S. Weichlein: Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa

Cover
Titel
Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa.


Autor(en)
Weichlein, Siegfried
Erschienen
Umfang
152 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roland Löffler, Fachbereich Evangelische Theologie, Philipps-Universität Marburg Sebastian Tripp, Katholisch-Theologische Fakultät, Ruhr-Universität Bochum

Wer sich die wissenschaftliche Bücherlandschaft anschaut, kommt aufgrund völlig divergierender Tendenzen mitunter aus dem Staunen kaum heraus: Zum einen werden Dissertationen, Habilitationen und andere Monografien immer teurer, verlangen Verlage enorme Druckkostenzuschüsse, die der Fiskus neuerdings mit 16 Prozent, bald 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt. Auf der anderen Seite scheint das Genre der „Einführungen“ gerade eine Blütezeit zu erleben. So hat sich die Wissenschaftliche Buchgesellschaft mit zwei unterschiedlichen Reihen das Ziel gesteckt, zentrale Themen der Geschichtswissenschaft kompakt, übersichtlich und forschungsnah darzustellen.

Während dabei die „Kontroversen um die Geschichte“ den Fokus stärker auf Forschungsprobleme und -ergebnisse lenken, will „Geschichte kompakt“, wie die Herausgeber/in Kai Brodersen (Mannheim), Gabriele Haug-Moritz (Graz), Martin Kintzinger (Münster) und Uwe Puschner (Berlin) im Vorwort (S. VII) darlegen, historisches Grundlagenwissen an Lehrende an gymnasialen Oberstufen und Universitäten, historisch Interessierte und Studierende vermitteln. Idealerweise könnten komplementäre Bände entstehen, im Zweifel drohen unnötige Doppelungen. Höchst eigenartig ist jedoch, dass beide Reihen optisch kaum zu unterscheiden sind. Grafisch und farblich gleichen sich der im vergangenen Jahr von dem Karlsruher Historiker Rolf-Ulrich Kunze verfasste 128-seitige Band „Nation und Nationalismus“ in den „Kontroversen um die Geschichte“ [1] und das hier zu besprechende, 152 Seiten lange Buch aus der Feder von Siegfried Weichlein über „Nationalstaatsbildungen und Nationalismus in Europa“ in der Reihe „Geschichte kompakt“ wie Zwillinge. Selbst die Frankfurter Paulskirche muss für beide Titelbilder herhalten. Bei Kunze ist sie von rechts, bei Weichlein von links aufgenommen. Wieso der Verlag nicht die Chance ergriffen hat, bei der Umschlagsgestaltung klare Akzente zu setzen, bleibt ein Rätsel. Auch die Buchgestaltung im Inneren der Bücher unterscheidet die Reihen kaum. Anders als in der „Kontroversen um die Geschichte“ gehören bei „Geschichte Kompakt“ aber längere, grau unterlegte und mit „Q“ gekennzeichnete Quellenzitate zum Programm.

Eigentümlich fällt selbst bei einem nur flüchtigen Blick in Weichleins Bibliografie auf, dass Kunzes Band nicht erwähnt wird, was bei zwei in ein und demselben Verlag erscheinenden Bücher eigentlich nicht hätte passieren dürfen.

Nach diesen ersten Irritationen wenden sich die Leser/innen umso interessierter dem Inhalt zu. Im Vergleich zu den anderen Abhandlungen der Reihe „Geschichte Kompakt“ die eher eine Epoche oder die Entwicklung verschiedener Institutionen behandeln, steht im Mittelpunkt von Weichleins Buch ein politischer und philosophischer Begriff bzw. eine epochenprägend Idee, nämlich die der Nation bzw. Nationalbewegung. Der Autor will leitmotivisch zeigen, dass Nationalbewegungen und Nationalismen in Europa des 19. Jahrhunderts – diese eigentlich bedauerliche zeitliche Einschränkung schmuggelt Weichlein erst auf S. 5 ein – die Nation hervorbrachten, indem ihnen sowohl eine „Systemintegration in ein neues politisches Ordnungsmodell“ als auch eine soziale Integration gelang, die ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl zur Nation schaffte.

Weichlein nähert sich daher dem Thema nicht chronologisch, sondern geht in den ersten beiden Kapiteln zunächst dem Begriff der Nation nach. Dieser ähnelt dem der Gesellschaft; beide eint die Emanzipation vom absolutistischen Staat, beide möchten – getrieben vom bürgerlichen Selbstbewusstsein – neue Formen der staatsfreien Selbstorganisation hervorbringen (S. 4) Dabei stellt Weichlein verschiedene Kriterien vor, über die die Nation gemeinsame Identitäten konstruiert: gemeinsame Sprache, gemeinsame Abstammung, die Vorstellung der Nation als kulturelle Einheit und die Religion. Diese Aufzählung ließe sich ohne weiteres fortsetzen, wie Weichlein zugibt: „Es gilt: ‚Die Nation, wenn sie entsteht, bestimmt selbst die Merkmale, die sie bestimmen‘ (Ernst-Wolfgang Böckenförde).“ (S. 22) Zudem hält er im Anschluss an Ernest Renan fest, dass Nationen nicht ewig existieren, sondern entstehen und vergehen, deshalb keine metahistorische Kategorie, sondern Gegenstand der Geschichtswissenschaften darstellen (S. 3).

Im ersten Kapitel zeigt Weichlein, dass das Erfolgsrezept der Nation für den Einzelnen wie das Kollektiv in der suggestiv-ideologischen Identitätsstiftung bestand, die aufgrund des Volksgedankens zunächst einen egalitären Zug besaß, gleichzeitig aber mit konkurrierenden Identitätsträgern wie Religion, Familie, soziale Klasse kämpfte. Für Nationalisten/innen war klar, dass die Nation an der Spitze der Hierarchie stand, der sich andere Wertesysteme unterzuordnen hatten und die konkurrierenden Ansprüche von Konfession und Klasse zu überwunden half.

Im zweiten Kapitel stellt Weichlein zwei verschiedene Möglichkeiten gegenüber, die den Nationalismus integrierend wirken ließen: Zum einen nennt er die politische Partizipation bzw. Repräsentation und zum anderen die kulturelle Nationenbildung. Diese Kriterien dienen auch einer ersten Typologisierung der Nation, die zwischen „Staatsnation“ und „Kulturnation“ unterscheidet.

Eine andere Möglichkeit, den Nationalismus zu typologisieren, besteht seiner Ansicht auch darin, nach der Funktion des Nationalismus zu fragen. Dabei wird dem „liberalen, emanzipatorischen Rissorgimento-Nationalismus […] ein massenmobilisierende[r] integrale[r] Nationalismus“ (S. 40), für den die Nation zum Selbstzweck wird, gegenübergestellt. Die Nation sollte im integralen Nationalismus den „höchsten Wert im Leben der Nationszugehörigen“ darstellen, ihr sollten sich die Bürger völlig unterordnen (S. 100). Die Gründung eines Nationalstaates bildet dabei eine wichtige Zäsur, nach der sich der Nationalismus auch periodisieren lässt. Drängte eine Nationalbewegung zunächst auf die Gründung des Nationalstaats, ging es nach dessen Verankerung um die Schaffung einer einheitlichen Nation. Weichlein stellt aber auch andere Periodisierungsansätze vor, etwa Theodor Schieders Drei-Phasen-Modell, bei dem der Nationalismus von Osten nach Westen wandert und durch sein Verhältnis zur bereits existierenden Staatlichkeit definiert wird. Ein weiteres Periodisierungsangebot bildet Miroslav Hrochs Ansatz, nach den Trägergruppen der Nationalbewegungen zu fragen.

Nachdem Weichlein den theoretischen Fragen der Funktionen, der Typologisierung und der Periodisierung nachgegangen ist, fragt er im dritten Kapitel nach den Ursprüngen der Nationalbewegungen und sieht in den Jahrzehnten um 1800 eine Schwellenzeit, in der sich der Begriff des Nationalen veränderte. Während er noch im 18. Jahrhundert der Fremdbeschreibung diente, wurde nun der Einzelne „Mitglied und Mitwirkender der Nation“ (S. 55). Anschließend zeigt der in Fribourg lehrende Historiker, wie sich die sozialen Trägerschichten des Nationalismus mit der Zeit wandelten. Während es sich um 1800 bei den Nationalbewegungen um Projekte der Eliten handelte, übernahm im Laufe des 19. Jahrhunderts das Bürgertum den Nationalismus als Ideologie. Die ländlichen Unterschichten wurden dagegen lange von regionalen Identitätsmustern geprägt. Erst durch Maßnahmen des Nationalstaates wurden in den Jahrzehnten vor 1914 die Massen nationalisiert.

Schließlich beschreibt Weichlein die Historisierung der Nation, wie sie sowohl von der Nationalgeschichtsschreibung betrieben wurde, als auch durch eine Mythologisierung in das öffentliche Gedächtnis eindrang. Dabei beschreibt er die Bedeutung von „Erinnerungsorten“ – ohne diesen Begriff zu benutzen – und Abstammungsmythen. Er beleuchtet, ähnlich wie auch Kunze und mit ihm zusammen über Wehler hinausgehend das wichtige Verhältnis von Religion und Nation, das dazu führte, dass die Nation sakralisiert und die Religion nationalisiert wurde (S. 138).

Insgesamt sieht Weichlein eine Diskontinuität zwischen dem Nationalismus des 19. und dem des 20. Jahrhunderts: „Von den Nationalbewegungen und dem Nationalismus im 19. Jahrhundert führt kein gerader und direkter Weg zum Nationalismus des 20. Jahrhunderts.“ (S. 142) Zur Illustration dieser Aussage vergleicht Weichlein die Funktion des Nationalismus während des Ersten Weltkriegs – der auch für den Nationalismus eine wichtige Zäsur darstellte – mit der Zeit davor. Leider geht er aber nur wenig auf die Funktion des Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg ein.

Weichlein hat auf 152 Seiten den Nationalismus als gesamteuropäisches Phänomen dargestellt. Dabei illustriert er die vorgestellten Entwicklungen und Thesen mit treffenden Beispielen aus ganz Europa. Insbesondere im eher theoretischen Teil stellt er zentrale Ansätze der Nationalismusforschung vor und zur Debatte. Wie in den Reihen „Geschichte Kompakt“ und „Kontroversen um die Geschichte“ üblich, werden wichtige Begriffe in hervorgehobenen Absätzen erklärt und zentrale Zitate – sowohl aus Quellen als auch aus der Forschungsliteratur – in Blöcken wiedergegeben. Leider ist die Bibliografie nicht, wie auf dem Klappentext angekündigt, kommentiert, sondern nur thematisch sortiert. Ärgerlich – wohl auch für den Autor – sind die Fehler im Satzspiegel. Die Struktur des Buches macht es notwendig, dass manche Themen mehrfach besprochen werden. Dadurch wird zwar einerseits Einiges wiederholt, was dem Lerneffekt zuträglich ist, andererseits sind manche Punkte erst im Zusammenhang mit späteren Kapiteln oder mit Vorkenntnissen verständlich. Trotz mancher, thematisch fast unausweichlicher Überschneidungen mit Kunzes Darstellung, ist ihm ein eigenständiger Zugriff gelungen. Ob es jedoch zwei schmale Bände aus einem Verlag zum gleichen Thema geben muss, erscheint diskussionsbedürftig. Insgesamt ist Weichleins Buch sowohl für einen Einstieg in die Materie als auch zur Wiederholung gut geeignet.

Anmerkung:
[1] Kunze, Rolf Ulrich, Nation und Nationalismus, Darmstadt 2005; vgl. auch die Rezension in diesem Forum; Roland Loeffler: Rezension zu: Kunze, Rolf-Ulrich, Nation und Nationalismus. Darmstadt 2005. In: H-Soz-u-Kult, 02.08.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-071>.

Zitation
Roland Löffler: Rezension zu: : Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa. Darmstadt  2006 , in: H-Soz-Kult, 28.09.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7102>.
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Veröffentlicht am
28.09.2006
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