Cover
Titel
War is a Crime Against Humanity. The Story of the War Resisters' International


Autor(en)
Prasad, Devi
Erschienen
Umfang
557 S., 67 Fotos
Preis
£32.00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Christian Scharnefsky, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften (Friedrich-Meinecke-Institut), Freie Universität Berlin

Die War Resisters International (WRI) gehört zu den größten Dachorganisationen pazifistischer Gruppen weltweit. Sie wurde 1921 in Bilthoven (Niederlande) gegründet, verlegte 1923 ihr Büro nach London und hat heute 90 Sektionen in 43 Ländern. Grundlage der WRI ist ihre Prinzipienerklärung: „War is a crime against humanity. I, therefore, am determined not to support any kind of war and to strive for the removal of all causes of war.“ Die WRI tritt für die Anerkennung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung auch aus nicht-religiösen Gründen ein und unterstützt Kriegsdienstverweigerer, die im Gefängnis sitzen oder auf der Flucht vor staatlicher Verfolgung sind. Allerdings versteht sich die WRI nicht in erster Linie als „Kriegsdienstverweigerer-Gewerkschaft“, sondern vielmehr als politische Organisation, die dazu beitragen will, durch eine gewaltfreie Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse hin zu mehr persönlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit alle Kriegsursachen endgültig zu beseitigen. Die Auseinandersetzung über Möglichkeiten und Grenzen des absoluten Pazifismus und über das Konzept einer antikapitalistisch ausgerichteten gewaltfreien „Sozialen Revolution“ hat die WRI seit den 1920er Jahren daher ebenso geprägt wie ihr Einsatz für einzelne Kriegsdienstverweigerer. Viele Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklung der WRI sind auch für andere in der Zwischenkriegszeit entstandene transnationale Friedensorganisationen charakteristisch und in vergleichender Perspektive aufschlussreich. Dennoch ist die Geschichte der War Resisters International – abgesehen von Studien zu einzelnen nationalen Sektionen [1] – bisher kaum wissenschaftlich erforscht worden, und man ist im wesentlichen auf die Veröffentlichungen der WRI selbst angewiesen. Dazu gehört auch das Buch von Devi Prasad „War is a crime against humanity. The story of War Resisters International”.

Devi Prasad, 1921 in Indien geboren, war von 1962 bis 1972 Generalsekretär und von 1973 bis 1975 Vorsitzender der WRI. Sein Buch umfasst zwei Teile. Im ersten Teil (Kapitel 1 – 5) legt er die geistigen Grundlagen des radikalen Pazifismus dar und gibt einen Überblick über die Kriegsdienstverweigerung bis 1914, die auf die Mitglieder religiöser Gruppen beschränkt war. Im Ersten Weltkrieg entstand dann aber auch eine größere Bewegung von nicht-religiös motivierten Verweigerern. Die meisten dieser „Conscientious Objectors“ kamen aus Großbritannien, und von ihnen gingen auch die stärksten Impulse zur Gründung der War Resisters International aus. Die Geschichte der WRI behandelt Prasad dann im zweiten Teil seines Buches (Kapitel 6 – 17), wobei er sich auf den Zeitraum von 1921 bis 1975 beschränkt.

Die Schlüsselfigur der ersten Jahrzehnte der WRI war der britische Kriegsdienstverweigerer Herbert Runham Brown (1879 – 1949), der erst 1919 aus der Haft entlassen worden war und von 1923 bis 1949 als ehrenamtlicher Sekretär der WRI arbeitete. Herbert Runham Brown gelang es, die WRI innerhalb weniger Jahre zu einer Organisation auszubauen, die regelmäßig eine Zeitschrift sowie Broschüren und Flugblätter in verschiedenen Sprachen herausgab, über das Schicksal einzelner Kriegsdienstverweigerer informierte und ihnen Hilfe zukommen ließ. Vor allem aber trat die WRI durch ihre Dreijahreskonferenzen in Erscheinung, die gerade in den 1920er und 1930er Jahren ein zentrales Forum für den Austausch zwischen den verschiedenen Richtungen der Friedensbewegung boten. Eine wichtige politische Initiative der WRI war das „Internationale Manifest gegen die Wehrpflicht“ von 1926, und auf der 4. WRI-Dreijahreskonferenz 1934 in Welwyn (Großbritannien) stellte der niederländische Pazifist Bart de Ligt erstmals seinen umfassenden Plan einer Kampagne gegen jede Art von Krieg und Kriegsvorbereitung zur Diskussion. Der Beginn des Spanischen Bürgerkrieges 1936 bedeutete dann die erste Zäsur für die WRI, da ein Teil der Mitglieder für die militärische Verteidigung der Republik und der „Sozialen Revolution“ in Spanien plädierte und die WRI verließ. Die verbliebenen Aktivisten hielten dagegen an ihrer absolut gewaltfreien Position fest, organisierten aber humanitäre Hilfe für die spanische Zivilbevölkerung, auch wenn sie damit indirekt den bewaffneten Kampf unterstützten. Humanitäre Hilfe für Flüchtlinge aus dem besetzten Europa wurde die zentrale Aufgabe der WRI im Zweiten Weltkrieg, zumal das Büro in London im Gegensatz zu den meisten nationalen Sektionen weiterhin arbeitsfähig blieb. Die schon vor 1939 augenfällige Dominanz britischer Aktivisten innerhalb der Internationale führte allerdings auch dazu, dass die WRI die vom nationalsozialistischen Deutschland ausgehende Gefahr unterschätzte und noch 1942 für einen Ausgleich zwischen Hitler und den Westmächten eintrat, da nur so der Krieg sofort beendet werden könne.

Nach 1945 musste die WRI ihr Konzept der Kriegsverhinderung durch radikale Kriegsdienstverweigerung überprüfen und neue Antworten auf die Herausforderungen des Kalten Krieges und die Bedrohung durch Atomwaffen finden. Der Einsatz für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung blieb zwar weiterhin ein Schwerpunkt, die WRI beteiligte sich seit den 1950er Jahren aber auch an Kampagnen des Zivilen Ungehorsams und organisierte Proteste gegen den Vietamkrieg sowie gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“. In den 1970er Jahren bemühte sich die WRI darüber hinaus, ihre Haltung zu den bewaffneten Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ zu definieren, die einerseits von der Sympathie für die politischen Ziele dieser Bewegungen bestimmt war, aber andererseits auch im Einklang mit der absolut gewaltfreien Position der WRI stehen musste.

Devi Prasads Buch beschließt ein Anhang, der Dokumente, ein Register und vor allem Fotos enthält. Für seine Arbeit hat Prasad nahezu alle erreichbaren Eigenpublikationen der WRI ausgewertet und auch ungedrucktes Material aus dem Archiv der WRI im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam und der Swarthmore College Peace Collection (USA) herangezogen. Dennoch erhebt er zu Recht nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Studie, denn er setzt sich weder mit dem Forschungsstand auseinander, noch verwendet er in nennenswertem Umfang Sekundärliteratur. Das müßte kein Nachteil sein, schreibt Prasad doch selbst: „This work is not a learned history of the International, for I have left out, knowingly or unknowingly, many an important happening and document necessary for a complete chronology or thorough analysis.“ (20) Allerdings ist das Buch auch keine kompakte “Story” der WRI, deren besonderer Reiz in der Bewertung der Ereignisse durch einen prominenten Aktivisten wie Devi Prasad liegen könnte. Es handelt sich vielmehr um eine Darstellung mit Hilfe von zahlreichen langen Zitaten aus WRI-Dokumenten, die nur durch sehr wenig eigenen Text des Autors miteinander verbunden sind und oft recht unvermittelt enden oder ineinander übergehen. Persönliche Einschübe Prasads kommen nur sehr selten vor, und auch im Abschnitt über seine eigene Zeit an der Spitze der WRI zitiert er sich meistens selbst in der dritten Person und allein aus zeitgenössischen Stellungnahmen. Das macht die Lektüre des Buches – wenn man es wie eine „Story“ in einem Zug liest und nicht punktuell als Nachschlagewerk benutzt – sehr mühsam und am Ende auch etwas unbefriedigend. Mitglieder der War Resisters International, die Devi Prasad noch aus seiner aktiven Zeit kennen und nach Anregungen für die gegenwärtige Diskussion innerhalb der WRI suchen, werden das vielleicht anders sehen. Für die Historische Friedensforschung ist Devi Prasads Buch aber nicht mehr und nicht weniger als ein „Steinbruch“, der zahlreiche Anregungen für wissenschaftliche Studien zur WRI und zu übergreifenden Aspekten des radikalen Pazifismus und der Kriegsdienstverweigerung im 20. Jahrhundert bietet.[2]

[1] Vgl. Bennett, Scott H.: Radical Pacifism. The War Resisters League and Gandhian Nonviolence in America, 1915 – 1963, Syracuse 2003 und meine Rezension des Buches in H-Soz-u-Kult, 23.09.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-182>.
[2] Vgl. meine eigene laufende Dissertation „Die War Resisters International (WRI) als transnationale Friedensorganisation und Interessenvertretung für Kriegsdienstverweigerer, 1921 – 1951“.

Zitation
Christian Scharnefsky: Rezension zu: : War is a Crime Against Humanity. The Story of the War Resisters' International. London  2005 , in: H-Soz-Kult, 12.09.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7231>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.09.2006
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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