Titel
Edith Geheeb. Eine Reformpädagogin zwischen pädagogischem Ideal und praktischem Schulmanagement


Autor(en)
Büschel, Judith
Erschienen
Umfang
130 S
Preis
EUR 17,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Jörg-W. Link, Institut für Pädagogik, Universität Potsdam

Ja, Edith Geheeb (1885-1982) war die Ehefrau von Paul Geheeb (1870-1961). Aber vor allem war sie – und das wird seltener berücksichtigt – als Managerin für den Erfolg der beiden pädagogischen Unternehmen Odenwaldschule und Ecole d’Humantité maßgeblich verantwortlich. Judith Büschel greift mit ihrer Untersuchung, die auf einer Magisterarbeit beruht, einen jüngeren Trend in der bildungshistorischen Erforschung der Reformpädagogik auf, indem sie einmal ihr Erkenntnisinteresse auf eine realisierte pädagogische Praxis fokussiert und zum anderen mit Edith Geheeb eine Reformpädagogin thematisiert, die in der traditionellen Geschichtsschreibung zur Reformpädagogik bzw. zur Landerziehungsheimbewegung eher in die zweite Reihe gestellt wird. Drittens schließlich widmet Büschel sich dem reformpädagogischen Wirken einer Frau, was aus Sicht der Frauen- und Geschlechterforschung in der Historischen Bildungsforschung alleine schon ein ausreichender Grund für eine wissenschaftliche Analyse gewesen wäre. Doch Judith Büschel will mehr. Vor dem Hintergrund der bekannten Forschungsdesiderate (vgl. S. 7 f.) will sie nicht nur eine Lücke in der Geschichtsschreibung der Reformpädagogik resp. in der Geschichtsschreibung der Landerziehungsheime schließen, sondern vor allem zeigen, dass Edith Geheeb einen wesentlichen Anteil an der Erfolgsgeschichte der Odenwaldschule wie auch der Ecole d’ Humanité hatte. Insofern ist es das Ziel der Untersuchung, „die Persönlichkeit und das Schaffen Edith Geheebs anhand ihrer Biographie systematisch herauszuarbeiten und zu würdigen, um somit der Diskrepanz zwischen ihrer Bedeutung für die beiden Schulen und ihrer öffentlichen Bekanntheit und Anerkennung entgegenzuwirken“ (S. 8). Ohne sie hätten sich beide Schulen nicht in der Weise, wie sie es getan haben, etablieren können. Dieser Nachweis gelingt Büschel überzeugend. Sie zeigt sowohl auf, dass Edith Geheeb eine entscheidende Rolle bei der Realisierung der pädagogischen Programmatik spielte, als auch, dass sie sich aus den traditionellen Bahnen einer großbürgerlichen Familie verabschiedete und sich von ersten, für ihre Gesellschaftsschicht eher ungewöhnlichen pädagogischen Ambitionen zu einer versierten Leiterin zweier außergewöhnlichen Alternativschulen entwickelte. Insofern kann man voraussehen, dass Büschels Arbeit die Geschichtsschreibung der Odenwaldschule, der Ecole d’ Humanité und damit auch die Geschichtsschreibung der Reformpädagogik im Allgemeinen und der Landerziehungsheime im Besonderen nachhaltig beeinflussen und erweitern wird.
Die Arbeit ist in vier Hauptkapitel (S. 13-118) gegliedert, die – für eine biographische Untersuchung sinnvoll – chronologisch den Stationen in Edith Geheebs pädagogischer Biographie folgen. Diese Kapitel wiederum untergliedert die Autorin systematisch nach den Haupttätigkeitsfeldern in der Odenwaldschule bzw. der Ecole d’ Humanité und zeichnet damit ein sehr dichtes Bild vom praktischen Wirken dieser Reformpädagogin. Doch nicht nur das. Edith Geheeb verschwindet nicht hinter dem pädagogischen Werk, sondern wird auch in ihren individuellen Zügen, die reflektiert und behutsam interpretiert werden, sichtbar. So entsteht in der Tat eine dichte Beschreibung ihres Lebens, die nicht vorschnell, sondern sehr differenziert Stellung bezieht. Eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse („Lebenswerk und Persönlichkeit“, S. 119-122), ein tabellarischer Lebenslauf Edith Geheebs (S. 123-124) sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 125-130) schließen die Arbeit ab.
Grundlage der biographisch-pädagogischen Analyse bilden unveröffentlichte Quellen aus den Archiven der Odenwaldschule und der Ecole d’ Humanité (v. a. Korrespondenzen, Würdigungen und Interviews mit Edith und Paul Geheeb und anderen Zeitzeugen), die die Autorin neu recherchiert hat. Darüber hinaus hat Judith Büschel selbst zwei Zeitzeugeninterviews geführt und ausgewertet. Neben weiteren gedruckten Quellen – Edith Geheeb selbst hat kaum publiziert, wichtiger war ihr „stets das tatsächliche Handeln“ (S. 11) – wurde die thematisch einschlägige bildungshistorische Literatur vollständig rezipiert und konstruktiv ausgewertet. Die Arbeit ist in einer klaren und unprätentiösen Sprache verfasst, lädt über weite Strecken zu einer sogar spannenden und fesselnden Lektüre ein und bleibt dabei dennoch stets differenziert und reflektiert in Argumentation und Urteil.
Auch methodisch zeichnet sich die Untersuchung durch ein hohes Reflexionsniveau aus, das die Interpretationen durchgängig begleitet. Büschel legt in Auseinandersetzung mit den Grundlagen bildungshistorischer Biographieforschung grundsätzlich Wert darauf, dass „die vorliegende Biographie von Edith Geheeb natürlich nicht mit ihrem tatsächlich gelebten Leben verwechselt werden“ (S. 9) dürfe. „Eine jegliche derartige Rekonstruktion enthält schon durch die Vorauswahl der Quellen und einer sich anschließenden Schwerpunktsetzung durch den Autor eine Interpretation, welche sich in der Darstellung einzelner Lebensabschnitte und -problematiken fortsetzt. Dabei entscheidet auch das Verhältnis von Nähe und Distanz des Verfassers zur porträtierten Person über das Gelingen der Darstellung: Ist eine gewisse Nähe unabdingbar, um einzelne Entscheidungen oder Handlungen der Person überhaupt nachvollziehen und verstehen zu können, braucht eine solche Arbeit doch immer wieder auch Distanz, die eine möglichst objektive Analyse erst ermöglicht“ (S. 9). Nur moralische Beurteilungen sollten, so die Autorin weiter, dabei weitestgehend zu Gunsten einer wissenschaftlichen Analyse zurückgedrängt werden. Darüber hinaus versteht Büschel die Biographie Edith Geheebs nicht nur als singulären Fall, sondern in ausgewählten Bezügen auch als exemplarische Biographie einer Generation von Reformpädagoginnen. Das bedeutet, dass sie die biographische Rekonstruktion dort, wo es notwendig ist, immer wieder in den zeitgeschichtlichen und bildungshistorischen Kontext einordnet und sie vor diesem Hintergrund bewertet.
Im Kapitel „Kindheit und Jugend“ (S. 13-36) zeichnet Büschel die großbürgerliche Herkunft Edith Geheebs aus der bekannten Familie Cassirer und die damit zusammenhängende typische Erziehung einer ‚höheren Tochter’ im Kaiserreich nach, gegen die sich Edith schon früh auflehnte. Sie durchbrach auch gegen den Widerstand der Eltern die strengen Konventionen und suchte ihren eigenen Weg, indem sie sich in den „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit in Berlin“ engagierte. Sie besuchte schließlich auch die Kurse im Pestalozzi-Fröbel-Haus, lernte dabei Alice Salomon kennen und machte gleichsam eine Ausbildung als Sozialarbeiterin. Diesen Kontext schildert Büschel ausführlich und kenntnisreich, indem sie dieses bildungshistorische Feld durch weitere Quellen- und Literaturstudien rekonstruiert und damit Geheebs Entscheidungen in ihrem historischen Kontext als untypisch verortet. Die Begegnung mit Alice Salomon und die pädagogische Arbeit mit den Kindern beeinflussten Edith Geheebs weiteres Leben maßgeblich und brachten ihr erste prägende pädagogische Erfahrungen, die ihre pädagogischen Leitmotive ausbildeten: das Misstrauen gegenüber autoritären und schematischen Strukturen, die Orientierung am Familienmodell und an den Bedürfnissen des Kindes (S. 24 ff.). Und schließlich begann sie auch in dieser Zeit unter Anleitung von Alice Salomon ihre pädagogisch-praktischen Erfahrungen zu reflektieren. Gleichwohl musste sie aufgrund ihrer Herkunft bis zur gegen die Eltern fast erzwungenen Übersiedelung in das Landerziehungsheim Wickersdorf (1908) ein „Doppelleben“ (S. 25) führen. In Wickersdorf lernte sie dann ihren späteren Mann, den um 15 Jahre älteren Paul Geheeb kennen und lebte als 22jährige Frau erstmals, wie sie es selbst ausdrückte, „zusammen mit gleichgesinnten Menschen“ (S. 30). Trotz dieses Ausbruches aus der großbürgerlichen Welt ihres Elternhauses blieb das Verhältnis zu ihrem Vater dennoch zeitlebens ein sehr herzliches. Das ging sogar so weit, dass Max Cassirer schließlich mit seinem Privatvermögen nach der Heirat den Plan von Edith und Paul Geheeb unterstützte, eine eigene Schule zu gründen, den Ausbau der Odenwaldschule finanzierte und damit die Schule auch längerfristig absicherte.
Wenn Judith Büschel im dritten Kapitel (S. 37-67) schließlich Edith Geheebs Tätigkeiten beim Aufbau und der Leitung der Odenwaldschule beschreibt, so geschieht auch dies nicht isoliert nur mit Blick auf Geheebs Biographie, sondern im Kontext der Geschichte der Landerziehungsheime im Allgemeinen und der Odenwaldschule im Besonderen. Hier werden erstmals die drei analytischen Ebenen Edith Geheeb als Unternehmerin, als Pädagogin und als Privatperson eingeführt. In einer quellennahen und dichten Beschreibung gelingt es Büschel auf diese Weise eindeutig nachzuweisen, dass Edith Geheeb die eigentliche Wirtschaftsleiterin der Odenwaldschule war, sämtliche Geschäfts- und Elternkorrespondenzen erledigte und sich – oft zusammen mit ihrem Vater – um nahezu alle Belange der täglichen Arbeit kümmerte, während ihr Mann Paul weiter an pädagogischen Programmen arbeitete. Ohne sie und ihren Vater Max Cassirer hätte sich die Odenwaldschule nicht als erfolgreiches pädagogisches Unternehmen etablieren können. Dabei sah sich Edith Geheeb ständig mit der Situation konfrontiert, auch zwischen ihrem charismatischen, mitunter eigensinnnigen Mann und seiner Umwelt vermitteln zu müssen. Insgesamt eine Tätigkeit, die in den Worten Max Cassirers „gewöhnlich in das Arbeitsfeld des Schulleiters“ gehört (S. 56). Dieses Verhältnis drückte eine ehemalige Mitarbeiterin der Odenwaldschule treffend so aus: „Paulus ist die Idee und Edith ist die Möglichkeit“ (S. 57). Obwohl Edith Gebeeb nicht in der Schule unterrichtete, war sie dennoch als „Gesamt-OSO-Mutter“ (S. 61) auch pädagogisch und nicht nur als Managerin tätig. In diesem Kontext weist Büschel überzeugend nach, dass „Edith Geheeb bei der Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann bereits ein eigenes Konzept von Erziehung verinnerlicht hatte“ (S. 58), das sie nun in der täglichen Heimarbeit und der Auseinandersetzung mit den Kindern selbstständig weiterentwickelte. „Die Weiterentwicklung und Professionalisierung ihrer Erziehungsvorstellungen und -praxis geschah dementsprechend vor allem in der Tätigkeit.“ (S. 61) Parallel engagierte sie sich zudem in internationalen reformpädagogischen Kontexten und professionalisierte ihre praktische Tätigkeit damit auch theoretisch. Doch alle diese – sicher auch erfüllenden – Tätigkeiten führten im Zusammenspiel mit einer durchaus schwierigen Ehesituation 1912 zu einem persönlichen Zusammenbruch Edith Geheebs und zu anhaltenden bzw. wiederkehrenden Depressionen, die sie erst in späteren Jahren durch eine Psychoanalyse ansatzweise aufarbeiten konnte und die sie als Person wie als Pädagogin und Managerin fortwährend belasteten.
Schließlich trugen die Zeitläufte auch nicht gerade dazu bei, dass sie in der Arbeit ihre Ruhe finden konnte, machten doch die Wirtschaftskrisen und die politischen Veränderungen der frühen 1930er Jahre die bis dahin sehr erfolgreiche Arbeit der Odenwaldschule zunichte. Edith und Paul Geheeb wurden in die Emigration gezwungen und mussten im Prinzip wieder ganz von vorne beginnen. Diese schwierigen Jahre zwischen 1934 und 1946 schildert Büschel in Kapitel vier (S. 69-89). Und auch in diesen Jahren ist es wiederum Edith und nicht Paul Geheeb, die den Bestand der Schule, die Paul Geheeb vor dem Hintergrund der politischen Zeitumstände nun „Schule der Menschheit“ (Ecole d’ Humanité) nennt, praktisch sichert. Trotz der für diese Jahre schwierigen Quellenlage gelingt es Büschel, auch diesen Teil der Biographie zu rekonstruieren und überzeugend und differenziert darzustellen. Ohne auf die vielen dargestellten Details hier im Einzelnen eingehen zu können, soll doch das wichtige Ergebnis dieses Kapitels festgehalten werden: „Die somit zu Ende gehenden langen Jahre der Emigration und des Zweiten Krieges hatten Edith Geheeb ein ums andere Mal an ihre Leistungsgrenze gebracht, sei es durch die langwierige Suche nach neuen Unterkünften für die Schule, sei es durch die anhaltende Sorge um eine ausreichende finanzielle Basis der pädagogischen Arbeit. Dieser enorme Einsatz Edith Geheebs, der sowohl Ausdruck ihrer uneingeschränkten Solidarität Paul Geheeb und den gemeinsamen Idealen gegenüber war, als auch etwa durch die weitgehende Übernahme der Rechtsgeschäfte eine Erweiterung ihrer beruflichen Identität bedeutete, machte das Überleben der Schule überhaupt erst möglich. Möglich war er aber nur, weil Edith Geheeb in ihrer Psychoanalyse mit Alwine von Keller ihre persönlichen Probleme zu bewältigen lernte, ihrem eigenen Leben zunehmend mehr Platz eingestand und dadurch die Belastungen ihres Arbeitslebens kompensieren konnte.“ (S. 89)
Im fünften Kapitel (S. 91-118) schildert Judith Büschel Edith Geheebs Rolle beim Aufbau der Ecole d’ Humanité und nach dem Tod Paul Geheebs (1961). Wiederum auf den analytischen Ebenen der administrativ-organisatorischen, pädagogischen und 'privaten' Biographie Edith Geheebs gelingt der Verfasserin auch hier eine dichte Beschreibung, die trotz der ausgebreiteten Details nie den roten Faden des Erkenntnisinteresses aus den Augen verliert. Dabei wird deutlich, dass die Voraussetzungen für die pädagogische Arbeit der Ecole d’ Humanité alles andere als günstig und jahrelang sogar von juristischen Streitigkeiten begleitet waren. Von einer unmittelbaren Fortsetzung der Arbeit in der Odenwaldschule kann also in keiner Weise die Rede sein und auch von dem Ziel, eine Schule der Menschheit bzw. Menschlichkeit vor dem Hintergrund der Verwerfungen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges zu etablieren, war man weit entfernt. Edith Geheebs Tätigkeitsbereich in dieser Aufbauphase zeigte eine zunehmende Verselbstständigung gegenüber Paul Geheeb, indem sie zum einen die Tätigkeiten, die sie schon in der Odenwaldschule ausgeführt hatte, weiter ausbaute, ein „effektives Management“ (S. 100) in den anfänglichen Krisenzeiten realisierte, dabei jedoch nicht nur juristisch, organisatorisch und administrativ wirkte, sondern in Anlehnung an die gemeinsamen pädagogischen Grundüberzeugungen und trotz aller äußeren Widrigkeiten auch die Auswahl der Schüler und der pädagogischen Mitarbeiter „durch hohe Eigenverantwortung“ (S. 100) entscheidend mitgestaltete. Ebenso wurde die Öffentlichkeitsarbeit zunehmend ein Arbeitsfeld, das in Edith Geheebs Kompetenzbereich fiel, wodurch „ihr Aufgabenspektrum [...] im Vergleich zu ihren Kompetenzen an der Odenwaldschule noch einmal eine erhebliche Erweiterung erfuhr“ (S. 94). Im Detail genau und in der Interpretation schlüssig belegt Judith Büschel in diesem Kontext, dass Edith Geheeb „sich selbst durchaus auch als Schulleiterin verstand“ (S. 104). Ihre Nachfolgerin in der Schulleitung brachte dies als Zeitzeugin auf den Punkt: „For me it was always your school.“ (S. 103) Gleichwohl wurde (und wird) die Ecole d’ Humanité wie die Odenwaldschule überwiegend mit Paul Geheeb identifiziert, denn Edith Geheeb wirkte, so auch die Autorin, eher „im Stillen“ (S. 103).
Dass Edith Geheeb die Schule aber zunehmend auch „als ihr Projekt“ (S. 104) empfand, wird nach Paul Geheebs Tod noch deutlicher. Schon während längerer Krankheitsphasen ihres Mannes trat sie verstärkt als Schulleiterin auch in der Öffentlichkeit in Erscheinung (S. 105 f.), vermittelte dabei aber auch stets „in Loyalität und Treue“ (S. 106) zwischen ihrem Mann und der Öffentlichkeit. Und dies tat sie trotz der „lebenslangen Ambivalenz“ (S. 116), in der sie sich ihrem Mann gegenüber im zwischenmenschlichen Bereich befand: Einerseits meinte sie, ihrem Mann alles, was sie sei, zu verdanken, andererseits war sie der Überzeugung, erst nach seinem Tod das geworden zu sein, was sie eigentlich sei. (S. 115) Darin spiegelt sich sowohl ein langer psychologischer Selbstfindungsprozesses (S. 115) als auch die Selbstwahrnehmung ihrer immer zentraler gewordenen Tätigkeiten für die Schule.
In diesem Kontext wird indirekt ein Themenkreis sichtbar, der für die meisten Landerziehungsheime strukturell konstitutiv und bedeutsam ist: Durch die enge Verknüpfung der Schulen mit dem Gründer bzw. oft dem Gründerehepaar und der Zuschneidung sämtlicher Kompetenzen auf diese Personen gestaltet sich die Nachfolge in der pädagogischen wie administrativen Schulleitung – wie an der Ecole d’ Humanité – meist schwierig. Diese pädagogische Engführung und Bindung an die Vorstellungswelten und Leitungsaufgaben der Schulgründer ist ein in gewisser Weise vormodernes und grundsätzliches Strukturproblem der Landerziehungsheime und erschwert nicht selten deren konstruktive Weiterentwicklung, z. T. bis heute. Es wäre eine lohnende Aufgabe, dieses Problemfeld in einem größeren Zusammenhang einmal zu erforschen. Insofern ist Büschels Untersuchungsergebnis, dass Edith Geheeb auch nach dem Tod von Paul Geheeb „dem gemeinsamen Werk gegenüber“ und „den gemeinsamen Idealen treu“ blieb (S. 109 f.) sowie darauf achtete, dass die Nachfolger im Amte in „Wohlsorge um das von Paul Geheeb und ihr geschaffene Werk“ (S. 113) handelten, nicht weiter überraschend, im Grunde aber höchst problematisch.
Die angesprochene Ambivalenz der Selbstwahrnehmung Edith Geheebs sowie die Sicht der traditionellen Geschichtsschreibung der Reformpädagogik setzen sich analytisch – und damit komme ich zu einer kritischen Anmerkung – schließlich auch in der Arbeit von Judith Büschel noch fort, spricht sie doch einmal nur von den Ideen, Idealen oder Überzeugungen Paul Geheebs, denen Edith sich stets verpflichtet fühlte (z.B. S. 99, 100, 103, 105 f.), dann aber wieder vom gemeinsamen Werk und den gemeinsamen Idealen (s. o.) und schließlich sogar von Ediths eigenen Vorstellungen, Arbeitsweisen und pädagogischen Idealen (S. 120 f.). Die Frage, welche eigenen pädagogischen Ideale sie entwickelte, bleibt jedoch offen. Hier wäre es sicher sinnvoll gewesen, statt den unscharfen Begriff der pädagogischen Ideale zu verwenden, die pädagogischen Prinzipien herauszuarbeiten, nach denen Edith Geheeb als Reformpädagogin und Schulleiterin agierte, wie Büschel es im Fazit dann ansatzweise auch versucht. Denn ihre pädagogischen Ideale hatte Edith Geheeb in der Tat schon recht früh selbstständig ausgebildet (u. a. durch ihre frühe sozialpädagogische Tätigkeit), so dass sie dann in der Auseinandersetzung mit der Pädagogik ihres Mannes nur noch geschärft und erweitert, in ihren Grundlagen aber nicht wesentlich verändert wurden. Die Emanzipationsgeschichte Edith Geheebs von der Tochter aus einem großbürgerlichem Elternhaushaus zur faktischen Leiterin eines Landerziehungsheimes lässt sich auf der Ebene der pädagogisch-praktischen und schuladministrativen Arbeit jedenfalls viel überzeugender schreiben als stets vor dem Hintergrund der pädagogischen Ideale des Säulenheiligen Paul Geheeb. Sicher hat Judith Büschel an dieser Stelle wegen der bislang vorherrschenden Geschichtsschreibung zur Reformpädagogik der Mut zur konsequenten Neuinterpretation gegen die traditionellen Geschichtsbilder verlassen und sie zu defensiv interpretieren lassen. Ihr grundlegender Neuansatz scheint im Fazit aber dennoch durch, wenn sie die zunehmende Kompetenzerweiterung Edith Geheebs oder ihr zunehmend unabhängiger werdendes Selbstverständnis betont sowie hervorhebt, „dass Edith Geheeb zunehmend unabhängiger agierte, zwar stets die Überzeugungen und Ideen ihres Mannes mitbedachte [...], letztlich aber viele – praktische wie pädagogische – Entscheidungen alleine traf und verantwortete und somit der Schule [der Ecole d‘ Humanité] die Existenz sicherte“ (S. 121). Insofern wäre es wünschenswert gewesen, wenn Edith Geheebs eigene pädagogische Leistungen und Prinzipien deutlicher herausgestellt und konsequent als prozessuale reflektierte Reflexion einer Praktikerin der Reformpädagogik interpretiert worden wären. Denn dies könnte noch deutlicher zu einer teilweisen Neuinterpretation der Geschichte der Odenwaldschule und der Ecole d’ Humanité im eingangs skizzierten Forschungskontext zur Reformpädagogik führen, der unabhängig von Büschels Arbeit in einem größeren Rahmen kürzlich auch von Ellen Schwitalski in ihrer Dissertation aufgegriffen wurde (Schwitalski 2004).
Gleichwohl zeigt Büschel insgesamt, dass die pädagogisch-praktische Realisierung beider Schulen wesentlich von den Qualifikationen Edith Geheebs als Managerin und faktischer Schulleiterin geprägt war. Die Arbeit kommt in überzeugenden Weise zu einer grundsätzlichen Neubewertung der Bedeutung des Anteils von Edith Geheeb am Aufbau und Erhalt der Odenwaldschule sowie nach der Emigration in die Schweiz der Ecole d’Humanité. Die Arbeit besticht weiterhin durch eine anschauliche, sehr gut lesbare und nachvollziehbare Entwicklung der Zusammenhänge in Edith Geheebs lebensgeschichtlichen Kontexten von jüdisch-bürgerlichen Kulturwelten, Frauenbewegung und Reformpädagogik der Landerziehungsheime. Die personenbezogenen, biographischen Zusammenhänge zwischen Edith Geheeb und vielen bedeutenden Frauen und Männern des 20. Jahrhunderts werden in Büschels Arbeit erstmals ausführlich vorgestellt und gewürdigt.

Zitation
Jörg-W. Link: Rezension zu: : Edith Geheeb. Eine Reformpädagogin zwischen pädagogischem Ideal und praktischem Schulmanagement. Berlin  2004 , in: H-Soz-Kult, 29.07.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6910>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.07.2005
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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