Cover
Titel
The Global Cold War.


Autor(en)
Westad, Odd A.
Erschienen
Umfang
484 Seiten
Preis
£ 25.-
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Werner Bührer, Institut für Sozialwissenschaften, Technische Universität München

Nachdem sich die geschichts- und politikwissenschaftliche Forschung zum Kalten Krieg lange Zeit auf die Konfrontation zwischen Ost und West auf dem europäischen Schauplatz konzentriert hat, ist neuerdings eine Verlagerung des Interesses auf die „Dritte Welt“ zu konstatieren. Neben einem jüngst erschienenen Sammelband [1] markieren insbesondere die Arbeiten von Westad, Direktor des „Cold War Studies Centre“ an der London School of Economics and Political Science, diesen neuen Trend: Nach einer gemeinsam mit Jussi M. Hanhimäki veröffentlichten, 700seitigen Dokumentation [2] beeindruckt er aufs Neue mit einer gewichtigen, material- und erkenntnisreichen Studie über den globalen Kalten Krieg. Auch wenn der zeitliche Schwerpunkt auf den 1970er und frühen 1980er Jahren liegt – für Westad die Phase, in welcher der Konflikt zwischen den Supermächten in der „Dritten Welt“ seinen Höhepunkt erreicht habe und die dortige Entwicklung gleichzeitig von größter Bedeutung für den weiteren Verlauf des Kalten Krieges gewesen sei –, analysiert er doch das Geschehen während des gesamten Zeitraums von 1945 bis 1991 und weltweit. Und er tut dies verdienstvoller Weise nicht allein aus der jeweiligen Perspektive der beiden Supermächte, sondern auch aus derjenigen verschiedener Länder der „Dritten Welt“.

Wenn ein Autor die Entwicklung während eines guten halben Jahrhunderts darstellt und überdies nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ wie Korea, Kuba und Vietnam in den Blick nimmt, sondern beispielsweise auch Indonesien und die Philippinen, Guatemala und Brasilien, Angola und Äthiopien sowie Iran und Afghanistan, könnte man erwarten, dass er sich in erster Linie auf die einschlägige Forschungsliteratur stützt. In der Tat erweist sich Westad als souveräner Kenner der kaum noch zu überschauenden, überwiegend englischsprachigen Literatur, doch er zieht er neben veröffentlichten Dokumenten immer wieder auch unveröffentlichte Quellen aus amerikanischen, sowjetischen bzw. russischen oder chinesischen Archiven heran, ja gelegentlich schöpft er sogar aus den Beständen der „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen“ im Bundesarchiv in Berlin oder der Kommunistischen Partei Italiens. Selbst wenn er dabei sicherlich von seiner Mitarbeit im „Cold War International History Project“ profitierte, verdient diese breite archivalische Basis höchste Anerkennung.

Westad beginnt seine Darstellung mit zwei Kapiteln über die historischen Ursprünge der hegemonial-interventionistischen Konzeptionen der USA und der UdSSR, überschrieben mit „empire of liberty“ bzw. „empire of justice“. Mit anderen Worten: die beiden Hauptantagonisten des Kalten Krieges repräsentierten gegensätzliche Entwicklungsmodelle, die sie den „Entwicklungsländern“, flankiert durch wirtschaftliche und militärische Unterstützung, offerierten und die dort als Leitbild akzeptiert und realisiert werden sollten. Indem sie halfen, die Territorien der „Freiheit“ oder der „sozialen Gerechtigkeit“ auszudehnen, glaubten beide Supermächte nicht nur einen dem Lauf der Weltgeschichte innewohnenden Trend zu unterstützen, sondern zugleich den eigenen Sicherheitsinteressen zu dienen. Mit dieser Deutung unterscheidet sich Westad wohltuend von der bisher dominierenden Sicht des Kalten Krieges als einer in erster Linie ideologisch-machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen „Freiheit“ und „Unterdrückung“ oder „Demokratie“ und „Diktatur“. Zwar verschweigt er die Schattenseiten einer solchen Orientierung an den USA oder der Sowjetunion keineswegs: „In many cases the Third World leader’s choices of ideological allegiance brought them into close collaboration with one or the other of the superpowers, and led them to subscribe to models of development that proved disastrous for their own peoples”( S. 3). Aber das galt nach seiner Überzeugung eben keineswegs nur für diejenigen Staaten, die sich für das sowjetische Modell entschieden. Abgerundet wird der „historische“ Teil mit einem Kapitel über die Anfänge des Widerstands gegen den überwiegend europäischen Kolonialismus und die Entstehung unterschiedlicher Formen autonomer, antikolonialistisch-revolutionärer Bewegungen in der „Dritten Welt“.

Die folgenden Kapitel behandeln, chronologisch-thematisch angelegt, die wesentlichen Etappen des Kalten Krieges in Lateinamerika, Asien und Afrika: Zunächst unterstreicht er die Rolle, welche die USA bei der Entstehung der „Dritten Welt“ spielten: „Through its strategies, it did much to create the Third World as a conceptual entity; seen from America, these were areas to be intervened in; and seen from the South, areas that had a common interest in resisting intervention“ (S. 131). Zugleich wurden die Institutionen des Weltwirtschaftssystems den amerikanischen Zielen angepasst: „defeating Communism and promoting capitalist growth“ (S. 152). Für „Entwicklungsländer“, die sich diesem Kurs nicht unterordnen, aber dennoch nicht auf Wirtschafts- und Militärhilfe verzichten wollten, blieb oft keine andere Wahl, als sich nach Moskau zu wenden. Zudem trugen die offensichtlichen wirtschaftlichen und technischen Erfolge im sozialistischen Lager in den 1950er und 1960er Jahren zur Radikalisierung mancher Regierungen, Parteien und Bewegungen in der „Dritten Welt“ bei. Der Bruch zwischen der Sowjetunion und China brachte die Fronten nur vorübergehend ins Wanken. Spätestens mit Beginn der Kulturrevolution waren die chinesischen Kommunisten vorrangig mit sich selbst beschäftigt und keine ernsthafte Bedrohung mehr für den sowjetischen Führungsanspruch auf der „östlichen“ Seite. Über die Stationen Kuba, Vietnam, südliches Afrika und die kriegerischen Konflikte am Horn von Afrika erreicht Westad dann jene Regionen und Probleme, welche die internationale Politik, wenngleich in veränderter Gestalt und Konfliktformation, noch heute prägen: Iran und Afghanistan, verbunden mit dem Aufstieg des Islamismus. Abschließend widmet er sich Amerikas Abkehr von der Détente-Politik, Reagans Offensive gegen das „Reich des Bösen“ und dem dramatischen Kurswechsel der UdSSR unter Gorbatschow – Entwicklungen, die begleitet waren von einer wachsenden Fragmentarisierung der „Dritten Welt“.

Die Tragödie der Geschichte des Kalten Krieges sieht Westad darin, dass zwei ursprünglich antikoloniale Projekte „became part of a much older pattern of domination because of the intensity of their conflict...and the almost apocalyptic fear of the consequences if the opponent won“ (S. 397). Er unterstreicht damit die entscheidende Rolle, die (mitunter falsche) Perzeptionen in dieser Konfrontation spielten. Der Gewinner des Konflikts steht für ihn zweifelsfrei fest, doch merkt er zugleich an: „That the United States...is an immensely attractive society for many people around the world, does not excuse the violence with which it has attempted to influence the world, especially in Asia, Africa, and Latin America“ (S. 404). Die großen Verlierer sind für ihn denn auch die vielen Länder der „Dritten Welt“, in denen die Auseinandersetzung der beiden Supermächte Hunger, Krankheit, Unwissenheit und Ungerechtigkeit hinterlassen habe. Nachdem sich Westad zuvor einer betont nüchternen Analyse befleißigt hat, greift er am Ende doch noch in die moralische Klaviatur. Das macht ihn freilich nur sympathischer. Und sein exzellentes Buch stellt fraglos eine enorme Bereicherung der Literatur zum Kalten Krieg dar.

[1] Bernd Greiner/ Christian Th. Müller/ Dierk Walter (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg. Studien zum Kalten Krieg, Hamburg 2006; vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7636.
[2] Jussi M. Hanhimäki/ Odd Arne Westad (eds.): The Cold War. A History in Documents and Eyewitness Accounts, Oxford/ New York 2003.

Zitation
Werner Bührer: Rezension zu: : The Global Cold War. Cambridge  2005 , in: H-Soz-Kult, 10.11.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7301>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.11.2006
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
Klassifikation
Epoche(n)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation