M.N. Lorenz: "Auschwitz drängt uns auf einen Fleck"

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Titel
"Auschwitz drängt uns auf einen Fleck". Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser


Autor(en)
Lorenz, Matthias N.
Erschienen
Stuttgart 2005: J.B. Metzler Verlag
Umfang
560 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Joachim Hahn, Berlin

Martin Walser hat sowohl 1998 mit seiner Rede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels als auch 2002 mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“ Feuilletondebatten ausgelöst, in denen die Frage nach antisemitischen Ressentiments zum zentralen Streitpunkt wurde. Die erste, in einem Sammelband von Frank Schirrmacher teilweise dokumentierte Auseinandersetzung bildete den Hintergrund auch des nachfolgenden Feuilletonstreits.[1] Den Vorabdruck von „Tod eines Kritikers“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatte Schirrmacher im Mai 2002 in einem spektakulären offenen Brief mit der Begründung abgelehnt, dass der Text die Mordphantasie an einem Juden darstelle und antisemitische Ressentiments bediene. Walser selbst hat nie bestritten, in dem Roman eine Abrechnung mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki beabsichtigt zu haben. Nach der von Dieter Borchmeyer und Helmuth Kiesel herausgegebenen apologetischen Verteidigungsschrift „Der Ernstfall“ (2003), in der die gegen den Roman erhobenen Antisemitismusvorwürfe eher abgewiesen als wissenschaftlich geklärt werden, liegt mit der Dissertation des Lüneburger Kulturwissenschaftlers Matthias N. Lorenz nun eine gründliche Analyse beider Debatten vor, die sich besonders mit den gegen Werk und Autor erhobenen Vorwürfen auseinandersetzt. Stellt man die Brisanz dieser Vorwürfe und die während der beiden Debatten zu beobachtende Polarisierung in Rechnung, vermag es kaum zu erstaunen, dass auch diese wissenschaftliche Studie zum Gegenstand einer Feuilletonkontroverse avanciert ist.[2]

Lorenz geht von zwei Grundfragen aus: 1. Trifft der gegen Walser erhobene Antisemitismusvorwurf zu? Dabei sei zu untersuchen, „wie literarischer Antisemitismus in seinem Werk aussehen und wodurch er motiviert sein könnte“ (S. 14). 2. Inwiefern kann Walser für sich beanspruchen, „aufgrund seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus vor dem Antisemitismusvorwurf gefeit zu sein“ (ebd.)? Lorenz will nachzeichnen, wie Walser sich „wann und wo über Juden, Auschwitz und die ‚deutsche Schuld‘ geäußert“ habe (ebd.). Die Studie unternimmt also nichts Geringeres als eine Analyse von Walsers Gesamtwerk (!), um die Antisemitismusvorwürfe zu prüfen. Und es sei vorweggenommen, dass dieser Anspruch bravourös eingelöst wird.

In seiner Einleitung (S. 13-42) nimmt Lorenz den in der Walser-Forschung immer wieder behaupteten und meist für Mitte/Ende der 1970er-Jahre veranschlagten politischen Wandel Walsers zum Ausgangspunkt, um aufzuzeigen, dass mit dieser Hypothese widersprüchliche Vorstellungen verbunden werden, die letztlich zu keiner plausiblen Gesamtaussage führen. Demgegenüber schlägt er vor, von einer Werkkontinuität bei Walser auszugehen. Im letzten Abschnitt der Einleitung konturiert Lorenz sein Lektüreverfahren, das sich aus drei Faktoren zusammensetzt: Suche nach Subtexten, Deutung von Figurenrede und Erfassung der Textaussage. Selbst wer Lorenz’ Ansicht nicht teilt, Walsers Prosa vermittle „den Eindruck höchst autobiografischen Schreibens“ (S. 37), mag konzedieren, dass die häufige Übereinstimmung von Figurenrede in literarischen Texten Walsers mit dessen Selbstaussagen in Essays, Interviews und Reden für eine Beantwortung der hier aufgeworfenen Grundfragen berücksichtigt werden sollte.

In seinem zweiten Kapitel (S. 43-78), einem Überblick zur Antisemitismusforschung und zu Beiträgen zur Beschreibung eines spezifisch literarischen Antisemitismus, konturiert Lorenz seinen Begriff von Antisemitismus. Im gegenwärtigen Diskurs über Juden und Antisemitismus in Deutschland erkennt er weniger eine Infragestellung nationalsozialistischer Schuld, deren Relativierung oder Projektion auf andere, als vielmehr „eine Schuldzuweisung an die jüdische Opfergruppe durch das Herausstellen von deren ‚heutigen Taten‘“ (S. 54), die von einer Kritik an der Besatzungspolitik Israels bis zu Vorwürfen gegen Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland reiche. Im Anschluss etwa an Werner Bergmann spricht Lorenz von „sekundärem Antisemitismus“, dessen Gefahr weniger in manifesten antisemitischen Straftaten bestehe als in der „Verdrängung und Überschreibung historischer Wahrheiten“ (S. 58).[3]

Im dritten Kapitel (S. 79-220) rekonstruiert Lorenz zunächst die Debatte um „Tod eines Kritikers“. Seiner eigenen Textlektüre vorangestellt ist eine kritische Auswertung der bislang veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsätze zur Debatte und zum Roman. Auch hier wird, wie an vielen Stellen der Arbeit, der Walser-Forschung hinsichtlich der Analyse von literarischem Antisemitismus kein gutes Zeugnis ausgestellt. Lorenz zeigt die Schwächen vieler Beiträge auf, die unter anderem darin bestehen, dass entweder nur die Figurenrede analysiert wird, oder mit der fragwürdigen Behauptung, der Roman weise keinen Realitätsbezug auf, auch die Frage nach einer antisemitischen Textaussage schon für erledigt erklärt wird. Lorenz selbst analysiert „Tod eines Kritikers“ als einen Schlüsselroman, in dem alle wichtigen Handlungsträger auf Personen der westdeutschen Literaturszene hinweisen. Die zahlreichen Belege enthalten unter anderem direkte Bezüge zu Reich-Ranickis Autobiografie „Mein Leben“ (1999). Von diesen Befunden ausgehend zeichnet Lorenz nach, wie die Charakterisierung der literarischen Figur des Kritikers Ehrl-König nicht nur der Konstruktion „des Juden“ als Fremdem und als Täter folge, sondern wie sie auch mit dem Klischee des „jüdischen Körpers“ und sexueller Perversität ausgestattet worden sei. Dazu komme noch der antisemitische Topos von der „jüdischen Macht“. Lorenz gelingt es in seiner Analyse, den Roman „Tod eines Kritikers“ zweifelsfrei als ein Beispiel für literarischen Antisemitismus auszuweisen.

Davon ausgehend untersucht er im vierten und umfangreichsten Kapitel (S. 221-482) frühere Texte Walsers hinsichtlich der Darstellung von Juden und des Auschwitzdiskurses, wobei er Walsers Essayistik noch einmal gesondert betrachtet. Vorangestellt sind exemplarische Beziehungen Walsers zu Juden der Gegenwart und Vergangenheit (Marcel Reich-Ranicki, Ignatz Bubis, Jurek Becker, Ruth Klüger, Victor Klemperer und Heinrich Heine). In seiner überzeugenden Analyse dieser Verhältnisse kennzeichnet Lorenz Walsers Umgang mit den Genannten insofern als antijüdisch, als dieser deren Eigenständigkeit als jüdische Deutsche nicht anerkenne, sondern sie entweder vorrangig als Deutsche oder aber ausschließlich als Juden wahrnehme. Zugleich baue er die jüdische Identität als Negativfolie zur Konstruktion einer deutschen Nationalidentität auf (S. 256). Es ist das zentrale Verdienst dieser Arbeit, für Walsers Gesamtwerk Lektüren vorzulegen, in denen antijüdische Textaussagen auch lange vor den Romanen der 1990er-Jahre erkennbar werden – und auf die insbesondere Wulf D. Hund bereits hingewiesen hatte.[4] So parallelisiert Walser bereits in seiner Anselm-Kristlein-Trilogie, in seinen Theaterstücken der 1960er-Jahre, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen („Eiche und Angora“ [1962], „Der schwarze Schwan“ [1964]) sowie schließlich in seinen Essays zu Auschwitz (besonders „Unser Auschwitz“ [1965]) jüdische Leidenserfahrung mit der Leidenserfahrung der nichtjüdischen Deutschen. Im Kern von Walsers Auschwitzdiskurs und seinen Judendarstellungen steht für Lorenz die Konstruktion eines deutschen nationalen Kollektivs mit Hilfe von Auschwitz. Darauf weist das dem Essay „Auschwitz und kein Ende“ (1979) entnommene Zitat im Titel seiner Studie präzise hin: „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“.

Insgesamt liegt mit Matthias N. Lorenz’ Arbeit eine wichtige Studie vor, die von der Walser-Philologie, ob sie will oder nicht, zur Kenntnis genommen werden muss – aber auch von der Antisemitismus- und der Zeitgeschichtsforschung. Die Studie überzeugt ebenso durch ihre Gründlichkeit wie durch einen wissenschaftlichen Stil, der auf nachvollziehbare Argumentationen setzt.

Anmerkungen:
[1] Schirrmacher, Frank (Hg.), Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 1999.
[2] Besonders polemisch sind die Beiträge von Dieter Borchmeyer und Ulrich Greiner: Borchmeyer, Dieter, Pranger-Philologie. Eine Doktorarbeit zu Martin Walser, in: Süddeutsche Zeitung, 23.8.2005, S. 14; Greiner, Ulrich, Martin Walser unter dem Auge des Verdachts, in: Die ZEIT, 1.9.2005, S. 50. Ihnen antwortet: Brumlik, Micha, In Gefühlsgewittern. Matthias N. Lorenz hat Martin Walsers Werk auf antisemitische Spuren hin durchpflügt – und seine Kritiker stählen ihren Patriotismus, in: Frankfurter Rundschau, 8.9.2005, S. 17. Eine abgewogene Besprechung bietet: Apel, Friedmar, Die Kränkung. Matthias N. Lorenz untersucht Martin Walsers Judendarstellung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.10.2005, S. 52.
[3] Vgl. Bergmann, Werner, Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949–1989, Frankfurt am Main 1997.
[4] Hund, Wulf D., Der scheußlichste aller Verdächte. Martin Walser und der Antisemitismus, in: Klotz, Johannes; Wiegel, Gerd (Hgg.), Geistige Brandstiftung. Die neue Sprache der Berliner Republik, Berlin 2001, S. 183-232.

Zitation
Hans-Joachim Hahn: Rezension zu: : "Auschwitz drängt uns auf einen Fleck". Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser. Stuttgart  2005 , in: H-Soz-Kult, 07.11.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6995>.
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07.11.2005
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