Cover
Titel
Die Gewalt.


Autor(en)
Wieviorka, Michel
Erschienen
Umfang
230 Seiten
Preis
€ 25,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Thorsten Bonacker, Institut für Soziologie, Philipps-Universität

Seit gut fünfzehn Jahren lässt sich eine verstärkte sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Phänomenen kollektiver Gewalt beobachten. Die empirischen und theoretischen Arbeiten dazu, die sowohl aus der Soziologie und Sozialpsychologie als auch aus der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft und den Kulturwissenschaften kommen, sind mittlerweile so zahlreich, dass man sicherlich von einem der innovativsten und intensivsten Forschungsgebiete der letzten Jahre sprechen kann. Es mehren sich deshalb auch Beiträge, die versuchen, einen Überblick über das mittlerweile weit verzweigte Feld der Gewaltforschung zu bekommen. Sicherlich vorbildlich ist hier das von Wilhelm Heitmeyer und John Hagan herausgegebene Internationale Handbuch der Gewaltforschung, in dem nicht nur verschiedene zentrale Aspekte und Einzelfragen der sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung gebührend berücksichtigt werden, sondern in dem auch unterschiedliche theoretische Ansätze und methodologische Zugänge zu Wort kommen.[1] Zwei Grundprobleme der Gewaltforschung werden in diesem Handbuch benannt, die beide mit der Uneindeutigkeit des Gewaltbegriffs zusammenhängen: Das erste Grundproblem eines solchen Handbuchs besteht Heitmeyer zufolge einfach darin, dass die „Vielfältigkeit sozialer Situationen und politischer Auseinandersetzungen als Gewalt (es unmöglich macht), auch nur ansatzweise alle Varianten der Gewalt zu beschreiben, zumal der brutale Erfindungsreichtum von Individuen, Kollektiven und staatlichen Akteuren zur Schädigung anderer Menschen und Gruppen kaum begrenzt zu sein scheint“ [2]. Das zweite Grundproblem nicht nur eines solchen Handbuchs, sondern jeder umfassenderen Studie über Gewalt besteht darin, dass Phänomen als solches zu definieren. Dieses für die Sozialwissenschaften beileibe nicht unbekannte Problem spiegelt sich in einer ganzen Reihe von theoretischen Arbeiten der letzten Jahre wider, die sich der Klärung des Gewaltbegriffes widmen. Beide Probleme sind sattsam bekannt. Wie in wohl kaum einem anderen Forschungsgebiet neigen Beiträge zur Gewaltforschung dazu, mit solchen Selbstvergewisserungsversuchen anzufangen. Um es salopp zu formulieren: Kaum eine längere Studie, die nicht ihr erstes Drittel darauf verwendet deutlich zu machen, dass es keine Einigkeit über die Definition von Gewalt gibt, und die deshalb einen ganz eigenen Zugang zum Problem rechtfertigt. Ein nicht zu unterschätzendes Verdient des Handbuchs von Heitmeyer und Hagan besteht deshalb darin, trotz dieser Probleme einmal festgehalten zu haben, was wir eigentlich über die Entstehungsgründe, die Ursachen, den Verlauf und die Folgen von Gewalt wissen – und das ist nicht gerade wenig.

Wenn jemand dennoch meint, die Frage der Gewalt noch einmal ganz neu und ganz von vorne angehen zu müssen und zugleich in Aussicht stellt, einen Paradigmenwechsel der Gewalt im globalen Zusammenhang zu rekonstruieren, dann kann man aus guten Gründen skeptisch sein. Wenn der Verfasser das hier zu besprechende Buch einfach nur „Die Gewalt“ nennt, dann verstärkt sich diese Skepsis angesichts der knapp 1600 Seiten die ein Handbuch benötigt, um Formen und Formwandel der Gewalt in westlichen Industriegesellschaften zu beschreiben. Wieviorka hat sich mit seinem Buch nichts weniger vorgenommen, als der Frage nachzugehen, wie sich die Gewalt seit dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem Niedergang der Arbeiterbewegung verändert hat. Im zweiten Teil des Buches skizziert er darüber hinaus eine Theorie der Gewalt, die das Subjekt in den Mittelpunkt stellt. Damit wird auch schon deutlich, wie Wieviorka den beiden Grundproblemen der Gewaltforschung begegnet und worin der Preis dafür liegt: Die Rede von der Gewalt soll deutlich machen, dass es einen Kern dessen gibt, was unter Gewalt verstanden wird – von der Ohrfeige bis zum Krieg. Gleichzeitig werden die unterschiedlichen Ebenen des Gewalthandelns in die These von einem globalen Formwandel der Gewalt nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eingespannt. Wieviorka bedient sich somit eines doppelten Reduktionismus: Er spricht von der Gewalt ohne begrifflich weiter zu differenzieren und sich überhaupt darauf einzulassen, was denn die unterschiedlichen Formen von Gewalt eint, und er führt den diagnostizierten Wandel der Gewalt letztlich darauf zurück, dass der Staat in die Krise geraten sei. Der Preis dieser Vereinfachungen ist eindeutig zu hoch: Das Buch ist durchzogen von simplifizierenden Thesen und lose aneinander gereihten Beobachtungen, die mal mehr, mal weniger mit dem Generalthema des Buches – dem Paradigmenwechsel der Gewalt – verbunden sind. Dazu kommt, dass Wieviorka souverän fast alles ignoriert, was die empirische Gewaltforschung in den letzten Jahren und Jahrzehnten zusammengetragen hat. Insofern wäre das Handbuch keine schlechte Literaturempfehlung. Gleiches gilt für die theoretische Diskussion zu Gewalt und Konflikt. Und für die Debatte um Ursachen und Folgen der Globalisierung – ein weiterer Begriff, der von Wieviorka ohne lange Diskussion und ohne ein Bemühen um begriffliche Präzision verwendet wird.

Die drei zentralen Thesen des ersten Teils leiden denn auch stark unter einem Duktus des Buches, das dem „geheimnisvollen Teil“ (S. 12) der Gewalt auf die Spur kommen will. Allerdings kann man sich der Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Geheimnis nicht mehr ganz so geheim ist, wenn man den Forschungsstand kennt. Die erste These besagt, dass Gewalt und Konflikt eher Antipoden sind als sich gegenseitig bedingen. Stimmt. Das haben schon Simmel, Coser, Dahrendorf und zuletzt Dubiel gesagt und daraus interessante theoretische und begriffliche Schlüsse für die integrative Kraft von Konflikten gezogen. Warum diese Einsicht aber mit dem Wandel der internationalen Beziehungen zusammenhängt, ist mir jedenfalls unklar. Ebenso unplausibel ist angesichts der empirischen Forschung die daran anschließende These Wieviorkas, dass das Gewaltrisiko dort steigt, wo strukturierende Konflikte fehlen. Allenfalls steigt es dort, wo anerkannte Modi der Konfliktaustragung fehlen. Diese nüchterne und nicht sehr aufregende Feststellung passt aber nicht zum Pathos des Buches, in dem der Autor verkündet, dass wir als „die Hinterbliebenen zweier großer Konflikte“ vor der Situation stehen, dass sich der „Raum der Gewalt beträchtlich geöffnet und erneuert“ hat (S. 40). Hat er das? Wenn ja, woran kann man das ablesen? Und wie kann man überhaupt von einem Raum der Gewalt sprechen, wenn damit zum einen die Kriminalitätsstatistik in westlichen Gesellschaften und zum anderen Bürgerkriege in Staaten Afrikas gemeint sind?

Die zweite These, auf die der Autor im gesamten Buch immer wieder zu sprechen kommt, lautet, dass der Formwandel der Gewalt mit dem Niedergang des Staates zusammenhängt und dass die Ergreifung der staatlichen Macht immer weniger der Grund für Gewalt ist. Letzteres ist empirisch sehr umstritten, denn tatsächlich spielt der Besitz staatlicher Macht eine große Rolle für Gruppen, die mit Gewalt gegen den Staat vorgehen [3]. Und die Ansicht, dass die Globalisierung zu einem Niedergang oder einer Krise des Staates führt, und dass dies wiederum die Wahrscheinlichkeit von Gewalt erhöht, müsste stärker danach differenzieren, um welche Staaten es sich dabei handelt und inwiefern nicht eher der Mythos des modernen Nationalstaats als dessen reale Struktur durch diesen Prozess herausgefordert wird.

Die dritte These zielt auf die Subjektivität der Gewalt, also auf das Opfer und den Täter. An sie schließt der zweite Teil des Buches an, der einer Subjekttheorie der Gewalt gewidmet ist. Im Mittelpunkt steht hier zum einen die Beobachtung, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Opfer als Kategorie in den Diskurs über Gewalt und ihre Folgen Einzug gehalten hat. Zu den lesenswerten Passagen des Buches gehört zweifellos Wieviorkas Beschreibung der Ambivalenz dieser Kategorie. Zum anderen will er der Beziehung zwischen Gewalt und Subjekt nachspüren. Letzteres ist alles andere als ein neues Thema. Es erinnert sofort an Lacan, Althusser und Zizek und damit an die Debatte um den gewaltsamen Kern des Subjekts auf der einen und an Honneths These von der Gewalt als Zerstörung intersubjektiver Anerkennungsbeziehungen auf der anderen Seite. Wieviorka wählt demgegenüber einen Subjektbegriff, mit dem das Subjekt als autonomes Individuum konzipiert wird, dessen Integrität durch die Gewalt verletzt wird. Vor dem Hintergrund der erwähnten Theorien zum Zusammenhang zwischen Gewalt und Subjekt erstaunt diese hinter den linguistic turn zurückgehende Konzeption schon – zumal dann, wenn das Subjekt als ein „nichtsoziales Element“ (S. 209) von Wieviroka beschrieben wird.

Nun kann man sicherlich über den Begriff des Subjekts geteilter Auffassung sein und man kann auch aus guten Gründen eine philosophische Debatte über den ursprünglichen Mangel des Subjekts auch als sophisticated bezeichnen. Warum aber das Subjekt zu einer „zentralen Kategorie der Gewaltanalyse“ (S. 182) gemacht werden sollte, bleibt vor allem vor dem Eindruck unplausibel, dass die Beziehung zwischen Makro- und Mikroebene im Buch teilweise aufs äußerste trivialisiert wird. Ein Beispiel dafür mag Wieviorkas im Anschluss an Appadurais angestellte Überlegung sein, dass die Globalisierung in dem Maße zu identitärer Verunsicherung beim Subjekt führen kann, wie durch sie Grenzen in Frage gestellt werden. Ethnopolitische Gewalt erscheint dann als Folge von Migration, politischem und ökonomischem Wandel (S. 184). Solche Einsichten sind durch die empirische Forschung kaum gedeckt. Und auch die theoretische sozialwissenschaftliche Diskussion ist demgegenüber weitaus differenzierter. Am Ende bleibt beim Rezensenten der Eindruck, dass sich dieses Buch in eine Reihe von Büchern über Gewalt einordnet, die die Gewalt erst mythisch verklären, dann behaupten, kollektive extreme Gewalt lasse sich eigentlich gar nicht sozialwissenschaftlich erklären (S. 209), um auf diese vermeintlich hoffnungslose Lage mit Pathos geladenen Formulierungen zu reagieren – ohne dabei um Aufklärung über die Bedingungen und Dynamiken des Ausbruchs von Gewalt bemüht zu sein.

[1] Heitmeyer, Wilhelm; Hagan, John (Hgg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2002.
[2] Ebd., S. 17.
[3] Vgl. etwa Schlichte, Klaus: Der Staat in der Weltgesellschaft, Frankfurt am Main/ New York 2005.

Zitation
Thorsten Bonacker: Rezension zu: : Die Gewalt. Hamburg  2006 , in: H-Soz-Kult, 17.10.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7576>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.10.2006
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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