskursen zu trinken. Das allerdings ist verheerend, hinterlässt der Alkohol doch bereits jetzt eindeutige Spuren in der demografischen Zusammensetzung der russischen Gesellschaft.

Die Prognose, die Margolina aus diesen Entwicklungen und aktuellen Daten ableitet, ist alles andere als ermutigend: Russland ist auf dem Weg zu einer fragmentierten Gesellschaft. Jenseits einiger urbaner Zentren, in denen Einflüsse von Globalisierung und westlicher Freizeit- und Trinkkulturen spürbar werden, wird das Land im Chaos versinken und sich mit Hilfe des Wodkas noch mehr als bisher zu Grunde richten. Rettung naht ihrer Ansicht nach allenfalls in Form von (chinesischen) Migranten. Schließlich gibt es in China etwas im Überfluss, was Russland nicht mehr zu bieten hat: junge Männer. Doch die Hoffnung, durch die differierenden Trinksitten der Chinesen würde sich auf längere Sicht ein gewisser Mentalitätswandel bei der autochthonen Bevölkerung in Gang setzen, scheint auch der Autorin selbst angesichts der gravierenden antichinesischen Ressentiments in Sibirien nicht mehr als ein Strohhalm.

Sonja Margolina illustriert, was sie darlegt, mit treffenden, bisweilen auch amüsanten, Zitaten. Doch wünschte man sich, diese auch belegt zu finden. Wenn etwa von den Exzessen in Voronescher Weinkellern während der Wirren des Jahres 1917 die Rede ist (S. 120f.), oder so prominente Figuren wie Lenin, Trotzki oder Gorki zu Wort kommen, so lassen sich die fraglichen Textstellen gewiss recherchieren, leserfreundlich ist dies jedoch nicht. Nicht minder ärgerlich ist es, wenn das Nachschlagen einer Anmerkung ins Leere führt (Fußnote 26, S. 134). Gänzlich allein gelassen fühlt sich der Leser, wenn vollkommen unklar bleibt, wessen Ansicht zitiert wird. Wenn etwa davon gesprochen wird, dass der eng mit dem Wodkakonsum zusammenhängende Bevölkerungsrückgang „Ängste und sogar Panik bei den Betroffenen“ auslöse und diese Entwicklung laut eines „offiziellen Standpunktes“ eine Gefahr für die nationale Sicherheit Russlands darstelle (S. 156), ist ein Beleg nicht nur hilfreich, sondern unabdingbar.

Doch dessen ungeachtet ist „Wodka. Trinken und Macht in Russland“ eine knappe und gut lesbare Einführung in eines der wichtigsten Phänomene der russischen Kultur.

Zitation
Robert Kindler: Rezension zu: Margolina, Sonja: Wodka. Trinken und Macht in Russland. Berlin 2004 , in: H-Soz-Kult, 25.11.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6766>.
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25.11.2005
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