A. Beriger: Windesheimer Klosterkultur um 1500

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Titel
Windesheimer Klosterkultur um 1500. Vita, Werk und Lebenswelt des Rutger Sycamber


Autor(en)
Beriger, Andreas
Erschienen
Tübingen 2004: Max Niemeyer Verlag
Umfang
371 S.
Preis
€ 76,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jacob Klingner, Germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung, Technische Universität Dresden

Rutger Sycamber von Venray (1456–ca. 1514) [1] ist eine Randfigur der gelehrten Welt um 1500. Wiewohl ihn Johannes Trithemius in seinen Katalogen De scriptoribus ecclesiasticis (1494) und Catalogus illustrium virorum Germaniae (1495) als bedeutenden Schriftsteller nennt [2], sind nur zwei kleinere Werke Rutgers in den Druck gelangt [3], daneben einige Gedichte als Beigaben zu Werken anderer (Trithemius, Dietrich Gresemund, Johannes Lambsheim). Sein umfangreiches Werk, das auch den meisten Zeitgenossen nur vom Hörensagen bekannt war, hat bis heute kaum Beachtung gefunden. Das vorliegende Buch verspricht nun eine umfassende Darstellung von „Vita, Werk und Lebenswelt“ des in mehrfacher Hinsicht exzentrischen Augustiner-Chorherrn.[4]

Andreas Beriger gibt zunächst einen Abriss der Biografie Rutgers, wie sie sich aus zahlreichen Selbstaussagen in den erhaltenen Werken rekonstruieren lässt (S. 1-48). Geboren in Venray im Gelderland kommt Rutger nach mehreren Schulwechseln 1473 nach s’Hertogenbosch in die Schule des Fraterhauses und damit auch in die geistige Sphäre der Devotio Moderna und der ihr verbundenen Reformorden. Nach einem anschließenden kurzen Besuch der Schule in Deventer legt Rutger 1476 die erste Profess im zur Windesheimer Kongregation gehörenden Kloster Höningen (Rheinland-Pfalz) ab. Schon 1481 wird er, wohl im Zuge der dortigen Reform, an das Kloster St. Leonhard in Basel versetzt, 1484 nach Beerenberg in Winterthur, wo er das Amt des Subpriors bekleidet. Schon in Basel verlässt er das Kloster unerlaubt für mehrere Tage, auch in Beerenberg scheint es Rutger zu ständigen Wanderungen aus dem Kloster zu treiben. Er kehrt schließlich 1486 nach Deutschland zurück, wo er nach unglücklichen Stationen in den Klöstern Böddeken, Möllenbeck, dem Mutterhaus in Windesheim und einer Strafversetzung nach Gnadenthal am Niederrhein 1490 wieder in die Abgeschiedenheit seines Ursprungsklosters Höningen zurückkehrt.

Dort entsteht das schriftstellerische Werk, das Beriger in einem umfangreichen Katalog verzeichnet (S. 49-110). Beriger kann sich dabei auf mehrere vom Autor selbst erstellte Verzeichnisse stützen, in denen Titel von 136 selbstständigen Werken erfasst sind. Diese hat Rutger sorgfältig in vier Foliobänden einer ‚Autorsumme’ eingetragen, von denen nur der zweite überliefert ist, der die Werke Nr. 35-68 und zudem eine Inhaltsbeschreibung zu den Werken des ersten Bandes enthält. So kann Beriger für etwa die Hälfte der Werktitel auch nähere Informationen zu Art und Inhalt der (meist kürzeren) Traktate machen.

Nach einer Beschreibung des Kölner Codex (S. 111-126) folgt die Edition eines für das Selbstverständnis Rutgers zentralen Textes, der Historiola rationis studii viteque fratris Rutgeri Sycambri (S. 127-229, mit Register S. 369-371). In dieser „Kurzen Geschichte von der Rechenschaft über Studium und Leben“ gibt Rutger, gerahmt von Widmungsschreiben und -gedichten, einen Abriss über sein Leben bis zum Jahr 1500. In einem ersten Teil rechtfertigt er seinen Bildungsweg und seinen Drang zu Studium und Schriftstellerei. In einem zweiten, kürzeren Abschnitt geht er auf das Klosterleben und Aspekte seiner Spiritualität ein. Beriger gibt dem lateinischen Text der Handschrift eine deutsche Übersetzung bei, zugleich kontextualisiert er in den Anmerkungen einzelne Gedanken und Sätze innerhalb der übrigen erhaltenen Schriften Rutgers, aber auch innerhalb der Devotio Moderna und des autobiografischen Schrifttums allgemein.

Den Abschluss des Buches bildet eine Darstellung von „Rutgers Lebenswelt“ (S. 231-349). Beriger trägt hier Aussagen Rutgers zu verschiedenen Bereichen des Lebens als Windesheimer Konventuale zusammen (z.B. Kleiderfrage, Ernährung, geistige und handwerkliche Betätigungen, Sozialbeziehungen, Frömmigkeit, klösterliche Hierarchie). So werden in umfangreichen Zitaten (gegeben in deutscher Übersetzung bzw. bei den Gedichten und der Prosa-Facetie S. 256f. im lateinischen Original) viele Proben des Rutgerschen Schaffens, seiner Ambitionen, seiner Vorlieben und Abneigungen gegeben. Gleichzeitig entsteht ein sehr subjektives Bild der Windesheimer Klosterkultur, ein heterogenes und nicht immer widerspruchsfreies „Mosaik“ (S. 231).

Berigers Buch nähert sich seinem Gegenstand also von verschiedenen Richtungen. Es öffnet einerseits durch Quellenedition und Werkverzeichnis weitergehenden Forschungen bisher fehlende Erschließungsmöglichkeiten. Andererseits stellt es Rutgers Persönlichkeit wie auch sein Werk auf verschiedenen Ebenen rekonstruierend und rekapitulierend vor. Dass sich dabei mancher Gedanke oder manches Zitat doppelt, ist zu verschmerzen.

Irritierender ist, dass Beriger auf fast jeder Seite des Buches, vielfach in leicht mokantem Ton, zum Ausdruck bringt, dass er von der Persönlichkeit seines Protagonisten keine besonders hohe Meinung hat. Beriger kritisiert Rutgers Sprunghaftigkeit und Widersprüchlichkeit, vor allem aber auch Unaufrichtigkeit, Selbstgerechtigkeit, maßloses Selbstmitleid und groteske Selbstüberschätzung bei gleichzeitig höchst mediokrer, ja dilettantischer wissenschaftlicher und schriftstellerischer Leistung. Diese Einschätzung ist sicher zutreffend, und es ist wohltuend, dass Beriger dem Leser eine unkritische Hagiografie erspart. Rutgers Selbstbewusstsein, mit dem er über hundert Traktate, Dialoge und Gedichte zu den verschiedensten Themen (u.a. Musik, Rhetorik, Heiligenverehrung, Ordensgeschichte und -kritik, Klosterleben, Spiritualität, Moral, Politik) verfasst, ohne über die intellektuellen Mittel zu deren wirklicher Durchdringung und Aufbereitung zu verfügen – geschweige denn dafür ein Publikum zu haben – deutet auf grenzenlose Naivität oder auf egomane Verblendung. Der Gestus des bedeutenden Gelehrten, den Rutger durch den ständigen Hinweis auf bedeutende Freunde und Korrespondenzpartner zu bekräftigen versucht, entpuppt sich angesichts seiner weitgehenden Isolation als Anmaßung – einzig Trithemius scheint zeitweise angetan von Rutger.[5] Beriger stellt klar, dass Rutger keineswegs so bedeutend sei, wie er von sich glaube und andere glauben machen wolle – er scheut sich auch nicht, die frühere Forschung zu schelten, dieser „Fehleinschätzung“ (S. 112) aufgesessen zu sein.

Dennoch läuft Berigers beständige Abwertung Rutgers als ‚großmäulig’ und ‚kleingeistig’ (so etwa S. 289) vielleicht Gefahr, zu verdecken, was das eigentlich Besondere an Person und Werk des Windesheimers ist – und was schließlich auch zur Entstehung der vorliegenden Publikation geführt haben dürfte: Es ist die Faszination, die davon ausgeht, dass hier ein einzelner Mönch versucht, sich im Schreiben eine neue Identität als bedeutender Privatgelehrter zu entwerfen, eine Identität, die sich offenbar vom trostlosen Klosteralltag abhebt. Dass Rutger damit scheitert, ist letztlich weniger wichtig, ebenso wenig ist es die kaum zu beantwortende Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Rutgers Ausführungen, zur Mischung aus Topik, Selbststilisierung und Verblendung. Wichtig und bemerkenswert ist, dass man in Berigers Darstellung ganz nah herangeführt wird an die fast tragisch zu nennenden Bemühungen Rutgers, schreibend den eigenen Ansprüchen und dem Wunsch nach Anerkennung durch andere nachzukommen. Andreas Berigers Buch verschafft damit nicht nur Einblicke in „Windesheimer Klosterkultur um 1500“, sondern leistet auch einen Beitrag zu einer Vorgeschichte des neuzeitlichen Intellektuellen.

Anmerkungen:
[1] In der Literatur begegnen auch die Namensformen Rutgerus / Rotgerus / Rogerius / Sicamber / Venraius.
[2] In ersterem erscheint er in unmittelbarer Nachbarschaft zu Namen wie Sebastian Brant, Conrad Celtis und Jacob Wimpfeling als vir in diuinis scripturis studiosus & eruditus, & in secularibus literis egregie doctus, der Wert seiner Werke wird hervorgehoben; Johannes Trithemius, Opera historica […] ed. Marquard Freher, Frankfurt am Main 1601, S. 174f.; vgl. die etwa gleich lautenden Aufnahmen im Katalog der Kirchenschriftsteller, ebd. S. 394f. und im Nachtrag zum Catalogus illustrium virorum, ebd, S. 401.
[3]De quantitate syllaborum cum paucis carminibus adiunctis, Köln: Heinrich Quentell 1502 (VD 16 3869); Letania ad omnes sanctos Carmine labens eleganti et venusto, Deventer: Theodericus de Borne 1514.
[4] Es baut auf zahlreiche frühere Studien von des Autors zu Einzelaspekten von Leben und Werk Rutger Sycambers auf, zuletzt Beriger, Andreas, Eine unglückliche Geschichte – die Autobiographie des Augustiner-Chorherrn Rutger Sycamber von Venray, in: Arnold, Klaus u.a. (Hgg.), Das dargestellte Ich. Studien zu Selbstzeugnissen des späteren Mittelalters und der frühen Neuzeit, Bochum 1999, S. 53-62.
[5] Vgl. Arnold, Klaus, Johannes Trithemius (1462–1516), Würzburg 1971, S. 100: „über längere Zeit der vertrauteste Freund des Benediktiners [Trithemius]“, Rutgers Kontakte zu Sebastian Brant, Johannes Reuchlin oder dem Dalberg-Kreis erscheinen beim näheren Hinsehen als eher punktuell, seine Positionen sind deutlich antihumanistisch.

Zitation
Jacob Klingner: Rezension zu: : Windesheimer Klosterkultur um 1500. Vita, Werk und Lebenswelt des Rutger Sycamber. Tübingen  2004 , in: H-Soz-Kult, 22.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7039>.
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22.02.2006
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