Jean Colbus: La Chronique de Sébastien Franck (1499-1542)

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Titel
La Chronique de Sébastien Franck (1499-1542). Vision de l'histoire et image de l'homme


Autor(en)
Colbus, Jean
Erschienen
Bern 2004: Peter Lang/Bern
Preis
€ 69,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Vasily Arslanov, International Max Planck Research School

In seinem kürzlich erschienen Sammelband mit den Überlegungen zu den philosophischen Grundlagen der Geschichtsschreibung beginnt der britische Historiker Quentin Skinner ein Kapitel mit der Frage, ob man Gesinnungen früherer Zeitalter erklären kann, ohne sie auf Grund gegenwärtiger Vorstellungen von Wahrheit und Irrtum zu bewerten. Trotz aller ihrer Verworrenheit, so Skinner, kann kein/e praktizierende/r Historiker/in dieser Frage ausweichen[1]. Eine Frage, wie man hinzufügen kann, die jedem/r über Vergangenheit schreibenden Autor/in gestellt werden sollte. Zweifellos gehört zu solchen Sebastian Franck, einer der ersten Verfasser von Werken historischen Inhalts in deutscher Sprache und gleichfalls einer der scharfsinnigsten Kritiker Luthers. Im Lichte moderner Diskussionen über Geschichtsschreibung als Funktionsmittel und Form der Gruppenidentitätsrepräsentation, beispielsweise bei den Protestanten [2], können sich die Merkmale einer radikal einzelgängerischen Einstellung zur Historie verschärfen und damit unser Verständnis der Rolle und der Funktion des Autors in der „vorwissenschaftlichen“ Historiografie vielschichtig machen. Denn Sebastian Franck, wie fast kein anderer seiner Zeitgenossen, zieht die Abgrenzung zwischen dem „Wir-Gefühl“ und einem individuellen Weg zur Erkenntnis in den Mittelpunkt seiner Werke.

Francks Chroniken verlocken also mit spannenden Problemen geschichtsphilosophischen Charakters, verlangen aber eine nachhaltige, ausdauernde Auseinandersetzung, da sich Franck wegen seiner oben erwähnten Haltung gegenüber Gemeinschaftswerten jeglicher Typologisierung entzieht. Die hundertfünfzigjährige Geschichte der Bemühungen, Francks Gedankengut widerspruchslos und kohärent zu interpretieren, warnt vor der nahe liegenden Versuchung, aus dieser auffallenden Trennung ein isoliertes Bild eines weltfremden, in Vereinsamung düsteren Gedanken verfallenen Schriftstellers abzuleiten. In der Regel erweist sich allerdings genau der gegenteilige Zusammenhang: Je deutlicher ein Denker Ungewöhnliches beansprucht, desto schwieriger ist das Ungewöhnliche in seiner Denkweise zu greifen und desto problematischer lässt es sich - ausgehend davon - als Beitrag zur Ergänzung des geistlichen Arsenals seiner Zeit definieren.

Selbst der Versuch, beträchtliche Forschungslücke zu schließen, gereicht infolgedessen dem französischen Philologen Jean-Claude Colbus zum großen Verdienst. Seine 2005 beim Peter Lang Verlag erschienene 504-seitige Monografie ist die erste umfassende Untersuchung der wohl wichtigsten historischen Schrift Sebastian Francks - der 1531 in Straßburg gedruckten „Chronica, Zeitbuch und Geschichtsbibel“.[3] Obwohl Francks Geschichtsauffassungen seit Hermann Oncken (1899) mehr als einmal ins wissenschaftliche Blickfeld gerieten, kann das Thema auch nach der grundlegenden Untersuchung von Christoph Dejung (1979) keineswegs als erschöpft gelten. Man kann mit Recht behaupten, dass Dejung eine bestimmte Richtung zur weiteren Forschung pointiert hat, indem er die enge Verflechtung der Geschichtsschreibung mit dem, was man häufig als „Spiritualismus“ bezeichnet, bei Franck evident machte; das letzte Wort in den Debatten um dessen geistesgeschichtliche Bedeutung wurde damit aber nicht gesagt. Es kommt nicht nur darauf an, dass sowohl Dejung als auch andere Forscher einige Aspekte von Francks Schaffens außer Acht lassen, sondern vielmehr, dass es eine neue Erklärung der Motive, Absichten und in dem Zusammenhang der spezifischen Arbeitsweise des Historikers benötigt, und zwar mit der Rücksicht auf geschichts- und erkenntnistheoretische Eigenheiten seiner Werke, um diese präziser in den ideenhistorischen Kontext einzureihen. Dies setzt die Bereitschaft voraus, sich intensiv mit geschichtstheoretischen sowie theologischen Problemen zu befassen, da Quellenanalyse hier von Ideenkritik untrennbar erscheint.

Wie sein Buch vielfach erkennen lässt, ist Colbus sich dieser Forderungen bewusst. Auf zwei in diesem Zusammenhang essentiellen Punkte möchte ich im Folgenden näher eingehen. Fast jede Arbeit, die sich mit Franck als Historiker beschäftigt, fängt mit der Frage nach den Gründen seiner Hinwendung zur Geschichte an. Was fand ein evangelischer „Frühmesser“ an Geschichte so spannend, dass er sich dazu entschied, ohne irgendwelche Belohnungsaussichten einen Folianten wie die „Geschichtsbibel“ zu schreiben und auf den Pfarrdienst zu verzichten? Colbus sieht die Wurzeln dieses Interesses schon in seinen ersten Schriften (vor allem Übersetzungen) und leitet dieses aus seiner intensiven Auseinandersetzung mit der für die Frühreformation bedeutenden Frage von der Beziehung von Schrift und Geist ab. Im Gegensatz zu den Forschern, die Francks historische Werke als ein Medium der Propagandierung seiner „pessimistischen“ Ansichten verstehen[4], zeigt Colbus, dass selbst die grundlegende Eigenschaft der Geschichtsschreibung als Wissensvermittlung („L’histoire, médiation du savoir“ heisst ein Kapitel des Buches) für Franck einen alternativen Weg zu Gott bot. Tatsächlich findet man bei Franck an vielen Stellen düstere Äußerungen über das Menschengeschlecht; aber ihm deswegen destruktive Skepsis und Misanthropie zu unterstellen, ist unbegründet. Colbus macht auf die Einseitigkeit dieser in der Forschung etablierten Interpretation aufmerksam: „il est difficile de croire qu’en s’attelant à une tâche aussi monumentale [das Projekt einer Weltgeschichte] Franck n’ait eu d’autre but que de convaincre son lecteur de l’inanite de son enterprise et de la nécessité de garder le silence” (S. 409). Auf Grund tiefer Quellenanalyse kommt der Autor zum Ergebnis, dass die Bedeutung der Geschichte für Franck nicht nur in Sitten- sowie Machtkritik oder Widerlegung falscher Lehren, sondern vielmehr in einem unmittelbaren, und zwar individuellen, Weg zur Wahrheit und Selbsterkenntnis besteht. Gerade das Bestreben, den Leser durch den Zugang zur „unparteischen“ Kenntnis von Vergangenheit zu erleuchten (daher steht das Wort „vision“ im Untertitel), soll nach Franck die Hauptaufgabe und heilge Pflicht des Historikers sein.

Eine bisher offene Forschungsfragen ist, in welchem Maße Francks Ideen seine Bearbeitung des historischen Stoffes, seinen Narrativaufbau geprägt haben; anders formuliert, inwiefern der Historiker seine methodologischen Grundprinzipien in eigenen Texten durchgesetzt hat. Viele Forscher sind der Meinung, Franck habe die meisten Quellen einfach abgeschrieben und auf solche Weise seine Chronik kompiliert, wobei er die Hauptteile mit eigenen religiös-philosophischen Einleitungen versehen habe. Durch eine akribische Analyse konkreter Stellen führt Colbus ausschlaggebende Argumente gegen solche Interpretationen an, die, wie der Autor richtig bemerkt, im Kern die Vorurteile von Francks Gegnern wiederholen (S. 152 ff). Die anscheinend naive Kompilation der „Chronica“ verbirgt in der Tat eine durchdachte Gestaltung des Stoffes. Indem Franck zu bestimmten Ereignissen und Personen kontroverse Zeugnisse anführt, will er zeigen, wie die „weltlichen“ Interessen der Zeugen die Wahrheit verkehren, und, indem er sich weigert, ein Urteil zu fällen, fordert er seinen Leser zum vorsichtigen Umgang mit vorherrschenden Ansichten auf (S. 183ff). Kritische, vorurteilsfreie Haltung ist eine prinzipelle Voraussetzung für Lektüre seines Werkes.

Was man in der Monografie von Colbus vermisst, ist eingehende Forschungskritik. Colbus urteilt zwar streng über frühere Arbeiten, lässt sich aber selten auf Polemiken mit konkreten Autoren ein. Zum Beispiel behauptet Colbus auf Seite 7, als er den Zustand der französischen Franck-Forschung vorstellt, dass mit Ausnahme einzelner Studien „Franck est resté pratiquement ignoré par la recherche en France jusqu‘à aujourd‘hui“. Dabei trägt er ins Literaturverzeichnis 7 (!) Arbeiten des Straßburger Religionswissenschaftlers Andre Séguenny ein, ohne sein Konzept vom franckischen Spiritualismus im Text auch nur einmal zu erwähnen. Nicht weniger wundert die Abwesenheit der Hinweise auf profunde Untersuchungen von Alfred Hegler (1892) und Willi Prenzel (1908). Dass der letzt genannte Forscher übersehen bleibt, ist umso mehr zu bedauern, als Colbus merkwürdigerweise der Entwicklung Francks nur bis zur „Geschichtsbibel“ nachgeht und wichtige spätere Schriften wie „Germaniae Chronicon“, „Paradoxa“ oder „Die Guldin Ark“ völlig außer Betracht lässt.[5] Schließlich wäre es auch interessant, die Meinung Colbus zu der von Dejung unternommenen „Aktualisierung“ des philosophischen Nachlasses Francks, insbesondere der aus der Franck-Lektüre gewonnenen These, Historiker müssten immer Ketzer sein, zu hören.[6]

Diese Bemerkungen können keineswegs zahlreiche Vorzüge des Buches von Colbus herabsetzen, das durch eine systematische und beeindruckend gründliche Quellenanalyse charakterisiert ist und ein Musterbeispiel exegetischer Klarheit und Konsequenz darstellt. Vielleicht als höchstes Lob darf man schließen, dass diese Studie mit ihrem Gegenstand in einer Reihe steht, indem sie die Leser/innen zur aktiven Auseinandersetzung mit dem ideenreichen Original anregt.

Anmerkungen
[1] Skinner, Quentin, Regarding Method, Cambridge 2002, S. 27.
[2] Siehe dazu: Gordon, Bruce (Hg.), Protestant History and Identity in Sixteenth-Century Europe, 2 Bde., Aldershot, 1996.
[3] Die Arbeiten von W. Kühlmann, K. Räber, A. Seguenny, S. L. Verheus behandeln nur einzelne Aspekte bzw. Passagen der „Geschichtsbibel“, während es an einer minuziösen Studie bis zum Erscheinen der Monografie von Colbus fehlte.
[4] Besonders explizit bei: Stadelmann, Rudolf, Vom Geist des ausgehenden Mittelalters, München, 1929, S. 246-266.
[5] Zwar bezieht sich Colbus ein paar Mal auf das „Kriegsbüchlein des Friedens“, macht das hauptsächlich nur um seine die „Geschichtsbibel“ betreffenden Thesen zu bestärken. Man bekommt deswegen das Gefühl, dass Francks Denken von 1531 bis zu seinem Tod 1542 im Grunde keine wesentliche Veränderungen erfuhr.
[6] Vgl. Dejung, Christoph, Geschichte lehrt Gelassenheit in: Müller, Jan-Dirk (Hg.), Sebastian Franck (1499-1542) [Vorträge, gehalten anläßlich eines Arbeitsgesprächs vom 4. bis 7. September 1989 in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel], Wiesbaden, 1993.

Zitation
Vasily Arslanov: Rezension zu: : La Chronique de Sébastien Franck (1499-1542). Vision de l'histoire et image de l'homme. Bern  2004 , in: H-Soz-Kult, 27.04.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7331>.
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Veröffentlicht am
27.04.2006
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