W. Hardtwig u.a. (Hgg.): Geschichte für Leser

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Titel
Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert


Hrsg. v.
Hardtwig, Wolfgang; Schütz, Erhard
Erschienen
Stuttgart 2005: Franz Steiner Verlag
Umfang
408 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Winfrid Halder, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Den vorliegenden Sammelband möchte man mit dem Ausruf Endlich! begrüssen, unternimmt er doch den Versuch, jenseits der lange Zeit üblichen missvergnügt-überheblichen Ignoranz der meisten „professionellen“, will heißen akademisch etablierten Historiker/innen anderen Formen der Geschichtsschreibung gerecht zu werden und sie eben nicht auf ihren (ohnehin nach wie vor wenig fraglichen) wissenschaftlichen, wohl aber ihren gesellschaftlichen und politischen Stellenwert hin zu untersuchen. Bezeichnend ist, dass sich als Herausgeber des Bandes mit Wolfgang Hardtwig und Erhard Schütz ein Historiker und ein Literaturwissenschaftler zusammengetan haben. Denn Hardtwig stellt in seinem einleitenden Beitrag (Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert; S. 11-32) natürlich zu Recht fest, dass der Begriff der „populären Geschichtsschreibung“ der Eindeutigkeit entbehrt. Hilfsweise wird dementsprechend als Definition zugrunde gelegt, dass es um Texte gehen soll, „die sich bewusst nicht primär oder gar nicht an die Scientific Community richten, sondern an ein breiteres Publikum“ (S. 15). Dass damit ein wahrhaft „weites Feld“ von Texten unterschiedlichster Art umrissen ist, versteht sich von selbst und daher leuchtet es auch ein, dass die Auswahl hier zwar bestimmten systematischen Gesichtspunkten verpflichtet ist (s.u.), „im Einzelnen aber pragmatisch“ erfolgte (S. 17).

Hardtwig kennzeichnet sodann das Werk Sebastian Haffners als „exemplarisch für eine erfolgreiche außerakademische Geschichtsschreibung“ (S. 17). Viele Interessierte werden zum vorliegenden Band gewiss eingedenk des Aufsehen erregenden letzten Publikumserfolges Haffners greifen, den er kurz nach seinem Tod noch durch die Veröffentlichung seiner (Teil-)Autobiografie erzielte.[1] Bedauerlich ist daher, dass die knappen Bemerkungen des Herausgebers zu Haffner einen eigenständigen Beitrag zu diesem nicht ersetzen können; ein solcher musste aus nicht genannten Gründen entfallen (S. 18, Anm. 30). Ansonsten ist Hardtwig bemüht, wesentliche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen von Entstehung und Wirkung „populärer Geschichtsschreibung“ aufzuzeigen. Der erste systematische Abschnitt widmet sich mit zwei Beiträgen der Biografik. An der Spitze steht Sebastian Ullrichs Auseinandersetzung mit Emil Ludwig („Der Fesselndste unter den Biographen ist heute nicht mehr der Historiker.“ Emil Ludwig und seine historischen Biographien; S. 35-56). Tatsächlich war Ludwig unter den „historischen Belletristen“ der 1920er-Jahre, an denen die akademische Geschichtswissenschaft Anstoß nahm, der erfolgreichste. Ullrich geht der enormen Wirkung nach, die Ludwig entfaltete, und zeichnet dazu dessen Werdegang als Autor nach. Zugleich ordnet er die Reaktionen auf seine Bücher insbesondere in den Kontext der „Krise des Historismus“ ein. Ernst Wolfgang Becker zeigt im folgenden Beitrag Theodor Heuß als Autor von historischen Biografien, eine Nische, in die sich der entschiedene Liberale während der NS-Diktatur zurückgezogen hat. Von dieser Seite dürften den späteren ersten Bundespräsidenten heute nur noch wenige kennen (Biographie als Lebensform. Theodor Heuß als Biograph im Nationalsozialismus; S. 57-89).

Der zweite systematische Abschnitt, der mit „Berichte über Krieg und Gewalt“ überschrieben ist, umfasst fünf Beiträge und ist damit der umfangreichste des Bandes. Dass hier einem Schwerpunkt literarischer Produktion im „Zeitalter der Extreme“ Rechnung getragen wird, erscheint angemessen. Ute Daniel (Bücher vom Kriegsschauplatz. Kriegsberichterstattung als Genre des 19. und frühen 20. Jahrhunderts; S. 93-121) geht der Entstehung einer besonderen Gruppe unter den Journalisten nach. Da uns diese Klientel medial nach wie vor höchst präsent ist, eröffnet der Beitrag interessante Vergleichsperspektiven zu den Möglichkeiten und Grenzen von deren Arbeit. Meike Hermann (Historische Quelle, Sachbericht und autobiographische Literatur. Berichte von Überlebenden der Konzentrationslager als populäre Geschichtsschreibung? (1946-1964); S. 123-145) stand ihrerseits vor der schwierigen Aufgabe, aus der Vielzahl von infrage kommenden Texten eine Auswahl zu treffen. Neben einigen grundsätzlichen Überlegungen liegt ihr Schwerpunkt auf Eugen Kogons bereits 1946 zuerst erschienenem „SS-Staat“ sowie Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ (Erstauflage 1947). Gerade an Kogons Arbeit werden die Probleme der Zuordnung zu einer bestimmten Textgattung besonders deutlich: Einerseits schöpfte er aus der Erfahrung seiner eigenen Haftzeit in Buchenwald, insofern handelt es sich um einen autobiografischen Bericht, andererseits liegen dem Buch eine Vielzahl von Befragungen anderer Häftlinge sowie weitere Recherchen des Autors zugrunde. Daher betonte Kogon, mittlerweile Professor für Politikwissenschaft in Darmstadt, im Vorwort zu einer späteren Auflage, es handele sich um ein „vorwiegend soziologisches Werk“.[2]

Zutreffend ist gewiss Hermanns Feststellung, dass die Häftlings-Berichte eine Art Platzhalterfunktion hinsichtlich der Bekanntmachung der NS-Verbrechen erfüllten bevor die wissenschaftliche Geschichtsschreibung begann, sich damit intensiver auseinanderzusetzen. Und das hat bekanntlich in der Bundesrepublik mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Wolfgang Hardtwig unterwirft in seinem zweiten Beitrag (Der Literat als Chronist. Tagebücher aus dem Krieg 1939-1945; S. 147-180) insgesamt sechs ausgewählte Tagebücher einer vergleichenden Analyse. Er hat sich für die Aufzeichnungen „professioneller“ Autoren/innen entschieden, je drei von Frauen und von Männern, alle gekennzeichnet durch einen erheblichen Bekanntheitsgrad (Ursula von Kardorff, Margret Boveri sowie die gerade in jüngster Zeit stark diskutierte Berliner „Anonyma“ einerseits, Ernst Jünger, Erich Kuby und Jochen Klepper andererseits). Im Mittelpunkt von Hardtwigs Ausführungen stehen die Entstehungsbedingungen sowie der Informationsgehalt der ausgewählten Texte. Erhard Schütz hat sich dem Umgang mit dem Thema Kriegsgefangenschaft in Veröffentlichungen in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet (Von Lageropfern und Helden der Flucht. Kriegsgefangenschaft Deutscher – Popularisierungsmuster in der Bundesrepublik; S. 181-203). Er verdeutlicht zunächst, dass das Thema Kriegsgefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg eine signifikant andere Rolle in der deutschen Öffentlichkeit gespielt hat als nach dem Zweiten Weltkrieg – und dies beruht nicht allein auf der ungleich größeren Zahl der Betroffenen. Weiterhin zeigt er, dass durch die öffentliche Thematisierung des Elends der Millionen in Gefangenschaft gegangener deutscher Soldaten insbesondere in sowjetischem Gewahrsam, die „Ikonographie der Kriegsgefangenschaft derjenigen der Konzentrationslager vorausging und sie weithin überdeckte“ (S. 193). Wenn Schütz diesem Umstand zugleich – vorsichtig – einen „Anteil an dem Prozess der Transformation einer Tätergesellschaft in eine Opfergesellschaft“ (ebd.) zumisst, so erscheint dies durchaus plausibel. Somit stellt sein Beitrag eine diskussionswürdige Ergänzung zum in jüngster Zeit heftig ausgetragenen Streit um den Umgang mit der Erinnerung an die Themen Flucht und Vertreibung und strategischer Bombenkrieg dar. Im Übrigen zeigt Schütz, dass auch bei der publizistischen Behandlung des Themas Kriegsgefangenschaft in der jungen Bundesrepublik jener Paul Carell (i.e. Paul Karl Schmidt) eine wesentliche Rolle spielte, der seine Schreibkunst schon als Chef der Presse- und Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes unter NS-Minister Ribbentrop unter Beweis gestellt hatte. Die bemerkenswerte, auch in mancher Beziehung für frühe Etappen der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bezeichnende Karriere von Schmidt-Carell hat erst kürzlich umfassend Aufmerksamkeit auf sich gezogen.[3] Der folgende Beitrag, für den Habbo Knoch verantwortlich zeichnet (Die lange Dauer der Propaganda. Populäre Kriegsdarstellung in der frühen Bundesrepublik; S. 205-223), knüpft hier an. Denn Schmidt-Carell hat auch in diesem Zusammenhang als Autor eine wesentliche Rolle gespielt; sein zuerst 1963 erschienener Bestseller zum Krieg in der Sowjetunion „Unternehmen Barbarossa“ dürfte das lange Zeit dominierende landläufige Bild der „sauberen“ Wehrmacht wesentlich mitgeprägt haben. Das Buch ist zuletzt 2002 bei Ullstein neu aufgelegt worden; der Verlag schweigt sich allerdings auf seiner Homepage über den Autor aus. Zugleich gehörte Schmidt-Carell einem Netzwerk ehemaliger Angehöriger des NS-Propagandaapparates an, die – wie Knoch zeigt – in der Illustriertenlandschaft der jungen Bundesrepublik Form und Inhalt der Erinnerung speziell an den Zweiten Weltkrieg für ein breites Lesepublikum weithin zu bestimmen vermochten.

Der folgende Abschnitt „Traditions- und Weltanschauungshistorie“ ist mit seinen vier Texten überwiegend weiter entfernt von den sensiblen Fragen der zeitgeschichtlichen Erinnerung. Siegfried Weichlein („Meine Peitsche ist die Feder.“ Populäre katholische Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert; S. 227-257), Till Kössler (Zwischen Markt und Milieu. Die populäre Geschichtsschreibung der sozialistischen Arbeiterbewegung 1890-1933; S. 259-285) und Uwe Puschner (Völkische Geschichtsschreibung. Themen, Autoren und Wirkungen völkischer Geschichtsideologie; S. 287-307) beschäftigen sich mit Autoren und Werken, die jenseits der entsprechenden Expertenzirkel heute kaum noch jemandem geläufig sein dürften. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass ihre Ausführungen weniger erhellend hinsichtlich der Ausprägung von Geschichtsbildern in bestimmten gesellschaftlichen Teilbereichen sind. Lediglich Heinz Dieter Kittsteiner hat mit Oswald Spengler einen Autor zum Gegenstand seiner Untersuchung gemacht, der bis heute erhebliches Interesse auf sich zieht. Und dies obwohl Kittsteiner zu zeigen vermag, dass das von Spengler geprägte Schlagwort vom „Untergang des Abendlandes“ von den meisten Lesern/innen missverstanden wurde, nicht zuletzt weil Spenglers gleichnamiges Buch – zufällig – gerade in den realen Untergang des Kaiserreichs hinein publiziert wurde. So profitierte Spengler von einer Stimmungslage, die die mangelnde Konsistenz seiner Thesen vergessen ließ.

Schließlich folgt der letzte Abschnitt unter der Überschrift „Zwischen Wissenschaft und Popularisierung“. Er beinhaltet zunächst einen Beitrag von Michael Rutschky (Monumentalfeuilleton. Egon Friedells Kulturkritik der Neuzeit; S. 332-343). Rutschkys Arbeit fällt aus dem Rahmen, handelt es sich doch um den einzigen Beitrag des Bandes, der nicht in wissenschaftliche, sondern essayistische Form gekleidet ist. Das liest sich ganz amüsant, auch wenn er seine Leitidee, eine Tour de force durch Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (zuerst 1927-31) im fiktiven Zwiegespräch mit seiner verstorbenen Tante Rosel vielleicht ein wenig überstrapaziert. Wenn Rutschky aber abschließend die Lektüre von Friedells Werk als „Theaterbesuch“ ohne eigentlichen Erkenntnisgewinn qualifiziert (S. 342), stellen sich doch erhebliche Bedenken ein. Wäre dem so, warum hat dann gerade Friedell – im Unterschied etwa Emil Ludwig – den Sprung in das „Historikerlexikon“ geschafft? [4] Will man dieser förmlichen Aufnahme in die Zunft nicht unterstellen, dass sie lediglich als postume Wiedergutmachung für den durch die NS-Verfolgung ums Leben gekommenen Friedell gedacht war, so dürfte doch eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit seinem Werk angebracht sein.

David Oels fragt sodann nach den Ursachen für den auf den ersten Blick überraschenden und anhaltenden Erfolg dreier Autoren, die über archäologische Erkenntnisse geschrieben haben (Ceram – Keller – Pörtner. Die archäologischen Bestseller der fünfziger Jahre als historischer Projektionsraum; S. 345-370). Oels’ These, dass die breite Rezeption vermeintlich gegenwartsferner Themen und Zusammenhänge gerade durch die indirekten, an keiner Stelle explizit formulierten Analogien zur historischen Erfahrungswelt der deutschen Leser/innen der 1950er- und 1960er-Jahre bedingt war, ist ebenso klug wie einleuchtend. Und zuguterletzt steuern Tilmann Lahme und Holger R. Stunz einen Beitrag zur anhaltenden Hochkonjunktur der deutschen Autorenfamilie schlechthin bei, zu den Manns also. Golo Mann mag zeitlebens darunter gelitten haben, im Schatten des übermächtigen „Zauberers“ und der älteren Geschwister zu stehen, in jüngster Zeit könnte er sich über mangelnde Aufmerksamkeit indessen kaum beklagen, erschienen doch vor kurzem gleich zwei voluminöse Biografien.[5] Lahme und Stunz gehen der Frage nach, wie es zu Manns erstaunlichem Erfolg als Autor historischer Bücher kam, der in seinem Lebens- und Berufsweg lange Zeit so gar nicht angelegt zu sein schien.

Wolfgang Hardtwig hat in seinen einleitenden Bemerkungen den vorliegenden Band bescheiden als „erste Sondierung des Themas“ (S. 15) bezeichnet. Gewiß, manche/r Leser/in wird den einen oder anderen Namen vermissen, den er/sie in der Rubrik populäre Geschichtsschreibung erwartet. Reinhold Schneider etwa, der dem „Führer“ mit „Kaiser Lothars Krone“ 1937 im Gewand der Biografie eines zeitlich fernen Herrschers ein völlig anderes Verständnis von Machtausübung entgegen stellte [6] und der mit seinen historischen Betrachtungen unmittelbar nach 1945 zeitweilig der meist gedruckte in Deutschland lebende Autor war, fand keine Berücksichtigung. Dies mag aber nur als Anregung für weitere künftige, ähnlich erkenntnisreiche „Sondierungen“ verstanden werden. Den vorliegenden, in vielerlei Beziehung bereichernden Band werden historisch interessierte Leser/innen und lesende Historiker/innen gleichermaßen mit großem Gewinn studieren.

Anmerkungen:
[1] Zur Auseinandersetzung um Haffners „Geschichte eines Deutschen“ vgl.: Soukup, Uwe, In bin nun mal Deutscher – Sebastian Haffner. Eine Biographie, Frankfurt am Main 2003, S. 74ff.
[2] Vgl. Kogon, Eugen, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 5. vollständige u. erw. Aufl., Frankfurt am Main 1959, S. IX.
[3] Vgl. Benz, Wigbert, Paul Carell. Ribbentrops Pressechef vor und nach 1945, Berlin 2005.
[4] Vgl. Vom Bruch, Rüdiger; Müller, Rainer A. (Hgg.), Historikerlexikon von der Antike bis zur Gegenwart, 2. überarb. u. erw. Aufl., München 2002, S. 105-106.
[5] Koch, Jeroen, Golo Mann und die deutsche Geschichte. Eine intellektuelle Biographie, Paderborn 1998; Bitterli, Urs, Golo Mann. Instanz und Außenseiter. Eine Biographie, Berlin 2004.
[6] Vgl. Schneider, Reinhold, Kaiser Lothars Krone. Leben und Herrschaft Lothars von Supplinburg, Leipzig 1937.

Zitation
Winfrid Halder: Rezension zu: Hardtwig, Wolfgang; Schütz, Erhard (Hrsg.): Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert. Stuttgart  2005 , in: H-Soz-Kult, 23.06.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7154>.
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23.06.2006
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