C. Kreuzmüller: Händler und Handlungsgehilfen

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Titel
Händler und Handlungsgehilfen. Der Finanzplatz Amsterdam und die deutschen Großbanken (1918-1945)


Autor(en)
Kreutzmüller, Christoph
Erschienen
Stuttgart 2005: Franz Steiner Verlag
Umfang
349 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Osterloh, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Christoph Kreutzmüllers Studie entstand im Rahmen des von Ludolf Herbst geleiteten Projekts zur „Geschichte der Commerzbank 1870-1958“ und wurde 2003 unter dem Titel „Die Commerzbank am Finanzplatz Amsterdam 1918-1945“ von der Humboldt-Universität zu Berlin als Dissertation angenommen.

Ursprünglich zielte das Vorhaben darauf ab, die Geschichte der Commerzbank in den Niederlanden zwischen 1940 und 1945 zu beschreiben. Aus zwei Gründen fasste Kreutzmüller seine Untersuchung beträchtlich weiter. Einerseits erwies sich die Quellenlage als schwierig. Das Hauptarchiv der Commerzbank in Frankfurt am Main verwahrt „nicht einmal Splitter der Überlieferung der niederländischen Tochter der Bank“ (S. 15), sodass in erheblichem Maße auf Parallelüberlieferungen in staatlichen Archiven, aber auch in Archiven anderer Geldinstitute zurückgegriffen werden musste. Andererseits machte insbesondere der lückenhafte Stand der Wirtschaftsgeschichtsschreibung für die Besatzungszeit 1940-1945 eine gründliche Analyse der Geschehnisse im „Reichskommissariat der besetzten niederländischen Gebiete“ notwendig.

Die Ausweitung des Untersuchungszeitraums und -gegenstands ermöglichte es Kreutzmüller, der seine Arbeit daher auch nicht als reine Unternehmensgeschichte versteht, einen mehrschichtigen Vergleich zu ziehen: So hatte der Finanzplatz Amsterdam zweimal (nach 1918 und nach 1940) einen Zustrom deutscher Banken erlebt. Die Beweggründe der Geldinstitute, sich in Amsterdam zu engagieren, werden in den jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Rahmen eingebettet. Vor diesem Hintergrund zielt die Studie schließlich darauf, das Engagement der Commerzbank und ihrer niederländischen Töchter in Amsterdam zu schildern.

Die Darstellung gliedert sich in drei Teile. Der erste Abschnitt nimmt den „Finanzplatz Amsterdam 1914-1939/40“ unter die Lupe: Der Erste Weltkrieg brachte eine Störung der internationalen Finanzbeziehungen mit sich; die Schwerpunkte des internationalen Geld- und Kapitalmarktes verschoben sich. Auch das zuvor unangefochtene Finanzzentrum London erlitt dabei einen Bedeutungsverlust. Der Finanzplatz Amsterdam und die niederländischen Aktienbanken profitierten hiervon erheblich: Einerseits floss etwa die Hälfte des deutschen Fluchtkapitals nach dem Ersten Weltkrieg in die Niederlande; andererseits war es ein gutes Geschäft für die niederländischen Institute, Kredite an das Deutsche Reich zu vergeben.

Die deutschen Banken folgten dem Fluchtkapital. So befanden sich bereits im März 1926 wenigstens 45 von 70 der von Ausländern in den Niederlanden gegründeten Banken in deutschem Besitz, fünf weitere standen unter größerem deutschen Einfluss. Die Commerzbank stand hier nicht zurück; 1923 hatte sie ihre Beteiligung an der Hugo Kaufmann & Co’s Bank offiziell gemacht und war fortan die „definitiv bestimmende Kraft hinter dieser Bank“ (S. 71). Allerdings minderte der Konkurrenzkampf der deutschen Banken deren potenzielle Marktmacht in Amsterdam erheblich. Einen Einschnitt bedeutete die Bankenkrise von 1931. Sie führte zu einem deutlichen Prestigeverlust für die deutschen Banken. Zudem begannen die niederländischen Institute jetzt, Kapital aus Deutschland abzuziehen. Nach 1933 wurde Amsterdam aber erneut zu einem bevorzugten Ziel für deutsches Fluchtkapital. Nun versuchten deutsche Juden, ihr Geld in den Niederlanden in Sicherheit zu bringen.

Für die deutschen Banken wurde die Marktlage indes zunehmend schwierig, die meisten zogen sich zurück. Auch die Commerzbank beendete schließlich ihr Engagement bei der Kaufmannsbank. Diese übernahm aber hochqualifizierte jüdische Mitarbeiter der Commerzbank, die nach 1933 aus rassistischen Gründen entlassen worden waren (wie etwa das frühere Vorstandsmitglied der Commerzbank Ludwig Berliner).

Der zweite Teil der Studie widmet sich der Wirtschafts- und Finanzpolitik im „Reichskommissariat der besetzten niederländischen Gebiete“. Einerseits beschreibt Kreutzmüller die Funktion der Besatzungsverwaltung und attestiert der Wirtschaftspolitik des Reichskommissariats „trotz aller Kompetenzstreitigkeiten“ einen durchaus „hohe[n] Grad an Effektivität“ (S. 310). Andererseits skizziert er die Reaktionen der niederländischen Behörden auf die Besatzungspolitik: Deutlich erkennbar sei die Bereitschaft der niederländischen Verwaltung und Unternehmen, „Stellung und Besitz von Juden als Verhandlungs- und Verfügungsmasse“ zu verwenden (S. 310). Im Umgang mit den jüdischen Kunden habe eine antisemitische Grundeinstellung dabei eine wichtige Rolle gespielt. Vor allem die niederländischen Großbanken erkauften sich mit ihrer bereitwilligen Mitarbeit zumindest für die Dauer des Krieges eine gewisse Unabhängigkeit.

Im dritten Teil befasst sich Kreutzmüller schließlich mit dem „Holland-Stützpunkt der Commerzbank 1940-1945“. Während die Commerzbank 1938/39 nur zögerlich in die dem Reich neu angegliederten Gebiete expandiert war[1], „ließ sie im Sommer 1940 keinen Zweifel aufkommen, dass sie an einer Expansion in die Niederlande interessiert war“ (S. 210).

Allerdings interessierte sich die Commerzbank erst nach dem im Spätsommer 1940 gescheiterten Versuch, bei einer niederländischen Bank (Mees & Zonen) einzusteigen, für eine Übernahme ihrer früheren Tochter, der Kaufmannsbank. Dies war eine „logische Reaktion auf die Rahmenbedingungen“ (S. 215): Die Neugründung einer Bank war ausgeschlossen, der Markt für potenzielle Übernahmekandidaten inzwischen eng geworden.[2]

Als Außenhandelsbank hatte die Kaufmannsbank nach der Besetzung einen massiven Einbruch des Geschäfts hinnehmen müssen; als „jüdisches“ Institut unterlag sie zudem einem besonderen Verfolgungsdruck. Bei den Verhandlungen verletzte die Commerzbank von Anfang an die kaufmännische Etikette und forderte den potenziellen Verkäufer auf, ein Angebot für die Übernahme seines Hauses zu unterbreiten: „Die Verhandlungsführer der Commerzbank betrachteten Kaufmann augenscheinlich nicht mehr als gleichwertigen Verhandlungspartner.“ (S. 252f.) Die Bank nutzte vielmehr die von der rassistischen „Judenpolitik“ des NS-Regimes diktierten Rahmenbedingungen skrupellos zu ihren Gunsten.

Hugo Kaufmann stimmte zunächst nur dem Verkauf der N.V. Handelsmaatschappij Vijgendam zu. Diese wurde von der Commerzbank in Rijnsche Handelsmaatschappij (Rheinische Handelsgesellschaft) umgetauft und diente ihr schließlich als Instrument bei der Übernahme der Kaufmannsbank im Rahmen eines asset deals. Die für die Commerzbank interessanten Geschäftsfelder wurden schließlich auf die Rijnsche übertragen. Solange es sich nicht um Juden handelte, übernahm die Rijnsche die ausgeschiedenen Angestellten der Kaufmannsbank. Die neue Tochter der Commerzbank entwickelte sich fortan als ein typisches Besatzungsinstitut. Sie war erfolgreich bei Geschäften in Zusammenhang mit der Rüstungswirtschaft und der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz von Juden. Kreutzmüller bilanziert, dass die Übernahme der Kaufmannsbank „für die Commerzbank die bewusste Entscheidung“ bedeutete, „sich dem Regime auch im Ausland in Dienst zu stellen“ (S. 209).

Ausführlich schildert Kreutzmüller das Schicksal Hugo Kaufmanns und Ludwig Berliners. Deutlich wird dabei das Zusammenspiel des geschäftsführenden Treuhänders Otto Wörner mit den Besatzungsbehörden bei der Unterbindung der Ausreise Kaufmanns und Berliners. Ende Juli 1942 verhaftete der SD die beiden Bankiers. Sie wurden nach Auschwitz deportiert, wo beide nach kurzer Zeit ums Leben kamen. Kreutzmüller kommt zu dem Schluss, dass Kaufmann und Berliner gezielt deportiert worden waren; die Commerzbank hatte keine Anstalten gemacht, ihre früheren Mitarbeiter zu schützen. Bemerkenswert ist, dass das Schicksal Kaufmanns und Berliners eine Ausnahme darstellte: Fast allen anderen jüdischen Inhabern bzw. Vorstandsmitgliedern von Banken war es gelungen, rechtzeitig aus den Niederlanden auszureisen.

Es ist ein großer Verdienst Kreutzmüllers, die skrupellose Ausnutzung der rassistischen „Judenpolitik“ des NS-Regimes durch die Commerzbank bei der Durchsetzung der eigenen Interessen eindeutig belegt zu haben.[3] Ihm ist es mit seiner überzeugenden Studie nicht nur gelungen, detailliert die Rolle der Commerzbank am Finanzplatz Amsterdam 1918 bis 1945 nachzuzeichnen, sondern zugleich einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des „Reichskommissariats der besetzen niederländischen Gebiete“ und damit für die Besatzungsforschung im Allgemeinen zu leisten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa: Wixforth, Harald, Auftakt zur Ostexpansion. Die Dresdner Bank und die Umgestaltung des Bankwesens im Sudetenland 1938/39, Dresden 2001.
[2] Vgl. zum Engagement der Dresdner Bank in den Niederlanden: Sattler, Friederike, Der Handelstrust West in den Niederlanden, in: Bd. 3, Wixforth, Harald, Die Expansion der Dresdner Bank in Europa, S. 682-791.
[3] Vgl. allgemein hierzu auch: Herbst, Ludolf; Weihe, Thomas (Hgg.), Die Commerzbank und die Juden, München 2004.

Zitation
Jörg Osterloh: Rezension zu: : Händler und Handlungsgehilfen. Der Finanzplatz Amsterdam und die deutschen Großbanken (1918-1945). Stuttgart  2005 , in: H-Soz-Kult, 08.11.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7156>.
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Veröffentlicht am
08.11.2006
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