S. Maß: Weiße Helden, schwarze Krieger

Cover
Titel
Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland 1918-1964


Autor(en)
Maß, Sandra
Erschienen
Köln/Weimar/Wien 2006: Böhlau Verlag Köln
Umfang
370 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Michels, Institut für Afrikanistik, Universität Köln

Das schwarze Gesicht Lettow-Vorbecks ziert den Umschlag der Studie über koloniale Männlichkeit von Sandra Maß. Nicht nur die Inversion der Schwarz-Weiß-Abbildung, auch die Risse, die durch die Glasvorlage des Originals gehen, unterstreichen und verdichten Maß’ Thesen optisch. Als Spiegelgeschichte legt sie ihre Betrachtung der „Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland“ an. Anhand zweier – wie Maß sie nennt – „Propagandabewegungen“ der Zwischenkriegszeit zeigt sie, wie sich der „weiße Held“ im „schwarzen Krieger“ spiegelt und bricht: einerseits in der so genannten „Schwarzen-Schmach-Kampagne“ über afrikanische Besatzungssoldaten der französischen Armee im Rheinland, andererseits in der Figur der treuen Askari, die in Deutsch-Ostafrika vor und während des Ersten Weltkrieges in der deutschen Kolonialarmee kämpften. In beiden Geschichten lieferten schwarze Soldaten die Folie zur Konstruktion weißer Männlichkeit.

Maß gelingen eine ganze Reihe neuer und grundlegender Erkenntnisse über die koloniale/weiße Männlichkeit unter besonderer Berücksichtigung soldatischer Männlichkeit. Tatsächlich – und das mag erstaunen – wurde die deutsche Kolonialgeschichte bisher nur am Rande unter dieser Fragestellung beleuchtet. Obwohl sie ihre Arbeit selber nicht im Umfeld der Whiteness Studies verortet und die von ihr verwendeten Begriffe „weiße“ und „koloniale“ Männlichkeit daher auch nebeneinander verwendet werden, bietet die Arbeit eine nicht nur methodisch-theoretische Erweiterung zu den Arbeiten dieser Richtung.[1]

In sieben Kapitel unterteilt Maß den inhaltlichen Teil der Arbeit. Sie beginnt mit der „soldatischen Männlichkeit in der kolonialen Erinnerung an Deutsch-Ostafrika“. Hierbei stützt sie sich vor allem auf Memoirenliteratur von deutschen Teilnehmern des ersten Weltkrieges in Deutsch-Ostafrika. Die zeitliche Einordnung (1918-1933) erklärt sich aus den Erscheinungsdaten der Literatur beziehungsweise aus der Virulenz des Mythos der „treuen Askari“ und seines Spiegelbildes, des kolonialen Helden Lettow-Vorbeck und dessen Kampf gegen die so genannte „Kolonialschuldlüge“.

Im nächsten Kapitel stellt die Autorin die „Schwarze-Schmach-Kampagne“ und die „afrikanischen Besatzungssoldaten als Spiegel der Nachkriegszeit“ vor. Hier kann sie sich auf eine Reihe bereits publizierter Arbeiten, allen voran denen Christian Kollers stützen, deren Erkenntnisse sie nuancieren und ergänzen kann, indem sie neue Akten und Zeitungsartikel hinzuzieht.[2] So arbeitet sie besonders die Rolle der Rheinischen Frauenliga heraus und das Bild weißer bürgerlicher Weiblichkeit, das diese über ihre Schriften – explizit auch gegen proletarische Weiblichkeit – erzeugen. Der deutschen Erzählung zum Thema der afrikanischen Besatzungssoldaten stellt sie die französische gegenüber. Dadurch kann sie zeigen, dass sich der Diskurs in Deutschland ab den 1920er-Jahren von rassistischen und kulturalistischen Argumenten hin zu „Heimat“ und „Nation“ verschiebt. Die „weiße Frau“ und deren Schutzlosigkeit vor „wilden“ und „potenten“ Afrikanern und damit auch die Ohnmacht der deutschen Männer, sie zu beschützen, verliert zu diesem Zeitpunkt seine politische Integrationskraft. Lediglich bei dem „völkischen Rand“ der Kampagne werden die biologistischen Argumente weiter geführt, die dann in der NS-Zeit verstärkt aufgegriffen werden. Maß zeigt auch die Wirkung der Kampagne auf in Deutschland lebende Afrikaner und Afrodeutsche und deren Proteste dagegen.

Im Kapitel „Koloniale Vorstellungswelten zwischen Gewalt und bürgerlicher Ordnung“ entsteht als eine Art Synthese aus den beiden vorangegangenen Kapiteln eine überzeugende Darstellung des Spannungsverhältnisses von Kolonialismus/Rassismus und Geschlechterverhältnissen. Maß geht dabei weit über die „soldatische Männlichkeit“ hinaus, und zeigt, wie Vorstellungen der bürgerlichen Familie und „apokalyptische Phantasmagorien“ in diese hinein- und zurückwirkten. In diesem Kapitel – dem Herzstück der Arbeit – beeindruckt besonders die theoretische und empirische Breite, mit der sie das Thema angeht. Kolonialgeschichte erscheint hier nicht als randständig, sondern als zentral für die Konstitution und Selbstversöhnung weißer, bürgerlicher, deutscher Identität. In diesem Kapitel geht sie zeitlich und damit inhaltlich weit in die deutsche Kolonialgeschichte zurück, beispielsweise in der Beschreibung des gewaltvollen Gewinns und Verlustes von Heimat durch weiße Männer in Afrika, deren Landschaft die sexualisierte Bühne für männliche Phantasien abgibt. Überzeugend ist ihre Darstellung des ambivalenten Selbstbildes des „kolonialen Mannes“, der Afrika sowohl begehrt, als auch fürchtet, und somit sowohl sehnsüchtige Liebe als auch Gewalt empfindet und durch diese Ambivalenz zu rausch- und wahnhaften Grenzüberschreitungen fähig wird.

Der inhaltliche Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt jedoch in der Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen des ersten Weltkrieges in der Rheinlandbesetzung und der Idealisierung des Krieges in Afrika. Maß arbeitet dabei deutlich heraus, wie das Reden über den „ritterlichen“ Krieg in Afrika das Schweigen über das industrialisierte Sterben in Europa spiegelt. Der märchenhafte Krieg in Afrika und der individuelle Heldentod können somit als Zivilisationskritik gedeutet werden. In der „Schwarzen-Schmach-Kampagne“ bleibt der Krieg selbst ebenfalls eine Leerstelle. Allerdings projiziert die Propaganda die Kriegsgewalt (auch die eigene) auf die afrikanischen Besatzungssoldaten und kann so das verletzte und gedemütigte Selbst dadurch versöhnen, dass die afrikanischen Soldaten zur alleinigen Ursache der Niederlage erklärt werden. Auch die Beschreibung der für Deutschland kämpfenden Askari in Afrika spiegelt eine Kritik an den verweichlichten, effeminierten deutschen Soldaten. Zeitlich wiederum in die Zeit vor 1918 gehend, zeichnet die Autorin komplexe „rassisch“ und geschlechtlich markierte Hierarchien in den Kolonien, in denen afrikanische Diener an die Stelle der Frauen rückten und so in die Rolle der „Mütter“ der weißen Männer schlüpfen können. Weiße Frauen sind in den (soldatischen) kolonialen Welten absent, die Askari-Familien werden hingegen in Zeiten des Friedens als Idyll gezeichnet. In Kriegszeiten werden die Askari-Frauen jedoch zur Bedrohung des kolonialen Paares des weißen Soldaten und des schwarzen Dieners.

Zwei Kapitel sind der NS-Zeit gewidmet („Kolonialen Heldenphantasien im Nationalsozialismus“ und „ Nationalsozialistische Gewalt und das koloniale Andere“). Eindrucksvoll gelingt ihr dabei die Darstellung des NS-Rekurses auf die kolonialen Helden Lettow-Vorbeck und Carl Peters. Lettow-Vorbeck war aus Sicht der NS-Ideologie ambivalent, stand er doch für eine bürgerlich-koloniale Männlichkeit, während Carl Peters, in der Kaiser- und Weimarer Zeit ein gescheiterter Kolonialheld, durch das proletarische Element der Betonung von Kampf und Körperlichkeit dem NS-Ideal eher entsprach und folglich zu einem solchen aufgebaut wurde. Brillant ist dann Maß’ Interpretation von Erwin Rommel als Synthese aus diesen beiden Figuren: sowohl ritterlich als auch rücksichtslos und damit den alten und den neuen Heldenkult integrierend. Maß beschließt ihr Werk mit dem „Abgesang kolonialer Männlichkeit nach 1945“ und veranschaulicht dies an den Afrika-Veteranenverbänden sowie der Fremdenlegion auf der einen, den nordafrikanischen und afroamerikanischen Besatzungssoldaten auf der anderen Seite. Diese Betrachtung endet mit dem Übergang in ein neues, nicht-soldatisches Männlichkeitsideal der 1950er-Jahre, in dem nunmehr „Lässigkeit“ zum Vorbild wurde.

Maß’ Studie besticht durch den sowohl zeitlich als auch thematisch weiten Bogen, den sie spannt. Gelegentlich scheint ihr dabei das Schwerpunktthema etwas aus dem Fokus zu geraten. Leicht unscharf erscheint auch ihr Propagandabegriff. Für die „Schwarze-Schmach-Kampagne“ und die dafür von ihr herangezogenen Texte kann dieser durchaus als gerechtfertigt gelten. Sie zählt allerdings auch die gesamte Erinnerungs- und Memoirenliteratur zum Ersten Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika zu einem propagandistischen Diskurs und ihre Verfasser zu PropagandistInnen. Alle „subjektive[n] und kollektive[n] Interpretationskämpfe“ (S. 19) darunter zu fassen scheint jedoch, gerade mit Hinblick auf die heterogene Autorenschaft der Memoirenliteratur, wenig erkenntnisfördernd. Durchaus zuzustimmen ist ihr darin, dass es eine neue Dynamik und damit neue Erkenntnis bedeutet, die Kategorie der Erfahrung in die Diskursanalyse einzubinden. Auch ihre Erweiterung mittlerweile etablierter Begriffe, wie „Phantasie“ oder „Imagination“ durch psychoanalytische (Jacques Lacan) und postkoloniale (Homi K. Bhabha) Ansätze, überzeugt. Theoretisch und methodisch derart gerüstet, kann die Autorin zeigen, dass „Propaganda“ und „Erfahrung“ bei der Deutung der Wirklichkeit eine unauflösbare Symbiose eingehen und Phantasmen auch dazu dienen, vor dem „Realen“ zu schützen, indem sie den Ort der Gefahr benennen. Dementsprechend spricht sie vom „Phantasma der treuen Askari“, das die Verweichlichung der weißen Soldaten in Europa thematisiert und von der „apokalyptischen Phantasmagorie“ der „Schwarzen-Schmach-Kampagne“, die Ohnmachts- und Bedrohungsgefühle der körperlichen Auslöschung weißer Männer benennt. Insgesamt zeigt die sehr gelungene Arbeit, wie zentral das koloniale/rassische, aber auch das proletarische „Andere“ für die Herstellung des weißen/bürgerlichen Selbst bis in die 1950er-Jahre hinein war. Maß’ Hinweis auf die Funktion des „anderen Mannes“ in der Figur des „edlen Wilden“ und des „schwarzen Kriegers“ für linke Männlichkeitsentwürfe (jetzt in der Befreiungsbewegung) und weiße Entwicklungshelfer erscheinen so auf verblüffende Weise folgerichtig.

Anmerkungen:
[1] Zum Beispiel Walgenbach, Katharina, Die weiße Frau als Träger deutscher Kultur. Koloniale Diskurse über Geschlecht, „Rasse“ und Klasse im Kaiserreich. Frankfurt am Main 2005. Rez. von Brigitte Fuchs unter <http://querelles-net.de/2006-20/text20fuchs_walgenbach.shtml> (9.1.2007)
[2] Koller, Christian, „Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt“. Die Diskussion um die Verwendung der Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930), Stuttgart 2001.

Zitation
Stefanie Michels: Rezension zu: : Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland 1918-1964. Köln/Weimar/Wien  2006 , in: H-Soz-Kult, 25.04.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7502>.
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Veröffentlicht am
25.04.2007
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