G. Pickhan: "Gegen den Strom". Der Allgemeine Juedische Arbeiterbund

Titel
"Gegen den Strom". Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund "Bund" in Polen 1918-1939


Autor(en)
Pickhan, Gertrud
Erschienen
Stuttgart, München 2001: Deutsche Verlags-Anstalt
Umfang
445 S.
Preis
DM 128,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cornelia Aust, FMI, FU-Berlin

Mit ihrer "Habilschrift" über den jüdischen Arbeiterbund ("Bund") im Polen der Zwischenkriegszeit greift Gertrud Pickhan ein bisher vernachlässigtes Thema auf. Das betrifft sowohl die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung, wie auch die israelische und die polnische Geschichtsschreibung. Bisherige Arbeiten über den 1897, noch vor der russischen Arbeiterpartei gegründeten "Bund" beziehen sich vor allem auf dessen Aktivitäten im Zarenreich.[1] Mit der Gründung der Zweiten Polnischen Republik erlebte der "Bund" einen entscheidenden Einschnitt und mußte sich innerhalb des neuen Staates etablieren.

Gertrud Pickhan ordnet diesen Prozeß und die Arbeit des "Bund" in drei Rahmen ein. Einerseits der jüdische Rahmen, die "doikeyt" ("das Hiersein") im Gegensatz zu den zionistischen Emigrationsbestrebungen, verbunden mit der Arbeit des "Bund" "oyf der yidishe gas" ("auf der jüdischen Straße") (178-318). Dazu kam das polnische Umfeld, in dem sich besonders die Frage nach dem Verhältnis zum polnischen Staat und der PPS (Polska Partia Socjalistyczna) stellte, das vom Kooperationswunsch der "Bundisten" mit den polnischen Sozialisten geprägt war, auch wenn deren nationale Ideologie und Kompromißbereitschaft mit bürgerlichen Kräften auf scharfe Ablehnung seitens der "BundistInnen" stieß. (319-372) Der dritte Bezugsrahmen blieb für die "BundistInnen", auch aus der Tradition ihres Engagements im russischen Vielvölkerreich, die internationale Arbeiterbewegung. Dies fand ihren Ausdruck zum Beispiel in der Anteilnahme an den Aufständen in Österreich 1934 oder am Spanischen Buergerkrieg. Der Beitritt zur SAI (Sozialistische Arbeiter-Internationale) erfolgte zwar aufgrund parteiinterner Auseinandersetzungen erst 1930, dem stand jedoch auch eine klare Ablehnung der Komintern und des Kommunismus stalinistischer Prägung gegenüber. (373-409)

Zuvor analysiert Gertrud Pickhan den Transformationsprozeß des "Bund", der sich ab 1920 offiziell "Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund in Polen" nannte, nach Entstehung der Zweiten Polnischen Republik. Die beiden wichtigsten Forderungen der "BundistInnen" waren die Anerkennung der jüdischen Bevölkerung Polens als nationale Minderheit und die Anerkennung des Gebrauchs des Jiddischen in Schule, Staatswesen und öffentlichem Leben (86). Die Phase der Reorganisation der bundischen Organisationen sieht Gertrud Pickhan 1929 abgeschlossen. Charakterisiert ist er durch eine klare Ablehnung der sowjetischen "Diktatur über das Proletariat", die Bereitschaft zu einer partiellen Zusammenarbeit mit der PPS und eine vorläufig mentale Annäherung an die Sozialistische Internationale (109).

Als nächstes wird trotz schwieriger Quellenlage versucht, die Sozial- und Herkunftsstruktur der "bundishen meshpokhe" ("bundischen Familie"), d.h. der wichtigsten ParteiführerInnen zu analysieren (110-177). Zur sozialen Herkunft der führenden "BundistInnen" erlaubt das Quellenmaterial den Schluß, daß die meisten von ihnen aus einer urbanen Lebenswelt und nicht aus dem "Shtetl" kamen, viele den 1. Weltkrieg, die Revolution und die Nachkriegswirren aktiv miterlebt hatten und von der Spaltung der Arbeiterbewegung geprägt waren. Der familiäre Hintergrund war dagegen sehr verschieden, wenn auch die Aussagen der Quellen meist nicht über die pauschalisierte Einteilung von "bürgerlich, wohlhabend, arm" hinausgehen (121). Allen ist jedoch ein hoher Bildungsgrad gemein.

Noch schwieriger ist es, ein Bild von der Parteibasis zu zeichnen, zumal es kein starkes jüdisches Industrieproletariat gab und die Übergänge zwischen Handwerker-, Arbeiter- und Heimarbeiterexistenzen fließend waren (133). Trotz hierarchischer Gliederung der Partei war die Schaffung eines Zusammengehörigkeitsgefühls wichtiger Bestandteil bundischer Parteiarbeit. Neue Mitglieder wurden nicht aufgefordert, dem "Bund" beizutreten, sondern "sich unserer meshpokhe anzuschließen" (142). Gertrud Pickhan betont dabei die Wichtigkeit der Parteieinheit für die "BundistInnen" - auch über innere Meinungsverschiedenheit hinweg - zwischen der linken Minderheit der "Tsveyer", die sich besonders gegen den Eintritt in die SAI wehrte, und der Mehrheit der "Eyntser" (149). In diesem Zusammenhang weißt Gertrud Pickhan - gestützt auf eine breite Quellenbasis - auch die noch in der antikommunistischen Atmosphäre des Kalten Krieges entwickelte These zurück, die "Tsveyer" seien vor allem von einer kritiklosen Haltung gegenüber der Sowjetunion und den kommunistischen Parteien geprägt gewesen (148).[2]

Bei ihrer Einordnung des "Bund" und seiner Akteure in die drei genannten Rahmen greift Gertrud Pickhan in Anlehnung an Norbert Elias auf ein flexibles Konzept von Figurationen zurück. Es geht ihr weniger um einzelne Individuen oder angeblich feste gesellschaftliche Gegebenheiten, als um die Vielheit der Menschen in ihren unterschiedlichen, wandelbaren und miteinander korrespondierenden Bindungen (27). [3] Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage nach dem sozialen Raum - der Sozialstruktur der polnischen "Judenheit" - und ob dieses jüdische "arbetsfolk" als Arbeiterklasse, Proletariat oder eher als soziokulturelles Milieu beschrieben werden sollte. Gertrud Pickhan geht davon aus, daß Begriffe wie Arbeiterschaft oder Arbeiterklasse die soziale Konfiguration der Mitglieder und Wähler des "Bund" nur unzureichend widerspiegeln (195).

Unter dem Milieubegriff ließen sich neben der sozialen Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse auch die Komplexe Sprache, Land, Glauben subsumieren. [4] Der Bund war damit integraler Bestandteil eines linkssozialistischen jüdischen Milieus. (200) Nicht weniger wichtig für die Bindung des "Bund" an dieses linkssozialistische jüdische Milieu als die Parteiarbeit war das Zusammenwirken mit den Gewerkschaften und verschiedenen kulturellen und schulischen Einrichtungen. Gerade die Einbindung der jüdischen Gewerkschaften - in den 30er Jahren die mitgliederstärkste Massenorganisation der polnischen "Judenheit" (205) -, war ein wichtiger Schritt. So trat der Landrat der jüdischen Gewerkschaften schon 1921/22 der gesamtpolnischen Zentralkommission bei, in der er vollständige Kulturautonomie erhielt (200). Allerdings herrschte auch im jüdischen Arbeitermilieu keineswegs Einigkeit, ab Ende der 20er Jahre arteten die Unstimmigkeiten mit den kommunistischen Gewerkschaften in blutige Auseinandersetzungen aus (210f.). Als ihre wichtigsten Aufgaben sahen die bundischen Gewerkschaften neben dem allgemeinen Arbeitskampf, den Kampf gegen den Ausschluß von Juden aus dem öffentlichen Dienst und Gewerbe und das Angebot von praktischen Weiterbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten für ihre Mitglieder (218f.)

Neben der sozialen Komponente lag dem "Bund" und die jiddische Sprache als wichtiger Bestandteil des bundischen Milieus am Herzen - was eine Mehrsprachigkeit von Funktionären und Mitgliedern nicht ausschloß. Kultur verstand man als eine auf der Muttersprache basierende "Volkskultur" - anti-elitär, aber auch der "Veredlung" der jüdischen Massen dienend (223). Ein Standbein dabei war die 1918 in Kiev gegründete Kultur-lige, die 1925 in Warschau die erste "Volksuniversität" eröffnete (230f.). Dazu kam die "Tsentrale Yidishe Shulorganisatsie" (CISZO), deren Schulen zwar nur von ca. zehn Prozent der jüdischen Kinder besucht wurden, aber ein außergewöhnlich hohes pädagogisches Niveau hatten (245). Staatliche Schulen mit Jiddisch als Unterrichtssprache konnte der "Bund" dagegen nicht durchsetzen.

Der Leitsatz des "Bund" von einer national-kulturellen Autonomie als allgemeines Konzept der Lösung der Minderheitenproblematik in Ost- und Ostmitteleuropa ging einher mit der festen Überzeugung, daß Klassengegensätze trotz allem sozial und nicht national seien und damit eine Loyalität gegenüber Polen möglich sei. Gertrud Pickhan sieht hierin zu Recht eines der bedeutendsten Merkmale des "Bund": "Daß man sich gleichzeitig verbunden fühlen und dabei bewußt ‚anders' sein konnte, daß eine doppelte Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe und gegenüber dem Land, das man ebenfalls als seine Heimat ansah, ist vielleicht das herausragendste Merkmal als derer, die sich im ‚Bund' wiederfanden." (270) Diese "doikeyt" galt es vor allem gegen die zionistische Bewegung zu verteidigen. Auswanderung sah man als "notwendiges Übel", jedoch nicht als Lösung für die Probleme der jüdischen Arbeiter (290). Strategien zur Bekämpfung des Antisemitismus, den man auf ökonomische Ursachen wie z.B. Modernisierungsängste zurückführte, waren der Versuch, die PPS in den Abwehrkampf einzubinden und die Organisation eigener Milizen und öffentlicher Massendemonstrationen.

Zusammenfassend kann man sagen, auch wenn die Arbeit ein Stück weit die Organisationsgeschichte des "Bund" schreibt - was der defizitären Forschungslage geschuldet ist - geht sie doch weit über deren traditionelle Ansätze hinaus. Mit der Erweiterung um kulturgeschichtliche Fragestellungen - ausgerichtet an einem weiten Kulturbegriff - weist Gertrud Pickhan zu Recht einen engen Parteibegriff, der dem Bund nicht gerecht wird, zurück. [5] Für sie stellt sich der "Bund" als Solidargemeinschaft von Menschen dar, die durch die kollektive Erfahrung ethnischer Gruppendifferenz einerseits und Klassendifferenz andererseits geprägt war [7], wobei vor allem das positive Selbstkonzept des "Bund" und die der Partei verbundenen Bewegungen von großer Bedeutung waren. Nur so konnten Erfolge erreicht werden. Trotz Antisemitismus blieb die Einstellung gegen den Zionismus erhalten. Durch gemeinsame Maidemonstrationen mit der PPS konnte eine unsichtbare Abgrenzung der jüdischen Bevölkerung zumindest partiell durchbrochen werden (411f.). So kommt Gertrud Pickhan zu einer weitaus positiveren Bewertung sowohl der Organisationsstruktur als auch der Erfolge des "Bund" in der Zwischenkriegszeit in Polen als frühere Autoren.

Anmerkungen:

[1] Z.B.: John Bunzl, Klassenkampf in der Diaspora. Zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung, Wien 1975. Ezra Mendelsohn, Class Struggle in the Pale. The Formative Years of the Jewish Workers' Movement in Tsarist Russia, Cambridge 1970.

[2] Solche Tendenzen gibt es z.B. bei: Polansky, Antony, The Bund in Polish Political Life 1935-1939, in: Jewish History. Essays in Honor of Chimen Abramsky, Ada Rapoport-Albert u. Steven J. Zipperstein (Hg.), London 1988, S. 547-677. Und: Bernard K. Johnpoll, The Politics of Futility. The General Jewish Workers Bund of Poland, 1917-1943, Ithaca/New York 1967.

[3] Zu Elias' Theorie einer Konfigurationssoziologie vgl.: Sport im Zivilisationsprozeß. Studien zur Figurationssoziologie. Norbert Elias/ Eric Dunning, hrsg.v. Wilhelm Hopf, Münster 1983.

[4] Die vier Problemkomplexe lehnen sich an eine Einteilung von Ezra Mendelsohn an: Ezra Mendelsohn, The Jews of Central Europe between the World Wars, Bloomington 1983, S. 44-46.

[5] Mit einem engen Parteibegriff arbeitet: Johnpoll, Politics, bes. S. 268-70.

[6] Dies geht auf die Theorie der "ethno class fraction" von Yoav Peled zurück, die er für die frühe jüdische Arbeiterbewegung geprägt hat: Yoav Peled, Class and Ethnicity in the Pale. The Political Economy of the Jewish Workers' Nationalism in Late Imperial Russia, New York 1989, S. 119-121.

Zitation
Cornelia Aust: Rezension zu: : "Gegen den Strom". Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund "Bund" in Polen 1918-1939. Stuttgart, München  2001 , in: H-Soz-Kult, 26.09.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-716>.
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26.09.2001
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