W. Hardtwig (Hg.): Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit

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Titel
Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918-1939.


Hrsg. v.
Hardtwig, Wolfgang
Erschienen
Göttingen 2005: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
376 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Groh, Fakultät für Rechtswissenschaft, Universität Bielefeld

Der von Wolfgang Hardtwig herausgegebene Sammelband richtet seinen Blick auf die „Zwischenkriegszeit als Epocheneinheit“ und sucht die Gesellschaft in ihrer „Übergangszeit im Kampf um die Moderne“ (S. 8) auf. Unter dem allumfassenden Titel „Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918-1939“ versammelt er elf vorwiegend historische Beiträge – einen bunten Strauß an Themen, die vom Autobahnbau bis hin zur Wissenschaftsgeschichte der Psychologie reichen. Die (methodische) Klammer setzt der Herausgeber in seiner Einleitung, mit der er zugleich seinen kulturgeschichtlichen Standpunkt ausdrückt und Desiderate der kulturgeschichtlichen Forschung aufdeckt. Als „synthetisierendes“, „theoretisch bewußtes Konzept von ‚politischer Kulturgeschichte’“ plädiert er für einen „integrierenden Ansatz“ (S. 11, 22). Gemeint ist damit die Verknüpfung der konstruktivistischen Leitannahme der „Kulturgeschichte der Politik“, dass nämlich die Welt eine kommunikative Konstruktion und „die Wirklichkeit als ein Ensemble von Produktionen, Deutungen und Sinngebungen aufzufassen“ sei [1], mit alltagsgeschichtlichen Perspektiven und historisierten anthropologischen Fundamentalkategorien. Er mahnt den „Rekurs auf das einzelne Subjekt“, die „Mikrowelt der Individuen“ an, um deren Subjektivität neben der Makrowelt des politischen Systems genauso zu erfassen wie ihre affektiven und kognitiven Haltungen. Daneben will der Sammelband ein Schlaglicht werfen auf „Ideen“, die die Weltwahrnehmung von Einzelnen und Gruppen beeinflussten, ihre politischen und kulturellen Orientierungen generierten, stabilisierten oder wandelten. Das Verhältnis von Ideen und Interessen, deren Bedeutung für eine Kulturgeschichte der Politik erst kürzlich wieder betont wurde [2], wird dabei in der Einleitung formal zunächst ausgespart.[3]

Um den höchst heterogenen Beiträgen eine gemeinsame Linie zu geben, fragt der Band nach „der Erfahrung, Deutung und symbolischen Vergegenwärtigung von Raum, Zeit, Körper, Emotion, Wissen, Arbeit, Kommunikation“ und schließlich den „politischen, sozialen, religiösen und intellektuellen Ordnungen im engeren Sinne“ (S. 11). Jeder dieser Kategorien sind einzelne Beiträge zugeordnet. Auf ein Manko des Bandes sei an dieser Stelle aber bereits hingewiesen: Den LeserInnen werden im Wesentlichen die Sichtweisen von Deutungseliten nahe gebracht, wenn auch nicht allein diejenigen der akademischen Führungsgruppen. Deren Wirkmächtigkeit auf gesellschaftlich geteilte Deutungen ist unbestritten, aber der Mann und die Frau von der Straße kommen zu selten zu Wort. Denn es wäre – wie der Herausgeber selbst einräumt – wohl verfehlt, „von den Aufgeregtheiten der akademischen Deutungselite auf die Einstellung der Bevölkerungsmehrheit zu schließen“ (S. 7).

Eine weitere methodische Klammer um viele der Beiträge setzen modernisierungstheoretische Ansätze als Erklärungsmodelle, mit denen die Plurivalenzen der Gegenreaktionen und das „Paradox“ gegenläufiger Prozesse der Moderne eingefangen werden (S. 207). Auch wird deutlich, dass die Krise der Republik und ihre von den Eliten verschärfte Diagnostik „sich [zwar] als guter Regisseur“ (S. 20) erwiesen, in der Krise aber eben auch die Chance eines anderen Ausgangs gelegen hätte. Vieles von dem, was in den Beiträgen als Signaturen der Zeit herausgearbeitet wird, ist bekannt: Ganz- und Einheitsphantasien, Organismusideale, Gewaltakzeptanz, Dramatisierung, Militarisierung und Irrationalisierung der politischen Kultur, ihre Antipoden jeweils im Sinn. Und dennoch war es für die motorisierte Nichthistorikerin spannend zu lesen, warum unsere baumbesäumten Autobahnen so viele Kurven haben. Eine weitere Stärke des Bandes liegt vor allem in der Anschaulichkeit und dem Reichtum an Thesen der versammelten Aufsätze, von denen jeweils nur einige wiedergegeben werden können.

Den Anfang macht der Beitrag von Frank Becker zu „Autobahnen und Auto-Mobilität“ im internationalen Kontext. Der Sog der Automobilisierung entfaltete eine Zeit-Raum-Dimension, die in Deutschland durch ein auch für den Nationalsozialismus paradigmatisches organisches Konzept geprägt war, nämlich eine ästhetisierte, versöhnende Symbiose von Technik und Natur: Die mäandernden Autobahntrassen sollten zum Autowandern einladen – eine Art nationaler Zeit-Raum-Ordnung, die ihren Stempel dem jeweiligen Verkehrsnetz aufdrücken sollte. Wolfgang Hardtwig demonstriert anhand eines klassischen Gegenstandes der politischen Kulturgeschichte, dem „Bismarck-Mythos“ in Reich und Republik, wie politische Mythen Identität, Sinnstrukturen sowie Handlungsanleitungen generieren und die Gegenwart mit der Vergangenheit vermitteln können. Eine von Sinnkrisen gebeutelte Epoche verlangte nach Reduktion von Komplexität und fand sie in einem personalisierten Mythos, der als Projektionsfläche für (außenpolitische) Machtphantasien und den Wunsch nach einem charismatischen Führer genauso stand, wie er zur Delegitimierung der demokratischen Republik instrumentalisierbar war. Auch Historikerzunft und Linksliberalismus unterlagen den Gefahren der Mythisierung.

Thomas Mergel führt in seinem Beitrag die Überlebensfähigkeit von politischen Systemen auf die Erwartungen zurück, die an sie herangetragen werden. Nachhaltige und untergründige Wahrnehmungsmuster oder mentale Strukturen bestimmen den Raum dessen, was möglich und machbar ist. Mergel untersucht die Diskurse über „Führer, Volksgemeinschaft und Maschine“ und zeigt auf, wie in ihnen Dauerenttäuschungen transportiert und transparent wurden, weil Bevölkerung und politische Praxis auf den existentialistischen Ausnahmezustand, das irrationale Erlebnis, die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren und Außeralltäglichen gepolt waren, bis schließlich Hitler kam und die messianischen Heilserwartungen zu erfüllen versprach. Welche Ordnungsmuster Erfahrungsdeutungen strukturieren und wie neue Wirklichkeitskonstruktionen die alten ablösen und hegemonial werden (können), beschreibt John Horne in seinem Beitrag zur „kulturelle[n] Demobilmachung 1919-1939“. Im Mittelpunkt seiner Analyse steht die Sinnsuche der kriegführenden Nationen Deutschland, Frankreich, England und Russland. Aus der Psychologie des Verlierers heraus versprach die „mentale Abrüstung“ nach Kriegsende in Deutschland weniger Erfolg, weil diese Suche ergebnislos verlief. Feind blieb Feind nach dem Schmachfrieden von Versailles und die Bedeutung der Opfer ungelöst. Frank Bösch zeigt in seinem Beitrag auf, dass sich die bürgerliche Vereinswelt im protestantisch-norddeutschen Mikrokosmos Celle unter dem Siegel „militanter Geselligkeit“ kommunikativ vernetzte und sich durch Abgrenzungsstrategien gegenüber der Linken konsolidierte. Ihre Existenz beschleunigte den Aufstieg der NSDAP, bis im Gegenzug deren staatliche Konkurrenzorganisationen die Erosion der bürgerlichen Vereinswelt vorantrieben. Christian Weiß untersucht in seinen „Soldaten des Friedens“ die Stimmen vor allem linker Veteranenvereinigungen bei den Sinndeutungen des Krieges und der Identitätsstiftung für die heimgekehrten Frontsoldaten.

Sven Reichardt vollzieht mit „Gewalt, Körper, Politik“ den Zusammenhang zwischen der massiven Erfahrung von Gewalt mit der Ordnung des Körpers in einer (para-)militarisierten Gesellschaft nach, die mit militanten Strategien ihre „Kriegskrüppel“ im Namen von Männlichkeit, Jugend, Reinheit, Unzerstörbarkeit und Überlegenheit aus ihrem Bewusstsein verbannte und letztlich mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine ein neues, kalt erhabenes Körperideal konstruierte. Brigitte Kerchner wertet die gesellschaftlichen Deutungskämpfe um den „Kinderschänder“ aus, der als irrationaler Schleusenbegriff für Rassenhygieniker und reaktionäre Kinderschützer gleichzeitig den „Turn“ der Kriminologie zur Tätertypenlehre versinnbildlichte und rechtspolitisch zur Forderung (wie auch Durchführung) drakonischer Strafen und Maßregeln animierte, um den deutschen Volkskörper rein und gesund zu halten. Ähnlich veranschaulicht Matthias Willing am Beispiel des Bewahrungsgesetzes als so genanntem „Frauengesetz“ die sittenpolizeiliche Verve von Sozialpolitikerinnen aller politischer Couleur, mit dem vorgeschobenen Argument des Betroffenenschutzes sozial deviante, vorwiegend aus dem Arbeitermilieu entstammende Frauen wegzuschließen, um auf diese Weise gleichzeitig den „Volkskörper“ vor vermeintlichen „Rassenschädlingen“ zu schützen. Die (zunächst) abgeblockte Amerikanisierung der deutschen Alltagskultur beleuchtet Alexander Schug anhand jener über Marktforschung genauso verwissenschaftlichten wie professionalisierten Werbestrategien amerikanischer „industrial statesmen“, mit denen man glaubte, den Konsumenten weltweit standardisieren und beliebig konstruieren zu können – was sich bald als Trugschluss erwies.

Gregor Rinn schließlich schildert in seinem Beitrag zur akademischen Psychologie den methodischen Paradigmenwechsel hin zu einem geisteswissenschaftlichen Ansatz, der zur Funktionalisierung dieser Wissenschaft für den Nationalsozialismus beitrug und zeigt damit die Verflechtung von Ideen und Interessen in Wissenschaft und Politik auf.

Politische Kulturgeschichte oder Kulturgeschichte des Politischen ist ein theoretisch, methodisch und gegenständlich weites Feld; nicht zuletzt, da beiden namensgebenden Begriffen eine entgrenzende Tendenz innewohnt. Den (alten) Vorwürfen und Missverständnissen wie demjenigen der konzeptuellen Unbrauchbarkeit dieses Ansatzes und demjenigen, dass neben „Peanuts“ das „Eigentliche“ der Politik, nämlich Macht und Gewalt oder Interessen nicht eingefangen werden [4], steuert dieser Sammelband wirkungsvoll entgegen, indem er methodische Profilierungsarbeit leistet und in einzelnen Beiträgen eben jene Strukturen aufsucht. Im „Laboratorium“ Weimar zeigt er eindrucksvoll das Wechselspiel von Kontingenz, Konkurrenz, Deutungskonflikten und -hegemonien auf. Und nicht zuletzt: Viele Beiträge dieses Bandes halten wertvolle Erkenntnisgewinne für die konventionelle oder auch rechtswissenschaftlich inspirierte Verfassungsgeschichte vor, die sich nach wie vor mit der kulturgeschichtlichen Perspektive schwer zu tun scheint.[5]

Anmerkungen:
[1] Mergel, Thomas, Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 574-606, hier S. 590.
[2] Suter, Andreas, Kulturgeschichte des Politischen – Chancen und Grenzen, in: Stollberg-Rilinger, Barbara (Hg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005, S. 27- 55, hier S. 51ff.
[3] Chartier, Roger, Einleitung. Kulturgeschichte zwischen Repräsentation und Praktiken, in: Ders., Die unvollendete Vergangenheit. Geschichte und die Macht der Weltauslegung, Frankfurt am Main 1992, S. 11.
[4] Nicklas, Thomas, Macht – Politik – Diskurs. Möglichkeiten und Grenzen einer Politischen Kulturgeschichte, in: Archiv für Kulturgeschichte 86 (2004), S. 1-25.
[5] Stollberg-Rilinger, Barbara, Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, in: Dies. (Hg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005, S. 9-24, hier S. 10.

Zitation
Kathrin Groh: Rezension zu: Hardtwig, Wolfgang (Hrsg.): Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918-1939. Göttingen  2005 , in: H-Soz-Kult, 29.03.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7092>.
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29.03.2006
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