M. Kessler (Hg.): Deutsche Historiker im Exil

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Titel
Deutsche Historiker im Exil (1933-1945). Ausgewählte Studien


Hrsg. v.
Kessler, Mario
Erschienen
Berlin 2005: Metropol Verlag
Umfang
339 S.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Winfrid Halder, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Der Frankfurter Historikertag von 1998 hat bekanntlich das Interesse am Verhalten von Angehörigen der deutschen Historikerzunft nach der Installierung des NS-Regimes 1933 noch wesentlich verstärkt. Seither ist eine ganze Reihe ebenso gewichtiger, wie zumeist kontrovers diskutierter Studien erschienen; die bislang letzte größere Frucht dieses Forschungsimpulses stellt Eduard Mühles voluminöse Arbeit über Hermann Aubin dar.[1] Bezeichnenderweise handelt es sich auch bei Aubin um einen derjenigen Historiker, die Deutschland nach der Errichtung der NS-Diktatur nicht verließen, sondern ihre akademische Karriere mehr oder weniger bruchlos fortsetzten. Den von den Nationalsozialisten zur Emigration gezwungenen Fachvertretern ist hingegen bislang weitaus weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden – wenn man einmal von Hans Rothfels absieht, der jedoch gewiss in mancher Beziehung als Sonderfall zu betrachten ist.[2] Die Gründe für diese Schieflage des Forschungsstandes mögen vielfältig sein, so dürften etwa größere Zugangsprobleme zu Nachlässen und anderen einschlägigen Quellen eine Rolle spielen. Tatsache ist jedenfalls, dass – mit Ausnahme Arthur Rosenbergs und Golo Manns [3] – bislang über keinen der emigrierten Historiker eine Studie vorliegt, die an Umfang und Tiefenschärfe mit den Untersuchungen über Aubin, Werner Conze [4] oder auch Gerhard Ritter [5] zu vergleichen wäre. Selbst so herausragende Köpfe wie Hajo Holborn – immerhin langjähriger Lehrstuhlinhaber an der Yale University und zeitweiliger Präsident des American Historical Association – oder Hans Rosenberg – viele Jahre in Berkeley tätig und wesentlicher Impulsgeber für die moderne Sozialgeschichte in Deutschland – harren noch einer eingehenderen Würdigung.[6]

Umso erfreulicher ist nun das Erscheinen des vorliegenden Sammelbandes, den Mario Kessler (Potsdam/New York) herausgegeben hat. Kessler selbst ist auf diesem Gebiet bereits durch eine ganze Reihe von Arbeiten ausgewiesen.[7] Bemerkenswert ist zunächst, dass der greise Ernst Engelberg, einer der letzten noch lebenden Angehörigen der Generation der emigrierten Historiker, ein Geleitwort beigesteuert hat (S. 9-10). Nach einer knappen Einleitung des Herausgebers (S. 11-18) folgt der erste Hauptteil des Bandes unter der Überschrift „Zeitzeugen und Zeitzeugnisse“. Besondere Beachtung verdienen hier die beiden Texte von Arthur Rosenberg (Die Aufgabe des Historikers in der Emigration; S. 21-27) und Ernst Engelberg (Liberale und antiliberale Geschichtsschreibung in Deutschland; S. 29-83), die einem Auszug aus Wolfgang Ruges Autobiografie (Als Gulag-Häftling im Fernstudium; S. 85-105) vorangehen. Es handelt sich jeweils um in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre entstandene Arbeiten; Interesse dürfen sie beanspruchen, da es sich um zeitgenössische Versuche zweier emigrierter Historiker handelt, darüber Klarheit zu gewinnen, warum die deutsche Geschichtswissenschaft den Übergang in die NS-Diktatur mehrheitlich ohne äußerlich erkennbaren Bruch überstand. Somit können sie bereichernd auf die aktuelle, keineswegs als abgeschlossen zu betrachtende Debatte wirken.

Der zweite, umfangreichere Teil des Bandes versammelt „Erträge der Forschung“. Edoardo Tortolaro stellt grundsätzliche Überlegungen zur historiografischen Bedeutung verschiedener Emigrationswellen im 20. Jahrhundert an (Historiker im Exil um 1933; S. 109-123). Der erste inhaltliche Beitrag des Herausgebers ist konzentriert auf die Exiljahre Arthur Rosenbergs in Großbritannien (1933-1937) und analysiert die von Rosenberg in dieser Zeit formulierten Gründe für den Untergang der ersten deutschen Republik (Warum scheiterte die Weimarer Republik? Arthur Rosenberg im englischen Exil; S. 125-144). Auch Axel Fair-Schulz hat einen zeitweiligen England-Emigranten in den Blick genommen, und zwar Jürgen Kuczynski (Jürgen Kuczinsky in England. Zwischen Antifaschismus, Parteitreue und Wissenschaft; S. 145-168). Kuczinskys spätere maßgebliche Rolle in der DDR-Geschichtswissenschaft wird dabei auch angeschnitten. Allerdings muss man der hier vertretenen Auffassung, Kuczinkys bei aller gelegentlichen Eigenwilligkeit letztlich unbedingte „Parteitreue“, sei mit der „quasi religiösen“ Funktion seiner kommunistischen Überzeugungen zu erklären, nicht folgen. Kuczinsky gehörte zu den Privilegierten des SED-Regimes und er wusste diese Vorrechte zu wahren – dafür hat er als hochintelligenter Mensch sicherlich nicht nur ein sacrificium intellectus gebracht.

Ein weiterer Beitrag stammt von Mario Kessler (Zwischen Kommunismus und Antikommunismus: Franz Borkenau (1900-1957); S. 169-196). Hier widmet er sich dem beinahe vergessenen Franz Borkenau – dies ist erfreulich, zumal dieser im wichtigsten deutschsprachigen Nachschlagewerk zur Historikerschaft [8] nicht berücksichtigt wurde. Borkenau, seit 1934 überwiegend in Großbritannien im Exil, war in den 1920er-Jahren KPD-Mitglied und wandte sich dann scharf gegen den Kommunismus sowjetischer Prägung. Er wurde wie so mancher andere, der einen ähnlichen Weg einschlug, „von den Kommunisten als Renegat verachtet, von den Antikommunisten als übereifriger Neubekehrter beargwöhnt“ (S. 170). Als bittere Ironie mutet es heute an, dass Borkenau sich 1947 erfolglos um den Marburger Lehrstuhl Wilhelm Mommsens bewarb. Mommsen verlor seine Professur auf Anordnung der amerikanischen Besatzungsmacht, weil er als NS-belastet betrachtet wurde. Seine Liaison mit dem nationalsozialistischen Regime war jedoch erheblich weniger eng als bei etlichen anderen Fachkollegen, die unbehelligt blieben. Die Fakultät setzte auf die Berufungsliste nicht Borkenau, der schon seit dem Sommer 1946 in Marburg lehrte, sondern mit Erich Eyck einen anderen Emigranten. Eyck, damals bereits 68 Jahre alt, kam indessen aus Altersgründen nicht ernsthaft in Betracht, so dass schließlich mit Fritz Wagner ein Mann berufen wurde, den Mommsen als erheblich stärker belastet ansah als sich selbst.[9] Er und Borkenau, die sonst gewiss vieles trennte, dürften sich in der Erbitterung hierüber einig gewesen sein.

Der folgende Beitrag, der von Peter Thomas Walther stammt, wie der Herausgeber schon seit längerem als Experte ausgewiesen [10], wirft ein neues Licht auf Hedwig Hintze, eine der ersten habilitierten Historikerinnen in Deutschland. Walther vermag insbesondere schlüssig darzulegen, dass hinter die bisher stets vorgetragene Auffassung, die Witwe Otto Hintzes habe im Sommer 1942 im niederländischen Exil Selbstmord begangen, zumindest ein Fragezeichen zu setzen ist.

Die folgenden Aufsätze von Gabriela Eakin-Thimme (Deutsche Nationalgeschichte und Aufbau Europas. Deutschsprachige jüdische Historiker im amerikanischen Exil; S. 223-241), Klaus Große Kracht („Bürgerhumanismus“ oder „Staatsräson“. Hans Baron und die republikanische Intelligenz des Quattrocentro; S. 243-263) sowie Karl Heinz Roth („Richtung halten“. Hans Rothfels und die neokonservative Geschichtsschreibung diesseits und jenseits des Atlantik; S. 265-298) sind bereits früher an anderen Orten erschienen und sollen daher hier nur erwähnt werden.

Auf unterschiedliche Weise beschäftigen sich die beiden letzten Beiträge mit deutschen Emigranten in der Sowjetunion. Wladislaw Hedeler (Deutsche kommunistische Historiker während der „Säuberung“ des Marx-Engels-Instituts in Moskau; S. 299-318) zeichnet nach, wie einige der deutschen Mitarbeiter des Instituts in die Mühlen des stalinistischen Verfolgungsapparates gerieten und nicht selten – wenn sie nicht gleich ermordet wurden – als Häftlinge zugrunde gingen. Seine Ausführungen fügen dem mittlerweile hinlänglich bekannten, trübsinnigen Bild der Denunziationen und Gegendenunziationen im angstgeschüttelten Moskauer Emigrantenmilieu eine weitere Facette hinzu. Gerald Diesener schildert zuguterletzt Entstehung und Inhalt der später in den ersten Jahren der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland in Anwendung gebrachten Maßgaben für den Geschichtsunterricht (Die „Richtlinien für den Unterricht in deutscher Geschichte“ des Jahres 1945. Ein wenig gewürdigtes Kapitel des Wirkens der Bewegung „Freies Deutschland“ in der Sowjetunion; S. 319-334).

Der vorliegende Band stellt insgesamt eine wichtige Bereicherung für das Forschungsfeld der deutschen Historiker-Emigration dar, so dass sein Erscheinen uneingeschränkt zu begrüßen ist. Zugleich nährt er die Hoffnung, dass in Zukunft beim Thema „deutsche Geschichtswissenschaft und Nationalsozialismus“ auch der „anderen Seite“ mehr verdiente Aufmerksamkeit zukommen wird.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Mühle, Eduard, Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung (Schriften des Bundesarchivs 65), Düsseldorf 2005.
[2] Stellvertretend für die Fülle der Beiträge zur jüngst um Rothfels ausgetragenen Kontroverse seien an dieser Stelle nur genannt: Borgmann, Karsten (Hg.), Hans Rothfels und die Zeitgeschichte (Historisches Forum 1/2004), in: http://edoc.hu-berlin.de/e_histfor/1; Hürter, Johannes; Woller, Hans (Hgg.), Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte, München 2005; sowie Eckel, Jan, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie, Göttingen 2005.
[3] Vgl. Kessler, Mario, Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889-1943), Köln 2003; Bitterli, Urs, Golo Mann. Instanz und Außenseiter. Eine Biographie, Berlin 2004; Koch, Jeroen, Golo Mann und die deutsche Geschichte. Eine intellektuelle Biographie, Paderborn 1998. Rosenberg und Mann sind freilich als Außenseiter zu betrachten, deren Gewicht in der „Zunft“ stets gering blieb.
[4] Vgl. insbesondere: Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 (Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 9), München 2001.
[5] Vgl. insbesondere: Cornelißen, Christoph, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert (Schriften des Bundesarchivs 58), Düsseldorf 2001.
[6] Nicht vergessen sei an dieser Stelle der verdienstvolle Sammelband von: Lehmann, Helmut; Sheehan, James J. (Hgg.), An Interrupted Past. German-speaking Refugee Historians in the United States after 1933, Washington 1991. Einige der emigrierten Historiker fanden bereits vor längerer Zeit knappe Berücksichtigung in dem von Hans-Ulrich Wehler herausgegebenen Sammelwerk: Deutsche Historiker, 9 Bde., Göttingen 1971-82.
[7] Vgl. oben Anm. 3 sowie Kessler, Mario, Exilerfahrung in Wissenschaft und Politik. Remigrierte Historiker in der frühen DDR, Köln 2001.
[8] Vgl. Vom Bruch, Rüdiger; Müller, Rainer A. (Hgg.), Historikerlexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2002.
[9] Vgl. Köpf, Peter, Die Mommsens. Von 1848 bis heute – Die Geschichte einer Familie ist die Geschichte der Deutschen, Hamburg 2004, S. 166 ff.
[10] Walther, Peter Th., Von Meinecke zu Beard? Die nach 1933 in die USA emigrierten deutschen Neuhistoriker, Ann Arbor 1989.

Zitation
Winfrid Halder: Rezension zu: Kessler, Mario (Hrsg.): Deutsche Historiker im Exil (1933-1945). Ausgewählte Studien. Berlin  2005 , in: H-Soz-Kult, 17.01.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7187>.
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17.01.2006
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