J. Martschukat u.a.: Es ist ein Junge!

Cover
Titel
Es ist ein Junge!. Einführung in die Geschichte der Männlichkeiten in der Neuzeit


Autor(en)
Martschukat, Jürgen; Stieglitz, Olaf
Erschienen
Tübingen 2005: edition diskord
Umfang
286 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Veronika Springmann, Berlin

"Innerlich war sie ziemlich beunruhigt über die Operation Kritische Männerforschung und auch ein bisschen besorgt, dass Hans seinen bisherigen, letztendlich ehrenvollen, autodidaktischen Feminismus leichtsinnig verraten und auf die immer wieder verheerend auf ihre Macht bedachte Männerseite überwechseln könnte.“[1] Vertreter/innen der Frauen- und Geschlechterforschung betrachteten eine Geschichtsschreibung der Männlichkeiten lange Zeit mit Skepsis und Misstrauen. Ute Freverts programmatischer Artikel von 1991[2] verwandelte jedoch Zweifel in Einsicht und Erkenntnis, dass es, nimmt sich die Geschlechtergeschichte ernst, unumgänglich ist, eine Geschichte der Männlichkeiten zu schreiben.

Mit dem Band 11 der Reihe „Historische Einführungen“ zeigen die beiden Autoren, Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz, wie und wozu Männlichkeiten untersucht werden bzw. untersucht werden könnten. Ihr Anspruch lautet, „auf verschiedenen Ebenen die Geschichte und Geschichtsschreibung der Männlichkeiten so zu strukturieren, dass es erstens eine Orientierungshilfe für den Einstieg in das Feld bietet, zweitens den Stand der Forschung zusammenfasst und drittens Anregungen zur Weiterarbeit formuliert“ (S. 8). Um die Leser/innen nicht von vornherein in Unübersichtlichkeiten zu stürzen, konzentrieren sich Martschukat/Stieglitz auf Forschungen aus dem deutschen und englischen Sprachraum. Credo der Autoren und damit oft und offen ausgesprochene Losung des Buches ist „mehrfach relational“. Gemeint damit ist, dass sich Männlichkeitsentwürfe sowohl gegenüber anderen Männlichkeitsentwürfen als auch gegenüber Weiblichkeitsentwürfen konstituieren und Geschlechtsentwürfe kulturell variabel sind (S. 9). Noch vor fünf Jahren äußerten sich Oliver Geden und Johannes Moes kritisch über die Männerforschung, sie würde vor allem die Sicht weißer Mittelschichtsmänner aufgreifen. Eine Diversifizierung des Blickes sei notwendig, um aufzeigen zu können, dass die Geschichte der Männlichkeiten und deren Unterschiedlichkeiten immer in ein Machtsystem eingebettet sind.[3] Wie es zu diesen Forderungen kam und wie die gegenwärtige Forschungslandschaft aussieht, darüber gibt diese gelungene Einführung Auskunft.

Das erste Kapitel widmet sich der Frauen- und Geschlechtergeschichte.[4] Das macht Sinn, satteln doch die „men’s studies“, die im darauf folgenden Kapitel dargestellt werden, auf der Frauen- und Geschlechtergeschichte auf. Anschließend schlagen Martschukat/Stieglitz „theoretische Leitlinien für eine Geschichte der Männlichkeiten“ vor. Diese münden in einem Forschungsüberblick über „Männer und Männlichkeiten in der Historiografie“. Darauf folgen vertiefende Einblicke in Studien, die sich intensiver mit klassisch männlichen Handlungsfeldern beschäftigen: Vaterschaft, Erwerbsarbeit, Militär und Formen männlicher Sozialiät (bonding) wie Sportclubs, Gewerkschaftsvereine, Korps usw. (S. 142). Schließlich findet sich ein Kapitel zu „Geschichten männlicher Sexualitäten“. Wie alle Bände aus der Reihe Historische Einführungen kontextualisieren repräsentative Quellen den vorausgegangenen Forschungsüberblick. Zur Synthese der Männlichkeitsforschungen: Nachgezeichnet werden auf knapp dreißig Seiten die Brüche, Verschiebungen und Weiterentwicklungen innerhalb der Frauen- und Geschlechtergeschichte seit den 1960er-Jahren. Zunächst eine additive Geschichtsschreibung – der Geschichte von Männern wurden nun Frauengeschichten hinzugefügt – veränderte sich die Frauengeschichte alsbald zu einer Geschichte, die nach geschlechtsspezifischen Erfahrungen und Identitätsbildungen fragt. Historikerinnen wie Gerda Lerner oder Natalie Zemon Davis forderten die Zunft heraus, sich sowohl mit männlichen als auch weiblichen Erfahrungen zu befassen. Trotz dieser Forderung wurde Geschlechtergeschichte, wie Martschukat/Stieglitz betonen, noch lange als „Angelegenheit von Frauen über Frauen gesehen“ (S. 22).

Neben der Frauen- und Geschlechtergeschichte haben wesentlich die interdisziplinären Männerstudien die neue Männergeschichte geprägt. Entstanden vor einem politischen Hintergrund, des Weitertragens der „women’s studies“, gelangten die men’s studies eher zögerlich in akademische Gefilde. Martschukat/Stieglitz machen hier zwei Phasen aus. Die erste (1970er- bis zu Beginn der 1990er-Jahre) kennzeichne sich durch eine Suche nach „Vorbildern und Vorläufern (S. 47) und durch die Fokussierung auf die Lebenswelt von Männern aus der weißen Mittelklasse. Als Scharnier zwischen dieser und der darauf folgenden Phase wird E. Anthony Rotundos „American Manhood“ genannt. Von nun an werden in die Analysen andere Kriterien wie Rasse oder Sexualität einbezogen. Außerdem lasse sich in dieser zweiten Phase eine zunehmende Institutionalisierung ausmachen. Für Deutschland prononcieren Martschukat/Stieglitz Theweleits „Männerphantasien“, der zwar in der Männerforschung und Frauenforschung viel Beachtung fand, von der Geschichtswissenschaft aber bis heute ignoriert wird.

Als theoretische Voraussetzung für die Geschichte der Männlichkeiten werden hier zum einen die soziale Konstruktion von Geschlecht und zum anderen die Thematisierung unterschiedlicher Machtmodelle genannt. Um die konzeptionelle Aspekte der Männlichkeitengeschichte darzustellen, schlagen die Autoren folgende Analyseraster vor: a) Identität und Differenz; b) Relationalität von Geschlecht; c) Diskurse und Erfahrungen; d) Krise und Hegemonie.

Während die ersten drei Punkte innerhalb der Geschlechtergeschichte bekannte Paradigmen sind, muss das Konzept der „Krise“ innerhalb der Männlichkeitengeschichte besonders bedacht werden. „Wenn von der Männlichkeit die Rede ist, die in eine Krise gerät, bildet dann nicht eine stabile und gewissermaßen essenziell zu denkende Männlichkeit, die diese Krise durchlebt, den Ausgangspunkt des Denkens über Geschlecht?“ (S. 82) So betrachtet setzt der Begriff der Krise ein kohärentes System voraus. Krisenhafte Vorstellungen von Männlichkeit bezögen sich meistens auf weiße, christliche und heterosexuelle Männer – eine hegemoniale Männlichkeit also, die den „stärksten Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen erlaubt“ (S. 83).

Jenseits davon beschreibt der Krisenbegriff aber auch instabile, als defizitär wahrgenommene Männlichkeiten, wie bspw. jüdische Männer in der deutschen Geschichte. In Relation zum hegemonialen Modell von Männlichkeit wird hier das vermeintlich Defizitäre konzipiert. Oft ist zu beobachten, dass gerade marginalisierte Männer sich das hegemoniale Männerbild zu Eigen machen. Folgerichtig plädieren Martschukat/Stieglitz dafür, den Krisenbegriff nicht als Beschreibung historischer Realitäten zu nutzen. Kritisch angemerkt wird, dass die Gründe einer Männlichkeitskrise meist in politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Phänomenen gesucht und Männlichkeiten gegenüber wirksam werden. Eingesetzt als „heuristisches Instrumentarium (S. 85) hingegen bieten sich Möglichkeiten herauszuarbeiten, „wie Vorstellungen von Essenzialität historisch entstehen und welche kulturelle Praktiken und Mechanismen diese Vorstellungen ermöglichen, bzw. legitimieren“(S. 86). Zu fragen ist hier, ob „Krise“ tatsächlich eine eigene Kategorie vonnöten macht, oder ob diese nicht im Zusammenspiel mit Identität und Differenz untersucht werden muss.

Stieglitz/Martschukat entwickeln des Weiteren auf der Grundlage der Hauptfrage, wie spezifische Männlichkeiten hergestellt werden, folgende Problemfelder: 1. Kopplung von Identitätskonstruktionen an gesellschaftliche Machtverhältnisse; 2. geschlechtliche Codierung von Prozessen und Institutionen; 3. individuelle Erfahrung der geschlechtlichen Konnotationen; 4. Positionierung von Individuen zu den jeweiligen Männlichkeitsentwürfen.

Gerade eine Untersuchung der individuellen Erfahrungen ist gleichsam erkenntnisversprechend wie schwierig, da es selbst über Selbstzeugnisse kaum möglich sein könnte, „authentische“ Erfahrungen zu rekonstruieren. Forschungsentwicklungen auf drei Feldern rücken die Autoren in das Blickfeld der Leser/innen: Familie, Arbeit und Sexualität. Zunächst werden, getrennt nach englischsprachiger und deutschsprachiger Forschung die entsprechenden Standardwerke erwähnt, um danach in den Bereich „Familie und Arbeitsleben“ einzusteigen. Richtig weisen die Autoren hier auf den Zusammenhang zwischen historiografischem Interesse und aktuellen Diskussionen hin. Entgegen der aktuellen Verherrlichung der Kleinfamilie haben viele historische Studien herausgearbeitet, dass viele Vorstellungen von funktionierender Familie allenfalls dem Bereich der Mythenbildung zuzuordnen sind. Vorgestellt werden Forschungen zu Vätern in der Frühen Neuzeit sowie im 19. Jahrhundert (S. 109ff). Als wegweisend werden hier die Studien von Anne-Charlotte Trepp und Rebekka Habermas angeführt. Als Forschungsdesiderat wird hier „Männlichkeit und Gewalt“ ausgemacht (S. 117) und schließlich „Väter im 20. Jahrhundert“ (S. 122). Den Grund dafür, dass für die deutsche Geschichte keine Studien vorliegen, sehen Martschukat/Stieglitz darin, dass sich mit der Entstehung des Nationalstaates ein „soldatisches Mann-Sein“ (S. 125) in den Vordergrund rückte.

Was diese Einführung so spannend macht ist, dass sie unterschiedliche Ansätze und Forschungsfelder zusammenführt. Beide Autoren zeigen sich als profunde Kenner der Materie. Manche/r Leser/in mag sich an der kontinuierlichen Wiederholung von Begrifflichkeiten wie „mehrfach relational“ oder „dynamisch“ stören; man kann in diesen Redundanzen aber auch eine eigene Qualität entdecken: Sie machen unzweifelhaft deutlich, dass Dynamik und Relationalität Prozesse sind, die von Forschern/innnen mühevoll herausgearbeitet werden müssen. Bedauerlich ist, dass sich keine Beispiele finden, die den Gebrauch des mehrfach Relationalen beispielhaft aufzeigen und deutlich machen, wie sich dies auf der Mikro- und Makroebene präsentiert. In der Geschlechter- und Männlichkeitsgeschichte unerfahrene Leser/innen könnten hier etwas hilflos, quasi mehrfach relational verunsichert, zurückgelassen werden. Allerdings lässt sich einwenden, dass Verunsicherung bisweilen zu neuen Gedanken anregt und damit eine der Forderungen der beiden Autoren, nämlich die nach Dynamik, eingelöst wäre.

Anmerkungen:
[1] Meinecke, Thomas, tomboy, Frankfurt am Main, 1998, S. 31.
[2] Vgl. Frevert, Ute, Männergeschichte oder die Suche nach dem ersten Geschlecht, in: Hettling, Manfred; Huerkamp, Claudia (Hgg.), Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen, Themen, Analysen, München 1991, S. 31-43.
[3] Vgl. Gelen, Oliver; Moes, Joachim im Gespräch mit den Herausgeberinnen, in: Die Philosophin 22 (2000), S. 6-9, hier: S. 9.
[4] Vgl. hier auch den 10. Band aus der gleichen Reihe: Opitz, Claudia, Um-ordnungen der Geschlechter. Einführung in die Geschlechtergeschichte, Tübingen 2005.

Zitation
Veronika Springmann: Rezension zu: : Es ist ein Junge!. Einführung in die Geschichte der Männlichkeiten in der Neuzeit. Tübingen  2005 , in: H-Soz-Kult, 27.04.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7099>.
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27.04.2006
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