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Titel
Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte


Autor(en)
Himmler, Katrin
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: S. Fischer
Umfang
329 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Riedel, KZ-Gedenkstätte Dachau

Faktenreich und kritisch schildert die Politikwissenschaftlerin Katrin Himmler die Familiengeschichte Gebhard und Ernst Himmlers, den Brüdern des „Jahrhundertmörders“ (S. 11) Reichsführer SS Heinrich Himmler. Sie knüpft dabei an die jüngere Täterforschung an, die sich verstärkt mit der Geschichte derjenigen NS-Verbrecher befasst, die nicht an der Spitze des nationalsozialistischen Machtapparates standen, sondern im zweiten oder dritten Glied die nationalsozialistischen Massenverbrechen planten und umsetzten.[1] Katrin Himmler fügt diesen Untersuchungen insofern ein weiteres Element hinzu, als sie mit der Frage nach Handlungsoptionen und Entscheidungsfreiheiten Gebhard und Ernst Himmlers im Nationalsozialismus den juristischen Täterbegriff durch einen historischen erweitert, der – wie Michael Wildt in seinem Nachwort des Bandes erläutert – jenseits der strafrechtlichen Dimension, die Verantwortung von Mitläufern und Mittätern einschließt.

Katrin Himmler hat bereits an verschiedenen zeitgeschichtlichen Forschungsprojekten mitgewirkt. Doch es war vor allem ein persönliches Interesse, dass den Anstoß gab, sich dieser Familiengeschichte zu widmen. Denn Katrin Himmler ist die Enkeltochter von Ernst Himmler, dem jüngsten der drei Brüder. Die besondere Perspektive ihres Buches schlägt sich auch in der Darstellungsform nieder. So orientiert sich der Band nicht streng am Stil wissenschaftlicher Abhandlungen, auch die Emotionen Katrin Himmlers, etwa bei der Konfrontation mit neuen Dokumenten über ihren Großvater, werden thematisiert, während detaillierte Fußnoten fehlen. Ein Anmerkungsapparat enthält jedoch weiterführende Literatur- und Quellenhinweise.

Katrin Himmler konnte sich auf bislang unberücksichtigte Quellen aus den Beständen ihrer Verwandtschaft stützen. Doch entgegen der Familienüberlieferung, die eine „ideologische Distanz“ zwischen dem „unpolitischen Ernst“ und „Heinrich dem Schrecklichen“ (S. 18f.) behauptete, musste Katrin Himmler feststellen, dass ihr Großvater und auch dessen Bruder Gebhard, überzeugte Nationalsozialisten waren, die sich auf verantwortungsvollen Posten engagiert für den NS-Staat einsetzten.

Ernst Himmler hatte sich bereits 1931 der NSDAP angeschlossen. Unmittelbar nach der Machtübernahme, als die Nationalsozialisten die Rundfunkhäuser in Deutschland von politischen Gegnern „säuberten“ und mit eigenen Parteigenossen besetzten, erhielt auch Ernst Himmler dank der Unterstützung des Reichsführers SS eine Anstellung beim Reichsrundfunk. Schnell stieg er zum Stellvertreter des Technischen Direktors auf, mehrfach wurde er vom NS-Staat ausgezeichnet. Seit Kriegsbeginn organisierte Ernst Himmler den Aufbau der Rundfunkverbindungen zwischen Berlin und den Wehrmachtstruppen an der Front. Schon 1933 war er auch der SS beigetreten. Dass der Bruder des Reichsführers SS diesen Schritt nicht nur aus Karrieregründen getätigt hatte, wird spätestens anhand eines Schreibens vom Mai 1944 deutlich: Als Heinrich Himmler seinen Bruder Ernst um die Beurteilung des stellvertretenden Betriebsdirektors Major Schmidt bat, dessen Vorfahren mindestens zum Teil jüdischer Herkunft waren, plädierte Ernst Himmler in antisemitischer Diktion für die Absetzung des Mannes. Dabei wusste er durchaus, welchen Gefahren er den Major auslieferte, seiner negativen Beurteilung fügte er die kryptischen Worte an: „Unabhängig von der späteren Behandlung solcher Fälle.“ (S. 211)

Gebhard Himmler, der älteste der drei Brüder, hatte sich bereits nach seiner Rückkehr als Soldat aus dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Heinrich Himmler in den militanten Kreisen der völkischen Rechten Münchens engagiert. Beide nahmen am Hitler-Putsch 1923 teil. Der gelernte Diplomingenieur Gebhard Himmler, der seit 1925 als Lehrer in München unterrichtete, machte nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Karriere im Hauptamt für Technik der NSDAP und als Ministerialbeamter im Reichserziehungsministerium. Unter anderem setzte er sich dafür ein, dass nur noch diejenigen Studienabsolventen einen Ingenieurstitel tragen durften, die auch den rassistischen Kriterien des NS-Staates entsprachen.

Das Elternhaus der drei Brüder war dominiert durch den Vater Gebhard Himmler senior, Schuldirektor am Wittelsbacher Gymnasium in München. Einer der ehemaligen Schüler des Gymnasiums, Alfred Andersch, charakterisierte ihn in einer literarischen Darstellung als äußerst strengen und unbarmherzigen Lehrer.[2] In der Erziehung seiner Söhne setzte Gebhard Himmler auf „Strenge, Disziplin, Anständigkeit – die deutschen Kernsekundärtugenden“ (S. 31). Die „Normalität“ des Familienlebens, wie Katrin Himmler es stellenweise schildert, wirkt befremdlich, etwa wenn die drei Brüder nur beim Vornamen genannt werden, der spätere Reichsführer SS in Zitaten häufig sogar als „Heini“ auftaucht. Doch gleichzeitig wird gerade an diesen Passagen die Ambivalenz deutlich, die sich seit Beginn der Weimarer Republik manifestierte, zwischen einer zutiefst bürgerlichen, angesehenen und „ganz normalen Familie“ (S. 29), die dabei in radikalster Weise die bestehende, nämlich freie und demokratische Gesellschaftsordnung ablehnte.

Ausführlich schildert Katrin Himmler die Rolle der Ehefrauen bzw. Geliebten der drei Himmler-Brüder, die nicht nur die nationalsozialistische Einstellung ihrer Männer teilten, sondern nach 1945 auch an der Verdrängung der Familiengeschichte mitwirkten und sich sogar einem Netz alter Nationalsozialisten anschlossen. Der israelische Psychologe Dan Bar-On, spricht von einer „doppelten Mauer“ [3], die zwischen der nationalsozialistischen Tätergeneration und ihren Nachfahren bestand: Während sich die Eltern ihrer NS-Vergangenheit nicht stellten und möglichst rasch zur vermeintlichen „Normalität“ übergingen, wollten die Kinder ihre Väter und Mütter als sorgende Eltern in Erinnerung behalten, und zögerten ihrerseits, Fragen nach deren Verantwortung für nationalsozialistische Verbrechen aufzuwerfen. Die Forscher um den Sozialpsychologen Harald Welzer kommen zu dem Ergebnis, dass im Familiengedächtnis Eltern und Großeltern häufig sogar als Helden des alltäglichen Widerstandes oder ausschließlich als Opfer des Krieges und seiner Folgen erinnert werden.[4] Tendenzen der Viktimisierung, die sich auch in jüngst erschienenen Publikationen anderer Täter-Nachfahren finden.[5] Katrin Himmler stellt mit ihrer kritischen Studie über die Brüder Himmler eine positive Ausnahme dar.

Anmerkungen:
[1] Um nur zwei Beispiele zu nennen: Herbert, Ulrich, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989, Bonn 1996; Wildt, Michael, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2003.
[2] Andersch, Alfred, Der Vater eines Mörders, Zürich 1980. Die Veröffentlichung führte damals zu einer Flut von Leserbriefen ehemaliger Schüler in der Süddeutschen Zeitung. Während die einen Anderschs Schilderung zustimmten, sahen andere den Lehrer als durchaus korrekten Pädagogen seiner Zeit – wie etwa der Rechtsanwalt Dr. Otto Gritscheneder, der vor allem durch seine kritischen Untersuchungen über das Verhältnis von Justiz und Nationalsozialismus bekannt wurde.
[3] Bar-On, Dan, Die Last des Schweigens. Gespräche mit Kindern von Nazi-Tätern, Reinbek 1996, S. 22.
[4] Welzer, Harald u.a. (Hgg.), Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002.
[5] Vgl. etwa: von Schirach, Richard, Der Schatten meines Vaters, München 2005; zur Kritik vgl. Brinck, Christine, Angst vor den Fragen, in: Süddeutsche Zeitung, 24.10.2005.

Zitation
Dirk Riedel: Rezension zu: : Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte. Frankfurt am Main  2005 , in: H-Soz-Kult, 17.04.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7444>.
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Veröffentlicht am
17.04.2006
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