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Titel
Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien


Autor(en)
Schumacher, Leonhard
Erschienen
München 2001: C.H. Beck Verlag
Umfang
368 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Hartmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Einer verklärenden Wahrnehmung der kulturellen Errungenschaften der Antike entgegenzuwirken, indem man mit der Sklaverei die dunklen Seiten der antiken Kultur herausstellt, scheint zur Zeit wieder modern zu sein. Jüngst skizzierte Egon Flaig in einem kurzen Katalogbeitrag zur Frage "Wie die Klassik den Untermenschen erfand" ein Bild von den Sklaven Athens als zu Sprachlosigkeit und sozialer Vereinzelung verdammten, ausgebeuteten, bedrohten und misshandelten Wesen jenseits jeglicher Rechtsordnung.[1] Auch Schumachers Darstellung zielt darauf ab, unsere allzu schönen Vorstellungen vom griechisch-römischen Altertum mit einem Blick auf die "Schattenseiten des Lebens der sogenannten 'kleinen Leute'" (S. 7) zu korrigieren. Inwieweit diese starke Kontraste heraufbeschwörende Herangehensweise zur Beschreibung der Lebenswirklichkeit von Unfreien in der Antike sinnvoll ist, sei zunächst einmal dahingestellt.

Schumachers Ziel ist es, vornehmlich anhand der archäologischen Überlieferung die konkrete Lebenswirklichkeit der Unfreien in der Antike darzustellen. Dies ist unbestritten ein schwieriges Unterfangen, und es erweist sich deshalb als sinnvoll, dass der Autor in größerem Umfang, als dies in Beck's archäologischer Reihe sonst üblich ist, auch literarische Zeugnisse auswertet. Schumacher betont eingangs, dass die Existenz der Sklaven aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Unterschicht "weder zu Lebzeiten in Zeugnissen der Wohnkultur und Arbeitswelt, noch nach dem Tode in Grabbeigaben oder Denkmälern" dokumentiert sei (S. 7). Sein Buch belegt indes, dass dies nicht ganz richtig ist, denn es stellt umfangreiches archäologisches und epigraphisches Material vor, dem man Informationen zum Leben der Unfreien entnehmen kann, wenn auch - und dies ist wohl entscheidender als die Quantität der Überlieferung - die Darstellung der Sklaven darin meist aus der Perspektive ihrer Herren erfolgt.

In dem einleitenden Kapitel "Sklaverei und Formen personaler Unfreiheit von der Antike bis zur Gegenwart" versucht Schumacher die wesentlichen Merkmale antiker Sklaverei herauszustellen, indem er verschiedene Zusammenhänge aufzeigt, in denen Menschen von anderen in Abhängigkeit gebracht und ihre Arbeitskraft ausgebeutet wurden und werden. Seine Beispiele reichen dabei von afrikanischen Fußballspielern in der zeitgenössischen Bundesliga, über die sog. amerikanische "Negersklaverei", unterschiedliche Formen der antiken Sklaverei bis zu modernem Menschenhandel und Zwangsprostitution. Nicht überall könne man jedoch von Sklaverei sprechen, diese sei nämlich durch "die totale, also unbeschränkte und dauerhafte Unterworfenheit unter die direkte Gewalt eines Herrn" bestimmt (S. 12). Die interessanten Hinweise auf zeitgenössische Ausbeutung von Menschen mögen die aktuelle Brisanz der Thematik belegen, zur Begriffsklärung tragen sie aber wenig bei. Eine eingehende Diskussion der bisherigen Forschung (dazu finden sich vorwiegend Fußnoten) und vor allem der antiken Terminologie zur Bezeichnung von Sklaven und der damit einhergehenden Konnotationen wäre an dieser Stelle erhellend gewesen.

Die folgende Darstellung trägt den Titel "Die soziale Situation der Unfreien im klassischen Altertum" und gliedert sich in drei größere Kapitel. Kapitel I "Quellen der antiken Sklaverei und Distribution" widmet sich der Frage, auf welche Weise eine Person in der Antike versklavt werden konnte. Zunächst wird das Phänomen der Schuldknechtschaft diskutiert, obwohl diese Form der Abhängigkeit eingangs explizit nicht der Sklaverei im eigentlichen Sinne zugerechnet wird. Die Wesensmerkmale der Schuldknechtschaft werden am Beispiel der attischen hektemoroi und der römischen nexi vorgeführt. Diese Form der Versklavung wird als "endogene Versklavung" klassifiziert, ebenso die Versklavung in Folge von Kindesaussetzung und juristischen Prozessen. Als die bedeutendsten Ausgangspunkte der exogenen Sklaverei werden Piraterie und Kriege vorgestellt, z.B. der Trojanische Krieg, die Einnahme Korinths durch Lucius Mummius 146 v.Chr. und die Massenversklavungen keltischer und germanischer Stämme im Rahmen der Eroberung Galliens durch Caesar. Der verschiedentlich bezeugten Versklavung Kriegsgefangener in der römischen Kaiserzeit wird eine geringe Bedeutung attestiert, da der Bedarf an Sklaven in dieser Zeit allmählich zurückgegangen sei (S. 43).

Dem Sklavenmarkt und Sklavenverkauf widmet sich ein weiterer Abschnitt. Während der Ankauf von Sklaven bereits in den homerischen Epen nachweisbar ist, existierte ein Sklavenmarkt nach Auffassung Schumachers erst seit dem 7. Jahrhundert v.Chr. Der Autor folgt der antiken Überlieferung, wonach die Chier als erste die Vermarktung von Sklaven betrieben hätten (S. 46). Die Topographie des Sklavenmarktes von Delos im 2. Jahrhundert v.Chr. wird eingehend dargestellt, darüber hinaus werden kaiserzeitliche Grabreliefs von Freigelassenen mit Szenen des Sklavenverkaufs sowie Wandmalereien und andere Darstellungen ähnlicher Szenen behandelt. Das Kapitel endet mit einer wenig überzeugenden "Typologie der Unfreiheit", in der wiederum keine eingehende Klärung der antiken Begrifflichkeit erfolgt, sondern zunächst allein Kriegsgefangene von Sklaven unterschieden werden. Diese Unterscheidung basiert auf der Annahme, dass nicht jeder Kriegsgefangene auch versklavt worden sei, sondern viele Gefangene wieder ausgelöst wurden. Dieser Sachverhalt wird leider nicht näher erläutert; inwiefern etwa soziale Netzwerke vor dem Los der Sklaverei schützen konnten, wäre eine Erörterung wert gewesen.

Der zweite Abschnitt der Typologie widmet sich der Ikonographie von Sklavendarstellungen am Beispiel einer Auswahl attischer Vasen, hellenistischer Genrefiguren und vornehmlich provinzialrömischer Grabreliefs. Im Vordergrund steht dabei die Frage, anhand welcher Kriterien Sklaven in der Bildniskunst identifiziert werden können. Sinnvoller als die Suche nach eindeutigen ikonographischen Merkmalen (wie kleine Körpergröße, ethnische Charakterisierungen, spezielle Körperhaltungen oder physische Deformationen), welche die antike Kunst nicht entwickelt hat, wäre es gewesen, die unterschiedlichen Funktionen von Sklavendarstellungen in den jeweiligen Bildkontexten zu erörtern: Ohne Zweifel entsprach die Darstellung des homerischen Hirten Eumaios auf einem klassischen Vasenbild einer anderen Bildintention als die hellenistische Bronzeplastik eines nackten, farbigen Knaben; auch folgten beide Darstellungen unterschiedlichen künstlerischen Konventionen.

Das Kapitel II beschreibt den "Arbeitseinsatz von Sklaven" in ganz verschiedenen Wirtschaftssektoren, von Landwirtschaft und Viehzucht, über Produktion von Gütern und Gebrauchsgegenständen, über Bankwesen, Verwaltung und Erziehungswesen bis zu Bordellen. Für die einzelnen Bereiche werden jeweils überlieferte Fallbeispiele zusammengetragen und durch archäologische Zeugnisse illustriert.

Kapitel III behandelt "Sklaven in der Gesellschaft", konkret Wohn- und Familienverhältnisse, Bestattung, Kult und Religion sowie Sklavenrecht und Herrengewalt. Zu Recht wird eingangs betont, dass es sich bei den Sklaven nicht um eine homogene, gesellschaftliche Schicht gehandelt hat, sondern Sklaven ganz unterschiedliche soziale Stellungen einnehmen konnten. Die folgenden Ausführungen zeigen aber, dass Schumacher die Sklaven dennoch als abgeschlossene soziale Gruppe wahrnimmt. Dies wird etwa darin deutlich, dass er im Rahmen der Darstellung der "Wohnverhältnisse" von Sklaven versucht, speziell für Sklaven vorgesehene Unterbringungen dingfest zu machen. Nur beiläufig wird der im antiken Schrifttum hinlänglich belegte Sachverhalt erwähnt, dass Sklaven oft die Unterkünfte mit ihren Herren teilten oder gar in deren Türen schliefen und daher gar keine eigenen Räume nachzuweisen wären.

Bezeichnend für die eine ganz klare Trennung zwischen Freien und Unfreien postulierende Sichtweise des Autors ist auch seine Darstellung der familiären Bindungen von Sklaven. Hier werden nur Bindungen erwähnt, welche Sklaven untereinander eingingen. Nicht erwähnt wird hingegen z.B. der im klassischen Athen mögliche Konkubinat eines freien Mannes mit einer freigelassenen Sklavin und ähnliche Beziehungsformen, die gerade die vielfach zu beobachtenden Überschneidungen der Lebenswelten von Freien und Unfreien deutlich machen. Im Abschnitt "Sklavenrecht und Herrengewalt" werden die Unterschiede zwischen gekauften Sklaven und im Haus geborenen benannt, die Gepflogenheiten der Namensgebung, die Vermögensverhältnisse von Sklaven, mögliche Sanktionen gegen Sklaven (Bestrafung, Folter, Hinrichtung) und auch das wichtige Thema der Freilassung erörtert.

Das abschließende Kapitel "Ergebnisse und Ausblick" vergleicht zunächst die Einsatzbereiche von Sklaven in Griechenland einerseits und in Rom andererseits: Im Bereich der Land- und Weidewirtschaft wurden sowohl in Griechenland als auch in Rom Sklaven als Arbeitskräfte genutzt, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Hier wie da griff man auch auf freie Lohnarbeiter zurück. Einige Unterschiede hinsichtlich der Einsatzformen von Sklaven werden weiterhin für den Bereich des Bau-, Bank- und Theaterwesens sowie die Gelagekultur benannt. Der für "Alltag und Schicksal der Unfreien" wahrscheinlich sehr entscheidende Sachverhalt, dass Freigelassene in griechischen Poleis die Freiheit ohne Bürgerrecht, römische Freigelassene seit 312 v.Chr. jedoch Freiheit mit Bürgerrecht erhielten (S. 305), wird nur kurz erwähnt. In Bezug auf die Lesbarkeit archäologischer Zeugnisse wird resümiert, dass Sklaven auf Bildern nicht ohne weiteres durch eindeutige Attribute oder Darstellungsweisen gekennzeichnet sind.

Insgesamt gewährt Schumachers Studie einen recht knappen Überblick über unterschiedliche Formen der Sklaverei in der Antike, die Tätigkeitsfelder von Sklaven und ihre bildliche Darstellung. Durch die ausführliche Diskussion einiger für diese Thematik einschlägiger Quellen (z.B. des auf einer Wachstafel überlieferten Kaufvertrages einer Sklavin, S. 62) wäre das Buch gerade für den universitären Unterricht geeignet. Leider werden nicht alle behandelten Quellen durch exakte Angaben ausgewiesen; dies gilt sowohl für literarische (vgl. z.B. S. 44, 66f. 242, 253) als auch für archäologische Zeugnisse (vgl. z.B. S. 67, 72). Auch die Anmerkungen sind streckenweise sehr rar gesät (z.B. S. 54). Eine stärker differenzierende Herangehensweise sowohl im Umgang mit der antiken Terminologie als auch mit dem für die Antike gängigen Phänomen des sozialen Aufstiegs von Sklaven, vor allem nach erfolgter Freilassung, wäre sinnvoll gewesen. Der Kontrast zwischen Freien und Unfreien, Licht- und Schattenseiten des Lebens in der Antike wäre dann freilich weniger deutlich hervorgetreten.

Anmerkung:
[1] Flaig, Egon: Wie die Klassik den Untermenschen erfand: Die Sklaverei, in: Antikensammlung Berlin Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Die griechische Klassik Idee oder Wirklichkeit, Ausstellungskatalog Berlin - Bonn, Mainz 2002, S. 176-178.

Zitation
Elke Hartmann: Rezension zu: : Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien. München  2001 , in: H-Soz-Kult, 08.11.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-678>.
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08.11.2002
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