D. Gall: Die Literatur in der Zeit des Augustus

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Titel
Die Literatur in der Zeit des Augustus.


Autor(en)
Gall, Dorothee
Erschienen
Umfang
VI, 184 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Klingenberg, Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, Technische Universität Berlin

Im Rahmen der Reihe "Klassische Philologie - Kompakt", in der bisher nur ein Band zu Augustinus erschienen ist [1], hat sich nun Dorothee Gall der Darstellung der lateinischen Literatur der Zeit des Augustus angenommen. Einem "breiten Leserkreis" - konkret genannt sind Studenten und interessierte Laien - will sie eine "der bedeutendsten und wirkungsmächtigsten Epochen der europäischen Literatur" nahe bringen und deren "veritablen Epochencharakter" aufzeigen (S. 1). Außen vor bleiben die zeitgenössischen griechischschreibenden Autoren, die der Titel zunächst nicht ausschließt.

Ohne Kenntnis des historischen Kontextes sind die Autoren der augusteischen Zeit und ihr Werk nicht zu verstehen. Ausgehend von dem bekannten Diktum Sallusts, mit der Zerstörung Karthagos 146 v.Chr. habe der innere Verfall in Rom eingesetzt, gibt Gall daher zunächst einen kurzen geschichtlichen Abriss bis zu Caesars Ermordung im Jahre 44 v.Chr. und dem erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs (S. 3-5). Dabei skizziert Gall die wesentlichen Gesichtspunkte. Das entsprechende Kapitel zu Augustus (S. 6-9) ist dagegen etwas ungleichmäßig aufgebaut: Die Darstellung der Zeitläufte vor der Alleinherrschaft und der Errichtung des Principats fällt dabei trotz gebotener Kürze zu kursorisch aus, sodass manche Ausführungen späterer Kapitel etwas in der Luft hängen. Die Geschichte zwischen der Niederlage der Caesarmörder bei Philippi 42 v.Chr. und der Schlacht von Actium 31 v.Chr. ist so unter dem "Konkurrenzkampf" (S. 6) zwischen Octavian und Antonius subsumiert, der zu einem "langwierigen Bürgerkrieg" geführt habe. Da hier wichtige Aspekte fehlen, entsteht ein eher undeutliches Bild. Für das Verständnis erheblicher Teile der von Gall thematisierten Literatur sind diese Ereignisse aber wichtig, und so rekurriert die Autorin an späterer Stelle auch auf sie.[2]

Die römische Literaturgeschichte bis zur augusteischen Zeit bildet einen weiteren Schwerpunkt. Gall hebt dabei den Einfluss der griechischen Literatur seit dem 3. Jahrhundert v.Chr. hervor, ohne die frühen, genuin römischen Ansätze zu vernachlässigen (S. 10-13). Der wichtigen Frage nach Stellenwert und Funktion von Literatur in der römischen Gesellschaft geht sie ebenfalls nach. Anschließend richtet sie ihr Augenmerk auf die charakteristischen Elemente, die eine eigene "augusteische Epoche" konstitutiv eingrenzen (S. 13-20). Die außerordentliche Fülle an qualitativ hochstehender Literatur, insbesondere in der Dichtung, die zu Bezeichnungen wie 'Klassik' oder 'Goldene Latinität' geführt hat, liegt nicht zuletzt in der Förderung durch Personen wie Maecenas und Messalla Corvinus begründet, wie zutreffend dargestellt ist. Die Stellung der Autoren zu Augustus, also insbesondere die Frage, inwieweit ihr Werk politische Stellungnahmen enthält, sei es nun im Sinne des princeps oder nicht, fasst Gall in einem Kapitel zusammen (S. 20-23). Sie kommt hierbei zu einem ausgewogenen Urteil. Eine Übersicht über die praktische Seite literarischen Geschehens, also die Verbreitung und das Publikum von Literatur sowie das Entstehen öffentlicher Bibliotheken (S. 23f.), beschließt diesen Teil. In diesen Kontext fallen auch die "Disziplinierungsmaßnahmen" (S. 23) gegenüber missliebigen Autoren und ihren Schriften.

Besonderen Wert für die anvisierte Leserschaft dürfte das Hauptkapitel haben, in dem Gall die verschiedenen literarischen Gattungen der augusteischen Zeit im Einzelnen darstellt (S. 25-41). Den Auftakt macht das Epos, die 'Königsgattung' antiker Dichtung. Einen eigenen Abschnitt widmet Gall dem Kleinepos, das modern mit dem griechischen Wort Epyllion bezeichnet wird. Die Bühnendichtung, von der aus augusteischer Zeit außer einigen Namen und Titeln leider nichts erhalten ist, wird ebenso geschildert wie die weiteren poetischen Gattungen. Es handelt sich dabei um Lehrdichtung, Elegie, bukolische Dichtung, Satire sowie Lyrik, Iambus und Epigramm. Die Historiografie und die Rhetorik setzen die Reihe fort, den Abschluss bilden die Philosophie und die fachwissenschaftlichen Texte. Angesichts dieser Fülle an Gattungen (es sind zwölf Unterkapitel) stellt sich allerdings die Frage, warum die (auto)biografische Literatur nicht ebenfalls in einem Abschnitt berücksichtigt ist. Immerhin hat auch Augustus eine Autobiografie verfasst.[3]

Den Hauptteil des Buches macht der letzte Teil aus (S. 42-167), der sich mit den "bedeutendsten Autoren der augusteischen Zeit" (S. 13) auseinandersetzt. Diese Auswahl ist freilich durch die Überlieferung bedingt. Doch sprechen die Bemerkungen späterer Autoren und die Rezeptionsgeschichte dafür, dass man diesen "exemplarische Qualität" beimaß, wie Gall sicher zu Recht betont (S. 14). Neben den 'üblichen Verdächtigen' Vergil (S. 42-67), Horaz (S. 67-90), Livius (S. 90-100), Tibull (S. 106-111), Properz (S. 111-122) und Ovid (S. 123-165) sind es Vitruv (S. 100-106) und Manilius (S. 165-167). Gerade letzterer, dessen Biografie im Dunkeln liegt - nur einige Zeitbezüge in seinem Werk weisen in die augusteische Zeit -, fällt ins Auge. Viele der anderen, nur in Fragmenten erhaltenen Autoren sind allerdings in den vorangehenden Kapiteln erwähnt. Die einzelnen Abschnitte sind so aufgebaut, dass zunächst ein Überblick über Leben und Werk des jeweiligen Autors gegeben wird, bevor eine eingehendere Beleuchtung der Werke erfolgt. Dabei sind Vorbilder und Interdependenzen mit zeitgenössischen Autoren herausgestellt. Berücksichtigung finden auch unbekanntere Texte, etwa Ovids Ibis-Gedicht (S. 156), und fälschlich unter dem Namen eines der hier behandelten Autoren überlieferte Schriften, beispielsweise die "Appendix Vergiliana" (S. 45) oder das "Corpus Tibullianum" (S. 111). Ebenfalls angesprochen sind die Wirkung und die Rezeption der augusteischen Autoren. Bereits im Vorwort verweist Gall darauf, dass die diesbezüglichen "Angaben" wegen gebotener Kürze "fragmentarisch wirken müssen" und "allenfalls eine Auswahl bieten können" (S. 1). Jedenfalls ist die Gewichtung sehr uneinheitlich, einer guten Seite zu Horaz stehen vier Zeilen zu Properz gegenüber. Für Manilius fehlen entsprechende Hinweise ganz.[4]

Für in der Forschung diskutierte Fragen verweist Gall auf die Bibliografie, die der Kapitelaufteilung des Buches folgt. Die dort getroffene "Auswahl jüngerer Fachliteratur" soll "einen Zugang zu den aktuellen Forschungsdebatten" bieten (S. 2). Wichtige Kontroversen sind gleichwohl im Text berührt, etwa die von Adam Parry aufgeworfene Theorie der "two voices" in Vergils Aeneis (S. 44), die neben einer proaugusteischen eine zweite, kritische Stimme des Dichters postuliert. Nachwirkungen waren vor allem im angelsächsischen Raum zu vermerken. Die entsprechenden Aufsätze sind im zugehörigen Abschnitt des Literaturverzeichnisses sofort zu finden. Wer sich allerdings für die Diskussion dieser These interessiert, wird nicht ganz so leicht fündig.[5] Dies dürfte es der angesprochenen Zielgruppe etwas erschweren, der Sache nachzugehen. Ähnliches gilt auch für andere im Text erwähnte Aussagen antiker wie moderner Autoren, für die nicht immer ein Nachweis geführt wird.[6]

Dennoch ist Dorothee Gall ein hervorragender Überblick über die augusteische Literatur gelungen, daran ändern auch die angeführten Kritikpunkte nichts. Als Einführung ist das Buch bestens geeignet, da es die vielen verschiedenen Facetten dieser Epoche kompakt und anschaulich darstellt und zugleich einen Zugang zu den wichtigsten Autoren bietet. Das gilt umso mehr, als es an Alternativen mangelt.[7]

Anmerkungen:
[1] Fuhrer, Therese, Augustinus, Darmstadt 2004. Für das zweite Quartal ist 'Die Literatur im Zeitalter Neros' von Christiane Reitz angekündigt.
[2] Dies gilt z.B. für die Person der Kleopatra, die in der Augusteischen Literatur häufig thematisiert wurde, etwa in Hor. epod. 9 (hier S. 72) oder im so genannten Carmen de bello Actiaco (P.Herc. 817; hier S. 22, 27); vgl. allgemein: Becher, Ilse, Das Bild der Kleopatra in der griechischen und lateinischen Literatur, Berlin 1966.
[3] Vgl. Bardon, Henry, La littérature Latine inconnue, Bd. 2: L'époque imperiale, Paris 1956, S. 98-102 (bei Gall in der Bibliografie verzeichnet: S. 168). Immerhin geht Gall kurz auf den Tatenbericht des Augustus ein (S. 8f.).
[4] Vgl. dazu: Albrecht, Michael von, Geschichte der römischen Literatur, Bd. 2, München 1994, S. 777f.
[5] Aus der von Gall getroffenen Literaturauswahl zur Aeneis (S. 172f.) erörtert den Gang der Diskussion etwa Glei, Reinhold F., Der Vater der Dinge. Interpretationen zur politischen, literarischen und kulturellen Dimension des Krieges bei Vergil, Trier 1997, S. 11-33.
[6] So fehlt etwa auf S. 3 die Angabe der Sallust-Stelle zur Zerstörung Karthagos (Sall. Catil. 10,1-4; Iug. 41,1-4). Bei nicht aufgelösten Angaben wie "Morel FPL 115f." (S. 27, es geht um Albinovanus Pedo) wird nicht jedem klar sein, dass hier Willi Morels 'Fragmenta poetarum Latinorum epicorum et lyricorum praeter Ennium et Lucilium' (Leipzig 1927, nachgedruckt 1963 u. 1980) gemeint sind, von denen mittlerweile eine von Jürgen Blänsdorf neu bearbeitete und erweiterte 3. Auflage vorliegt (Stuttgart 1995).
[7] Am ehesten dürfte dem entsprechen: Graf, Fritz (Hg.), Einleitung in die lateinische Philologie, Stuttgart 1997 mit dem Beitrag von Gian Biagio Conte (Die Literatur der Augusteischen Zeit, S. 192-227); für einen breiten Leserkreis geschrieben ist auch: Fuhrmann, Manfred, Geschichte der römischen Literatur, Stuttgart 1999; nennen könnte man noch: Fantham, Elaine, Roman Literary Culture. From Cicero to Apuleius, Baltimore 1996 (deutsch: Literarisches Leben im antiken Rom. Sozialgeschichte der römischen Literatur von Cicero bis Apuleius, Stuttgart 1998).

Zitation
Andreas Klingenberg: Rezension zu: : Die Literatur in der Zeit des Augustus. Darmstadt  2005 , in: H-Soz-Kult, 23.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7283>.
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23.02.2006
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