D. Gugerli u.a. (Hgg.): Nach Feierabend

Cover
Titel
Bilder der Natur - Sprachen der Technik.


Hrsg. v.
Gugerli, David; Hagner, Michael; Hampe, Michael; Orland, Barbara; Sarasin, Philipp; Tanner, Jakob
Erschienen
Zürich 2005: diaphanes
Umfang
219
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Simon, Historisches Seminar, Universität Basel

2003 wurde unter dem Namen ‚Zentrum Geschichte des Wissens’ zwischen der Eidgenössischen Technischen Hochschule und der Universität Zürich ein Forschungs- und Lehrverbund der interessierten Historiker und Philosophen (damals alles Männer) geschaffen. Die Gründer des Zentrums geben seit 2005 zusammen mit Barbara Orland (geschäftsführende Oberassistentin des Zentrums) ein Jahrbuch mit dem Titel „Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte“ heraus, dessen erster Band, der etwas über 200 Seiten umfasst, hier vorliegt.

Das Jahrbuch gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil enthält Aufsätze, die durch einen lockeren thematischen Rahmen (in dieser Nummer „Bilder der Natur – Sprachen der Technik“) verbunden sind. Der zweite enthält einen Essay, der dritte eine Buchbesprechung („Lektüre“) [1] und der vierte Teil enthält abgedruckte Texte von bedeutenden Autoren, die Mitglieder der Zürcher Gruppe kommentieren („Dialoge“). Hinweise zur Identität der Autoren/innen oder deren institutionelle Adressen sucht man vergeblich.

Die Einleitung erklärt sehr knapp die Absichten der Herausgeber/in, sich einer „genealogischen und vergleichenden Untersuchung unterschiedlicher Wissensbegriffe, ihrer Formulierungen und Praktiken, Hilfsmittel und Darstellungsformen“ (S. 7) zuzuwenden. Erklärungsbedürftig erscheint nicht nur dem Rezensenten, sondern erschien schon den Herausgebern der Titel des Jahrbuchs. Vielleicht ist „Nach Feierabend“ doch nicht so klug gewählt, wie es scheinen möchte, muss doch einerseits das mögliche Missverständnis ausgeräumt werden, es handle sich um feierliche, „monumentalistische“ Geschichtsschau in kommemorativer Absicht. Andererseits empfinden die Herausgeber/in das Bedürfnis, der Anspielung nachzugehen, die dadurch entsteht, dass unser Ohr nicht zwischen „Feyerabend“ und „Feierabend“ unterscheidet. Tatsächlich befindet sich die Züricher Wissenschaftstheorie mit den/r Herausgebern/in bereits in der zweiten Generation „nach (Paul) Feyerabend“ (Feyerabend lehrte von 1980 bis 1990 an der ETH Zürich). Wer Paul Feyerabend (1924-1994) als erfrischenden und wichtigen Bilderstürmer einschätzt, wird mit Verwunderung feststellen, dass die Herausgeber/in das Bedürfnis haben, sich auf Distanz zum – in deren Worten – „Theatermann“ und „Wiener Dadaisten“, dessen „Ideologiekritik“ inzwischen nicht mehr „das vorrangige Geschäft der Wissensgeschichte zu sein hat“, zu begeben.

Tatsächlich geht es dann auf den folgenden Seiten sehr ernst zu; in einem Beitrag geht der Gedanke gar auf stilistischen Stelzen einher, und ikonoklastische Ideologiekritik bleibt einem Text von Michel Foucault von 1975 vorbehalten. Mit letzterem hat dann der Zürcher Kommentator seine liebe Mühe, wobei er es nicht unterlassen kann, gegen Foucault für die „genealogische Wissensgeschichte“ den Anspruch zu erheben, „verstehbar“ zu machen, „warum gewisse Wahrheiten eine Weile lang im Fluss der Zeit Bestand haben“ (S. 217, Philipp Sarasin). Foucaults listig inszenierter Kampf („Krieg“) gegen die Macht, motiviert durch ein ganz persönliches, im abgedruckten Text [2] eindrücklich belegtes Motiv zum beinahe obsessiven Engagement für die Befreiung der Andersartigen von bürgerlichen Konventionen, von einem staatlich-gesellschaftlich-diskursiven Kontrollanspruch, aber auch von einem nach verwandten Mustern funktionierenden, etablierten Kommunismus erscheint diesem Kommentator wohl so unpassend für das 21. Jahrhundert wie den Herausgebern der destruktive Witz Feyerabends.

Mag auch die Rede vom „Feierabend“ etwas problematisch sein, so dient sie immerhin der Abgrenzung vom innerdisziplinären „Tagewerk“ der Forschungspraxis. Tatsächlich haben die Beiträge das Bestreben gemein, sich über Disziplinengrenzen hinaus verständlich zu machen, Themenstellung und Darstellung breiter zu konzipieren, als dies im Verkehr nur mit den unmittelbaren Fachgenossen nötig und üblich wäre, und aus den üblichen Konventionen über die Strukturierung von wissenschaftlichen Aufsätzen auszubrechen. Dafür gebührt der Autorin und den Autoren der vier Aufsätze Anerkennung.

In diesem Aufsatzteil handelt Philipp Felsch (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) die Bedeutung des Hochgebirges für das physiologische und psychophysische Wissen ab.[3] Charlotte Brigg (ETH Zürich und Department of History and Philosophy of Science, Univ. of Cambridge) studiert eingehend, wenn auch mit nur geringem Interesse für die ökonomische Seite dieser Industrie des 19. Jahrhunderts, die Techniken der Panoramakünstler.[4] Erich Hörl (Assistent an der Professur für Philosophie der ETH Zürich) befasst sich mit der wichtigen Phase des Verhältnisses zwischen Mathematik und Lebenswissenschaften nach 1900, die das „Leben“ zu einem möglichen Gegenstand mathematischer Berechnung machten und den Weg zum Vordringen informationstheoretischer Ansätze in diese Wissenschaften nach 1945 vorbereitete.[5] Wolfgang Pircher (Institut für Philosophie der Universität Wien) studiert die Bedeutung des Zeichnens für die Ingenieure, ausgehend von Karl Cullmann (Professor an der ETH Zürich von 1855 bis 1881), der statische Probleme mit darstellender Geometrie zu lösen lehrte.[6]

Man kann sich zwar wundern, weshalb ein Abschnitt des Buches mit „Dialog“ überschrieben ist, wenn darin nicht wirkliche Gespräche zu finden sind, die das Gegenüber als Partner verstehen und ihm Gelegenheit zu Einwänden und Widerrede, Zustimmung, Nuancierung und Ablehnung einräumen. Dieser Teil des Jahrbuchs ist aber die Bühne für die besten Leistungen, die sich darin finden. Der hier (leider in Übersetzung) abgedruckte Auszug von Ian Hacking „Ein Stilbegriff für Historiker und Philosophen“ ist in jeder Hinsicht lesenswert. Michael Hampes eigenständige, klare und weiterführende Auseinandersetzung mit Hackings „Historical Ontology“ ist das willkommene Kernstück des Bandes. Durchaus nicht unkritisch in seinem Verhältnis zu Hacking werden dessen Gedanken sorgfältig kontextualisiert, und der Autor führt uns exemplarisch den Nutzen der Begegnung von Wissen(schaft)sphilosophie mit Wissen(schaft)sgeschichte vor Augen. Gleichzeitig arbeitet er verständnisvoll die destruktive Intention Hackings heraus, die auf das „undoing“ der Ansprüche angeblicher Notwendigkeit abzielt. Damit baut Hampe eine nützliche Brücke, deren Pfeiler die Destruktion und die Archäologie sind, vom Text Hackings (2002) zum nachfolgend in Übersetzung abgedruckten Interview mit Foucault (1975) und dessen Plädoyer für das Einreissen von Mauern, die kluge Taktik, das Experimentieren, das Verweigern der Identifizierung, das Instrumentalisieren von Geschichte und Darstellung („écriture“) mit dem Ziel, aus rechten und linken Pessimismen auszubrechen, ohne einer revolutionären Eschatologie zu verfallen, d.h. eine „politique historique“ zu betreiben.

Im Essay-Teil illustriert schliesslich Valentin Groebner die wohlbekannten Formen des Gebrauchs von Geschichte im 19. und 20. Jahrhunderts zur Konstruktion von Nation und Nationalstaat, wobei Präsentismus Geschichte und Gegenwart verklammerte. Denjenigen unter den heutigen Spezialisten der Vormoderne, die den Eindruck haben, ihr Wissen sei „auf geheimnisvolle Weise implodiert“ oder zu einer „unnützen Gelehrsamkeit“ (S. 112f.) verkommen, rät er, historische Themen ihrerseits zu vergegenwärtigen, indem sie sich historischen Situationen zuwenden, die der aktuellen Unordnung in der Welt vergleichbar seien. Die Themenwahl des Autors erscheint so als Positionierungsstrategie im Kampf um Karrierechancen und Ressourcen.

Der Rezensent erwartet mit Spannung die Fortsetzung des Jahrbuchs in der Ausgabe von 2006.

Anmerkungen:
[1] Hagner, Michael, „Du störst!“ Menschen im Labor und Fallibilismus: Über Benjamin Libets „Mind Time“, S. 127-135
[2] Droit, Roger-Pol, Michel Foucault. Entretiens, Paris 2004, S. 89-136, in diesem Band mit Auslassung deutsch übersetzt als: „Ich bin ein Sprengmeister“. Ein Gespräch über die Macht, die Wissenschaften, die Genealogie und den Krieg, von Roger-Pol Droit, Juni 1975, hier S. 187-203.
[3] Felsch, Philipp, Aufsteigesysteme 1800-1900, S. 15-32.
[4] Brigg, Charlotte, Das Panorama, oder La Nature à Coup d’Œil, S. 33-55.
[5] Hörl, Erich, Zahl oder Leben. Zur historischen Epistemologie des Intuitionismus, S. 57-81.
[6] Pircher, Wolfgang, Die Sprache des Ingenieurs, S. 83-108.

Zitation
Christian Simon: Rezension zu: Gugerli, David; Hagner, Michael; Hampe, Michael; Orland, Barbara; Sarasin, Philipp; Tanner, Jakob (Hrsg.): Bilder der Natur - Sprachen der Technik. Zürich  2005 , in: H-Soz-Kult, 20.06.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7417>.
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20.06.2006
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