J. Foitzik (Hg.): Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956

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Titel
Enstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956, vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand. Politische, militärische, soziale und nationale Dimension


Hrsg. v.
Foitzik, Jan
Erschienen
Paderborn 2001: Schöningh
Umfang
393 S.
Preis
DM 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wilke, Manfred

Der Tod von Josef W. Stalin im März 1953 und die von seinen Nachfolgern vorgenommenen Veränderungen führten zu Erschütterungen und Veränderungen der kommunistischen Diktaturen im sowjetischen Imperium in Ostmitteleuropa. Diese „Entstalinisierungskrise“ ist das Thema des von Jan Foitzik herausgegebenen Sammelbandes, der sich schwerpunktmäßig mit der ungarischen Revolution, den Veränderungen in Polen, in der Tschechoslowakei und der DDR befaßt. Die Veränderungen in der Sowjetunion selbst bleiben ausgeblendet. Die russischen Historiker und Archivare Alexandr Orechow, Jelena Orechowa, Wjatscheslaw Sereda und Alexandr Stykalin stellen die sowjetische Sicht auf die polnische Krise dar und präsentieren die KGB-Dokumente, die sich mit der Etablierung des Kadár-Regimes befassen. Verantwortlich waren damals in Budapest für den KGB Iwan Serow, zweiter Mann in der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland 1945/46 und Juri Andropow, damals Botschafter in Budapest.

Die Beiträge über die polnische, die tschechoslowakische, die ungarische Armee und den polnischen Sicherheitsapparat im Jahr des „Tauwetters“ sind für die deutsche Diskussion besonders wichtig, sie lenken den Blick auf Institutionen, die in der DDR-Forschung eher vernachlässigt werden und sie rücken vor allem die nationale Besonderheiten in Krisenverlauf und –lösung in den Blick. Diese nationale Komponente war ambivalent, sie war wie Foitzik betont „sowohl geeignet, sowjetische Dominanz abzuwehren bzw. zu begrenzen als auch imstande, das sowjetische Hegemonialsystem zu stabilisieren“. Der tragische Fall des Versuchs, sowjetische Hegemonie zu begrenzen oder sie abzuschütteln, war Ungarn. In Polen dagegen gelang es, sie zu begrenzen und die Legitimität kommunistischer Herrschaft sogar zu begründen. Die Beiträge zu diesen Ländern bilden den Kern des Bandes.

Die Veränderungen begannen bereits nach Stalins Tod 1953. In den regierenden kommunistischen Parteien in Polen und Ungarn bildeten sich informelle Cliquen, die einen verdeckten fraktionellen Kampf um die Linie der Partei führten. So wurde in Polen der Sicherheitsapparat reorganisiert und analog zur sowjetischen Entwicklung nach dem Sturz und der Hinrichtung von Lawrenti Berija die Parteikontrolle über ihn wieder hergestellt. Der polnische Historiker Andrzej Paczkowski zitiert eine Rede des Ministers für öffentliche Sicherheit von 1954, in der es um die „Ächtung der ,stinkenden Pseudotheorien’ vom Sicherheitsapparat als einem Überbau der staatlichen Verwaltung ging“ und er erinnerte daran, „daß der alleinige Machtfaktor die Partei ist“. Die Rücknahme der Willkür der Geheimpolizei vor der „Entstalinisierungskrise“ war somit für deren Verlauf von besonderer Bedeutung. Die allgegenwärtige Angst - eines der wichtigen Bindemittel der stalinistischen Herrschaft - verlor ihren lähmenden Schrecken.

Unbestritten war die Geheimrede von Nikita S. Chruschtschow über die Verbrechen Stalins und den Personenkult in der geschlossenen Sitzung des XX. Parteitags der KPdSU 1956 im Februar das Startsignal der „Entstalinisierungskrise“ im sowjetischen Imperium. Die kommunistischen Parteien gingen mit der Rede unterschiedlich um, in der SED blieb sie eine “Geheimrede“. In Polen dagegen wurde ihr Text in Parteiversammlungen vollständig verlesen und löste eine andere Reaktion aus, als die Parteiführung erwartete. Der polnische Historiker Pawel Machcewicz zitiert kritische Fragen aus solchen Versammlungen: „Müssen wir Mitglieder einer Partei sein, die so viele Fehler gemacht hat?“ - So fragte man in Warschau und in Lodz hieß es: „Können wir noch an Autoritäten glauben, wenn die allerhöchste uns belogen hat?“

In Polen wurde die Krise selbst durch die Streiks und Demonstrationen in Posen im Juni 1956 ausgelöst, die gewaltsam unterdrückt wurden. Die Verunsicherung in den Reihen der Partei und der Unmut des Volkes erzeugten eine Atmosphäre, in der das ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) im Oktober den 1954 aus der Haft entlassenen Nationalkommunisten Wladislaw Gomulka zum Ersten Sekretär der PVAP wählte. Aufgrund dieser mit der KPdSU nicht abgestimmten Wahl kam es zur Konfrontation mit dem sowjetischen Politbüro, sowjetische Truppen erhielten bereits ihre Marschbefehle. In dieser Situation begann der nationale Aufbruch, der sich direkt gegen die sowjetische Hegemonie richtete. Zum negativen Symbol wurde der polnische Verteidigungsminister, der sowjetische Marschall polnischer Herkunft Konstantin Rokossowski, dessen Ablösung gefordert wurde. Gomulka und die polnischen Kommunisten, die der sowjetischen Führung einen Kompromiß abtrotzten, „fanden sich plötzlich an der Spitze einer nationalen Befreiungsbewegung gegen die Russen wieder.

Moskau akzeptierte die neue Führung der polnischen Kommunisten. Darüber hinaus wurde Marschall Rokossowski nach Moskau zurückbeordert. Der Großteil der Gesellschaft sah in Gomulka nicht den Kommunisten, der erneut an die Macht gelangte, sondern den nationalen Führer des Volkes im Kampf gegen das demütigende sowjetische Kuratel.“ Machcewicz zitiert einen Offizier, der am 22. Oktober seine Rede in der Akademie des Generalstabs mit den Worten begann: „Man kann sagen, daß seit gestern die Unabhängigkeit unseres Vaterlandes begonnen hat.“ Nationale Stimmung mit anti-sowjetischer Stoßrichtung konnte von Gomulka und den polnischen Kommunisten genutzt werden, um die Lage im Sinne der Partei zu stabilisieren und weitergehende Forderungen nach Demokratisierung zu unterdrücken.

Aber die Polen hatten auch Glück, eine vergleichbare Lösung für die Ungarn gab es nicht. Die ungarischen Stalinisten waren gegenüber der intellektuellen Kritik sprachlos, innerparteilich fixiert auf die Ausgrenzung von Imre Nágy und außenpolitisch von der KPdSU angewiesen, sich mit Jossip Tito in Belgrad auszusöhnen. Sie waren unfähig zu Reaktionen, als es in Budapest zu Demonstrationen kam. Die Solidarität mit Polen der Budapester Studenten stand am Anfang der Tragödie der ungarischen Revolution und der sowjetischen militärischen Intervention. Hierbei hatte der Sowjetunion das letzte koloniale Abenteuer von England und Frankreich geholfen, das diese Mächte im Bunde mit Israel in den letzten Oktobertagen 1956 starteten: der Feldzug gegen Ägypten. Dieses Ereignis lieferte Vorwand und Rechtfertigung für den sowjetischen Truppeneinsatz und die Einsetzung von Janos Kadár als neuen Statthalter in Budapest. Kadár und Gomulka waren beide Opfer der Kommunistenverfolgung Ende der 40er Jahre.

Den Kontrapunkt im Hinblick auf die nationale Dimension in der „Entstalinisierungskrise“ 1956 setzt Stefan Wolle mit seinem Beitrag über die DDR. Im Gegensatz zu den Nationalstaaten Polen und Ungarn war die Existenz dieses Teilstaates ganz auf Ideologie gegründet. „Der SED-Führung blieb also kein Spielraum, sich an die Spitze einer nationalen Erneuerung zu setzten,“ wie es Gomulka oder Nágy machten. Was ihr Staatsvolk wollte, war am 17. Juni 1953 in Bitterfeld, Leipzig und Berlin demonstriert worden: freie Wahlen in Deutschland und weg mit den Zonengrenzen.

Den Schock der Machtsicherung durch sowjetische Panzer hatte die DDR-Bevölkerung bereits erlebt und diese Lektion wurde in Budapest erneut blutig vorgeführt. Somit blieb das Land still. Wolle zeigt, daß dies nur bedingt stimmt, nicht nur an den Universitäten, in denen „die Glaubenskrise“ der Kommunisten diskutiert wurde, sondern auch in den Betrieben gab es verbreitete Unzufriedenheit, und es fanden sogar Streiks statt. Das MfS war auf der Hut, wie seine Berichte zeigten, diesmal einem 17. Juni vorzubeugen. Für die SED waren die Krisen in Ungarn, in Polen und später in der Tschechoslowakei „Existenzkrisen“, schreibt Wolle: „Die Tatsache, daß in allen Krisen des sowjetischen Hegemonialsystems die DDR in unwandelbarer Gefolgschaftstreue zu Moskau stand, hat da ihre Wurzeln.

Sie konnte sich, anders als die nationalstaatlichen Vasallen, von einer Lockerung der Herrschaft keine Erweiterung des Spielraums erhoffen.“ Wolle, und das verdient hervorgehoben zu werden, bezieht sich in seinem Essay auf einen literarischen Chronisten der 50er Jahre der DDR – auf Uwe Johnson und seine Bücher. Damit erinnert er die Historiker daran, daß neben den Akten und den Akteuren Literatur und Kunst zu berücksichtigen seien, um die Vergangenheit zu entschlüsseln.

Jan Foitzik hat dem Band eine umfangreiche Einleitung vorangestellt, in der er auf die sozialen Hintergründe, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach der sozialistischen Transformation der Gesellschaften und den politischen Kontext der „Entstalinisierungskrise“ in verschiedenen Ländern eingeht. Der Verdienst dieses Bandes liegt darin, daß er Forschungsergebnisse polnischer, tschechischer, russischer und ungarischer Historiker über diese wichtige Zäsur in der Geschichte des sowjetischen Imperiums präsentiert und sie somit in die deutsche Debatte über die DDR und die Geschichte des deutschen Kommunismus einführt. Ohne Anspruch auf eine ausgefeilte, theoretisch abgesicherte Komparatistik vertritt der Herausgeber die Position, daß die Kenntnis lange verschwiegener Fakten und Zusammenhänge wie z.B. die KGB-Dokumente aus Budapest, in denen vorgeführt wird, wie die sowjetische Hegemonialmacht damals in Ungarn Ordnung schaffte, für die Historiker und die Öffentlichkeit einen Wert an sich darstellen.

Zitation
Manfred Wilke: Rezension zu: Foitzik, Jan (Hrsg.): Enstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956, vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand. Politische, militärische, soziale und nationale Dimension. Paderborn 2001 , in: H-Soz-Kult, 04.12.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-710>.
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04.12.2001
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